| Einführung in die USABILITY
Methodenlehre
Rezension zu: Lehman,
Tom & Nikkel, Terry (2008) Making Library Web Sites Usable.
A LITA Guide. New York: Neal-Schuman Publishers, Inc. 208 S., $
65,00, ISBN: 978-1-55570-620-3
von Ben Kaden (info)

Was der Bibliotheksnutzer nicht kennt, nutzt er nicht.
Na ja, so ganz schlicht kann man es nicht sagen. Vielleicht eher:
Was der Bibliotheksnutzer nicht erkennt, versteht und zu benutzen
vermag, benutzt er nicht. Im Web jedenfalls klickt er dann einfach
weiter, zum Web 2.0-Bibliothekssystem der Stunde.
Das war nicht immer so und in gewisser Weise gibt
es auch dank neuer Akteure auf dem Markt für die Informations-
und Ratsuchenden eine nicht zu unterschätzende kulturelle Verschiebung.
So war es vor Zeiten noch üblich und ist es bei besonderen
Einrichtungen auch noch gang und gäbe, dass sich der Nutzer
mehr oder weniger tiefgründig in die Institution Bibliothek
hineinarbeitete, um zu verstehen, wie er das Beste für seinen
Informationsbedarf aus deren Beständen herausholt. Die Bibliothek
dagegen, so der subjektive Eindruck, legte sich nicht durchgängig
ins Zeug, um dem Nutzer Zugang und Nutzung möglichst leicht
zu machen. Dem Vorhandensein von Konkurrenz wird gemeinhin eine
Vitalisierung zugeschrieben und im Internet gibt es bekanntlich
ein paar Akteure, die vielleicht nicht (und manchmal irrational
zu sehr) von Bibliotheken als Konkurrenz gesehen werden, dem Nutzer
aber, da sie ihm bei seiner Informationssuche helfen und etwa genauso
viele Mausklicks entfernt erreichbar sind, für die Spontannutzung
durchaus gleich billig erscheinen. Vor dem Hintergrund von entsprechenden
Untergangsszenarien und der Frontenbildung betonen Bibliotheken
einerseits in mehr oder weniger durchdachten Marketingversuchen,
dass man mit ihnen mehr findet als mit Google, und andererseits
zeigen sie, wenn es um Usability geht, mittlerweile, wo ihr Benchmark
hängt: nämlich ausgerechnet bei Google. Ein Suchfeld für
alles und bei Bedarf kann man dann die Suche modifizieren. Oder
sich etwas empfehlen lassen. Oder helfen. Und nur zwei, drei Klicks
entfernt bekommt man das Dokument seiner Welt per Downloadlink aus
der Digitalen Leihstelle just in time und just for you.
Inwieweit diese Bausteine als eine idealtypische digitale
Bibliotheksbenutzung tatsächlich ideal und erstrebenswert sind,
muss an dieser Stelle offen bleiben und hoffentlich die physischen
Bibliotheken gleich mit. Aber auch wenn man sich aus der Kontemplationsruhe
des Lesesaals auf die Webangebote der Bibliothek bewegt gilt eines
unhintergehbar: Die ideale Bibliothekswebsite muss so usable - bzw.
benutzbar - sein, wie die Schnellsuchseite einer Websuchmaschine
und obendrein die adäquatere Inhalte in möglichst besserer
Aufbereitung als bei der Suchmaschine liefern und zudem noch ein
paar Sachen (Hilfe, Ausleihverwaltung, etc.) drumherum und das ganze
Gefüge muss eindeutig, intuitiv, schnell und ohne Brüche
ineinander greifen.
Die alltägliche Nutzungserfahrung zeigt, dass
noch nicht jedes Bibliotheksangebot diesem Anspruch genügt.
Und daher greifen auch Auskunftsbibliothekare wenn es schnell und/oder
bequem gehen muss trotz der ambivalenten Einstellung nicht selten
lieber zu den gängigen Suchmaschinen als auf die Informationsseiten
der Bibliothek zurück.
