| Auseinandersetzungen um die
Aufgaben von Bibliotheken vor dem Hintergrund modernen bürgerschaftlichen
Engagements
Anmerkungen zu den Debatten um die Schließung kleinerer Öffentlicher
Bibliotheken in Berlin 2007-2008
von Karsten Schuldt (info)

Abstract
Die Formen und Grundlagen gesellschaftlichen Engagements sind in
den letzten Jahren
transformiert worden. Neben dem stetigen Bedeutungsverlust herkömmlicher
Formen
politischer Institutionen, ist eine Zunahme von Diskursen und zumeist
temporär
agierenden Initiativen festzustellen, welche alltagsnäher,
problem- und konfliktorientierter
erscheinen. Anhand von dreien, nahezu zeitgleichen Protesten für
die Erhaltung kleinerer
Bibliotheken in Berlin, versucht der Artikel den Bedeutungszuwachs
dieser Entwicklungen
aufzuzeigen. Im ersten Teil der Textes werden die angesprochenen
Tendenzen skizziert,
im zweiten Teil wird anhand der Spezifika der einzelnen Proteste
die Arbeit
bürgerschaftlicher Initiativen in der Informationsgesellschaft
und die Veränderungen in der
Diskussion und Praxis ehrenamtlichen Engagements dargestellt. Die
Bedeutung dieser
Transformationen des Politischen für die bibliothekarische
Debatte und Praxis wird im
letzten Teil diskutiert.
In Berlin standen zum Jahresende 2007 drei kleinere Öffentliche
Bibliotheken vor der Schließung, beziehungsweise vor der Verlegung
und Zusammenführung mit einer anderen Bibliothek. Gegen diese
Pläne bildeten sich in allen drei Fällen Initiativen,
deren Personal sich größtenteils aus der jeweiligen Nachbarschaft
rekrutierte. Das Vorgehen und der Erfolg dieser Initiativen waren
unterschiedlich. Letztlich ist bislang die Arbeit keiner dieser
Initiativen an ihr Ende gelangt.[Fn1]
Während Proteste zum Erhalt von
Bibliotheken weder in Berlin, noch im Bundesgebiet unbekannt sind,
hatten die drei Berliner Initiativen doch eine neue Qualität:
Obwohl dies nicht intendiert war, stellten sie durch ihre Argumentationen
und ihr Vorgehen klar, dass sie sich nicht nur für den reinen
Erhalt der Einrichtungen engagierten, sondern dies auf der Grundlage
sehr spezifischer eigener Vorstellungen über die Aufgaben von
Bibliotheken taten. In dieser Deutlichkeit wurden in den letzten
Jahren selten Anforderungen direkt aus der Gesellschaft heraus an
Öffentliche Bibliotheken gestellt. Deshalb wäre es falsch,
sie auf einen Protest gegen eine Sparpolitik zu reduzieren. Vielmehr
spiegeln sie, so möchte ich im folgenden Artikel argumentieren,
virulente gesellschaftliche Prozesse und Debatten wider, welche
sich auch auf die Arbeit von Bibliotheken niederschlagen werden.[Fn2]
Obwohl in diesen Auseinandersetzungen die Finanzkrise der Berliner
Bezirke eine entscheidende Rolle spielte, stellen sie ebenso Dispute
um die Paradigmen bibliothekarischer Arbeit dar.[Fn3]
Debatten um die Lebensqualität
und die Gestaltung des Alltags
Die sozialen Rahmenbedingungen, in denen die
hier besprochenen Auseinandersetzungen
stattfanden, sind in den letzten Jahren merklich in Bewegung geraten.
Im Folgenden sollen einige relevante aktuelle Diskussionen und Veränderungen
nachgezeichnet werden. Allgemein gesprochen nehmen in der Gesellschaft
und den politischen Auseinandersetzungen die Debatten darum, wie
diese Gesellschaft und das Leben in ihr gestaltet werden sollte,
zu. Der aktiven Gestaltung des eigenen Alltags, im Sinne von Lebensqualität,
kommt eine merklich wachsende Bedeutung zu. Dieser, in allen liberalen
Demokratien und auch anderen Gesellschaften beobachtbare Trend,
wird in den Sozialwissenschaften hauptsächlich unter dem Schlagwort
der postmateriellen Werte verhandelt. Obwohl das Ausmaß dieses
Zuwachses umstritten ist, zeigen empirische Ergebnisse beständig,
dass das Nachdenken über die Gestaltung des Alltags und die
gesellschaftliche Infrastruktur mit dem Ziel einer Erhöhung
der Lebensqualität, zu bestimmenden gesellschaftlichen Themen
werden.[Fn4]
Über Sinn und Bedeutung der Arbeit
Deutlich wird dies beispielsweise an den zunehmend
auftretenden Debatten um ein Bürgergeld, welches als Prinzip
der gesellschaftlichen Grundfinanzierung in verschiedenen Parteien
und Initiativen diskutiert wird.[Fn5]
Ein weiterer Hinweis auf diesen Trend ist die grundlegend positive
Haltung der deutschen Bevölkerung zu dem von den Gewerkschaften
und einigen Parteien forcierten Mindestlöhnen, bei denen hauptsächlich
argumentiert wird, dass solche die Ausbeutung durch Arbeit und die
in einigen Beschäftigungsfeldern praktizierte Ausnutzung der
Sozialsysteme durch Entlohnungen unter dem Existenzminimum verhindern
würden. Ebenso scheint die wachsende Haltung von Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmern, die Politik der so genannten Lohnzurückhaltung,
welche die Gewerkschaften in den letzten Jahren verfolgt hätten,
abzulehnen, mit diesem Trend in einem engen Zusammenhang zu stehen.
Hiervon profitierte beispielsweise die Gewerkschaft Deutscher Lokführer
bei ihren harten Tarifauseinandersetzungen 2007-2008. Zudem nimmt
die offene Kritik an der als Ökonomisierung der Bildungseinrichtungen
wahrgenommenen Transformationen im gesamten Bildungsbereich und
den für diese Veränderungen als motivgebend verstandenen
Institutionen, zu.[Fn6]
Alle zeitgenössischen Umfragen zu den Arbeitszeitwünschen
zeigen ein signifikantes Missverhältnis zur Realität.
Während der Wunsch nach Teilzeitarbeit und einem planbareren
Arbeitsalltag nicht nur, aber gerade bei Eltern wächst, sinkt
das Angebot an solchen Arbeitsplätzen. Die tatsächlich
stattfindende Teilzeitarbeit stimmt kaum mit den Arbeitszeitwünschen
überein. Hervorzuheben ist, dass dieses Missverhältnis
zunehmend thematisiert wird. Teil- und Vollzeitarbeit sollen sich,
so die in letzter Zeit immer öfter erhobene Forderung, in den
Alltag mit seinen unterschiedlichen Interessen einbinden lassen
und nicht diesen überformen.[Fn7]
Einer der oftmals aufgenommenen Kritikpunkte der ver.di-Kampagne
gegen den Lidl-Konzern ist die so genannte Entgrenzung der Arbeit,
welche zunehmend auch Feiertage und ehedem arbeitsfreie Zeiten bestimmen
und die Arbeitenden zu einer Flexibilisierung zwingen würde,
so dass der restliche Alltag unplanbar sei.[Fn8]
Eng mit den Arbeitszeitwünschen hängt
der zunehmende Trend zur verantwortungsvollen Elternschaft zusammen.
Die geringe Zahl von Kindern pro Eltern und die gesellschaftliche
Thematisierung der Verantwortung für diese Kinder führt
offenbar dazu, dass sich Eltern verstärkt über die angemessene
Erziehung ihrer Kinder Gedanken machen. Dies schlägt sich beispielsweise
im Umgang mit ihnen, in den Wünschen der Väter nach Elternzeit
und gemeinsam mit ihren Kindern verbrachter Zeit, der Suche nach
fördernden Angeboten und Lebensumgebungen nieder. Auch die
verstärkt an Kindertageseinrichtungen gestellten Anforderungen,
sich nicht als Betreuungs-, sondern als Bildungseinrichtung zu verstehen,
sowie die von den Ausbauplänen des Familienministeriums zur
Kindertagesbetreuung ausgelösten Debatten, lassen sich in diesen
Trend einordnen.[Fn9]
Die grundlegend positive Aufnahme der DGB-Studie
„Gute Arbeit“, bei der Arbeitende nach Kriterien für
die Bewertung von Arbeitsverhältnissen und anschließend
auf der Basis dieser Kriterien nach ihren konkreten Arbeitsplätzen
befragt wurden, deutet ebenfalls darauf hin, dass Lebensqualität
eine wachsende Bedeutung erhält.[Fn10]
Die Studie kam zu zwei wichtigen Ergebnissen: Einerseits bewerten
Menschen ihre Arbeitsplätze nur zu einem, wenn auch wichtigen
Teil, nach der Entlohnung. Ebenso interessieren sie sich für
Weiterbildungsmöglichkeiten, die Einflussmöglichkeiten
und Anerkennung am Arbeitsplatz, die Betriebskultur, den Sinn ihrer
Arbeit, die Kollegialität, die Arbeitszeitgestaltung, die körperlichen
und emotionalen Anforderungen sowie die Arbeitsplatzsicherheit.
Zudem bewerten nur 12 % der Arbeitenden in Deutschland ihre Arbeit
als gut, hingegen immerhin 34 % explizit als schlecht. 54 % bezeichnen
ihr Arbeitsverhältnis als mittelmäßig und somit
letztlich verbesserungswürdig. Auch hierbei scheinen die Arbeitenden
nicht einzig bei der Entlohnung, sondern auch bei den anderen genannten
Kriterien ansetzen zu wollen. Letztlich geht es ihnen nicht nur
um die reine Lebenssicherung, sondern darum, die Sinnhaftigkeit
ihrer Arbeit sicherzustellen.
Weiche Politikfelder
Eine der herausragenden Veränderungen im
gesellschaftlichen und politischen Diskurs der letzten Jahrzehnte
ist unbestreitbar die Durchsetzung der Ökologie und Fragen
der persönlichen Gesundheit als zwei grundlegende Leitthemen.
Die Umweltpolitik, welche lange als marginales und „weiches“
Politikthema behandelt wurde, und mit ihr verbundene Debatten, wie
die um den Einsatz von Atomkraft oder Gentechnik, sind heute in
den öffentlichen Diskussionen weitgehend als wichtiges Thema
etabliert. Der zunehmende Trend zu so genannten Ökostromanbietern,
das massive Wachstum auf dem Sektor der Bioprodukte, darüber
hinaus die zunehmende Thematisierung von Vorsorge und Gesundheit
auch im jüngeren Alter kennzeichnen ebenfalls den hier festgestellten
Trend zur Thematisierung und aktiven Gestaltung von Lebensqualität.
Weiterhin gibt es einen politisch weithin unterstützten, wenn
auch in seinen Auswirkungen des öfteren kritisch gesehenen
Trend zum Ehrenamt. Immer mehr Menschen übernehmen ehrenamtliche
Aufgaben, gründen Initiativen und Vereine.[Fn11]
Dieser Trend zum Ehrenamt, so kleinteilig die jeweiligen Tätigkeiten
oft auch sind, bei einer gleichzeitig beklagten zunehmenden Politikverdrossenheit,
die sich in sinkender Wahlbeteiligung und wachsenden Nachwuchsproblemen
bei allen größeren Parteien zeigen würde, kann als
Etablierung einer alternativen Form gesellschaftlichen Engagements
neben den etablierten parteienbasierten Politikformen interpretiert
werden.[Fn12]
Auf einen weiteren Trend weisen unter anderem
Holm Friebe und Sascha Lobo hin, bei ihrem Versuch, aktuelle Formen
hochflexibler, meist von hochqualifizierten jungen Menschen unter
intensiver Nutzung des Internets realisierten Arbeitsverhältnisse,
unter dem Schlagwort der „digitalen Bohéme“ positiv
als autonome Lebensentwürfe zu bestimmen. Gerade die Arbeit
dieser Bohéme würde auf die Entstehung von sich immer
weiter differenzierenden subkulturellen Gruppen, welche durch die
zunehmende Vernetzung per Internet verstärkt möglich wurde,
basieren. Solche an sich kleinen Gruppen, die bislang selten außerhalb
von Metropolen entstanden, würden sich dank des Internets konstituieren
und – hierauf heben Friebe und Lobo ab – ihre Konsuminteressen
formulieren können. Diese Interessen würden sich bisher
hauptsächlich an kulturellen Produkten orientieren, aber doch
beständig neue tragfähige Mikromärkte bilden.[Fn13]Interessant
hierbei ist, dass die Verbreitung von Kommunikationstechnologien
tatsächlich ermöglicht zu haben scheint, von zuvor schwer
zu formulierenden individuellen Interessen ausgehend, zur aktiven
Differenzierung von Lebensentwürfen beizutragen. Eine solche
Differenzierung lässt sich ebenfalls in den Trend zur Betonung
von Lebensqualität einordnen. Wenn die Differenzierung in Subgruppen
und die Befriedigung entstehender Nachfragen nach kulturellen Produkten
immer einfacher möglich ist, führt dies, so eine Grundannahme
der Cultural Studies, auch zu einer weitergehenden und identitätsbildenden
Beschäftigung mit den eigenen Interessen.
