| Klassiker der Bibliothekskinderliteratur
neu gelesen.
(Eine Art) Rezension zu: Patricia
Lakin, John Manders (2002) Clarence the Copy Cat. New York:
Doubleday Book for Young Readers, $ 15.95, ISBN 0-385-32747-1
von Ben Kaden (info)
Von einer Katze lernen heißt siegen
lernen.
Wobei siegen "locker durchkommen" meint,
also praktisch: liegen lernen.
(Robert Gernhardt)
In einer Einstellung in Fatih Akins aktuellem Kinofilm
„Auf der anderen Seite“ blickt der Zuschauer geradewegs
in eine deutschsprachige Buchhandlung irgendwo in Istanbul, deren
Regale mit einigen Paletten dtv-Taschenbüchern – inklusive
der fast vergessenen 1984er Ausgabe von Jörg Krichbaums Roman
„Das Nebelzelt“ – ausstaffiert sind, und sieht
in der Mitte des Bildes einen vollgestapelten Büchertisch auf
dem schlafend eine Katze thront.
Wohin man den Blick auch richtet: Katzen und Bücher
erscheinen als etablierte Korrelation. „Man kann im Leben
auf vieles verzichten, aber nicht auf Katzen und Literatur“
– bepostert der berühmte kleine Buchhändler um die
Ecke sein Schaufenster, und in der Tat scheinen Katzen dem literarischen
Feingeist weitaus häufiger nahe zu stehen als jedes andere
Haustier.
Wer schon einmal das Glück hatte, mit einer Katze
ein paar Stunden lang in einem Bücherzimmer in der Lektüre
eingeschlossen zu sein, wird dies verstehen. Ein gesundes Tier wird
erst etwas irritiert schauen, sich dann an den Leser anschmiegen
und sich zumeist quer über das Buch zu legen versuchen, bis
es nach einem kurzen, gezielten Hinweis entschließt, sich
auf dem Schoß oder den Füßen des Lesers, sofern
etwas schüchtern, in einer anderen bequemen Stelle des Raumes
zu platzieren – wobei das, was aus Katzensicht als bequem
erscheint, sich von dem, was der Mensch für bequem hält,
zutiefst unterscheiden kann – und sich als stiller Lektüregenosse
ins Reich feliner Träume zurückziehen. Man ist wunderbar
nicht allein und wird zugleich wunderbar in seinem Leseprozess nicht
gestört. Lesen an einem stillen Ort und mit einer Katze im
Raum ist für viele ein Inbegriff der Heimeligkeit. Zu recht.
Und beinahe folgerichtig bilden Katzen und Bibliotheken
nicht selten des Öfteren eine Allianz aus stiller Tiefenlektüre
und leisem Schnurren.
In einer späten Stunde in der Saur-Bibliothek
des Instituts offenbarte sich dem Nachtarbeiter allerdings schlagartig,
warum Katzen in Bibliotheken durchaus mehr als anschmiegsames Schmuckwerk
darstellen. Denn dort knisterte es einmal gen Mitternacht im sonst
totenstillen Raum im ersten Geschoß der Berliner Dorotheenstraße
26, wo es niemand ernsthaft vermutete. Dann, plötzlich bog
ein Mäuseschwanz ohne Umschweife um die Regalecke und zwei
knopfige Mauseaugen schauten ins Antlitz des späten Lesers.
Die Überraschung war wohl auf beiden Seiten nennenswert und
flink und fluchs huschte der kleine Nager viel schneller, als ein
Mensch in solcher Lage überhaupt die Gedanken von Anette Droste-Hülshoffs
„vielleicht ne sanduhr, die verrinnt? ein mäuschen, das
im kalke rispelt?“ in die Realität umzulenken imstande
ist, davon, unter der Tür hindurch, in die Nacht des Foyers.
Wie Dewey, „Amerikas berühmtester Bibliothekskater“
(vgl. BuB, 10/2007, S. 695), in seinen späten Jahren reagiert
hätte, vermag ich nicht abzuschätzen, aber als junger
Mäuseschreck wäre er sicher sofort und geschickt losgezogen,
um dem mäusigen Dasein in der Nacht gar grauslig spielerisch
ein Ende zu bereiten.
