| Bedeutung und Praxis von Open
Access an der Humboldt-Universität zu Berlin
von Nicole Henschel (info)

Gerade im wissenschaftlichen Bereich ist es wichtig,
möglichst schnell, zeitnah und unabhängig von Ort und
Zeit an benötigte Informationen zu kommen. Hier stößt
das traditionelle Publikationswesen oftmals an seine Grenzen. Durch
knapper werdende Budgets und ständige Preissteigerungen der
Verlage sehen sich immer mehr wissenschaftliche Bibliotheken gezwungen,
Zeitschriftenabonnements abzubestellen und weniger Monografien anzuschaffen.
Die uneingeschränkte Informationsversorgung kann oft nicht
mehr gewährleistet werden. Hier verspricht das Prinzip des
Open Access eine Alternative zum herkömmlichen Publikationsmodell.
Meine Magisterarbeit „‘Open Access an
der Humboldt-Universität zu Berlin‘ – Ergebnisse
einer Umfrage zur Nutzung wissenschaftlicher Repositorien“
sollte im Winter 2006/2007 den Versuch unternehmen, die Akzeptanz
und Bedeutung von Open Access in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen
zu untersuchen und schriftlich darzustellen. Ausgangspunkt waren
die konträren Meinungen, dass Open Access einerseits längst
offene und anerkannte Wissenschaftspolitik sei, andererseits aber
die breite Open Access-Diskussion noch nicht bekannt sei. Dies wollte
ich am Beispiel der Humboldt Universität zu Berlin (HU) herausarbeiten.
Mit einem neunseitigen Online-Fragebogen schrieb ich Professoren,
wissenschaftliche Mitarbeiter und Studierende der Fakultäten
und Institute der HU an und rief dazu auf, sich anonym an meiner
Studie zu beteiligen, um so ein repräsentatives Ergebnis und
gültige Aussagen hinsichtlich Open Access an dieser Berliner
Universität erzielen zu können. Der Fragebogen stand vom
6. Dezember 2006 bis 14. Januar 2007 online zur Verfügung.
Einige der Befragten antworteten sehr schnell, andere gaben mir
zu verstehen, dass es für sie keinen Sinn ergeben und es sie
nur unnötig Zeit kosten würde, diesen Fragebogen auszufüllen.
Auch wenn die Umfrage nicht durchweg auf positive Rückmeldungen
stieß, konnten von den insgesamt 284 eingegangenen Antworten
266 in die Auswertung aufgenommen werden. Dies hat mir gezeigt,
dass Open Access sehr wohl ein Thema ist, mit dem sich auseinandergesetzt
und beschäftigt wurde, und die Umfrage dadurch ihre Berechtigung
fand.
Der Fragebogen gliederte sich in sechs Themenblöcke.
Gefragt wurde unter anderem nach ganz allgemeinen Kenntnissen, nach
den jeweiligen Ausprägungen wie „Green Road“ und
„Golden Road“ und nach dem eigenen Leseverhalten mit
dem Schwerpunkt Open Access- Zeitschriften. Fragen nach dem eigenen
Publikationsverhalten stellten für mich den interessantesten
Teil dar, weil hier die Unterschiede hinsichtlich der einzelnen
Fakultäten, der beruflichen Stellungen, dem Alter und Geschlecht
am deutlichsten wurden. Von diesen ganz allgemeinen Fragen fortgehend
wurde der Fokus dann speziell auf die HU gelegt, vor allem im Bezug
auf die Frage, welche Meinungen zu Open Access an der eigenen Universität
herrschen und welche Maßnahmen und Aktivitäten man in
der Zukunft ergreifen müsste, um das Publizieren nach dem Prinzip
des Open Access an der HU zu steigern und attraktiver zu gestalten.
Der Fragebogen schloss mit persönlichen Angaben ab.
Betrachtet man die Gesamtauswertung, so bejahten 71,8
% der Befragten die Frage „Haben Sie schon einmal von der
Open-Access-Bewegung gehört“ (siehe Tabelle Block I,
Frage 1). Dies schien mir eine sehr gute Ausgangslage für die
folgenden Fragen zu sein. Bei der Auswertung wurde aber auch deutlich,
dass aus den Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultäten
I (Biologie, Chemie, Physik) und II (Geographie, Informatik, Mathematik,
Psychologie) und der Philosophischen Fakultät I (Bibliotheks-
und Informationswissenschaft, Europäische Ethnologie, Geschichtswissenschaft,
Philosophie) mit der Bibliotheks- und Informationswissenschaft die
Teilnahme am höchsten war. Über 60 % des Rücklaufs
stammten allein aus diesen drei Fakultäten. Aufgrund dieser
hohen Rücklaufquote schloss ich, dass Open Access in diesen
Wissenschaftsdisziplinen eine größere Rolle als in anderen
Zweigen spielt.