Bedeutung dieser Trends für Bibliotheken
All diese Trends ergeben nicht zwingend immer das
Gesamtbild, welches hier gezeichnet wurde. Sie finden nicht unbedingt
aufeinander bezogen statt, oft sind sie noch prekär, von Widersprüchen
gezeichnet und teilweise umstritten. Ebenso sind sie nicht immer
gesamtgesellschaftlich zu beobachten, sondern werden oft von kulturellen
Eliten getragen. Doch diese Eliten werden breiter, die meisten dieser
Trends etablieren sich und stehen nicht mehr unter dem Verdacht,
schnell vergängliche Moden darzustellen. Am Markt für
Ökoprodukte lässt sich diese Etablierung beispielhaft
nachvollziehen. Dabei sind Großstädte, wie so oft, Kristallisationspunkte
dieser Trends. Dennoch ist zu beobachten, dass sie sich zunehmend
in der gesamten Gesellschaft etablieren und das Gesamtbild einer
wachsenden Auseinandersetzung um Lebensqualität und die Frage,
wie wir leben wollen, ergeben. Obgleich grundlegende Paradigmenwechsel
in der Gesellschaft immer langwierige Prozesse
darstellen, wird sich der hier beschriebene auch auf das gesellschaftliche
Umfeld, in dem
Bibliotheken agieren, die konkrete Arbeit von Bibliotheken und die
Anforderungen der Nutzerinnen und Nutzer niederschlagen.
Die Proteste für den Erhalt der drei kleineren
Bibliotheken in Berlin haben u. a. gezeigt, dass die beschriebenen
gesellschaftlichen Veränderungen zumindest in dieser Stadt
eine relevante Stärke erlangt haben. Die Form und die Argumentationen
der Proteste haben sich verändert, ebenso die Vorstellungen
von Bibliotheken, welche den Einsatz der Engagierten motivierte.
Dabei war eine Besonderheit der Auseinandersetzungen in Berlin,
dass sie nicht zwischen Bürgerinnen und Bürgern, die Bibliotheken
per se erhalten wollten auf der einen Seite und einer Politik, die
vor allem an der Minimierung von Kosten interessiert war, auf der
anderen Seite stattfanden. Zwar formulierte der Rechnungshof von
Berlin in Bezug auf Bibliotheken Vorstellungen, welche auf eine
Reduzierung der Bibliotheksstandorte hinauslaufen, indem er einer
Bibliothek grundsätzlich einen Aktionsradius von – vorerst
– jeweils 3 km unterstellt und den Einsatz von Fahrbibliotheken
und Lieferdiensten präferiert.[Fn14]
Doch blieben diese Vorstellungen, obwohl sie sehr wohl von den Engagierten
wahrgenommen wurden, in allen Argumentationen, Beiträgen und,
soweit sie nachvollzogen werden konnten, internen Debatten vollkommen
unbeachtet. Der Rechnungshof wurde nicht als Instanz wahrgenommen,
deren Vorgaben zu folgen sei, sondern als Teil der gesamtberliner
Verwaltung, deren Politik zwar für die Bezirksparlamente relevant
wäre, aber keine unabänderliche Vorgaben für Bibliotheken
machen könne. Vielmehr wurden die Auseinandersetzungen zwischen
Akteurinnen und Akteuren geführt, die allesamt an einer ausreichenden
und bestmöglichen Ausgestaltung der bezirklichen Bibliothekssysteme
interessiert waren. Die Frage war nicht, ob Bibliotheken eine wichtige
Funktion haben oder nicht, sondern wie diese Funktion am besten
organisiert werden könnte.
Dies war vor allem bei der Verlegung der Jerusalem-Bibliothek
im Wedding der Fall, bei der das Berliner Bezirksamt in groben Zügen
einem fundierten Bibliotheksentwicklungsplan folgte und dennoch
auf massiven Protest stieß. Hier trafen zwei unterschiedliche
Vorstellungen über die Aufgabe von Bibliotheken aufeinander.
Aber auch die – bislang vorläufige – Schließung
der Kurt-Tucholsky-Bibliothek und der Bibliothek im Elias-Hof im
Berliner Prenzlauer Berg, fanden unter paradoxen Umständen
statt, da der für die Schließungen zuständige Stadtrat
sehr deutlich mehrfach öffentlich erklärte, die beiden
Bibliotheken gar nicht schließen zu wollen und den Protest
dagegen begrüßte.
Gleichzeitig nahmen Teile der Initiativen für
beide Bibliotheken im Laufe der Auseinandersetzungen dennoch gerade
das Bezirks- und das Bibliotheksamt als Einrichtungen wahr, gegenüber
den sie letztlich ihre konkreten Interessen durchsetzen mussten.
Dabei wurde offensichtlich, dass auch diese Initiativen anderen
Prämissen folgten, als der zuständige Kulturstadtrat.
Interessant war bei diesen Auseinandersetzungen zudem zweierlei:
Zum einen setzten sich die Initiativen zum überwiegenden Teil
aus Mitgliedern einer kulturellen Elite – welche in diesem
Fall nicht unbedingt mit der ökonomischen Elite übereinstimmte
– zusammen.[Fn15]
Fast alle Aktiven hatten einen überdurchschnittlichen Bildungshintergrund
vorzuweisen, zumeist hatten sie Erfahrungen im politischen oder
gesellschaftlichen Engagement.[Fn16]
Auffällig hoch war bei der Initiative für die Jerusalem-Bibliothek
auch der Anteil moderner Väter, die sich in einer expliziten
Erziehungsverantwortung gegenüber ihren Kindern bewusst sind.[Fn17]Insoweit
lässt sich vermuten, dass die Auseinandersetzungen eine Art
Vorreiterfunktion für einen gesellschaftlichen Trend hatten,
welcher sich über einen längeren Zeitraum breiter durchsetzen
könnte, ähnlich den Umweltinitiativen der 1970er und 1980er
Jahre, welche größtenteils von einer kulturellen Elite
getragen wurden und eine unbestreitbare Voreiterrolle bei der oben
angesprochen Etablierung von Umweltpolitik hatten. Zum anderen war
bei allen drei Initiativen immer klar, dass Bibliotheken ihre Funktionen
nur erfüllen können, wenn sie von qualifiziertem Personal
geführt werden. Die Idee, Bibliotheken auf reine Buchausleihen
zu reduzieren, welche auch problemlos von allen anderen Menschen
betrieben werden könnte, wurde immer wieder explizit abgelehnt.
Insoweit hatten die Engagierten offenbar ein differenziertes Bild
von bibliothekarischer Arbeit. Im Folgenden Abschnitt sollen die
in den Auseinandersetzungen vertretenden Vorstellungen dargestellt
und in die oben beschriebenen Trends zur Betonung von Lebensqualität
eingeordnet werden.
Paradigmen der Engagierten
Kulturamt Mitte / Effektivität als
Leitbild
Das Kulturamt Mitte, welches letztlich im Jahr
2008 die faktische Schließung der Jerusalem-Bibliothek verantwortete,
legte 2005 in Reaktion auf einen interfraktionellen Antrag der Bezirksverordnetenversammlung
(BVV) einen Bibliotheksentwicklungsplan vor.[Fn18]
Zuvor hatte der damalige und jetzige
Leiter des Amtes, zusammen mit der Leiterin der Stadtbibliothek
Friedrichshain-Kreuzberg in einem Artikel in BuB die Situation der
Berliner Bibliotheken und die Strategien zum Umgang mit diesen Gegebenheiten
dargelegt.[Fn19]
In beiden Dokumenten wird die Finanzierungspolitik in Berlin als
die Herstellung einer Konkurrenz zwischen den einzelnen Bezirken
beschrieben. Im Bibliotheksbereich erfolgt diese seit 2005 vollständig
durch die Definition von einzelnen Produkten, welche Bibliotheken
erbringen sollen, beispielsweise der Medienentleihungen oder der
Führungen von Schulklassen. Diese werden standardisiert definiert
und ihre Kosten in einem Vergleich der zwölf bezirklichen Bibliothekssysteme
bestimmt. Der Median zwischen dem sechs- und siebenteuersten Bezirk
wird für jedes Produkt als Ansatz genommen. Die Bezirke erhalten
nun – allerdings auch erst, nachdem die Stadt Berlin eine
Sollmenge definiert hat, die ein Bezirk pro Produkt erbringen würde[Fn20]–
die Finanzierung dieser Produkte nach diesem ermittelten Wert. Insoweit
findet keine Finanzierung der tatsächlichen Kosten, sondern
nur der angenommenen, durchschnittlichen Produktkosten statt. Ein
Bezirk, bei dem ein Produkt viel kostet, könnte dies dadurch
ausgleichen, dass er ein anderes Produkt billiger anbieten würde.
Nicht nur im Bibliotheksentwicklungsplan wird nun betont, dass eine
solche Politik zu einem ständigen Wettbewerb der Bezirke untereinander
führe. Die Reduzierung von Kosten bei einem Produkt in einem
Bezirk führt dazu, dass auch der Median dieses Produktes berlinweit
sinkt. Alle Bezirke würden deshalb mit allen Angeboten versuchen,
unter einem ständig sinkenden Median zu verbleiben. Letztlich
würde dies für die Bibliotheken bedeuten, dass die Tendenz
zu einer einzigen Zentralbibliothek pro Bezirk vorgezeichnet ist.[Fn21]
Während Susanne Metz und Jörg Arndt
in ihrem Artikel deshalb eine enge bezirkliche Kooperation, eventuell
auch in einer Gesamtorganisation als berlinweite Bibliotheksstiftung,
für dringend gegeben halten, stellen sie gleichzeitig dar,
dass die Debatte um eine solche Zusammenarbeit in Berlin seit Langem
ohne Ergebnis geführt wird.[Fn22]
Die Hauptargumentation in beiden Dokumenten lautet, dass der beschriebene
finanzpolitische Druck auf die bezirklichen Bibliothekssysteme nicht
nachlassen wird. Deshalb sei es notwendig, sich mittels einer konkreten
Entwicklungsplanung die Initiative zu erhalten und so die zukünftige
Gestaltung der Bibliothekssysteme mitzubestimmen:
„Es ist ein gefährlicher Trugschluss
zu denken, Strukturwandel durch Passivität entgehen zu können.
Der Veränderungsprozess ist im vollen Gange, Ablauf und Ergebnisse
können jetzt noch aktiv mitgestaltet werden [...].“[Fn23]
Auf Grundlage dieser Überlegung und der
Akzeptanz der grundlegenden politischen Vorgaben, entwickelte der
Bibliotheksentwicklungsplan ein Zukunftskonzept. In ihm wurden Bibliotheken
als Einrichtungen definiert, die hauptsächlich der egalitären
Informationsversorgung der Bevölkerung dienen, der Spaltung
der Gesellschaft in information-poor und information-rich zu begegnen
und dabei mit den gegebenen Mitteln möglichst effizient umzugehen
hätten. Hauptpfeiler des Planes war der Bau einer neuen Bezirkszentralbibliothek,
welche den Großteil der zentralen Dienste und der bibliothekarischen
Grundversorgung des Bezirkes übernehmen solle.[Fn24]
Zudem soll der Einsatz der RFID-Technik zur längerfristigen
Reduzierung von Kosten führen, ebenso die teilweise Ausgliederung
von Lektoratsaufgaben an den lokalen Buchhandel und die Auflösung
von einigen, in der Erhaltung teuren Standorten. Die als Kinder-
und Jugendbibliothek arbeitende Jerusalem-Bibliothek sollte, bestandsreduziert,
als Abteilung in die bisher reine Erwachsenbibliothek am Luisenbad
eingegliedert werden. Hierbei argumentiert der Bibliotheksentwicklungsplan,
dass die bisherige Trennung „familienfeindlich und eher räumlichen
Gegebenheiten als fachpolitisch gesetzten Zielen geschuldet [sei]“[
Fn25]
. Diese Eingliederung würde es ermöglichen, das Bibliothekssystem
anderswo im Bezirk auszubauen. So wird angedacht, die Arbeit von
Bibliotheken in Quartiersmanagement-Gebiete zu integrieren, allerdings
ohne dass ersichtlich wird, wie diese Einrichtungen genau die Entwicklung
der Kieze, welche durch die Quartiersmanagement-Förderung angestrebt
wird, unterstützen sollen.[Fn26]
Zudem mahnt der Plan die massive Ausweitung der Kommunikation von
Bibliotheksangeboten an. Die mangelnde Umsetzung des egalitären
Anspruchs von Bibliotheken wird darauf zurückgeführt,
dass diese Kommunikation mit dem bisherigen Etat praktisch nicht
möglich sei. Darüber hinaus sollen die durch die Ausgliederung
von Lektoratsarbeiten gewonnenen Kapazitäten der Leseförderung
zugute kommen.
