| Die
bibliothekarisch-informationelle Ausbildung in Russland im Wandel
von Natalie Donchenko und Irina Kersum
(Deutsche Version von der Redaktion bearbeitet)
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Die Hochschulausbildung im Bereich des Bibliotheks- und Informationswesens
in Russland erlebt derzeit einen Wandel. Dieser Wandel steht im
Zusammenhang mit den Veränderungen innerhalb Russlands sowie
der außenpolitischen Positionierung Russlands in der sich
entwickelnden Wissensgesellschaft.
Der Wandel Russlands zu einer Informationsgesellschaft,
die internationale Integration und Globalisierung sowie die Herausbildung
der Wissensgesellschaft führen zu einer paradoxen Situation:
Russland nimmt heute unter den Nationen der Welt in Bezug auf den
allgemeinen Lebensstandard den 89. Platz und gemessen an der Zahl
der Milliardäre den 2. Platz ein.
Die Frage ist nun, wie sich auf dieser Grundlage
die interne Entwicklung des Landes sowie die Integration in die
Weltgemeinschaft vollziehen sollen.
Dabei nähern sich in diesem Punkt offizielle
und gesellschaftliche Positionen maximal an. [->1]
Die Verbesserung der Lebensqualität der meisten Bürger
Russlands bleibt ein bisher ungelöstes Problem. Dies führte
zu einer einzigartigen Situation: Die Sterblichkeit ist so hoch
wie in afrikanischen Ländern, die Geburtenzahl ist so niedrig
wie in Westeuropa.
Es gibt jedoch Reserven: Mit einem Nationalvermögen von 240.000
$ pro Kopf steht Russland auf einer von der Weltbank zusammengestellten
Liste der 20 hochentwickeltsten Staaten der Welt auf Platz 17-18
zusammen mit Finnland. [->2]
Die Situation wird erschwert durch eine zunehmende
Verschlechterung des allgemeinen Bildungsniveaus der Bevölkerung.
Nach Angaben des Programme for International Student Assessment
(PISA) nahm Russland im Jahre 2000 den 27. Platz der 32 untersuchten
Länder ein.[->3]
2003 stand Russland schon an 33. Stelle (von 41 Ländern). Dies
resultiert in bedeutendem Maß aus dem verminderten Interesse
für das Lesen, sowie dem Schwinden der Lesekultur. Erstaunlicherweise
erfolgt das bei einem gleichzeitigen Wachstum des Büchermarktes,
d.h. der faktischen Verdoppelung der herausgegebenen Titel.
Kulturwissenschaftler und Journalisten sprechen
gemeinhin von einer „Verblödung“ der Gesellschaft.
Die Erklärung dafür ergibt sich zumeist aus der in Russland
gegebenen Geringschätzung bestimmter sozialer Bereiche, zu
denen auch die Kultur gehört. Der Wert der Ausgaben der russischen
Wirtschaft für den Bereich „Kultur und Kunst“ entspricht
etwa 0,7%[->4],
wobei dieser Anteil eher noch sinken wird.
Vor diesem Hintergrund gehören die Bibliotheken
in Russland nach wie vor zu den demokratischsten und gefragtesten
kulturellen Einrichtungen. Von ihnen gibt es in Russland etwa 130.000,
mit ca. 1 Millarde Besuchern pro Jahr - das ist das Dreifache aller
anderen Kultureinrichtungen zusammen. Allerdings unterscheiden sich
die Zugangsmöglichkeiten zu bibliothekarischen Angeboten je
nach Region. Der Vergleich der Ausgaben für Bibliotheksdienstleistungen
je Einwohner hat gezeigt, dass sich die Zahlen in verschiedenen
Regionen Russlands z.T. gravierend unterscheiden. Zum Beispiel wurden
in Jakutien im Jahr 2003 180,5 Rubel je Einwohner für Bibliotheksdienstleistungen
in öffentlichen Bibliotheken ausgegeben, während es in
Moskau 63 Rubel und im Kursker Gebiet 10 Rubel waren.[->5]
Zugleich sind größere Bibliotheken nicht in der Lage,
in ihren Lesesälen alle Besucher unterzubringen, was Rückschlüsse
auf den realen Bedarf nach dem Wissen und der Information zulässt.
Die Nutzerstruktur öffentlicher und wissenschaftlicher
Universalbibliotheken hat sich geändert: die Zahl der Lernenden,
vor allem der Studierenden, ist gewachsen. Nach der Statistik der
Nationalen Russischen Bibliothek (RNB) in Sankt Petersburg waren
im Jahr 2004 von den 40.000 neu angemeldeten Lesern ungefähr
29.000 lernende junge Leute - von Schülern über Studierende
bis hin zu den Aspiranten. Von 2001 bis 2004 betrug der Anteil der
Studierenden an der Gesamtnutzerzahl 70%. Das hat auf der einen
Seite mit der zu teueren Lehr- und Wissenschaftsliteratur zu tun.