Der höchste Bekanntheitsgrad von Open Access
war in der Philosophischen Fakultät I zu verzeichnen, aber
auch in den anderen Fakultäten war Open Access als Bewegung
überwiegend bekannt. Dies bedeutet aber noch lange nicht, dass
diese Form der Veröffentlichung auch akzeptiert oder gar praktiziert
wird, wie weitere Untersuchungen ergeben haben. Obwohl 71,8 % der
Befragten in der Gesamtauswertung angaben, dass sie schon von der
Open Access-Bewegung gehört haben, kannten 49,2 % die Open
Access-Erklärung der HU (http://edoc.hu-berlin.de/e_info/oa-erklaerung.php)
nicht, nur 15,8 % der Befragten war sie explizit bekannt. Lediglich
in der Philosophischen Fakultät I überwog die Mehrheit,
die die Erklärung kannte. In allen anderen Fakultäten
konnte man ein gegenteiliges Bild verzeichnen. Damit wurde deutlich,
dass ein enormer Kenntnismangel über die Möglichkeiten
des Publizierens an der eigenen Universität herrschte. Man
sollte jedoch beachten, dass sich die Daten innerhalb der letzten
zwei Jahre erheblich verändert haben können.
In meiner Auswertung konnte ich auch erkennen, dass
Zweifel und Ängste dazu führten, dass Open Access zwar
bekannt war, aber dennoch zurückhaltend praktiziert wurde.
Ängste bestanden unter anderem darin, dass viele noch immer
glaubten, dass Open Access-Publikationen seltener zitiert und nicht
bibliografisch nachgewiesen würden, die Authentizität
und Integrität nicht gesichert sei und es keine Garantie für
Langzeitarchivierung gäbe. Es zeigte sich aber deutlich, dass
hier ein Ungleichgewicht zwischen einzelnen Wissenschaftszweigen
zu verzeichnen war. Waren es mehrheitlich geisteswissenschaftliche
Bereiche, in denen diese Zweifel laut wurden, so fand man in den
naturwissenschaftlich orientierten Fächern eher eine positive
Meinung. Dies ist meiner Meinung nach auf gesammelte Erfahrungen
zurückzuführen, da sich einige der Wissenschaftszweige
mehr mit dem Thema auseinandersetzten und so bestehende Vorurteile
schon abgebaut werden konnten. Trotzdem antwortete die Mehrheit
auf die Frage „Nehmen Sie die Möglichkeit wahr, Ihre
Beiträge elektronisch zu veröffentlichen?“ in der
Gesamtauswertung mit Nein (60,9 %). Lediglich an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen
Fakultät II und der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät
gab man überwiegend an, bereits diesen Weg der Veröffentlichung
zu wählen (siehe Tabelle Block IV, Frage 1). Hier spielte anscheinend
das unterschiedliche Publikationsverhalten eine große Rolle,
denn einige Wissenschaftsdisziplinen sind viel eher von der Open
Access-Debatte betroffen als andere. In den naturwissenschaftlichen
Fächern publiziert man im Vergleich zu den Geisteswissenschaften
tendenziell mehr Zeitschriftenartikel als eigenständige Monographien.
Da bei der Open Access-Debatte vorrangig wissenschaftliche Zeitschriftenartikel
und -beiträge im Vordergrund stehen, kommen einige Disziplinen
zwangsläufig mehr mit Open Access in Berührung als andere.
Trotz der doch relativ großen Zurückhaltung
im Publikationsverhalten hielten 92,5 % aller Befragten Open Access
an der HU für eine sinnvolle Alternative (siehe Tabelle Block
V, Frage 1), aber nur 25,2 % meinten, dass sie ihre Beiträge
nach dem Prinzip des Open Access veröffentlichen und immerhin
59,8 % verneinten dies (siehe Tabelle Block IV, Frage 2). Meiner
Meinung nach wurde die Notwendigkeit des alternativen Publizierens
zwar erkannt, aber die angesprochenen Ängste und Unsicherheiten
waren noch zu vordergründig. Unwissenheit bezüglich der
technischen und organisatorischen Komponenten spielte eine ebenso
große Rolle, wie die Angst vor Kontrollverlust und Plagiaten.