Insofern skizziert der Bibliotheksentwicklungsplan
eine auf politische Vorgaben orientierte, zukünftige Ausrichtung
des Bibliothekssystems in Berlin-Mitte, das sich auf ein bestimmtes
Set von grundlegenden bibliothekarischen Aufgaben konzentrieren
solle, um eine möglichst effiziente und breitflächige
bibliothekarische Grundversorgung zu bieten. So soll die Gestaltungsmöglichkeit
des Bibliothekssystems erhalten werden. Auffällig an dieser
Skizze ist allerdings, dass sich auf internationale Standards und
durch die Produktfassung bibliothekarischer Angebote gegebenen Aufgabenbeschreibungen
berufen wird, ohne dass von den tatsächlichen Anforderungen
der Nutzer und den nicht von den Bibliotheken Erreichten berichtet
oder ausgegangen wird.
Initiative für die Jerusalem-Bibliothek / Kiezentwicklung
Die Initiative für die Jerusalem-Bibliothek
kann als paradigmatische Umsetzung für die von Nico Stehr umrissenen
Formen gesellschaftlichen Engagements in der Informationsgesellschaft
verstanden werden.[Fn27]
Sie entstand binnen kürzester Zeit und bildete ein, wenn auch
schließlich bislang nicht erfolgreiches, mächtiges Netzwerk,
welches sich ohne größere eigene Strukturen gegenüber
den Verantwortlichen als politischer Verhandlungspartner etablierte.
Dabei agierte die Initiative hauptsächlich mit den gleichen
Informationen und Diskursen, mit denen auch das Bezirksamt versuchte,
in der Öffentlichkeit präsent zu werden. Die Initiative
verweigerte nicht die Zusammenarbeit mit den etablierten politischen
und verwaltungstechnischen Strukturen, versuchte mit allen relevanten
Parteien zusammenzuarbeiten, motivierte kommunale Einrichtungen
zu Stellungnahmen und versuchte ebenfalls, die der Öffentlichkeit
eher verborgenen Entscheidungsstrukturen der Bezirks- und Landespolitik
in ihrem Sinne zu nutzen.
Gleichzeitig agierte sie von Anfang an auf einer öffentlichen
Ebene. Die Initiative, in Gang gesetzt durch die lokal verteilte
Unterschriftenliste eines engagierten Vaters und sehr schnell mit
einem Weblog an die breitere Öffentlichkeit getreten, war der
Überzeugung, dass die Schließung der Bibliothek eine
öffentliche Angelegenheit sei, welche auch in der Öffentlichkeit
verhandelt bzw. verhindert werden müsse. Mit dieser Haltung
etablierte sie ein Feld der Auseinandersetzung, welches in der Bezirkspolitik
bis dato so gut wie keine Rolle spielte und auf dem die Initiative
letztlich, dank der ständigen Produktion von eigenen Argumentationen
und Informationen, die gesamte Zeit bestimmend war. Gemeinhin erschien
die Auseinandersetzung immer wieder so, als ob sich die einzelnen
politischen Institutionen und Einzelpersonen auf entweder –
wie beim Bibliotheksentwicklungsplan – schon vor längerer
Zeit debattierte Beschlüsse oder aber von anderen Strukturen
– beispielsweise den Sparvorgaben des Senats – vorgegebenen
Entscheidungen zurückzogen, während die Initiative den
impulsgebenden Akteur der Debatte darstellte. Offensichtlich trafen
hierbei unterschiedliche Politikverständnisse aufeinander.
Einerseits die Bezirkspolitik, welche Politik als längerfristig
planbare, an insgesamt größeren Zielen ausgerichtete
und auch von Verhandlungen über Einflusssphären geprägte
Tätigkeit verstand, andererseits die Initiative, die der Bezirkspolitik
vor allem die Aufgabe zuschrieb, in diesem konkreten Fall in dem
durch die Initiative formulierten Sinne der Bürgerinnen und
Bürger zu handeln. Dabei ging es aber auch der Initiative nicht
um ein Partikularinteresse. Vielmehr wurde die Schließung
der Jerusalem-Bibliothek in einen größeren Zusammenhang
gestellt.
Dieses Aufeinandertreffen unterschiedlicher
Politikvorstellungen führte auf Seiten der Bezirkspolitik immer
wieder zu einer relativen Unfähigkeit, mit der Initiative angemessen
umzugehen, egal ob, wie vom Bezirksamt, deren Anliegen letztlich
widersprochen oder aber ob dieses inhaltlich unterstützt wurde,
wie von den meisten oppositionellen BVV-Fraktionen. Die Argumentationen,
Vorgehensweisen und politischen Beiträge verblieben im Rahmen
des bekannten politischen und verwaltungstechnischen Alltagsgeschäfts.
So war beispielsweise der Verweis des Kulturamtes, dass der Bibliotheksentwicklungsplan
bis 2006 debattiert und dann von der BVV angenommen worden war,
inhaltlich richtig. Allerdings war dieses Argument für die
direkte Auseinandersetzung relativ unbrauchbar, da ganz offensichtlich
den Engagierten der Initiative und dem Großteil der Bevölkerung
dieser Plan bis zur Ankündigung der Schließung der Bibliothek
unbekannt war.[Fn28]
Die bezirkliche Bündnis 90/Die Grünen-Fraktion führte
beispielsweise bei einer Fraktionssitzung zu diesem Problem ihre
Vorstellungen von einem so genannten Bürgerhaushalt aus, welcher
die Politik der Bezirke transparenter machen solle. Obwohl die Verbindung
dieser Ausführungen mit dem Problem einigermaßen nachvollziehbar
ist, war diese ebenfalls durch die Logik langfristiger parlamentarischer
Arbeit geprägt. Auf Seiten der Initiative entstand schnell
der Eindruck, nicht als Gesprächspartner ernst genommen zu
werden. Eher wurde die Politik des Bezirksamtes und des Großteils
der in der BVV vertretenden Parteien dahingehend interpretiert,
dass diese unbeachtet aller offensichtlich breiten Proteste, daran
interessiert wären, einen in der Öffentlichkeit nicht
debattierten und akzeptierten Plan durchzusetzen. Dabei versuchte
die Initiative die gesamten Entscheidungsstrukturen, welche die
Umsetzung dieses Planes möglich machten und eventuell auch
aufhalten konnten, zu durchschauen. Allerdings ließen sich
die Engagierten, und dies mag auch ein Grund ihrer Erfolge gewesen
sein, nicht davon beeinflussen, auf welchen Weise nach Meinung der
bezirkspolitisch Involvierten vorgegangen werden sollte. Sie versuchten
vielmehr auf allen Ebenen Einfluss zu nehmen.
Relevant ist, dass eine der Hauptarbeitsweisen
der Initiative darin bestand, die Argumentationen des Kulturamtes
und der Bezirkspolitik ernst zu nehmen und diesen im Einzelnen zu
widersprechen. Wenn auch nur von einer Seite geführt, wurde
doch dem Grundbild einer öffentlichen politischen Debatte gefolgt.
Dabei trug zum Eindruck vom eigenmächtigen Vorgehen der Bezirkspolitik
bei, dass auf dieses Debattenangebot nicht eingegangen wurde.[
Fn29]
Genau dieses Vorgehen, sich selbst als Wissensproduzierende zu etablieren,
welche den bestimmenden Diskursen eigene Vorstellungen entgegensetzen,
beschreibt Stehr als aktuell entstehende Politikform. Quer zu den
vorhandenen politischen Strukturen, auf der Basis neuer Kommunikationstechnologien
und mit diesen einhergehenden Paradigmen, zumeist als temporäre
Netzwerke organisiert, die einer Vorstellung von offener Kommunikation
folgen und hauptsächlich an spezifischen Problemen interessiert
sind, formen solche Initiativen, so die Beobachtung von Stehr, zunehmend
eine zusätzliche Ebene des gesellschaftlichen Engagements.
Vorteile solcher Initiativen sind die einfach zu realisierende Beteiligung
der Bürgerinnen und Bürger, ihre Flexibilität und
die Funktion, durch Perspektivverschiebungen die Autorität
von Expertinnen und Experten effektiv anzuzweifeln.[Fn30]
Das zunehmende Auftreten solcher temporären Netzwerke sei ein
Hinweis darauf, dass trotz aller gegenteiliger Meinungen und beispielsweise
abnehmender Wahlbeteiligungen, das Interesse an der Gestaltung der
Gesellschaft weiter zunehme. Dabei würden die meisten dieser
Netzwerke sich zu Themen bilden, welche die konkrete Gestaltung
des Alltags beträfen. Im Nachhinein ist es auffällig,
wie sehr die sich eher zufällig etablierende Initiative, letztlich
die Beobachtungen von Stehr bestätigt.
Eine Besonderheit der Initiative für die Jerusalem-Bibliothek
war die Betonung der sozialintegrierenden Funktion von Bibliotheken.
Die Bibliothek würde einen geschützten Raum bieten, wobei
ein solcher Raum an ihrem Standort notwendig sei. Hierbei befand
sich das Bezirksamt in einer eigentümlichen Lage. Der Kiez,
in dem die Bibliothek liegt, ist aufgrund seiner sozial schwierigen
Lage ein Quartiersmanagementgebiet. Das Quartiersmanagement, das
sich hauptsächlich um die Etablierung sozialer Strukturen,
einen funktionierenden Kiez und die Beteiligung von Bürgerinnen
und Bürgern kümmern soll, wird finanziell von der Senatsverwaltung
für Stadtentwicklung und dem Bezirksamt von Mitte getragen.
Es sprach sich, seinem Auftrag gemäß, gegen die Schließung
der Bibliothek aus. Gleichzeitig wurde bei den Argumentationen für
die Schließung der Bibliothek deren Umfeld nicht thematisiert.
Die Initiative griff dieses Thema auf und etablierte damit in der
Berichterstattung und den Diskussionen um die Schließung einen
Zusammenhang zwischen den aktuellen Debatten um die zunehmende soziale
Polarisierung, das deutsche Bildungssystem und die dagegen steuernde
Funktion der Bibliothek.
Der Kiez um die Jerusalem–Bücherei
hat in besonderer Weise mit einer sozial schwierigen Situation zu
kämpfen. Die Kinder in unserem Bezirk stammen zu großen
Teilen aus sog. bildungsfernen Schichten. Rund zwei Drittel der
Weddinger Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren lebt von staatlichen
Transfereinkommen.-->Tendenz steigend (Monitoring Soziale Stadtentwicklung
2007).
Ihre Startbedingungen sind also sehr viel schlechter
als die von Kindern, deren Eltern sie intensiv fördern und
unterstützen können. Viele Kinder aus dem Kiez besuchen
die Bücherei ohne ihre Eltern. Diese Kinder würden den
weiteren Weg (1000m, d. h. ca. 20 min. Fußweg, große
Kreuzung, sehr dunkle Zugangssituation) in die Luise [gemeint ist
die Bibliothek am Luisenbad, in welche die Jerusalem-Bibliothek
integriert werden soll, K.S.] nicht auf sich nehmen.
Diese auch in der aktuellen PISA-Studie
angesprochene Bildungsungerechtigkeit auszugleichen muss das Ziel
der Politik sein. Es geht um die Verbesserung der Lebens- und Bildungschancen
von Kindern.[Fn31]
Es wird wissentlich verschleiert und beschwichtigt.
Es wird nicht offen darüber geredet, dass
es hier eigentlich um 90.000 Euro geht, die eingespart werden sollen.