Auf der anderen Seite gab es während der Perestrojka mehrere
Hochschulneugründungen, in denen es keine den Bedürfnissen
der Lehre entsprechenden Bibliotheken gegeben hat.
Die Veränderungen im Hochschulsystem im Bereich
des Bibliotheks- und Informationswesens fielen mit der grundsätzlichen
Umgestaltung des Hochschulwesens zusammen. Die Hauptursachen sind
aber in den Veränderungen auf der beruflichen Ebene zu suchen.
Ungeachtet aller Schwierigkeiten vollziehen sich
heute Umwandlungen, die die Organisation und die Formen der Bibliotheksarbeit
betreffen. Einflussfaktoren sind sowohl der Struktur- und Bedürfniswandel
der lokalen Benutzer als auch die erweiterten Möglichkeiten
zur Befriedigung dieser Informationsbedürfnisse, der Ausbau
der zur Verfügung stehenden Ressourcen sowie die aktive Anwendung
der elektronischen Kommunikationstechnologien.
Zurzeit bilden in Russland 26 Hochschulen Personal
für Bibliotheken aus, darunter Staatliche Universitäten
und Fachhochschulen für Kultur. In einigen Regionen der Russischen
Föderation gibt es Außenstellen und Vertretungen der
Hochschulen für Kultur.
Im Jahr 2002 wurden die „Bibliotheksfakultäten“
in „Fakultäten für Bibliotheks- und Informationswesen“
umbenannt und umstrukturiert. Zur selben Zeit erfolgte die Einführung
des neuen Staatlichen Standards für die Fachhochschulausbildung
im Fachbereich „Bibliothek und Information“, die den
früheren Ausbildungsgang „Bibliothekswesen und Bibliographie“
ablöst. Vorgesehen ist, dass das zukünftige Bibliothekspersonal
gleichermaßen im Umgang mit traditionellen und digitalen Informationsressourcen
ausgebildet wird.
Dem jeweiligen konkreten Ausbildungsziel entsprechend sehen die
Qualifikationen der Absolventen je nach Schwerpunktausrichtung der
Hochschulen folgendermaßen aus:
- Bibliothekar/Bibliograph bzw. Hochschullehrer einer sowohl
bibliothekswissenschaft-
lichen wie auch praktischen Ausrichtung
- Bibliotheksinformatiker/technischer Administrator mit dem einer
sowohl bibliotheks-
wissenschaftlichen wie auch praktischen Ausrichtung und den Schwerpunkten
Informationstechnologien und Informationssysteme
- Dokumentar mit dem Tätigkeitsbereich Informations- und
Bibliographiewissenschaft
und -praxis
- Informationsmanager mit bibliotheksorganisatorischer Ausrichtung
Die Schwerpunkte in der Ausbildung der Studierenden im Fach „Bibliotheks-
und Informationswissenschaft“ werden bestimmt durch:
- förderale Komponenten /Inhalte förderalen Charakters
- nationale bzw. regionale hochschulspezifische Komponenten,
- Fachgebiete, die die Studenten selbst wählen können,
- und fakultative Disziplinen.
Obligatorisch für alle Hochschulen ist nur
der föderale Bestandteil. Im Übrigen haben die Hochschulen
Entscheidungsautonomie bei der Zusammenstellung der Lehrpläne
und können selbstständig Kurs- und Fachprogramme ausarbeiten.
Dadurch entstehen bei den bibliotheks- und informationswissenschaftlichen
Fakultäten der verschiedenen Hochschulen individuelle Lehrpläne,
unter Berücksichtigung der regionalen Nachfrage nach Bibliothekspersonal
und entsprechend der Forschungsmöglichkeiten der Lehrkräfte.
Die Lehrpläne umfassen folgende Fachgebiete:
- Allgemeine Disziplinen: Fremdsprachen, Geschichte, Kulturwissenschaft,
Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft, Psychologie, Philosophie,
Ökonomie, Russische Sprache und Sprachkultur, Körperkultur;
- Berufsunterstützende Disziplinen: Mathematik und angewandte
Informatik, Kommunikationswissenschaft, Literaturtheorie und -geschichte,
allgemeines Bibliothekswesen, allgemeine Bibliographie, analytisch-synthetische
Bearbeitung von Dokumentationseinheiten;
- Spezielle Disziplinen: Bestandsaufbau, Bibliotheksmanagement,
bibliothekarische Dienstleistungen, Bibliothekskataloge, materiell-technische
Basis einer Bibliothek, bibliographische Tätigkeit einer
Bibliothek, ausländische Bibliographien und landeskundliche
Bibliographie.