Hierin offenbart sich ein Dilemma, dem sich jeder
tierliebhabender Halter einer freilaufenden Katze regelmäßig
ausgesetzt sieht. Robert Gernhardt, vielleicht einer der größten
Katzenkenner in der jüngeren deutschen Literaturgeschichte,
formulierte einmal in einem Katzengedicht: „Es gibt ihrer
so viele wie Spatzen im Land./Doch wer streichelt schon Spatzen?“
Die Katze sicher nicht. Und sie streichelt auch nicht
die Jungmeisen und Spitzmäuschen, die an manchem Abend dem
Menschen vor dem Terassenfenster dargeboten werden. Der kleine sanfte
schnurrhaarige Freund des Menschen entpuppt sich in diesen Situationen
als mitleidlose Kreatur, die ihrer Beute nicht einfach den Garaus
macht, sondern vor aller Menschenaugen auch noch ein Spielspektakel,
in dem es beinahe nie um Leben, sondern meist nur um den Tod des
gefangenen Kleintieres geht, abspult.
Was tun, fragt sich der Mensch, aber wenn dem Spatzen
schon die Flügel gebrochen sind, bleibt nur das Wegschauen.
Die eine oder andere Maus mag man befreien, aber auch dann bleibt
das schlechte Gefühl, denn nun fühlt sich wiederum die
Katze in ihrer Natur verletzt und sucht so herzzereißend,
dem Mäuselauf zu folgen, dass man sich ebenfalls heftig getroffen
fühlt. Kurz: Ein Katzenhalter, dem die gehaltene Katze die
halbtote Beute präsentiert, kann nur verlieren.
Mr. Spanner, Bibliothekar in der Barnstable Library
in Patricia Larkins „Clarence the Copy Cat“ hat das
seltene Glück, von diesem Dilemma von Vornherein nicht betroffen
zu sein, auch wenn es ihm vielleicht nicht ganz bewusst ist. Der
Bibliothekskater Clarence landete in der Bibliothek, nachdem er
als Mausekatze sowohl in „Sam’s Sandwich Shop“,
im Blumenladen „Forever Flowers“ und im „Ye Olde
General Store“ auf ganzer Linie versagte, da er sich –
warum auch immer – prinzipientreu die Mäusejagd auf ganzer
Linie versagte.
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| Kater Max und Clarence die Kopiermieze
auf dem selben Schlafbaum |
Die Krämerseelen hatten dafür klischeegemäß
wenig Verständnis. Für sie sind Katzen nur zum Mausen
da und entsprechend zückte die Floristin Gladys den Besen und
trieb Clarence mit einem beherzten „Scram, you no-mouser“
die Straße hinunter. Den Kater Dewey von der Spencer Public
Library fand man einst in der Buchrückgabeklappe. Der Kater
Clarence in Patricia Larkins Buch kollabierte in einem Schattenplätzchen
auf der Schwelle der Barnstable Library und hatte das Glück
in Mr. Spanner einen halbwegs aufgeschlossenen Hausherrn vorzufinden,
der Clarence nicht nur duldete, sondern ihm sogar mit etwas Käse
auf die Pfoten half. Clarence kam, aß und blieb und sein Lieblingsort
wurde der Kopierer, auf dem er saß und die durchweg freundlichen
Menschen beim Lesen und Leihen beobachtete.
Zudem entwickelte Clarence mit der Zeit bibliothekarisches Feingefühl
und führte Mr. Spanner zu verstellten Büchern und verlorenen
Stiften. Im Gegenzug wurde Clarence versorgt und gehegt und die
Idylle hätte perfekt sein können.
Nun leben Geschichten zumeist auch von Spannungsbögen.
So auch diese. Denn wo es hätte so schön sein können,
brach – natürlich – völlig unerwartet die
Katastrophe in die Idylle. Katastrophe bedeutet hier: eine Maus.