Es wird nicht offen darüber geredet, was
dies [die Schließung der Bibliothek, K.S.] für den bildungsärmsten
Bezirk von Berlin bedeutet und welche Folgekosten das nach sich
ziehen wird.
Es wird nicht offen darüber geredet, dass
an der Luise, das Drogenproblem existiert, welches man gerade am
Nauener Platz [dem Standort der Jerusalem-Bibliothek, K.S.] -Hand
in Hand Politik und Bürger - losgeworden ist. Es wird nicht
offen darüber geredet, das vor nicht allzu langer Zeit 1-Euro
Kräfte die kleine Pankebrücke an der Luise sichern mussten,
weil dort Kinder und Jugendliche überfallen wurden.
Dass wohl kaum ein Kind an dunklen Winternachmittagen
den karg beleuchteten Zugang zur Luise gehen wird. Dass Kinder und
Jugendliche nicht einfach mal so in einen anderen Kiez gehen: Entweder
weil sie kein Geld für öffentliche Verkehrsmittel haben.
Oder ganz einfach, weil sie Angst davor haben ein fremdes Terrain
zu betreten, wie Studien belegen. [Fn32]
Obwohl das Thema durch die lokalen Gegebenheiten nahe lag, ist es
doch auffällig, dass die Initiative es schaffte, gesellschaftliche
Debatten, welche sich auch mit der Frage beschäftigen, wie
die Gesellschaft gestaltet sein soll, konsistent mit der Arbeit
der Bibliothek zu verbinden. Die damit implizit angesprochene Aufgabe
der Bibliothek als soziale, in der Kiezentwicklung engagierte Einrichtung
geht inhaltlich über das allgemeine Aufrufen von nicht näher
beschriebenen kulturellen und bildungsfördernden Aufgaben hinaus.
Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek
/ Ehrenamt als Übergangslösung
Als einzige der drei Initiativen hat sich die
Initiative Pro Kiez[Fn33]
für die Kurt-Tucholsky-Bibliothek im Prenzlauer Berg entschieden,
die vor der Schließung stehende Bibliothek letztlich in ehrenamtlicher
Betreuung weiter fort zu führen.[Fn34]
Diese Entscheidung war allerdings nicht unumstritten und ist mit
einer Reflexion bibliothekarischer Anforderungen und den potentiellen
Problemen des Ehrenamtes verbunden.[Fn35]
Ein Spezifikum von Pro Kiez war der enge Kontakt zur Bezirkspolitik
und das zielbewusste Vorgehen. In Erscheinung trat die Initiative,
als von der ansässigen Betroffenenvertretung aufgrund der bevorstehenden
Schließung der Bibliothek eine Versammlung organisiert und
auf dieser beschlossenen wurde, die Einrichtung zu besetzen.[Fn36]
Grundmotivation der Besetzung war, den Abtransport
der Infrastruktur und des Bestandes zu verhindern. Allgemein herrschte
die Ansicht vor, dass nach einer Räumung der Bibliothek die
Wiedererrichtung praktisch unmöglich wäre. Dabei war die
Initiative geprägt von einer Mischung aus Engagierten mit langer
und vielfältiger politischer Erfahrung, welche in der Bezirkspolitik
und dem betroffenen Bötzowkiez verankert waren und direkte
und indirekte Kontakte in die Verwaltung des Bezirksamtes, den meisten
in der BVV vertretenen Parteien und zahlreichen im Bezirk arbeitenden
gesellschaftlichen Organisationen aufgebaut hatten und Engagierten,
welche sich bislang nicht bezirkspolitisch engagierten. Zudem war
ein Vorteil der Initiative, dass einige der Aktiven wegen ihrer
beruflichen und politischen Biographie im Umgang mit der Presse
geübt waren.[Fn37]Diese
Mischung scheint außerordentlich produktiv gewesen zu sein,
insbesondere durch das Zusammenspiel von Aktiven, welchen die Arbeit
Öffentlicher Verwaltungen bekannt war und andererseits Engagierten,
die von dieser Verwaltung möglichst schnelle und konkrete Aussagen
und Entscheidungen forderten.
Trotzdem eine große Zahl der Aktiven auf
ein politische Biographie zurückblicken kann, in die sich die
Auseinandersetzungen um die Bibliothek einfügte, zeigte sich
durch den Einfluss des großen Teils bisher eher wenig politisch
Engagierter [Fn38]
auch bei Pro Kiez eine bislang in Protesten für Bibliotheken
ungewohnte Radikalität im Vorgehen und den Ansprüchen
an die bezirkliche Politik und Verwaltung.[Fn39]
Schon die weiter oben geschilderte Initiative
für die Jerusalem-Bibliothek hatte sich intensiv darum bemüht,
aktuelle Informationen im betreffenden Kiez durch den Einsatz von
kopierten Informationszetteln, welche in kleineren Läden und
Einrichtungen ausgelegt respektive aufgehangen wurden, zu verbreiten.
Pro Kiez setzte dieses Mittel intensiv ein. Jede Veranstaltung der
Initiative und mehrere Aufrufe, sich an den Protesten und späterhin
der ehrenamtlichen Erhaltung der Bibliothek zu beteiligen, wurden
im gesamten Kiez und den angrenzenden Gebieten auf diese Weise verbreitet.[Fn40]
Grundsätzlich verstand die Initiative die
Bibliothek als kiezbezogene Einrichtung, über welche im Quartier
berichtet werden müsse. Diese Arbeitsweise führte zu einer
Etablierung der Initiative im Kiezleben. Ein grundsätzlicher
Konflikt der Initiative war die Haltung zum betreffenden Bezirksamt.
Der verantwortliche Stadtrat wurde, nachdem er die Entscheidung
bekannt gab, die Kurt-Tucholsky- Bibliothek und die Bibliothek im
Elias-Hof zu schließen, in mehreren Presseartikeln mit der
Aussage zitiert, dass er selber und der Bezirk allgemein die Bibliotheken
gar nicht schließen wolle.[Fn41]
Im Zuge der BVV, auf der die Schließung beschlossen wurde,
erhielt Pro Kiez beispielsweise die Aufwertung, dass offiziell und
mit Unterstützung des Bezirksrates eine Arbeitsgruppe gebildet
wurde, welche mit der Initiative zusammen ein neues Nutzungskonzept
für die Bibliothek ausarbeiten sollte.[Fn42]
Solches formale Vorgehen erzeugte bei einigen Engagierten, die mit
den Vorgehensweisen in der Bezirkspolitik kaum bekannt waren, teilweise
den Eindruck, hingehalten zu werden. Ihre sehr konkreten Vorstellungen
und Fragen wurden ihrer Meinung nach nur ungenau, langsam und teilweise
erst nach dem Aufbau von öffentlichem Druck ernst genommen.
Diese Wahrnehmung wurde von den Engagierten mit größer
bezirkspolitischer Erfahrung relativiert, welche die Vorgänge
in der bezirklichen Verwaltung und Politik, im Rahmen des Möglichen,
überwiegend positiv beurteilten.
Die Überzeugung, dass grundsätzlich der
Staat bzw. die Kommunen oder Bezirke für die Aufrechterhaltung
eines funktionstüchtigen Bibliothekssystems verantwortlich
wären, durchzog die Argumentation von Pro Kiez und wurde auch
nach der Entscheidung, die Bibliothek ehrenamtlich zu führen,
aufrecht erhalten. Erst nach längeren Debatten wurde von den
Engagierten beschlossen, diese Aufgabe zu übernehmen. Das Ehrenamt
wurde sowohl allgemein, als auch speziell auf die Bibliothek bezogen,
zwiespältig gesehen.
Zwei Gefahren wurden besonders betont. Erstens
bestehe die politische Tendenz, stattliche Aufgaben zu privatisieren[Fn43],
also aus der stattlichen Verantwortung herauszunehmen. Die erfolgreiche
Übernahme einer weiteren Bibliothek könnte diese Tendenz
unterstützen. Pro Kiez versteht sein Engagement hingegen als
Übergangslösung, bis zu einem Zeitpunkt, an dem der Bezirk
wieder in der Lage sei, die Bibliothek selbstständig zu tragen.
Die jetzt angestrebte Lösung, bei der vom Bezirk die Kosten
für die Räume, den Bestand und das Ehrenamt getragen und
dafür der Verein die Bibliothek betreiben soll, waren nicht
das Ziel der Proteste.[Fn44]
Die mit dieser möglichen Lösung einhergehenden Mängel
wurden eindeutig benannt. Einzig, weil ansonsten keine realistische
Möglichkeit gesehen wurde, die Bibliothek zu erhalten, wurde
das Konzept auf der Basis ehrenamtlichen Engagements vorangetrieben.[Fn45]
Zweitens wurde von Beginn an betont, dass die Übernahme
aller bibliothekarischen Aufgaben durch Ehrenamtliche nicht möglich
sei und dies deshalb zu einer Qualitätsreduzierung führen
müsse. Explizit wurde die Bibliothek nicht als reine Medienausleihe,
sondern als komplex arbeitende Einrichtung wahrgenommen. Gegenstand
der Forderungen an den Bezirk waren deshalb ebenfalls seit der ersten
Formulierung des Konzeptes, neben dem Unterhalt der Räume und
einem Medienetat, die Unterstützung durch das bezirkliche Bibliothekssystem,
beispielsweise bei der Titelaufnahme, dem Bestandsaufbau und der
Bestandssicherung, der Makulatur, dem Umgang mit dem Computersystem
und der Leseförderung für Kinder und Jugendliche.
Jederzeit Musik, Bibliothek
im Eliashof / Eigensinnigkeit der Aktiven
Die Initiative für die Bibliothek im Eliashof
„Jederzeit Musik“ war von den drei besprochenen
Initiativen die bislang am wenigsten erfolgreiche. Dennoch bestand
sie als Struktur länger, als die beiden anderen Initiativen
und spiegelt gerade mit ihren Transformationen die unterschiedlichen
Konzepte von möglichen Formen gesellschaftlicher Unterstützung
für Bibliotheken wider. Gleichzeitig steht sie, wenn auch nicht
in ihrer Gesamtheit, bei diesen Protesten für eine mögliche
Radikalposition. Begründet wurde die Initiative als –
bislang nicht rechtskräftig eingetragener – Verein von
ehrenamtlich Helfenden der Bibliothek.[Fn46]
Zielsetzung war, das Veranstaltungsangebot der Bibliothek zu ergänzen,
was offenbar Ende 2006 und Anfang 2007 auch passierte. Seit Ende
Mai 2007 war die Bibliothek in ihrer Existenz bedroht.[Fn47]
Im Juni und Juli begann die Initiative damit, sich von einem helfenden
Freundeskreis, wie er in zahlreichen Bibliotheken und anderen Einrichtungen
wie Schulen und Kindergärten in den letzten Jahren etabliert
wurde, zu einer Initiative zu wandeln, die versuchte, die Bibliothek
zu erhalten und gleichzeitig über deren zukünftige Gestaltung
zu debattierten.
Es kristallisierten sich hierbei zwei widerstreitende
Positionen heraus: Vertreterinnen und Vertreter beider Positionen
waren daran interessiert, die Bibliothek funktionsfähig zu
halten. Die erste Position, welche im Nachhinein von den Engagierten
mit der damaligen Leiterin der Bibliothek identifiziert wird, auch
wenn sie diese nicht alleine vertrat, wollte die Bibliothek durch
den Einsatz ehrenamtlicher Kräfte in möglichst vielen
Bereichen, allerdings unter der Anleitung mindestens einer Bibliothekarin,
erhalten. Die andere Position, welche lange Zeit die Meinung der
Initiative dominiert zu haben scheint, bezeichnete den Betrieb und
die Unterhaltung von Bibliotheken als grundsätzliche Aufgaben
der Politik.[Fn48]
Engagierte, die diese Position vertraten, waren deshalb nicht bereit,
sich über die schon geleistete Arbeit hinaus für die Bibliothek
einzusetzen. Der Streit zwischen diesen beiden Positionen, welcher
offenbar nicht nur inhaltlich geführt wurde, reduzierte letztlich
die politische Effektivität des Vereins. Dabei muss betont
werden, dass auch die Engagierten, welche sich einer größtenteils
ehrenamtlich geführten Bibliothek widersetzten, nicht generell
ein ehrenamtliches Engagement für diese ablehnten. Vielmehr
hatten sie sich gerade dazu bereit gefunden und waren dabei, für
diese Unterstützung offiziell einen Verein zu begründen.