Im Vergleich zum vorherigen „Staatlichen
Bildungsstandard der Hochfachschulbildung" (1996) wurde dem
Block der allgemeinen Disziplinen noch eine Disziplin hinzugefügt
– die Russische Sprache und Sprachkultur. Der Zyklus der berufsunterstützenden
Disziplinen wurde durch Mathematik und angewandte Informatik ergänzt.
Der Block der speziellen Disziplinen wurde wesentlich erweitert.
Das ermöglicht eine flexiblere Vorbereitung des Personals unter
Berücksichtigung der spezifischen regionalen Nachfrage.
Von den drei Hochschulen, die Fachkräfte für
den Bibliotheks- und Informationsbereich ausbilden, ist die Sankt
Petersburger Staatliche Universität für Kunst und Kultur
die älteste. Sie wurde bereits 1918 gegründet und ist,
gemessen an der Zahl der Studierenden am Fachbereich „Bibliothek
und Information“, die größte Einrichtung. In Sankt
Petersburg wurde 1967 mit dem Lehrstuhl für wissenschaftliche
Information der erste Lehrstuhl für den Fachbereich Information
an einer russischen Hochschule für Kultur gegründet.
Zur Zeit werden an der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen
Fakultät der Universität Fachkräfte in drei Programmen
ausgebildet – den Direkt-, Abend- und Fernstudienprogrammen.
2005 sind im Direktstudium etwa 100, im Abendstudium 40 und im Fernstudium
85 Studierende eingeschrieben. Obwohl die meisten Bewerber das Direktstudium
absolvieren wollen, steigt parallel die Zahl der Bewerber im Bereich
Abend- und Fernstudium, weil diese Studiengänge die Verknüpfung
des Studiums mit der Berufstätigkeit ermöglichen.
Das Abendstudium sieht die Durchführung des
Unterrichts an der Universität in der Regel vier Mal in der
Woche nach Arbeitsschluss vor. Die Zahl der Studierenden in diesem
Studienprogramm beträgt insgesamt 250. Unter ihnen sind Mitarbeiter/innen
der Russischen Nationalbibliothek, der Bibliothek der Russischen
Wissenschaftsakademie und öffentlicher städtischer Bibliotheken.
Die Studierenden der Abendfakultät bearbeiten für ihre
Diplomarbeiten in der Regel Themen, die sich auf ihre Berufspraxis
beziehen, was sich positiv auf das Endergebnis auswirkt und zu einer
praktischen Relevanz der Resultate führt. Am Ende ihres Studiums
wählen die Studierenden ihrem Wunsch entsprechend eine der
Spezialisierungen aus, die vom Dekanat vorgeschlagen werden.
Im Bereich Fernstudium besuchen die Studierenden
vor Ort Präsenzstunden, legen Vorprüfungen und Prüfungen
ab und besuchen 2-3-mal im Studienjahr Vorlesungseinheiten von ca.
40-50 Kalendertagen. In der Zwischenzeit erstellen die Studierenden
im Selbststudium Kontrollarbeiten. Durch die geltende Gesetzgebung
wird für die Studierenden ein Urlaub mit einer Teilerstattung
des Gehaltes oder zusätzlicher Urlaub ohne Gehalt vorgesehen,
damit sie an den Sitzungen teilnehmen und Praktika absolvieren,
ihre Diplomarbeiten schreiben und verteidigen können. Die beschriebenen
Ausbildungsformen erlebten im Laufe der Zeit sowohl Phasen des Aufschwungs
wie auch Rückschläge - generell entwickelten sie sich
aber stets weiter. Das Fernstudium war immer und bleibt auch jetzt
eine der optimalen Formen der Ausbildung für die Studierenden
mit besonderen Bedürfnissen – sie sind beruflich orientiert,
vorbereitet durch die Praxis und wissen genau, wo sie die gewonnenen
Kenntnisse anwenden können.