Aber auch die Umstellung auf die Art und Weise des elektronischen
Publizierens ließ viele an den gewohnten Mustern festhalten
und in herkömmlicher Weise bei Verlagen publizieren. Mit Blick
auf die einzelnen Fakultäten ließ sich erkennen, dass
die Bereitschaft zwar vorhanden war, dennoch aber sehr zurückhaltend
nach dem Prinzip des Open Access publiziert wurde (siehe Tabelle
Block IV, Frage 2). Wie die Umfrage gezeigt hat, entscheidet letztlich
die persönliche Einstellung, wie auch das Fachgebiet und Thema,
welcher Weg der Veröffentlichung gewählt wird. Ist es
dem einen wichtig, dass sein Artikel möglichst schnell verbreitet
wird und von einer großen Masse gelesen werden kann, so ist
es einem anderen wichtiger, in einer angesehenen Fachzeitschrift
oder Monographie zu publizieren und auf diesem Weg Anerkennung zu
bekommen. Denn im STM-Sektor kommt es viel eher auf schnelle Verfügbarkeit
an, als vielleicht bei einem Artikel mit geisteswissenschaftlichem
Hintergrund. Dabei steht mit dem edoc-Server der HU (http://edoc.hu-berlin.de/)
eine attraktive Möglichkeit zur Verfügung, seine Publikationen
auch online frei zugänglich anzubieten. Laut Umfrage kannten
in der gesamten Auswertung zwar 47 % aller Teilnehmenden dieses
Angebot, blickt man aber auf die einzelnen Fakultäten, gaben
nur wenige an, auf diesem ihre Arbeiten zu veröffentlichen
(siehe Tabelle Block IV, Frage 4). Die Mehrheit der Open Access
Publizierenden veröffentlichte bisher noch auf der eigenen
Homepage. Hier sollte verstärkt auf die Vorteile und Möglichkeiten
des edoc-Servers aufmerksam gemacht werden, damit dieser an Ansehen
und Akzeptanz gewinnt, und die Zahl an Einreichungen steigt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass
Open Access an der HU zum Zeitpunkt der Umfrage noch weit davon
entfernt war, Alltag wissenschaftlichen Publizierens zu sein. Das
Engagement beschränkte sich noch immer auf einzelne Fachgebiete,
wobei im STM-Sektor die Bereitschaft und Akzeptanz größer
als in den Geisteswissenschaften war. Ich möchte aber an dieser
Stelle noch einmal darauf hinweisen, dass diese Ergebnisse und Erkenntnisse
nunmehr zwei Jahre alt sind und sich die Einstellung und Bereitschaft
durchaus verändert haben können. Spannend wäre es,
dies mit aktuellen Ergebnissen in einer Gegenüberstellung zu
verdeutlichen.
Block I, Frage 1 (Auswertung gesamt)
| Tab.1 (I) |
Anzahl n |
in % |
| Ja |
191 |
71,8 |
| Nein |
74 |
27,8 |
| Ohne Angabe |
1 |
0,4 |
| 1. Haben Sie schon
einmal von der Open-Access-Bewegung gehört? |
Block IV, Frage 1 (Auswertung Fakultät)
| Tab.1 (IV) |
Jur. Fak. in n |
Jur. Fak. in % |
LW. Fak. in n |
LW. Fak. in % |
Mathe Fak.I in n |
Mathe Fak. I in % |
Mathe Fak. II in n |
Mathe Fak. II in % |
Phil. Fak. I in n |
Phil. Fak. II in % |
| Ja |
0 |
0,0 |
3 |
25,0 |
25 |
39,7 |
27 |
56,3 |
20 |
38,5 |
| Nein |
12 |
92,3 |
9 |
75,0 |
37 |
58,7 |
21 |
43,8 |
32 |
61,5 |
| Ohne Angabe |
1 |
7,7 |
0 |
0,0 |
1 |
1,6 |
0 |
0,0 |
0 |
0,0 |
|
| |
Phil. Fak. II in n |
Phil. Fak. II in % |
Phil. Fak. III in n |