Die zumindest nach außen hin relativ kompromisslose
Haltung gegenüber der Politik wurde bis zur faktischen Schließung
der Bibliothek Ende Dezember 2007 durchgehalten. Im Januar 2008
fanden sich dann mit der Betroffenenvertretung Helmholtzplatz und
anderen Personen neue Aktive, die den Protest wieder belebten und
deren Inhalt beeinflussten.
Der Verlauf dieser Proteste kann hier noch nicht
geschildert werden. Interessant an der Argumentation des Vereins
ist dabei die Bewertung des Ehrenamtes. Diese fand sich ebenfalls
bei den anderen beiden Initiativen, aber nirgends so stark expliziert.
Es wurde eine Verbindung gezogen zwischen der politisch gewollten
und forcierten Ausweitung des Ehrenamtes und dem gleichzeitig wahrgenommenen
Abbau kultureller und sozialer Leistungen, sowie der Entstaatlichung
von als gesellschaftlich notwendig angesehener Infrastruktur. In
diesem Kontext wurde gerade von den Engagierten, welche sich kompromisslos
gegenüber der Politik zeigten, die Förderung des Ehrenamtes
als Strategie der Politik wahrgenommen, sich aus sozialen Funktionen
zurückzuziehen und den Betrieb gesellschaftlich und kulturell
relevanter Einrichtungen an die Betroffenen selbst zu überantworten.
Nicht die Aufgabe des Staates übernehmen zu wollen, war eine
durchgängig aufgerufene Argumentation. Gleichzeitig war den
Engagierten eine eigenverantwortliche ehrenamtliche Tätigkeit
nicht fremd. Die bei Pro Kiez als mögliche Gefahr gesehenen
kontraproduktiven Effekte des Ehrenamtes, wurden bei Jederzeit Musik
als Teil einer wirkungsmächtigen politischen Strategie wahrgenommen.[Fn49]
Insoweit lautete die Kritik nicht, dass das Ehrenamt an sich falsch
wäre. Auch wurde einer allgemeinen Förderung solcher Tätigkeiten
nicht widersprochen. Dennoch kristallisierten sich zwei Forderungen
an ehrenamtliche Tätigkeiten heraus: Erstens solle ehrenamtliche
Arbeit keine vorhandenen Arbeitsplätze ersetzen und zweitens
sollten ehrenamtliche Tätigkeiten von den Engagierten –
wenn auch fraglos in Absprache mit anderen – autonom bestimmt
werden können.
Gerade die interne Auseinandersetzung um das
Konzept einer ehrenamtlich geführten Bibliothek war wiederum
Teil der gesellschaftlichen Debatten um Lebensqualität. Nicht
das Ehrenamt an sich stand zur Disposition, sondern die Frage, wer
die jeweiligen Tätigkeiten bestimmt. Mehr als einmal kam während
der Proteste die Meinung auf, dass staatlich nur das Ehrenamt gefördert
würde, welches entweder ehemals staatliche Aufgaben übernehmen
oder die allgemeine Politik nicht kritisieren würde.[Fn50]
Auch hieran scheiterte letztlich das Konzept, aus dem Freundeskreis
der Bibliothek einen Verein von ehrenamtlich Helfenden zu formen.
Solche Freundeskreise und ähnliche Initiativen
können, so wurde es bei Jederzeit Musik sichtbar, immer auch
ein Eigenleben entwickeln und sich letztlich der ihnen von den Bibliotheken
zugeschriebenen Aufgaben entziehen oder diese zumindest für
sich neu definieren. Dies ist für das Funktionieren einer demokratischen
Gesellschaft elementar, auch wenn es manche Entwürfe zum Einsatz
von Ehrenamtlichen zunichte macht.
Bibliothek im Blickwinkel
gesellschaftlich Engagierter
Die Proteste für die drei kleineren Bibliotheken
in Berlin haben gezeigt, dass sich die Gesellschaft bzw. das gesellschaftliche
Engagement verändert und mit ihr die politische Umgebung, in
der sich Bibliotheken als gesellschaftlich relevante Einrichtungen
verorten müssen. Ebenso hat sich in den Protesten angedeutet,
dass die aus der Gesellschaft heraus an Bibliotheken gestellten
Anforderungen zumindest zum Teil andere sind, als die in bibliothekarischen
Debatten und Positionspapieren – beispielsweise dem oben angeführten
Bibliotheksentwicklungsplan Mitte oder dem Projekt ‚Bibliothek
2007’ – dargestellten. Die kontinuierlich betonten Themen
Bildung, Kultur und egalitäre Ausrichtung von Bibliotheken
wurden zwar ebenso von den Engagierten bei ihren Argumentationen
angeführt. Die Haltung zu den von Seiten der Bibliotheken oft
betonten Aufgaben, die digitale Spaltung zu überwinden und
Medien- und Informationskompetenz zu fördern, war demgegenüber
bei den Engagierten schon nicht mehr eindeutig. Wichtiger waren
ihnen die Vermittlung von Lesefreude – nicht unbedingt der
Lesekompetenz – sowie der freie Zugang zu Büchern und
anderen Medien. Leicht wäre es, dies als überkommene Vorstellungen
abzuqualifizieren, welche an der gesellschaftlich notwendigen Aufgabenerfüllung
von Bibliotheken im Informationszeitalter vorbeigehen würden.
Allerdings würde man damit verkennen, dass die Engagierten
sich gerade wegen dieser Vorstellungen für die Bibliotheken
einsetzten und dies offenbar als deren vorrangige und unbestreitbare
Aufgabe ansahen. Die immer wieder eingeforderte Festschreibung von
Bibliotheken als Teil einer Bildungsinfrastruktur war für sie
auch ohne Bibliotheksgesetz gegeben.[Fn51]
Interessant ist, dass alle drei Initiativen
weitere Vorstellungen formulierten. Zumindest kleinere Bibliotheken
wurden als notwendiger Teil einer kiezbezogenen Infrastruktur verstanden,
deren Unterhaltung – ähnlich wie die von Schulen oder
Kindertageseinrichtungen[Fn52]–
grundsätzliche Aufgabe der Politik sei. Die Bibliotheken wurden
als Teil eines lebenswerten Stadtteils verstanden, welche, weit
über ihre Funktion als Anbieter von Medien hinausgehend, einen
lokalen Kultur- und Kommunikationsraum darstellen würden. Insbesondere
bei der Jerusalem-Bibliothek wurde zudem auf die spezifische Situation
der Bibliothek hingewiesen, die für Kinder und Jugendliche
einen geschützten Freizeitraum darstellen würde, welcher
bildungsnäher wäre, als Jugendclubs, aber dennoch anders
besetzt seien, als der explizite Lernort Schule. Bezeichnend ist
zudem, dass sich alle drei Initiativen explizit als überparteilich
verstanden und damit zeigten, dass sie Bibliotheken als ein gesamtgesellschaftliches
Thema ansahen.[Fn53]
Das nahezu gleichzeitige Auftreten dieser Initiativen
mag Zufall gewesen sein, obwohl man sich bei näherer Beschäftigung
nicht des Eindrucks erwehren konnte, dass sie Teil einer erheblichen
Zunahme von gesellschaftlichen Konflikten waren. Die Argumentationen
und Vorgehensweisen der Initiativen hingegen fügten sich zum
großen Teil in einen gesellschaftlichen Trend ein, der durch
die Betonung der Lebensqualität, der Aktivierung lokaler Gemeinschaften,
einer reflektierenden Haltung gegenüber politischen Strukturen
und deren Forderungen und gleichzeitig aktiver und vielfältiger
Nutzung von Informationsmitteln gekennzeichnet ist.
Zugespitzt könnte man behaupten, dass sich in
diesen Protesten eine neue Form von Zivilgesellschaft andeutete,
welche – neben den bekannten Forderungen der Politik und Wirtschaft,
auf die Bibliotheken seit langem versuchen einzugehen – den
Bibliotheken andere Anforderungen entgegen hielten. Dafür waren
die Engagierten allerdings auch bereit, sich intensiv für Bibliotheken
einzusetzen. Höchstwahrscheinlich werden Bibliotheken zunehmend
mit diesen Trends konfrontiert.
Bei den hier besprochenen Protesten zeigten
sich vor allem die sich dadurch ergebenden Möglichkeiten. Die
Auseinandersetzungen innerhalb von Jederzeit Musik deuteten zugleich
mögliche Konfliktpunkte an. Engagierte haben ihre eigenen leitenden
Vorstellungen von ihrem Engagement und den Aufgaben von Bibliotheken.
Zudem zeigte die Auseinandersetzung um die Jerusalem-Bibliothek,
dass eine grundsätzliche Frage nicht beantwortet ist, nämlich
für wen Bibliotheken existieren sollen. Das Kulturamt nahm
die Bevölkerung des gesamten Bezirks als potentielle Bedarfsgruppe,
die Initiative betonte die lokalen Bedürfnisse. Diese Debatte
ist nicht neu, schien bislang aber zumindest in Berlin beantwortet
zu sein. Das weithin wahrgenommene und unterstützte Auftreten
der Initiative deutet allerdings darauf hin, dass dieser Eindruck
aus der verwaltungstechnischen Ebene eventuell trügt. Wichtig
erscheint, dass die Orientierung auf lokale Erhaltung oder Verbesserung
der Lebensqualität und die Arbeit von temporären Netzwerken,
die sich für ihre Praxis den Paradigmen und Technologien der
Informationsgesellschaft bedienen, nicht nur für Bibliotheken
beobachtet werden kann.[Fn54]
Die spezifischen Informations- und Organisationsbedürfnisse
solcher Engagierter werden sich gerade auf die Arbeit kleinerer
Bibliotheken auswirken. Die auch bisher oft betonte Aufgabe von
Bibliotheken, Archiv der lokalen Geschichte zu sein, wird eine andere
Bedeutung annehmen.
Das Interesse an den Vorgängen im Kiez und der
Kommune wird allgemein wachsen. Bibliotheken könnten sich durch
eine aktive Informationsbeschaffung, beispielsweise mit abrufbaren
Sammlungen zur kommunalen Politik und kommunal aktiven Initiativen
unterschiedlicher Organisationsform, ein Themenfeld erarbeiten,
das zu einer besseren Positionierung ihrer selbst in der lokalen
Gemeinschaft beitragen kann.
Im Besonderen zeigte sich während der Arbeit
der Initiativen ein verstärktes Interesse an den Funktionsweisen
der öffentlichen Verwaltung und Politik, letztlich vor allem
an der Frage, welche Stelle oder Einzelperson welche Aufgaben übernommen
hat und für welche Entscheidung verantwortlich ist. Zum relativ
großen Erfolg von Pro Kiez und der Initiative für die
Jerusalem-Bibliothek trug offenbar auch bei, dass Engagierte dieser
Initiativen jeweils ein Weblog einrichteten und kontinuierlich betrieben.[Fn55]
Die Beherrschung solcher Angebote und auch der elaborierte Umgang
mit Textverarbeitungs- und Graphiksoftware hat sich bei diesen Informationsangeboten
bewährt. Bibliotheken haben sich oft zugeschrieben, auch diese
Fähigkeiten zu fördern, obwohl dies zumeist in den Kontext
beruflicher Anforderungen gestellt wurde. Bei den hier diskutierten
Initiativen mag ersichtlich geworden sein, dass die tatsächliche
Wahrnehmung dieser Aufgabe unter anderem dazu beitragen kann, demokratische
und partizipative Prozesse zu ermöglichen und zu fördern.
Literatur
[Alle Links wurden zuletzt am 18.02.2008 aufgerufen.]
Anonym (2007a) Die Jerusalem-Jugendbibliothek
soll schließen! (Unterschriftenliste): http://bibliothek.blogsport.de/images/Flugblatt_BiB_deutsch.PDF
Anonym (2007b) Eure
Bibliothek wird geschlossen! Helft mit, damit das nicht passiert!
(Flugblatt): http://bibliothek.blogsport.de/images/Kinderflyer.pdf
Bezirksverordnetenversammlung Pankow von Berlin
(2007) Auflösung der bezirklichen Einrichtungen Stadtteilbibliotheken
Esmarchstr.18 (Kurt-Tucholsky-Bibliothek) und Senefelderstr. 6 (Bibliothek
im Eliashof). Durcksache VI-0310. Berlin, Bezirksverordnetenversammlung
Pankow von Berlin
Bröckling, Ulrich / Krasmann, Susanne /
Lemke Susanne [Hrsg.] (2004) Gouvernementalität der Gegenwart.
Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt am Main,
Suhrkamp, 3. Auflage
Burchell, Graham / Gordon, Colin / Miller,
Peter [Hrsg.] (1991) The Foucault effect. Studies in Governmentality.
