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Bericht über den Abschluss-Workshop
des DFG-Projekts "Konzeptionelle Entwicklung einer Forschungsinfrastruktur
für die e-Humanities in Deutschland" am 22. Januar 2009
in Göttingen
von Najko Jahn
(info)

Dass eines der Entwicklungspotentiale geisteswissenschaftlicher
Praxis in elektronisch basierten Forschungsumgebungen liegt, lässt
sich scheinbar nur aus einem Standpunkt heraus vertreten, der nicht
originär aus den Geisteswissenschaften stammt. Die bisher vorliegenden
Syntheseversuche, Forschungstätigkeit mit Informations-und
Kommunikationstechnologien zu koppeln, stammen offenbar überwiegend
aus den Naturwissenschaften oder der Informatik. Sie sind dadurch
gekennzeichnet, dass sie eine technische bzw. infrastrukturelle
Basis und einen organisatorischen Rahmen bilden, der die verteilte
Erstellung, Speicherung und Nutzung hauptsächlich empirisch
gewonnener Daten unterstützt. Zusätzlich fördern
elektronische Publikations- und Kommunikationsplattformen nachweislich
die Zusammenarbeit und den Austausch wissenschaftlicher Erkenntnis.
Nicht umsonst fragen sich daher wissenschaftliche Förderinstitutionen
gemeinsam mit klassischen Infrastrukturanbietern wie Bibliotheken,
inwieweit sich diese Ergebnisse auf die geisteswissenschaftliche
Fächer übertragen lassen. Zwar ist konzeptionell und förderpolitisch
der Mehrwert etwa von Open-Access-Modellen für die wissenschaftliche
Kommunikation unbestreitbar. Ebenso beweisen naturalisierte Disziplinen
wie die Altertumswissenschaft einen Bedarf an eine leistungsfähige
elektronische Infrastruktur. Dennoch sollte die Übertragung
auf die gesamte Geisteswissenschaft mit entsprechender Vorsicht
betrachtet werden, solange der Technologietransfer nicht mit den
epistemologischen Voraussetzungen einer ihrer vielfältigen
Disziplinen korrespondiert.
Folgerichtig stand zu Beginn des Abschluss-Workshops
der DFG-Projektes „Konzeptionelle Entwicklung einer Forschungsinfrastruktur
für die e-Humanities in Deutschland“ die Pluralität
und Diversität geisteswissenschaftlicher Forschung im Vordergrund.
Heike Neuroth sieht im Anschluss an John Taylor die Fragmentierung
der Geisteswissenschaften als einen der Gründe für die
mangelnde fächerübergreifende Durchdringung elektronischer
Arbeitsformen an. Sie führe zu einer großen Bandbreite
an unterschiedlichen Ressourcentypen mit hochkomplexen semantischen
Strukturen zwischen diesen. Zwar seien geisteswissenschaftliche
Fächer im Vergleich zu den Naturwissenschaften weniger rechenintensiv.
Dennoch wachse auch für einige geisteswissenschaftliche Fächer,
wie die bereits erwähnte Altertumswissenschaft die Bedeutung
von Datenroutinen, um perspektivisch an neue Hypothesen und Ergebnisse
zu gelangen. In den Augen von Heike Neuroth sind mangelnde Ausstattung
an Forschungsgeldern und fehlende IT-Expertise weitere strukturelle
Defizite. Dass neue Forschungsmethoden nicht immer breit wahrgenommen
werden und der Austausch nicht immer gewünscht sei, führte
sie auf mangelnde, historisch wenig ausgeprägte Kollaborationsstrukturen
zurück, deren Aufbau eine der Kernaufgaben sei.
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Blick zurück auf's Buch?
Die digitale
Bildersammlung des Bundesarchivs
ermöglicht uns den Blick zurück in den Lesesaal
der Göttinger Universitätsbibliothek, wie er 1988
war. Für die digitalen Bildwissenschaften bietet dieses
noch nicht ganz so lang online verfügbare Konvolut an
diversen Aufnahmen in jedem Fall eine grandiose Quellensammlung.
Quelle: Bundesarchiv
unter Wikimedia Commons
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Ein anschließender Blick von Katja Meffert auf bereits existierende
nationale und internationale e-Humanities Zentren sowie anderen
Initiativen bzw. Ansätzen in diesem Bereich beweist, dass eine
Verankerung innerhalb der Forschungsgemeinden das Erfolgskriterium
für ein Gelingen darstellt. Obwohl beispielsweise die Plattform
Virtual Environments for Research in Archaeology (VERA)
sich derzeit noch in einer Beta-Phase befindet, bereitet sie die
Bindung von Altertumswissenschaftlern über Wikis und Blogs
vor, um die spätere Verwaltung archäologischer Daten auf
eine breite Basis zu stellen. Auch in diesem Beitrag, der das Ergebnis
einer State-of-the-Art Analyse ist, zeigte sich, dass Initiativen
nur dann einen langfristige Perspektive haben, wenn sie es schaffen,
ein akzeptierter Bestandteil einer ausdifferenzierten Fachgemeinschaft
zu werden. Hingegen scheitern breit angelegte Versuche wie das von
den meisten Anwesenden hochgelobte Arts and Humanities Data
Service (AHDS) am mangelnden Förderwillen der Geldgeber.
