| Die Kunst des Subtilen: Das
Flirten in und mit Bibliotheken
Rezension zu: Jonas Fansa (2008) Bibliotheksflirt. Bibliothek
als öffentlicher Raum. Bad Honnef: Bock & Herchen.
195 S., € 19,80, ISBN-10: 3883472646, ISBN-13: 9783883472645
von Maria-Inti Metzendorf (info)

Welch größere Genugtuung kann es für
uns Bibliothekare geben, als dass täglich viele Menschen in
unsere Institution kommen und sie – gewisse Regeln beachtend
– in Anspruch nehmen? Ein guter Service und ein gutes Bestandsangebot
sind hierbei zwei Aspekte, welche die Nutzung der Bibliothek beeinflussen.
Ein weiterer, in seiner Bedeutung offensichtlich zunehmender Aspekt
ist der Ort „Bibliothek“ als solcher. Gute Atmosphäre
und Funktionalität sind für seinen Charakter essentiell.
Aber was macht gute Atmosphäre aus? Was empfinden unsere Nutzer
als funktional? Warum nimmt die Nutzung in den letzten Jahren überhaupt
zu, trotz oft postuliertem Untergang und Infragestellen der Institution
Bibliothek im Zeitalter des Internets? Was bieten Bibliotheken,
was andere Orte nicht bieten können? Was macht sie einzigartig?
Kurz: Warum kommen Menschen in Bibliotheken?
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Warum kommen Menschen in Bibliotheken?
Oft jedenfalls nicht wegen des Buchs allein.
(Fotografiert in der Universitätsbibliothek Mannheim mit
freundlicher Genehmigung.) |
All dies sind Fragen, denen wir Bibliothekare noch
mehr Aufmerksamkeit schenken sollten als bisher. Dabei kann ihre
Beantwortung uns nicht nur wertvolle Hinweise zur atmosphärischen,
architektonischen und funktionalen Gestaltung von Bibliotheken geben,
sondern auch dabei helfen unser eigenes Selbstverständnis um
eine weitere Qualität zu ergänzen: Die des Gastgebers.
Jonas Fansa widmet sich in diesen grundlegenden Fragen und versucht
sich anhand einer Kombination aus Literaturdurchsicht (Theorie)
und Nutzer- und Experteninterviews (Empirie) dem Thema zu nähern.
Das Lesen dieses Buchs bereitet dabei großes Vergnügen.
So erfreut nicht nur der angenehme Stil, sondern auch die erhellenden
Erkenntnisse aus den 13 Interviews, die zumeist das bestätigen,
was man als Bibliothekar selbst schon lange vermutet oder als Nutzer
von Bibliotheken selbst erfahren hat.
Auf subtile Weise legt Fansa uns in „Bibliotheksflirt“
nahe, dass der Ort Bibliothek heutzutage nicht mehr primär
aufgesucht wird, um Informationen zu beschaffen, sondern um dort
Informationen zu verarbeiten. Der Lern- und Arbeitsort Bibliothek
entpuppt sich dabei als ein Ort der Freiheit, des unverbindlichen
Angebots, der Möglichkeiten und Optionen. Dies umschreibt Fansa
mit dem Begriff „Flirt“. Die Bibliothek ist ein perfekter
Ort für Flirts. Unsere Nutzer flirten in der Bibliothek mit
dem Lernen und dem wissenschaftlichen Arbeiten, mit dem Bestand,
mit ihrer eigenen Konzentration und mit anderen Menschen. Ganz unter
der Prämisse: Allein, aber nicht einsam.
In „Bibliotheksflirt“ wird die einzigartige
Situation des „gemeinsamen, großen Arbeitszimmers“
Bibliothek analysiert, das durch seine Angebote motivierend und
konzentrierend wirkt. So bietet der Ort „Bibliothek“
die Möglichkeit verschiedene Arbeitsplätze zu nutzen,
umherzuflanieren, spazieren zu gehen, den Blick schweifen zu lassen,
andere Menschen zu beobachten, Blicke auszutauschen, anderen Menschen
zu begegnen, sich beim Arbeiten und Lernen zu motivieren, zu konzentrieren
und zu inspirieren, Privatheit und Anonymität herzustellen,
ohne sich einsam zu fühlen und bei all dem Informationen „greifbar“
zu haben. Diese Mischung an vielfältigen Angeboten macht die
Attraktivität des Ortes aus. Das Buch regt Bibliothekare dazu
an, die Bedürfnisse ihrer Nutzer zu verstehen und „ihre
eigenen Bibliotheken zu besuchen – und sich dabei zu fragen,
ob sie sich dort als Gäste fühlen“, um die Attraktivität
der eigenen Bibliothek zu analysieren, zu gestalten und im Blick
zu behalten.
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