With Two Lectures by and an Interview with Michel Foucault. Chicago,
Chicago University Press
Bürgerinitiative `Nein zur Schliessung
des Kulturstandortes Eliashof` (2007) / Stop[p] dem Kulturabbau
in Berlin! [Flugblatt]
Dean, Mitchell (1999) Governmentality. Power
and Rule in Modern Society. London / Thousand Oaks / New Delhi,
SAGE Publications
Delhey, Jan (2004)
European Social Integration. From convergence of countries to transnational
relations between peoples. WZB Berlin, discussion papers, 2004-01:
http://skylla.wzb.eu/pdf/2004/i04-201.pdf
DGB-Index Gute Arbeit (2007) DGB-Index
Gute Arbeit 2007 - Der Report. Wie die Beschäftigten die Arbeitswelt
in Deutschland beurteilen, was sie sich von Guter Arbeit erwarten.
Berlin, Servicestelle DGB-Index Gute Arbeit: http://www.dgb-index-gute-arbeit.de/dgb-index_2007/die_ergebnisse_2007/data/diga_report_07.pdf
Fahrenkrog, Marc (2007a) Redezeit Marc
Fahrenkrog, Hauptausschuss [BVV Berlin-Mitte] 12.12.2007: http://bibliothek.blogsport.de/images/RedeZeit_HA_Marc.pdf
Fahrenkrog, Marc (2007b) Sehr geehrter
Herr Bundespräsident [Offener Brief, 19.11.2007: http://bibliothek.blogsport.de/images/BriefBundesprsident.pdf
Friebe, Holm / Lobo, Sascha (2006) Wir nennen
es Arbeit. Die digitale Boheme oder: Intelligentes Leben jenseits
der Festanstellung. München, Wilhelm Heyne.
Hamann, Andreas / Giese, Gudrun (2005) Schwarz-Buch
Lidl: billig auf Kosten der Beschäftigten. Berlin, ver.di
Jordan-Bonin, Eva von (2008) Ehrenamt –
ja bitte! Schulbibliothekarische Arbeitsstelle der Stadtbücherei
Frankfurt am Main als Best-Practice-Beispiel. In: BuB 60 (2008)
02, S. 138-140
kulturamt mitte (2005) Bibliotheksentwicklungsplan
Mitte: http://www.berlin.de/imperia/md/content/citybibliothek/service/pdf/bibliotheksentwicklungsplan.pdf
Lemmnitz, Klaus (2007) Keine Schließung
von Stadtteilbibliotheken in Pankow (Rede vor der Bezirksverordnetenversammlung
Pankow): http://prokiez.wordpress.com/2007/11/21/keine-schliessung-vonstadtteilbibliotheken-in-pankow/
Lutze, Doreen (2007) Bibliothekarischer Service
für Patienten im Krankenhaus. Patientenbibliotheken im Spannungsfeld
von Gesundheitspolitik und Informationsgesellschaft. Magisterarbeit
zur Erlangung des akademischen Grades Magistra Artium (M.A.) im
Fach Bibliothekswissenschaft. Berlin, Humboldt-Universität
zu Berlin, Philosophische Fakultät I, Institut für Bibliotheks-
und Informationswissenschaft
Menxel, François van (2007) Die Blindenbücherei
in Deutschland. Sozialer Auftrag und strukturelle Defizite. In:
Kaden, Ben / Kindling, Maxi [Hrsg.]. Zugang für alle –
Soziale Bibliotheksarbeit in Deutschland. Berlin : BibSpider, 2007,
S.110-132
Merz, Susanne / Arndt, Jörg (2004) Im Strudel
der städtischen Finanzkrise: „Hart am Wind“: Berliner
Öffentliche Bibliotheken vor dem Strukturwandel. In: BuB 56
(2004) 4, S.290-294
Nickens, Bradley Harrison (2004) Postmaterialism
and Democracy: What Does the Postmaterialist Value Shift Mean for
Democracy? Thesis Submitted to the faculty of the Virginia Polytechnic
Institute and State University in partial fulfillment of the requirements
for the degree of Masters of Arts in Political Science. Blacksburg,
Virginia, Virginia Polytechnic Institute and State University: http://scholar.lib.vt.edu/theses/available/etd-05082004-115347/unrestricted/NickensThesis.pdf
Nowotny, Helga / Scott, Peter / Gibbons, Michael
(2001) Re-Thinking Science. Knowledge and the Public in an Age of
Uncertainty. Cambridge, Polity Press.
Pro Kiez (2007) Brief an das Abgeordnetenhaus
[06.12.2007]: http://prokiez.wordpress.com/2007/12/06/brief-an-das-abgeordnetenhaus/
Rechnungshof von Berlin (2007) Einsparpotenziale
im System der bezirklichen Bibliotheken. In: ders. Jahresbericht
2007. S. 67-78: http://www.berlin.de/imperia/md/content/rechnungshof2/jahresbericht_2007.pdf
Reckling-Freitag, Kathrin (2007) Strukturveränderungen
in der Deutschen Krankenhauslandschaft und die Auswirkungen auf
die Arbeit der Krankenhausbüchereien. In: Kaden, Ben / Kindling,
Maxi [Hrsg.]. Zugang für alle – Soziale Bibliotheksarbeit
in Deutschland. Berlin, BibSpider, 2007, S.162-168
Reiser, Michael (2008) „Bibliothek 2007“
und die Folgen. Überlegungen zu einer bibliothekspolitischen
Neupositionierung in der Ehrenamtsdiskussion. In: BuB 60 (2008)
02, S. 126-130
Schneider, Ronald (2008) Unterwegs zu einer
neuen Lernkultur. Pisa, Schulbibliotheken und ehrenamtliches Engagement.
In: BuB 60 (2008) 02, S. 134-137
Schweers, Tom (2008) Erklärung vom
24.01.08 von Tom Schweers zur Jerusalem-Jugendbibliothek: http://bibliothek.blogsport.de/images/Erklaerung_TomSchweers_28_Jan_08.pdf
Schweers, Tom (2007) Rede von Tom Schweers
auf der Kundgebung der Demo am 30.11.2007: http://bibliothek.blogsport.de/images/Rede_Kundgebung_30Nov07.pdf
Seifert, Hartmut (2007) Arbeitszeit –
Entwicklungen und Konflikte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte
04-05/2007, S. 17-24: http://www.bpb.de/files/HM99TD.pdf
Seifert, Hartmut [Hrsg.] (2005) Flexible Zeiten
in der Arbeitswelt. Frankfurt am Main, Campus
Siebter Familienbericht (2005) Familie
zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven
für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik. Berlin, Bundesministerium
für Familien, Senioren, Frauen und Jugend:
http://www.sozialpolitik-aktuell.de/docs/BMFSFJ_7.Familienbericht.pdf
Sprengel, Rainer [Hrsg.] (2007) Philanthropie
und Zivilgesellschaft. Ringvorlesung des Maecenata Institus für
Philanthropie und Zivilgesellschaft an der Humboldt-Universität
zu Berlin. Frankfurt am Main u.a., Peter Lang
Stehr, Nico (2007) Die Moralisierung der Märkte.
Eine Gesellschaftstheorie. Frankfurt am Main, Suhrkamp
Stehr, Nico (2006) Eine Welt aus Wissen. In:
Fatke, Reinhard / Merkens, Hans [Hrsg.]. Bildung über die Lebenszeit.
Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 97-110
Stehr, Nico (2000) Die Zerbrechlichkeit moderner
Gesellschaften. Die Stagnation der Macht und die Chancen des Individuums.
Weilerswist, Velbruck
Strzolka, Rainer (2008) „Wir deprofessionalisieren
uns selbst!“. Befristete Stellen, Niedriglohn, Ehrenamt. Rainer
Strzolka prangert die Prekarisierung bibliothekarischer Arbeit an.
In: BuB 60 (2008) 02, S. 148
Umlauf, Konrad (2007) Impulse, Wege und Möglichkeiten
– notwendige Profilierungen auf dem Weg zu einem stabilen
und wirtschaftliche organisierten Bibliotheksnetz in Sachsen-Anhalt.
In: Mitteilungsblatt der Bibliotheken in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt,
136/2007, S. 29-32
Vogt, Ludgera (2005) Das Kapital der Bürger.
Theorie und Praxis zivilgesellschaftlichen Engagements. Frankfurt
am Main, New York, Campus
Wilensky, Harold L. (2003) Postindustrialism
and Postmaterialism? A Critical View of the "New Economy",
the "Information Age", the "High Tech Society",
and All That. WZB Berlin, discussion papers, 2003-201: http://skylla.wzb.eu/pdf/2003/i03-201.pdf
[Fn 1] Die
folgenden Ausführungen zur Arbeit der Initiativen basierten
einerseits auf einer, wenn auch nicht kontinuierlich durchgeführten,
teilnehmenden Beobachtung durch den Autor und anderseits auf fokussiert-narrativen
Interviews mit Michael Hauke (Jederzeit Musik, aktiv für die
Bibliothek im Elias-Hof), Tom Schweers (aktiv für die Jerusalem-Bibliothek),
Peter Venus (Pro Kiez, aktiv für die Kurt-Tucholsky-Bibliothek)
und Dr. Michail Nelken (Bezirksstadtrat von Berlin-Pankow und Leiter
der Abteilung Kultur, Wirtschaft und Stadtentwicklung). Für
die von Ihnen aufgebrachte Zeit, sowie die Unterstützung der
anderen Aktiven mit weiteren Informationen, möchte ich mich
noch einmal bedanken. (zurück)
[Fn
2] „Bibliotheken“ meint
in diesem Artikel Öffentliche Bibliotheken. (zurück)
[Fn
3] Hier ist nicht der Platz, die
spezifische Form der Finanzierung der Berliner Bezirke durch den
Berliner Senat vollständig darzustellen. In Ansätzen geschieht
dies weiter unten im Abschnitt zum Bibliotheksentwicklungsplan Mitte.
Das in den 1990er Jahren hauptsächlich wegen der Überschuldung
Berlins eingeführte Finanzierungsmodell ist beständiges
Diskussionsthema der Berliner Bezirkspolitik und der Arbeit aller
direkt oder indirekt von der Förderung durch die Bezirke abhängigen
Initiativen. Auch in den hier thematisierten Auseinandersetzungen
war das Thema der Bezirksfinanzierung omnipräsent. (zurück)
[Fn
4]Vgl. u.a. Wilensky (2003), Nickens (2004), Delhey (2004). (zurück)
[Fn
5] Beispielsweise wurde ein Antrag, dass Bürgergeld als Ziel
von Bündnis 90/Die Grünen festzuschreiben, auf der Bundesdelegiertenkonferenz
im November 2007 nur knapp abgelehnt (zurück)
[Fn
6]Dieser Trend ist hier schwierig nachzuweisen. Es geht darum, dass
nicht mehr nur die bekannten Akteure, wie beispielsweise eine große
Anzahl der Allgemeinen Studierendenausschüsse, die GEW oder
pädagogische Interessenverbände, eine solche Kritik formulieren,
sondern diese stetig zum Allgemeingut breiterer Gesellschaftsschichten
zu werden scheint. Als Hinweis mag gelten, dass die Gewerkschaft
ver.di Ende 2007 offiziell die Zusammenarbeit mit der Bertelsmann-Stiftung
suspendierte, bis sie sich über die Auswirkungen der Politik
dieser Stiftung klar geworden sei. Die Bertelsmann-Stiftung hatte
seit ihrem Bestehen, aber offenbar seit den 1990er Jahren verstärkter
und erfolgreicher, die Grundthese vertreten, dass Methodiken aus
der unternehmerischen Praxis und betriebswirtschaftlichen Forschung
auch in nicht-unternehmerischen Bereichen der Gesellschaft zu einer
besseren Praxis führen würden. Dabei war die Stiftung
in den letzten Jahren hauptsächlich im Bildungsbereich aktiv.
Ein weiteren Hinweis ist, dass im hessischen Landtagswahlkampf 2007-2008
die Kritik an den unter dem Schlagwort G-8 bekannten Transformationen
des Gymnasialsystems, welche in diesem Bundesland von der Regierung
Koch vorangetrieben wurden, neben den Mindestlöhnen, dass wichtigste
Wahlkampfthema der Oppositionspartei SPD war. G-8 folgt der Überlegung,
dass Schülerinnen und Schüler möglichst schnell und
mit möglichst wenig Ausfallstunden ihre Schullaufbahn absolvieren
sollen. Die Kritik setzt an bei der pädagogischen Qualität
des Unterrichts, welche durch diese Transformation abnehmen würde
und der ebenfalls angeblich der
Lernqualität abträglichen Beschleunigung der Schullaufbahnen.