War AHDS anfangs national orientiert, so muss sich das Projekt nun
auf seine intra-institutionelle Aufgabe unter dem Namen Centre
for e-Research (CeRch) konzentrieren. Ohne einen tiefgreifenden
Mentalitätswechsel bei Forschenden und den Haushaltsträgern
ließe sich, so Katja Meffert zum Abschluss, eine übergreifende
Forschungsinfrastruktur für die e-Humanities in Deutschland
nicht aufbauen.
Dies befand anschließend auch Fotis Jannides,
der das sogenannte Community-Building als eines der notwendigen
Handlungsfelder benannte. Aus bibliothekswissenschaftler Sicht war
insbesondere der Hinweis auf den Mangel an qualifizierten Personal
interessant, welches geisteswissenschaftliches Methodenwissen bei
gleichzeitiger informationstechnischer Kompetenz in die Projekte
und bei der konkreten Umsetzung einbringen könnte. Zusammenfassend
konzentrierten sich alle drei Vortragenden auf organisationale Handlungsfelder
ohne dabei tiefer auf die epistemologischen Grundlagen oder auf
eine empirisch gestützte Evaluierung eines tatsächlichen
Bedarfs innerhalb der der heterogenen geisteswissenschaftlichen
Landschaft einzugehen. Es wäre im Rahmen des Workshops interessant
gewesen, Antworten darauf zu finden, inwieweit Informatik und geisteswissenschaftliche
Praxis anschlussfähig sind.
Es blieb somit erstaunten Vertretern von Förderinstitutionen
überlassen, auf mögliche Gefahren hinzuweisen. In der
nachfolgenden Panel-Diskussion mit Vertretern von Förderorganisationen
betonte Axel Horstmann von der Volkswagen-Stiftung, dass die Funktion
der Geisteswissenschaften in ihrer Aufklärungs- und Deutungsleistung
liege. E-Humanities dürfe nicht eine Materialanhäufung
bedeuten, die die Kreativität geisteswissenschaftlicher Forschung
behindere. Hans-Dieter Bienert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
betonte, dass Informationstechnologie nicht Forschungsfragen diktieren
dürfe, sondern sich ihre Anwendung aus der Forschung heraus
entwickeln müsse. Nichtsdestotrotz sahen alle Vertreter der
Förderorganisation Handlungsbedarf bei der Standardisierung
und Speicherung von Daten, um die bisher verteilten Initiativen
tatsächlich zu bündeln und Synergieefekte zu schaffen.
Mittelfristig wäre dies eine Aufgabe von Bibliotheken und Rechenzentren,
die Förderorganisationen mittels Anschubfinanzierungen unterstützen
würden.
Folgerichtig betonte zum Abschluss des Workshops Gerhard
Lauer von der Universität Göttingen, dass e-Humanities
nur dann ihre Potentiale ausschöpfen könne, wenn sie sich
aus den entsprechenden Disziplinen heraus entwickelt und von ihnen
selbst in Lehre und Forschung getragen wird.
Der Workshop offenbarte das gestiegene Interesse einiger
geisteswissenschaftlicher Disziplinen an elektronisch basierten
Forschungsumgebungen, aber auch die praktischen Probleme, die sowohl
mit der Entwicklung von Einzellösungen sowie mit einer übergreifenden
Infrastruktur verbunden sind. Allerdings wäre es zu kurz gegriffen,
die Zurückhaltung nur auf einen mangelnden Willen seitens der
Geisteswissenschaftler und die fehlende förderpolitische Unterstützung
zurückzuführen. Die Kritik der e-Humanities-Infrastruktur
scheint fundamentaler zu sein. Es ist die Befürchtung, dass
Mittel in Zwecke der geisteswissenschaftlichen Forschung verkehrt
werden. Eine elektronische Infrastruktur für die Geisteswissenschaften
kann somit nur dann gelingen, wenn solche Einwände expliziert
und gelten gelassen werden. Letztendlich bedienen sich geisteswissenschaftliche
Lehre und Forschung nicht nur an Quellen, sondern orientieren sich
im Denken.
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