Die Webpräsenzen der Bibliotheken können
also mitunter und müssen manchmal sogar in puncto Benutzbarkeit
optimiert werden. Da man es sich nur in den seltensten Fällen
leisten kann, hier externe Experten ans Angebot zu setzen, die die
Schwächen einer Website analysieren, Lösungsszenarien
entwickeln und die Webangebote auf den letzten Stand der Usability-Forschung
bringen, die Erkenntnis der Notwendigkeit für eine Revision
und Optimierung der Seiten aber durchaus existiert, gibt es auch
einen Markt für Publikationen wie den LITA Guide: Making Library
Web Sites Usable. Und in diesem lernt man gleich zu Beginn: Usability
ist nicht etwa etwas, was so einfach frei im Raum schwebt, sondern
als Phänomen ISO-definiert ist. Usability beschreibt „the
extent to which a product can be used by specified users to achieve
specified goals with effectiveness, efficiency and satisfaction
in a specified context of use” (ISO standard 9241-11, zitiert
nach Lehmann, Nikkel, S. 2).
Und dann geht es auch gleich los: Nicht Business-as-usual,
sondern sich der Herausforderung „Usability“ stellen
ist die Devise. Das hier an den Tag gelegte pragmatische Vorgehen
entspricht dem, das man so von einer US-Publikation erwartet.
Hal P. Kirkwood führt in die Usability-Basics
ein, die „Heuristics“ heißen. Die Heuristiken
sind dabei nichts anderes, als Evaluationsmerkmale wie „Sichtbarkeit
des Systemstatus“, „innere Kohärenz“, „schlichtes
und klares Design“ usw., nach denen eine Website halbwegs
objektiv überprüft werden kann. Sie beziehen sich auf
den Aufbau, die Struktur, also das Design, einer Website und umfassen
all die Aspekte, die gegeben sein müssen, um eine Seite als
grundsätzlich usable beschreiben zu können. Wie sehr die
Seite für die spezifische Kommunikationsaufgabe angemessen
gestaltet ist, wird auf dieser Ebene freilich noch nicht allzu sehr
thematisiert. Hier geht es erst einmal um die Formalia.
Die Verfahren der Umfrage („Surveys“)
mit dem sich Tom Lehman im „Chapter 3“ auseinandersetzt,
sind buchstäblich ein Perspektivenwechsel, denn nun schauen
nicht mehr die Designer, sondern die Nutzer auf die Seiten und dokumentieren,
was sie von einem Webangebot erwarten. Er liefert einen kleinen
Grundkurs in Umfragetheorie, den alle, denen das Vergnügen
ein Proseminar in Soziologischer Methodenlehre beiwohnen zu dürfen,
vergönnt war, getrost überblättern dürfen, alle
anderen aber durchaus mit Gewinn überfliegen können. Für
den Einsatz in Hinblick auf die Web-Usability halten wir mit Lehman
fest, dass ihr Platz in der Frühphase des Usability-Assessment
ist, also dann, wenn man noch nicht soviel (um)gebaut hat, was durch
die Ergebnisse der Umfrage wieder über Bord geworfen wird.
Megan Johnson beschäftigt sich daraufhin mit
Zielgruppenbefragungen, die in ihrer primär qualitativen Ausrichtung
die eher quantitativen Surveys optimal ergänzen, sofern die
geeigneten Zielgruppenvertreter zur Befragung in kleineren Gruppen
zusammen kommen. Johnson empfiehlt kleine Anreize wie Gutscheine
für die Universitätsbuchhandlung, $ 10-20/ hour Aufwandsentschädigung
oder eine Mittagessen, bei der man während der Mittagspause
die Zielgruppe befragt. Sitzt man dann zusammen und diskutiert,
kommt dem Moderator die zentrale Aufgabe zu. Wie schwierig eine
gute Moderation ist, weiß vermutlich jeder, der einmal mit
einer solchen Rolle betraut war, denn man muss sowohl Neutralität,
Disziplinierung, blitzschnelles Analysieren und Zusammenfassen sowie
Stimulanz zeitgleich in die Runde einbringen. Ob die sehr lebensnahen
Hinweise wie „The moderator remains neutral and encourages
responses with occasional nods of the head and phrases like „uh
huh”. (S. 34) in der praktischen Anwendung wirklich helfen,
muss jeder selbst wissen oder ausprobieren. Wer gern einen strukturierten
Musterablaufplan für eine Befragungsrunde zur Hand hat, kann
das Kapital sicher gut zur Hilfe nehmen, zumal heftige Kontroversen
bei derartigen Befragungen im Bibliotheksmilieu nicht unbedingt
zu erwarten sind.