(zurück)
[Fn
7] Seifert (2005), Seifert (2007).
(zurück)
[Fn
8] Hamann / Giese (2005) (zurück)
[Fn
9] Siebter Familienbericht (2005), Kita-Bildungsserver Sachen -
http://www.kita-bildungsserver.de/
(zurück)
[Fn
10] DGB-Index Gute Arbeit (2007) - http://www.dgb-index-gute-arbeit.de/downloads/publikationen/data/Der%20Report%202007
(zurück)
[Fn
11] Es wurde argumentiert, dass der politisch unterstützte
Trend zum Ehrenamt mit einer zunehmenden Streichung von öffentlichen
Mitteln für Kultur-, Sozial- und ähnliche Angebote zusammen
fallen und deshalb zumindest zum Teil eher als Notbehelf, denn als
wirklich freiwillige gesellschaftliche Initiative zu verstehen sei.
Auch wenn dieses Argument – gerade im Bezug auf die in diesem
Text besprochenen Proteste – einiges für sich hat, muss
bedacht werden, dass auch solche Notbehelfe sich relativ selbst
bestimmt entwickeln und, gerade wenn sie über einen längeren
Zeitraum betrieben werden, oft über ihre ursprüngliche
Funktion hinauswachsen. So sind solche Strukturen, wie beispielsweise
im weiter unten beschriebenen Protest für die Jerusalem-Bibliothek
das betroffene Quartiersmanagement, oft eine Infrastruktur von Gegenbewegungen
zu politischen Entscheidungen oder gesellschaftlichen Entwicklungen.
Die Governmentality-Studies untersuchen sehr detailliert solche
Prozesse bei staatlich geförderten Projekten, die sich innerhalb
kurzer Zeit zu eigenständigen Machtfaktoren in politischen
Auseinandersetzungen mit ihren Initiatoren entwickeln können.
Die Gesellschaft und der Staat, so betonte Michel Foucault in seinen
grundlegenden Vorlesungen von 1977/1978 und 1978/1979, die letztlich
als Gründungstexte der Governmentality-Studies angesehen werden
können, sind immer das Ergebnis der kleinteiligen Auseinandersetzungen
verschiedener staatlicher und nicht-staatlicher Akteure und nicht
einfach die Abbildung politischer Planungen. Oder, auf die Förderung
des Ehrenamtes durch die Politik bezogen: diese direkte und indirekte
Förderung bringt, egal was die grundlegenden Hoffnungen dieser
Förderung sind, immer auch gesellschaftliche Strukturen hervor,
welche eigenständig planen, handeln und somit die Gesellschaft
verändern. Vgl. Burchell / Gordon / Miller (1991), Dean (1999),
Bröckling / Krasmann / Lemke (2004).
(zurück)
[Fn12]
Vgl. für eine Übersicht Sprengel (2007). (zurück)
[Fn
13] Friebe / Lobo (2006). Zur Frage
der Moral bei der Transformation bestehender und Entstehung neuer
Märkte vgl. auch Stehr (2007). (zurück)
[Fn 14]
Vgl. Rechnungshof von Berlin
(2007), in dem die Straffung des Berliner Bibliotheksnetzes von
82 auf 42 Standorten angemahnt wird. (zurück)
[Fn 15]
Zur theoriegeleiteten Bestimmung
von ähnlichen zivilgesellschaftlich tätigen sozialen Eliten
vgl. Vogt (2005). (zurück)
[Fn 16]
Wobei diese Erfahrungen
erstaunlich breit gestreut waren. Sie erstreckten sich mindestens
auf Aktivitäten in der Studierenden-Bewegung der späten
1960er und der 1970er Jahren, der DDR- Opposition, der Bürgerbewegung
nach 1998/1990, der Friedensbewegung in den 1980er Jahren, diversen
Parteien unter verschieden politischen Systemen, in Gewerkschaften
und tariflichen Auseinandersetzungen, im künstlerlich-politischen
Bereich und der Bezirks- und Vereinspolitik. (zurück)
[Fn 17]
Sie übernahmen beispielsweise
die Rolle der Hausmänner, während die Mütter arbeiteten,
befanden sich im Erziehungsurlaub, engagieren sich offenbar in den
Schulen und Betreuungseinrichtungen, die ihre Kinder besuchen und
planten ihre Aktivitäten grundsätzlich so, dass möglichst
wenig der Zeit mit ihren Kindern dabei verbraucht wurde. (zurück)
[Fn 18]
Kulturamt Mitte (2005). (zurück)
[Fn 19]
Metz / Arndt (2004). Herr
Arndt stand leider nicht für ein Interview zur Verfügung,
betonte aber in einer Mail vom 17.01.2008, dass die in den hier
verwendeten Dokumenten niedergelegten Grundüberlegungen für
ihn, wie er im Bezug auf den Artikel schreibt, „ bedauerlicherweise“,
immer noch aktuell seien. (zurück)
[Fn 20]
Was beispielsweise dazu führt,
dass Berlin-Mitte im Ansatz der Stadt Berlin weniger Ausleihen als
Soll-Menge zugesprochen erhält, als tatsächlich umgesetzt
werden, da Mitte im Fernleihverkehr innerhalb Berlins ein gebender
Bezirk ist. Finanziert wird allerdings nur die Soll-Menge der Ausleihvorgänge.
(zurück)
[Fn 21]
Nicht thematisiert werden
in den beiden Dokumenten die anderswo erhobenen Vorwürfe, dass
die Fassung aller bezirklichen Angebote in Produkte zu einer Standardisierung
führen würde, welche einerseits eine bezirkliche Politik
mit ihrer Orientierung auf lokale Besonderheiten vollkommen unmöglich
machen und gleichzeitig die Entwicklung neuer Angebote verunmöglichen
würde. Als Beispiel für Bibliotheken kann gelten, dass
einzig die Arbeit mit Schulen als Produkt ausgewiesen ist, während
Angebote wie die Zusammenarbeit mit Freizeiteinrichtungen für
Seniorinnen und Senioren, nicht als solches abgerechnet werden können.
Deshalb wäre eine solche Arbeit nur schwerlich möglich,
selbst wenn sie lokal als sinnvoll angesehen würde. (zurück)
[Fn 22]
Die von ihnen vorgetragene Argumentation ist bekanntlich nicht berlinspezifisch,
sondern wird unter dem Eindruck der allgemeinen Finanzkrise der
meisten Kommunen immer wieder anderswo in der deutschen Bibliothekspolitik
vertreten. So argumentiert Konrad Umlauf im Bezug auf das Bibliothekswesen
in Sachsen-Anhalt: „Angesicht der Gemeindegrößen
in Sachsen-Anhalt führt die Isolation der öffentlichen
Bibliotheken auf der Ebene der einzelnen Gemeinde dazu, dass ein
zufrieden stellender Bibliotheksbetrieb in kleinen Gemeinden vergleichsweise
teuer ist. Auch wo dies heute noch möglich und gegeben ist,
können wir nicht davon ausgehen, dass dies eine Perspektive
hat.[...] Es geht also nicht um Zentralismus als Selbstzweck, sondern
um die Nutzung von Synergien. Die Entscheidungskompetenz bleibt
vor Ort, Leistung und Gegenleistung werden vollkommen transparent.
Entscheidend wäre auch Kostentransparenz bei diesem [vorgeschlagenen,
K.S.] übergemeindlichen Bibliotheksbetrieb. Jede Gemeinde kann
genau erkennen, wie viel Mittel sie zur Verfügung stellt und
welche Leistung sie dafür bekommt.“ [Umlauf (2007), S.
29f.] (zurück)
[Fn 23]
Metz & Arndt, (2004), S. 294. (zurück)
[Fn
24] Allerdings stehen die
eingeplanten Mittel für den Bau dieser Bibliothek aktuell nicht
mehr zur Verfügung. Somit wird sich die auf 2015 projektionierte
Eröffnung der Zentralbibliothek mit hoher Wahrscheinlichkeit
nicht umsetzen lassen.(zurück)
[Fn 25]
kulturamt mitte (2005), S. 18. (zurück)
[Fn 26]
Polemisch könnte man
die Ausführungen so interpretieren, als solle hauptsächlich
darauf hingewirkt werden, dass Teile der für das Quartiersmanagement
bereitgestellten Mittel für Bibliotheken umgewidmet würden.
Dabei wäre eigentlich zu erwarten, dass die Einbindung von
Bibliotheken in solche Förderungen, welche hauptsächlich
auf den Aufbau und die Stärkung lokaler Gemeinschaften abzielen,
auch eine veränderte bibliothekarische Arbeit bedingen müsste.
(zurück)
[Fn 27]
Vgl. Stehr (2000), Stehr (2006). Zur Bedeutung von Orten außer-universitärer
Wissensproduktion als Teil des sozialen Wandels in der Wissensgesellschaft
siehe auch Nowotny / Scott / Gibbons (2001). (zurück)
[Fn 28]
Wobei der Bibliotheksentwicklungsplan
die gesamte Zeit als PDF auf der Homepage des Kulturamtes zur Verfügung
stand. Offensichtlich hat dies allerdings nicht ausgereicht, um
den Plan, der wahrnehmbare Auswirkungen auf das Leben im Bezirk
haben soll, in der Öffentlichkeit publik zu machen. In dem
hier ausgewerteten Interview thematisiert Tom Schweers, Engagierter
der Initiative, allerdings selber, dass dies nicht nur ein Problem
der politischen Vermittlung darstellt, sondern beispielsweise auch
durch die offenbar nicht ausreichende Informationsvermittlung durch
die bezirkliche Presse bedingt sei. (zurück)
[Fn 29]
Auch hier ist zu beachten,
dass zwei unterschiedliche Verständnisse von Politik und Debatten
vorliegen. Debatten in Parlamenten, Verwaltungen, aber auch Parteien,
Gewerkschaften oder größeren Nicht-Regierungsorganisationen
werden auf andere Weise, in einer anderen Geschwindigkeit und in
anderen infrastrukturellen Rahmungen geführt, als andere gesellschaftliche
Debatten. Die Bedeutung von nicht-öffentlichen Gesprächen,
indirekten Verhandlungen oder auch langfristiger Strategien ist
so groß, dass die Entscheidungsfindung außerhalb dieser
Strukturen kaum nachvollzogen werden kann. Offenbar ist dies eine
Struktureigenschaft solcher Systeme. Die Erwartung der Initiative
war allerdings, die Debatte in der Öffentlichkeit zu führen,
was tatsächlich nicht stattfand. (zurück)
[Fn 30]
Genauer bestimmt Stehr die
Funktion solcher Initiativen, als Betroffene Fragen an Konzepte
und Entscheidungen zu stellen. Ihr Vorteil sei, dass sie keine Konzepte
entwerfen oder sich einen Status als Wissendes zuschreiben müssten,
sondern hauptsächlich auf Unstimmigkeiten aufmerksam machen
könnten. (zurück)
[Fn 31]
Fahrenkrog (2007a), S. 1. (zurück)
[Fn 32]
Schweers (2007), S. 1. (zurück)
[ Fn 33] Die Vereinsgründung
als PRO KIEZ Bötzowviertel fand am 8. Januar 2008 statt, die
Eintragung als Verein steht bevor. Zuvor hatte die Initiative schon
unter dem Namen Bürgerinitiative Pro Kiez agiert. Der Kurzname
Pro Kiez ist für beide Institutionalisierungsformen eingeführt.
(zurück)
[ Fn 34] Gerade
im Bezug auf die Bibliothek im Elias-Hof liegt aktuell ein Konzept
des MITmach-Kindermuseums vor, welches die geschlossene Bibliothek
oder eine Nachfolgeeinrichtung in deren Räumen in Trägerschaft
des Museums fortführen will. Dies wird mit hoher Wahrscheinlichkeit
nicht ohne ehrenamtliche Hilfe möglich sein. Die Haltung der
betroffenen und weiter unten noch beschriebenen Initiative Jederzeit
Musik zu diesem, bislang nicht veröffentlichtem, Konzept scheint
positiv, die Haltung des Bezirksamtes ist zumindest nicht ablehnend.