Phil. Fak. III in % |
Phil. Fak. IV in n |
Phil. Fak. IV in % |
Wirt. Fak. in n |
Wirt. Fak. in % |
Interdisz. in n |
Interdisz. in % |
| Ja |
3 |
15,8 |
8 |
36,4 |
4 |
25,0 |
6 |
75,0 |
2 |
28,6 |
| Nein |
16 |
84,2 |
13 |
63,6 |
12 |
75,0 |
2 |
25,0 |
4 |
57,1 |
| Ohne Angabe |
0 |
0,0 |
0 |
0,0 |
0 |
0,0 |
0 |
0,0 |
1 |
14,3 |
| 1. Nehmen Sie die Möglichkeit
wahr, Ihre Beiträge elektronisch zu veröffentlichen? |
Block V, Frage 1 (Auswertung gesamt)
| Tab.1 (V) |
Anzahl n |
in % |
| Ja |
246 |
92,5 |
| Nein |
6 |
2,3 |
| Ohne Angabe |
14 |
5,3 |
| 1. Halten Sie Open
Access an der HU für sinnvoll? |
Block IV, Frage 2 (Auswertung gesamt)
| Tab.2 (IV) |
Anzahl n |
in % |
| Ja |
67 |
25,2 |
| Nein |
159 |
59,8 |
| weiß nicht |
35 |
13,2 |
| Ohne Angabe |
5 |
1,9 |
|
| 2. Sind Beiträge von Ihnen
nach dem Prinzip des Open Access publiziert worden? |
Block IV, Frage 2 (Auswertung Fakultät)
| Tab.2 (IV) |
Jur. Fak. in n |
Jur. Fak. in % |
LW. Fak. in n |
LW. Fak. in % |
Mathe Fak.I in n |
Mathe Fak. I in % |
Mathe Fak. II in n |
Mathe Fak. II in % |
Phil. Fak. I in n |
Phil. Fak. II in % |
| Ja |
2 |
15,4 |
1 |
8,3 |
11 |
17,5 |
16 |
33,3 |
20 |
38,5 |
| Nein |
8 |
61,5 |
9 |
75,0 |
46 |
73,0 |
22 |
45,8 |
24 |
46,2 |
| weiß nicht |
2 |
15,4 |
2 |
16,7 |
5 |
7,9 |
10 |
20,8 |
6 |
11,5 |
| Ohne Angabe |
1 |
7,7 |
0 |
0,0 |
1 |
1,6 |
0 |
0,0 |
2 |
3,8 |
|
| Tab.2 (IV) |
Phil. Fak. II in n |
Phil. Fak. II in % |
Phil. Fak. III in n |
Phil. Fak. III in % |
Phil. Fak. IV in n |
Phil. Fak. IV in % |
Wirt. Fak. in n |
Wirt. Fak. in % |
Interdisz. in % |
Interdisz. in % |
| Ja |
2 |
10,5 |
4 |
18,2 |
2 |
12,5 |
4 |
50,0 |
3 |
42,9 |
| Nein |
16 |
84,2 |
14 |
63,6 |
12 |
75,0 |
2 |
25,0 |
3 |
42,9 |
| weiß nicht |
1 |
5,3 |
4 |
18,2 |
2 |
12,5 |
2 |
25,0 |
0 |
0,0 |
| Ohne Angabe |
0 |
0,0 |
0 |
0,0 |
0 |
0,0 |
0 |
0,0 |
1 |
14,3 |
|
| 2. Sind Beiträge von Ihnen
nach dem Prinzip des Open Access publiziert worden? |
Block IV, Frage 4 (Auswertung Fakultät)
| Tab.4 (IV) |
Jur. Fak. in n |
Jur. Fak. in % |
LW. Fak. in n |
LW. Fak. in % |
Mathe Fak.I in n |
Mathe Fak. I in % |
Mathe Fak. II in n |
Mathe Fak. II in % |
Phil. Fak. I in n |
Phil. Fak. II in % |
| eigene Homepage |
0 |
0,0 |
1 |
1,2 |
204 |
39,2 |
124 |
48,6 |
30 |
24,4 |
| Institutsseite |
0 |
0,0 |
6 |
7,2 |
49 |
9,4 |
36 |
14,1 |
16 |
13,0 |
| edoc-Server |
0 |
0,0 |
3 |
3,6 |
4 |
0,8 |
23 |
9,0 |
19 |
15,4 |
| sonstiges |
0 |
0,0 |
0 |
0,0 |
15 |
2,9 |
17 |
6,7 |
4 |
3,3 |
|
| |
Phil. Fak. II in n |
Phil. Fak. II in % |
Phil. Fak. III in n |
Phil. Fak. III in % |
Phil. Fak. IV in n |
Phil. Fak. IV in % |
Wirt. Fak. in n |
Wirt. Fak. in % |
Interdisz. in n |
Interdisz. in % |
| eigene Homepage |
0 |
0,0 |
12 |
37,5 |
20 |
32,8 |
1 |
4,0 |
0 |
0,0 |
| Institutsseite |
1 |
10,0 |
2 |
6,3 |
5 |
8,2 |
12 |
48,0 |
0 |
0,0 |
| edoc-Server |
0 |
0,0 |
2 |
6,3 |
1 |
1,6 |
0 |
0,0 |
0 |
0,0 |
| sonstiges |
2 |
20,0 |
4 |
12,5 |
0 |
0,0 |
4 |
16,0 |
0 |
0,0 |
|
| 4. Wie viele der
elektronischen Veröffentlichungen sind auf einem Server der
HU zugänglich? |
|