Zur Zeit studieren im Bereich Fernstudium der
Bibliotheks- und Informationsfakultät der Sankt Petersburger
Staatlichen Universität 1.217 Studenten, darunter auch die
der Außenstellen der Universität in der nordwestlichen
Region Russlands. 60 % der Fernstudenten haben einen Fachhochschulabschluss
und bereits Erfahrungen bei ihrer Tätigkeit in einer Bibliothek
gesammelt. Für das Fernstudium der Bibliotheks- und Informationsfakultät
sind drei verschiedene Lehrpläne ausgearbeitet und eingesetzt
worden, die diese Grundkenntnisse berücksichtigen. Unter Berücksichtigung
dieser Situation werden die Studierenden in verschiedene Gruppen
eingeteilt: Allgemeine Mittelschul-, Mittelfachschul- und geisteswissenschaftliche
Hochschulausbildung. Für letztere ist das Studium nach einem
individuellen Plan möglich.
Für die Abend- und Fernstudiengänge
bieten sich damit derzeit neue Entwicklungsmöglichkeiten: Mitarbeiter
von Bibliotheken können hierbei Weiterbildungen absolvieren,
ohne dass sie ihre berufliche Tätigkeit unterbrechen müssen
und entsprechend ihrer Position weiterhin ihr Gehalt beziehen.
Die aktuellen sozioökonomischen Entwicklungen
stärken die Position der Fern- und Abendausbildung und führen
zur Notwendigkeit der Entwicklung neuer, flexiblerer und vielfältigerer
Ausbildungsformen. Die ungünstige demographische Situation
aber wirkt sich langfristig negativ auf die Entwicklung der Studierenden-
und Absolventenzahlen an den, nicht nur, bibliotheks- und informationswissenschaftlichen
Fakultäten aus. Am stärksten davon betroffen ist das Direktstudium,
weil die Anzahl der Absolventen der Mittelschulen, die die Mehrheit
der Studierenden des 1. Studienjahres bilden, immer geringer wird.
Die Situation im Bereich Abend- und Fernstudium hingegen ändert
sich praktisch nicht, weil sich in den letzten Jahren die Tendenz
zur Zunahme der Abiturienten in der Altersklasse 25-40 Jahre zeigt.
Gerade diese besetzen in erster Linie freie Stellen in Bibliotheken,
wobei ein chronischer Personalmangel besteht. Dies erklärt
sich vor allem durch das niedrige Gehaltsniveau für bibliothekarische
Mitarbeiter. So beträgt das Gehalt in den Staatlichen Bibliotheken
2.000-4.000 Rubel pro Monat. Zum Vergleich: Das Durchschnittsgehalt
der Einwohner St. Petersburgs betrug im September 2005 10.000 Rubel
pro Monat.
Zu einer Hauptpriorität der staatlichen Bibliothekspolitik
wird heute die Förderung einer kontinuierlichen Berufsausbildung
für die Mitarbeiter/innen der Bibliotheken gezählt, um
über die Vermittlung von neuen Kenntnissen und Fähigkeiten
mit den neuen, sich schnell wandelnden und immer wieder steigenden
Anforderungen Schritt halten zu können. Die Entwicklung eines
allgemeinrussischen Systems der beruflichen Umschulung und Weiterbildung
bibliothekarischer Fachkräfte ist im Gange, entsprechend des
generellen Modernisierungstrends im Bibliothekswesen mit Unterstützung
der Akademie für Umschulung der Berufstätigen auf den
Gebieten Kunst, Kultur und Tourismus, der lernmethodischen Zentren
in den föderalen Bezirken (Nowosibirsk, Chabarowsk) sowie der
regionalen Bibliotheksschulen (Belgorod, Pskow, Krasnodar, der Republik
Karelien, Nowosibirsk; Jekaterinburg u.a.).
Die bibliothekarisch-informationelle Hochschulausbildung
in Russland erfolgt unter schwierigen sozioökonomischen Bedingungen.
Eine positive Antwort auf die Frage, ob die sozio-ökonomischen
Veränderungen in Russland und die Folgen des Wandels als ein
Fortschritt zu bewerten sind, wird im Wesentlichen von einem erfolgreichem
Verlauf der Reorganisierung abhängen.
Literatur:
[zurück->1]
Бушуев
В. Куда мы движемся
// Свободная
мысль. 2005. No.2. С.129
[zurück->2]
Ливада
Ю.А. Исторические
рамки «будущего»
в общественном
мненни // Пути
России: существующие
ограничения
и возможные
варианты / под
общ. ред. Т.Е.Ворожейкиной.
М.: МВШСЭН, 2004. С.158
[zurück->3]
Сколько
стоит Россия
/ И.А..Николаев
и др.; под общ.
ред. И.А.Николаева.
М.: ЗАО «Издательство
«Экономика»,
Издательский
центр «Елима»,
2004. С.397
[zurück->4]
ebd. С.387
[zurück->5]
www.ifap.ru/library/book028.doc
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