Zudem gibt es in Berlin schon unterschiedliche kleinere Öffentliche
Bibliotheken, die durch Ehrenamtliche vollständig oder zu
großen Teilen aufrecht erhalten werden. Vollständig ehrenamtlich
ist der Betrieb in Berlin bisher in der Thomas-Dehler-Bibliothek
(Schöneberg), der Nachbarschaftsbibliothek (Französisch
Buchholz/ Pankow) und der Bibliothek des Vereins Leben in Wilhelmsruh
e.V. (Pankow). Seit Beginn 2008 werden die Stadtteilbibliotheken
in Buch und Karow (Pankow) von einem gemeinsamen Team bibliothekarisch
und mit der ehrenamtlichen Hilfe der ansässigen Bürgervereine
betreut. So wurde die Schließung einer der beiden Bibliotheken
verhindert. (zurück)
[ Fn 35] Vgl.
auch den Schwerpunkt zum Thema Ehrenamt in Bibliotheken in der BuB
60 (2008) 02, S. 126-148. Allerdings wird dort das ehrenamtliche
Führen einer Öffentlichen Bibliothek nicht thematisiert.
Die Ehrenamtliche Leitung von Bibliothek wird in der bibliothekarischen
Diskussion hauptsächlich bei Schulbibliotheken (Vgl. Schneider
(2008), Jordan-Bonin (2008)), Blindenbüchereien (Vgl. Menxel
(2007)) oder Krankenhausbibliotheken (Vgl. Reckling- Freitag (2007),
Lutze (2007)) thematisiert. Im einleitenden Beitrag des BuB-Schwerpunktes
hält Michael Reiser (2008) fest, dass der Trend zum Ehrenamt
in Bibliotheken zumeist ablehnend thematisiert wird (vgl. Strozolka
(2008)), obwohl gleichzeitig ein immenses Defizit bei der empirischen
Forschung zu diesem Thema zu konstatieren ist. (zurück)
[ Fn 36] Die
Besetzung begann im November 2007, wird aktuell (Februar 2008) in
modifizierter Form aufrecht erhalten und soll erst mit der Wiedereröffnung
der Bibliothek aufgegeben werden. (zurück)
[ Fn 37] Dies
war allerdings bei der Initiative für die Jerusalem-Bibliothek
ebenfalls gegeben. (zurück)
[ Fn 38] Wobei
auch diese zumeist anders gesellschaftlich aktiv gewesen sind, beispielsweise
in Elternvertretungen. Neu war für sie offenbar zumeist ein
Engagement, dass zu einem direkten Kontakt mit der Bezirkspolitik
führte. (zurück)
[ Fn 39] Bezirksstadtrat
Dr. Nelken nahm allerdings die Initiative und ihre Arbeit, bei aller
positiven Haltung zu ihr, als etwas wahr, das immer wieder auftreten
würde. (zurück)
[ Fn 40] Wobei
sich der Prenzlauer Berg in diesem Gebiet durch zahlreiche kleinere
Geschäfte, welche zu großen Teilen auf eine kulturell
interessierte Kundschaft ausgerichtet oder aber auf Kinder- und
Kleinkinderprodukte zugeschnitten sind, und der immensen Verbreitung
gastronomischer Einrichtungen, insbesondere auch vielen Familienorientierten,
sich für eine solche Art der Informationsverbreitung weit besser
eignet, als die meisten anderen Gebiete in Berlin. (zurück)
[ Fn 41] Diese
Haltung bestätigte er noch einmal ausdrücklich in dem
für den vorliegenden Artikel geführten Interview vom 18.02.2008,
also zu einem Zeitpunkt, als die Proteste schon weit fortgeschritten
waren. Allgemein wird in der Berliner Bezirkspolitik kritisiert,
dass die Bezirke – anders als Kommunen in anderen Bundesländern
– durch den Senat genötigt werden könnten, solche
Entscheidungen gegen ihren Willen zu fällen. Tatsächlich
ist die Stellung der Bezirke zum Senat Gegenstand zahlreicher politischer
Auseinandersetzungen, welche es gleichzeitig für Außenstehende
schwierig machen, Verantwortliche für Entscheidungen zu identifizieren
und anzusprechen. Schnell entsteht der Eindruck, dass es beiden
Ebenen oft darum geht, die jeweilige Verantwortlichkeit zu delegieren.
So verwiesen die betreffenden BVVen in den hier beschriebenen Auseinandersetzungen
oft darauf, dass die grundsätzlichen Sparentscheidungen, welche
zur Schließung der Bibliotheken zwängen, vom Senat getroffen
würden. Gleichzeitig verwies der Senat, beziehungsweise die
Senatskanzlei darauf, dass die Umsetzung der Sparvorgaben Angelegenheit
der Bezirke wäre, auf die der Senat keinen Einfluss nehmen
dürfe. Die von Niklas Luhmann für funktionale Systeme
konstatierte Autopoiesis ließe sich an der Berliner Bezirks-
und Landesverwaltung und -politik problemlos exemplifizieren. (zurück)
[ Fn 42] Bezirksverordnetenversammlung
Pankow von Berlin (2007). (zurück)
[ Fn 43] Der
Terminus „privatisieren“ wurde in diesem Zusammenhang
beständig benutzt. Dies ist auffällig, da er ansonsten
zumeist für die Übergabe von staatlich wahrgenommenen
Aufgaben an Firmen benutzt wird und nicht für ehrenamtliche
Tätigkeiten. (zurück)
[ Fn 44] Sehr
früh wurde darauf hingewiesen, dass eine solche ehrenamtliche
Tätigkeit auch – hauptsächlich durch Versicherungen,
Fortbildungen und Verwaltungsaufwand – Kosten verursacht.
Zum vorgelegten Konzept siehe Bezirksverordnetenversammlung Pankow
von Berlin (2007). (zurück)
[ Fn 45] Wobei,
ohne zuviel Interna veröffentlichen zu wollen, angemerkt werden
muss, dass diese Entscheidung nicht von allen Engagierten mitgetragen
wurde. Zumindest für sich selber entschieden einige, den Weg
der Initiative zum Trägerverein nicht mitmachen zu wollen,
obwohl sie die Probleme, vor der die Initiative stand, nachvollziehen
konnten. (zurück)
[ Fn 46] Die
Bibliothek im Eliashof hatte zwei hauptsächliche Arbeitsbereiche.
Einerseits betrieb sie eine Kinder- und Jugendabteilung, andererseits
hatte sie einen musikalischen Schwerpunkt. Mit beiden Bereichen
war sie im Eliashof in einem kulturellen Gesamtkomplex mit Musikschule,
einem Kindermuseum und anderen, im Bereich der Kinder-, Jugend-
und Musikerziehung engagierten Einrichtungen zusammengeführt.
(Vgl. http://www.eliashof-berlin.de/) Jederzeit Musik war, wie aus
dem Namen ersichtlich wird, bei seiner Gründung hauptsächlich
an der Unterstützung des musikalischen Schwerpunktes interessiert.
Soweit sich dies rekonstruieren lässt, begann der Verein sich
erst im Zuge der Proteste für die Bibliothek explizit für
deren Kinder- und Jugendarbeit zu interessieren. Diese Entstehungsgeschichte
erklärt zum Teil die auffällige Häufung von künstlerisch
Arbeitenden in diesem Verein. Hingegen wurde die Initiative für
die Jerusalem-Bibliothek, welche als reine Kinder- und Jugendbibliothek
betrieben wurde, hauptsächlich von Eltern getragen. (zurück)
[ Fn 47] Das
offenbar erste Flugblatt des Vereins, unter dem Namen Bürgerinitiative
’Nein zur Schliessung des Kulturstandortes Eliashof!’
(2007), ruft für die Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung
von Berlin-Pankow am 11.07.2007 zu Protesten gegen eine bevorstehende
Schließung der Bibliothek auf. Wobei die Entscheidung zur
Schließung erst im November 2007 im Rahmen eines Maßnahmenkatalogs
beschlossen wurde, mit welchem der Bezirk auf eine Anforderung des
Senats zur verstärkten Haushaltskonsolidierung reagierte. Vgl.
Bezirksverordnetenversammlung von Berlin (2007). Dennoch kann man
diesen Termin als Beginn der in diesem Artikel behandelten Proteste
verstehen. (zurück)
[ Fn 48] Wobei
auch von Jederzeit Musik nicht unbedingt auf die Aufgabenteilung
der Politik geachtet wurde, sondern gleichsam die lokale Öffentlichkeit,
die Bezirkspolitik und -verwaltung, die Landes- und letztlich auch
die Bundespolitik für den Unterhalt von Bibliotheken verantwortlich
gemacht wurde. (zurück)
[ Fn 49] Bei
der Initiative für die Jerusalem-Bibliothek kam der Gedanke,
die Bibliothek ehrenamtlich zu übernehmen, nicht auf. Zwar
wurde ein Konzept zur Übernahme der Bibliothek durch eine Stiftung
skizziert, doch ein längerfristiges ehrenamtliches Engagement
war keine Gegenstand einer Diskussion. (zurück)
[ Fn 50] Bei
der Initiative für die Jerusalem-Bibliothek kam dieses Thema
hauptsächlich wegen der Stellung des Quartiersmanagements zur
Sprache. Polemisch wurde darauf verwiesen, dass die ehrenamtliche
Hilfe bei der Begrünung des Nauener Platzes – dem Standort
der Bibliothek – gewünscht und gefördert, das ehrenamtliche
Engagement für die Bibliothek hingegen behindert würde.
(zurück)
[ Fn 51] Explizit
thematisiert wurde die in bibliothekarischen Kreisen erhobene Forderung
nach einer gesetzlichen Festschreibung der Kultur als Pflichtaufgabe
nur bei Pro Kiez. Bei den anderen Initiativen wurde die über
die Bezirks- und Landesebene hinausgehende Politik sehr schemenhaft
thematisiert, obgleich diese immer als relevant für die Auseinandersetzungen
um die drei Bibliotheken betrachtet wurde. (zurück)
[ Fn 52] In
Berlin und den neuen Bundesländern – und damit auch bei
den Engagierten – werden Kindertagesstätten als selbstverständlich
bereitzustehende Infrastruktur angesehen. Dies ist in den alten
Bundesländern nicht überall so. Doch gerade diese regional
verschiedene Haltung zu und damit einhergehend unterschiedlich Ausstattung
von Kindertagesstätten, zeigt, wie sehr die Gesellschaft in
der Lage ist, jeweils allgemein akzeptierte Normen gegenüber
der Politik durchzusetzen. (zurück)
[ Fn 53] Selbstverständlich
tendierten alle Initiativen trotzdem zu einigen Parteien mehr als
zu anderen. Während sie versuchten, mit der jeweiligen bezirklichen
Gliederung der CDU, FDP, SPD, von Bündnis 90 / Die Grünen,
der Linkspartei und von DIE GRAUEN - Graue Panther – wobei
letztere Partei trotz aller internen Auseinandersetzung um einen
Auflösungsbeschluss der Bundespartei vom 20.01.2008 in beiden
betreffenden Bezirksparlamenten vertreten und somit zumindest lokal
relevant ist – zu kommunizieren, wurde dies bei den in Berlin
aktiven rechtsextremen Parteien Republikaner und NPD – welche
ebenfalls in einigen Bezirksparlamenten, darunter Pankow, vertreten
sind – nicht angedacht. Dies kann als relevante Aussage über
die in den Initiativen vertretenen gesellschaftlichen Vorstellungen
verstanden werden. Offenbar war die propagierte Überparteilichkeit
keine Entscheidung, die aus Desinteresse an politischen Grundsätzen
getroffen wurde. (zurück)
[ Fn 54] Keine
500 Meter von der Bibliothek im Elias-Hof entfernt findet sich auf
dem Helmholtzplatz beispielsweise das in Berlin wohl prominenteste
Beispiel solcher Aktivitäten. Der Platz wurde innerhalb weniger
Jahre mit großer Beteiligung der ansässigen Bevölkerung
von einem beliebten Aufenthaltsort der innerstädtischen Jugend,
zu einem stark frequentierten Aufenthaltsraum für Familien
mit großem Spielplatz, Kiezhaus und Indoor-Sandkasten umgestaltet.
Dies zeigt, dass solche gesellschaftlichen Initiativen, welche bei
den drei Bibliotheken hauptsächlich an der Erhaltung und Verbesserung
des Existierenden arbeiteten, sehr wohl konstruktiv wirksam werden
können.
Gleichzeitig lässt sich am Helmholtzplatz aufzeigen, dass bisher
solche Initiativen in Berlin zumeist die
Gentrifizierung begünstigten. (zurück)
[ Fn 55]
Initiative für die Jerusalem-Bibliothek:
http://bibliothek.blogsport.de,
Pro Kiez: http://www.prokiez.de.
Jederzeit Musik benutzte letztlich das Weblog von Pro Kiez mit.
(zurück)
|