Eine sehr interessante Methode ist der „Card
Sorting“-Ansatz, den Terry Nikkel und Shelley McKibbon im
fünften Kapitel präsentieren. Die Karten werden mit dem
Ziel ins Spiel gebracht, zu prüfen, inwieweit die Vorstellungen
derer, die die Website planen mit denen derer, die die Website nutzen
sollen, harmonieren. Dabei geht es vor allem um die Terminologie
und deren Wechselwirkung mit den Navigationselementen. Auch hier
arbeitet man mit Freiwilligen. Diesen legt man Karteikarten o. ä.
vor, auf denen die für Navigationselemente geplanten Bezeichnungen
bzw. Inhaltsbestandteile des Webangebotes (Öffnungszeiten,
Datenbanken...) vermerkt sind. Die Teilnehmer der Untersuchung werden
nun gebeten, diese Karten nach bestimmten Kriterien in mehreren
Schritten zu sortieren. Im Fallbeispiel wurden zunächst Auswahlstapel
nach der Vertrautheit mit einem Baustein des Angebots sowie der
Nutzung an sich gefragt. Die Angebote, die die Befragten kannten
und nutzten wurden im nächsten Schritt nach der Nutzungsfrequenz
sortiert. Im dritten Schritt waren die Teilnehmer angehalten, die
Karten mit den genutzten Angeboten und den erkannten, aber nicht
genutzten Angeboten nach einem eigenen System zu sortieren und mit
Labels zu versehen, die sie mit den Gruppen assozieren würden.
Das alles wird dokumentiert und mit den bestehenden Erschließungsvarianten
der Website abgeglichen, um die Übereinstimmung von Angebot
und den Vorstellungen der Zielgruppe abschätzen zu können.
Nora Dimmock bleibt beim Papier verhaftet, allerdings
wird in ihrem Kapitel nicht mehr sortiert, sondern visuell erfasst.
„Paper Prototyping“ besitzt nicht nur terminologisch
das Potential, als Anglizismus mangels Alternativen in die Usability-Forschung
einzugehen, sondern eignet sich auch als Verfahren ganz gut, Rückschlüsse
über die Anmutung und Erschließbarkeit des Webseiten-Layout
zu ziehen. Der Vorteil liegt vor allem darin, dass man schneller
zeichnet als programmiert und entsprechend das Verwerfen eines Entwurfs
bei kalkulierten Personalkosten von $ 175 wesentlich preisgünstiger
ist. Weiterhin kann man sich hier voll und ganz auf die visuelle
Struktur konzentrieren und in den Besprechungen zur Entwicklung
schlicht die Problemstellen unkompliziert und exakt markieren. Insofern
ist es ein gutes flexibles Feedback-Werkzeug.
Auch das „Usability Testing“ wie es Tom
Lehman sieht, baut auf Feedback. Allerdings geht es hier darum Testpersonen
mit konkreten Nutzungszielen an konkrete Webangebote zu setzen und
diese zu beobachten. Für Lehman ist diese Methode der wichtigste
Ansatz, so dass er empfiehlt: „If limitations on time or resources
permit just one usability method to be used, it should be usability
testing.” (S. 53) Sein in diesem Buch zweites Kapitel dazu
erläutert entsprechend die drei Phasen Planung und Vorbereitung,
Durchführung und Auswertung. Wer jemals mit Testpersonen solch
ein Unterfangen anging, weiß wie wichtig es ist, ihnen folgende
Botschaft zu vermitteln: „We're not testing you, you're helping
us test the site.“ (S. 58) Ein Webangebot muss, um wirklich
usable zu sein, grundsätzlich das schlichtest vorgebildetete
Glied der Zielgruppe als untere Schwelle annehmen und darüber
hinaus dennoch so gestrickt sein, dass sich auch die erfahrenen
Besucher nicht auf den Arm genommen fühlen. Das ist in der
Regel schwieriger, als man zunächst annimmt.