Mr. Spanner, in seeliger Unkenntnis der Anti-Mäusefang-Einstellung
des Clarence, wurde in seiner Erwartung eines schnellen Eingreifens
der Kopiererkatze tief enttäuscht und musste das Mäusetier,
wie auch dereinst der Nachtarbeiter in der Saur-Bibliothek –
eigenhändig aus der Bücherhalle jagen.
Es folgte eine bittere Nacht für Clarence, in
der er sein früheres Leben, was von „Feigheit vor der
Maus“ und anschließender Verbannung geprägt war,
vorüberziehen sah. Am nächsten Nachmittag, mitten in der
Vorlesestunde geschah ähnliches und während die Maus die
gemütliche Leserunde gründlich sprengte, versank Clarence
regungslos in seinem Schlafkissen. Mr. Spanner war dies Anlass genug,
seinen zurückhaltenden Kater argumentativ auf Linie zu bringen:
„Mice like to eat books, you know“ – so die Nachschulung,
die Clarence derart überzeugte, dass er in der Rettung der
Bücher und damit seiner Heimat eine Mission sah, für deren
Umsetzung er einen Plan entwickelte, der die Tötung der Maus
umging, die Bibliothek aber vor den Besuchen der selbigen schützte.
Alle Schlupfwinkel und Zugänge mussten verriegelt werden, wozu
Clarence die Nacht und den Bibliotheksbestand rührend nutzte.
Leider nicht überzeugend, denn statt zur Mäuseabwehr sollten
aus der Sicht des Bibliothekars die Bücher zur Lektüre
dienen, weswegen Mr. Spanner die Bibliothek wieder mäusebarrierenfrei
räumte und prompt geschah am Nachmittag das Unvermeidliche:
Die Maus kehrte zurück und der Bibliothekar griff zum Besen.
In dem sich anschließenden Kampf des Davids
Maus und des Goliaths Mr. Spanner schien die Maus in einer Weise
verloren, dass sich Clarence ohne zu überlegen zwischen Maus
und Besen warf. Im dem aus dieser Konfrontation entstehenden Tohuwabohu
wurde der vom potentiellen Mäuseschreck zum tatsächlichen
Mäuseschützer erwachsene Kater aus den Kopierer geschleudert,
welcher sich in Bewegung setzte und ein gar scheußlich verzerrtes
Katerporträt anfertigte. Jeder, der in jungen Jahren als Praktikant
in einer stillen Stunde sein Gesicht (hoffentlich nur das) einmal
auf die Glasscheibe eines Kopiergerätes presste, um sich so
ein möchtegern-lustiges Abbild seiner selbst für die Pinwand
im Großraumbüro zu machen, kann sich das Entsetzen leicht
vorstellen, welches Clarence und – noch wichtiger –
die Maus packte, als das Blatt Papier und mit Katzenfratze ins Blickfeld
wirbelte. Während sich Clarence jedoch von dem Schreck erholte,
suchte die Maus für alle Zeit das Weite und die Idylle zwischen
Mann und Miez zwischen den Bücherregalen ward endgültig
gerettet...
Natürlich huscht der geübte Leser
innerhalb weniger Minuten durch den schmalen Band, mit der wunderschön
vorhersehbaren Geschichte, die John Manders (link)
sehr hübsch illustrierte. Das Vergnügen, welches Menschen,
die sowohl Katzen wie auch Bibliotheken mögen, dabei empfinden,
bleibt davon ungeschmälert. Und der eigentlichen Zielgruppe
wird ein durchweg pazifistisches – wenn auch konkret ziemlich
unrealistisches – Problemlösungsverhalten vermittelt.
Dafür, wie man den Kindern erklärt,
warum die Mieze zwar das Rotkehlchen gefressen hat, aber dennoch
keine böse Miezekatze ist, muss man allerdings irgendetwas
anderes als Ergänzung zu Rate ziehen. Um sich in der eigenen
Zuneigung zu den feinen Lesebegleitern ausgiebig zu aalen, langt
dieses Buch aber völlig.
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