| Ausbildung
und Image des Bibliothekars in Japan
Interview
mit Marie Kinjo (Goethe-Institut Kioto)
Interview durchgeführt von Elisabeth Simon
Wo kann man Bibliotheks- und Informationswissenschaft
in Japan studieren?
An der Fakultät für Erziehungswissenschaften
in Kioto gibt es diese Fachrichtung und ein Institut für Lebenslanges
Lernen. Außerdem gibt es Bibliotheks- und Informationswissenschaft
z.B. an der Keio-Universität in Tokio oder der University of
Library and Information Science in Tsukuba Science City.
Gibt es eine praktische Berufsausbildung und wie ist diese
mit dem Studium der Bibliothekswissenschaft verbunden?
Neben dem Studium eines Faches, egal
welcher Fachrichtung, kann man Kurse in
Bibliothekswissenschaft o.ä. besuchen und Punkte erwerben.
Diese Punkte und die Kurse, die man besucht hat, werden im Bewerbungsschreiben
auf eine Bibliothekarstelle genannt. Sie sind aber keine Voraussetzungen
für eine Bewerbung auf eine Stelle als Bibliothekar.
Welche Abschlüsse kann man erreichen und welchen Stellenwert
haben diese?
Es gibt keine geregelten Abschlüsse
im Bereich Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Auch ein akademischer
Abschluss in einem anderen Fach ist nicht notwendig. Das bedeutet,
dass man Bibliothekar ohne einen akademischen Abschluss werden kann.
Welche Voraussetzungen befähigen zu einem Studium?
Jedes japanische Kind muss die
Grundschule für 6 Jahre und anschließend die Mittelschule
(Junior High School) für 3 Jahren obligatorisch besuchen. Anschließend
kann die Oberschule (High School) besucht werden. Das Abschlussexamen
nach dem 12. Schuljahr befähigt zum Studium. Soll die Schulzeit
abgekürzt werden, dann kann das Examen, das zum Studium berechtigt,
auch vorher abgelegt werden. Dieser Abschluss nennt sich „Daiken“.
Gibt es viele Bewerber für Bibliothekarspositionen?
Wie sind die Berufsaussichten?
Es gibt sehr viele Bewerber für
bibliothekarische Posten. Um die Aussichten bei Bewerbungen zu verbessern,
werden Qualifikationskurse an der Universität angeboten. Diese
dauern in der Regel zwei Jahre. Solche Kurse werden im Allgemeinen
ebenfalls für Lehrer und Museumsfachleute angeboten. Es ist
aber von vornherein klar, dass nicht alle, die einen Abschluss machen,
eine Anstellung in einer Bibliothek bekommen können. Die Lehrkräfte
plädieren für den Besuch solcher Kurse, trotz der unsicheren
Berufschancen: Die Teilnahme an diesen Kursen hilft eher, ein besserer
„Nutzer“ zu werden, denn Bibliotheken und ihre Benutzung
gehören nicht zur allgemeinen Ausbildung in Japan.
Wie ist die Stellung der Bibliotheken allgemein
in Japan? Werden die Bibliotheken vorwiegend öffentlich finanziert
oder/und gibt es auch viele privat finanzierte?
Die großen Bibliotheken werden vorwiegend
von der Öffentlichen Hand finanziert. Es gibt aber auch recht
viele privat finanzierte Fachbibliotheken. Gegenwärtig werden
viele Angestellte nicht mehr „fest angestellt“, sondern
erhalten Zeitverträge oder auch Verträge mit geringerer
Bezahlung. Sie können aus Drittmitteln (z.B. von Gesellschaften)
bezahlt werden. Diskutiert wird auch die sogenannte Private Finance
Initiative (PFI), die für die Abdeckung der Personalkosten
herangezogen werden soll.
An welchen Bibliotheken arbeitet man lieber, an staatlichen
oder privaten?
Um an einer staatlichen Einrichtung
arbeiten zu können, ist ein staatliches Examen erforderlich.
Entsprechend ist es auch notwendig, wenn man an einer staatlichen
Bibliothek arbeiten will. Dieses Examen zu bestehen bzw. abzulegen
wird in Japan als sehr schwer eingeschätzt.
Gibt es einen Unterschied zwischen Öffentlichen und
Akademischen Bibliotheken? Wo wird die Arbeit besser bezahlt und
welche Arbeit hat das bessere Image?
Die Arbeit an einer Stadtbibliothek
und einer Universitätsbibliothek als Bibliothekar ist im Status
ungefähr gleich. Es bestehen keine großen Unterschiede
im Berufsimage.
Wie ist das Image des Bibliothekars im Vergleich zu anderen
Berufen? Hat er ein besseres oder schlechteres Image, z.B. verglichen
mit dem Lehrer?
Das Image des Bibliothekars ist
verglichen mit dem eines Lehrers o.ä. nicht schlecht, weil
eine solche Stelle als sicher angesehen wird. Allgemein aber gilt
die Arbeit eines Bibliothekars als leicht, weil die meisten Menschen
von der Arbeit „hinter den Kulissen“ keine Ahnung haben.
Sie sehen nur den Mitarbeiter an der Theke und denken, das ist eine
leichte Arbeit.
In den USA haben an manchen Universitätsbibliotheken
die Bibliothekare den Rang und damit auch die Bezahlung von Faculty
Members, also von Professoren. Gibt es das auch in Japan und
was ist die Voraussetzung?
In Japan gibt es meiner Meinung nach solche Bibliotheksposten
nicht. Forschung und Praxis sind streng getrennt. Es gibt Bibliothekare,
die zu beruflichen Fragen veröffentlichen, es sind allerdings
sehr wenige.
Bekommen Bibliothekare in Japan Forschungsferien vergleichbar
dem Sabbatical Year, in dem sie ein Thema erarbeiten müssen/oder
dürfen?
Nein keinesfalls. Wie gesagt, Forschung und Praxis
sind streng getrennt, ebenso gibt es bis jetzt für die Fortbildung
keine gesonderte Institution. An den meisten Bibliotheken gibt es
keinen Beauftragten für die Fortbildung, wie an manchen Bibliotheken
in Deutschland.
Das Schlagwort des "Lebenslangen Lernens" ist
auch in Japan von Bedeutung. Welche Rolle spielt Lebenslanges Lernen
im Arbeitsleben der Bibliothekare, d.h. ist Fort- und Weiterbildung
für Bibliothekare ein wichtiges Thema?
Ja, unbedingt. Es gibt eine Agentur für Fortbildung,
die schon regional und zunehmend national tätig ist, beispielsweise
die Agentur TRC. Sie bietet Kurse für die Fortbildung an und
entsendet auch Lehrkräfte in die Institute für Kurse und
Fortbildungsveranstaltungen. Sie wird sich auch zunehmend im Bibliothekssektor
engagieren.
Vielen Dank für dieses Gespräch.

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