Will man den Faktor soziale Erwünschtheit aus
der Usability-Analyse wirklich heraushalten, muss man Nutzer entweder
konkret ohne deren Wissen um die Beobachtung beobachten oder abstrakt.
Letzteres nennt man „Log File Analyse“ und die daraus
extrahierbaren Verhaltensmuster lassen durchaus so manchen Schluss
zu, der selbst bei einer intensiven Arbeit mit Testpersonen verborgen
bleibt. Denn hier hat man, wenn man möchte und vom Datenschutz
her darf, eine Gesamterhebung der Nutzungsaktivitäten, die
man je nach Erkenntnisziel filtern kann. Im Buch geben Michelle
Dalmau und Juliet L. Hardesty einen Überblick über das
Verfahren und liefern auch zwei Erfahrungsberichte, von der Indiana
University Bloomington Libraries Web Site und aus der digitalen
Notensammlung des Indiana University Digital Library Program mit.
Wichtig ist, dass man vorher weiß, was man entdecken möchte.
Ansonsten wird man besonders bei verkehrsreichen Webangeboten auf
dem Information Highway Internet schnell von der schieren Datenmenge
überfahren.
Die weiteren Kapitel des Buches beschäftigen sich mit dem „Recruiting“
von Testpersonen, günstigen technischen Ausstattungen zur Durchführung
von Usability-Studien, mit denen aufgezeichnet wird, wie sich eine
Testperson durch ein Webangebot bewegt sowie der Strategie und der
Form, mit der man die Ergebnisse der Tests kommuniziert. Und schließlich
gibt es noch sechs Zusammenfassungen zu Projekten: Drei von diesen
fanden an US-amerikanischen Universitätsbibliotheken statt,
eine an einer Public Library, einer Firmenbibliothek und einer Bibliothek
der NASA. Alle sind natürlich in den USA beheimatet, aber von
dort stammt bekanntlich auch der Deutungsdiskurs dessen, was weltweit
unter Usability verstanden wird. Dennoch gibt es natürlich
soziokulturelle Unterschiede, die das hauptsächlich für
den englischsprachigen Markt konzipierte Buch natürlich nicht
berücksichtigt. Das macht aber nichts, denn wie meistens bei
solchen Büchern ist eine Eins-zu-Eins-Übernahme auch gar
nicht empfohlen. Man sollte den LITA Guide „Making Library
Web Sites Usable“ daher auch eher als grundlegenden Einstieg
in das Thema, als Nachschlagewerk im Fall der Unsicherheit und als
Inspirationsquelle begreifen. Wenn der Test für die eigene
Website vor der Tür steht, muss man sich auch mit dem Buch
im Regal die Arbeit machen, ein spezifisches Untersuchungsdesign
zu entwickeln. Aber immerhin kann man schon mal nachlesen, wie es
die anderen gemacht haben und welche Empfehlungen sie geben. Selbst,
wenn man sich als Bibliothek einen externen Beratungstrupp von Jakon
Nielsen o. ä. Fachberatern ins Haus holt, hilft die Kenntnis
der Materie in jedem Fall, auf Augenhöhe mitzuverstehen und
zu überlegen.
Dass die Texte nicht immer mitreißende stilistische
Kleinode sind, ist bei einer solchen Publikation sicher zu erwarten.
Dass der Preis mit $ 65 für das Paperback-Handbuch ziemlich
hoch angesetzt ist, leider auch. Denn natürlich richtet sich
der Band in erster Linie an Bibliotheken, also institutionelle Käufer,
die solche Summen aus dem Erwerbungsetat nehmen können. Der
interessierte Endverbraucher muss als Bibliotheksnutzer hoffen,
dass sein Stammhaus dies dann auch wirklich tut. Oder sich die entsprechenden
Information selbst über einschlägige Internetquellen zusammensuchen.
Wahrscheinlich tut er das dann über eine populäre Suchseite
mit exzellenten Usability-Werten.
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