| Rezension
zu: Heidi Stieger (März 2007) Fachblogs von und für
BibliothekarInnen – Nutzen, Tendenzen mit Fokus auf den deutschsprachigen
Raum (Churer Schriften zur Informationswissenschaft Schrift,
16), Chur*
(* verfügbar unter www.informationswissenschaft.ch/fileadmin/uploads/pdf/csi/CSI_16_Stieger_FINAL.pdf)
von Edlef Stabenau (info)
Die Arbeit von Heidi Stieger hat mir insgesamt sehr
gut gefallen, bietet sie doch erstmals einen guten Überblick
über die noch sehr überschaubare deutschsprachige Biblioblogosphäre.
In der deutschen bibliothekarischen Fachliteratur
ist die Anzahl der gedruckten Artikel zum Informationsmittel Weblogs
noch recht übersichtlich, eine Auswahl ist unter dem Abschnitt
Literatur zu finden. Allgemeine Einführungen in das Thema Weblogs
findet man noch in den OPL-Checklisten der Kommission für One-Person
Libraries[Fn1],
aber sonst ist das Thema etwas unterrepräsentiert. Das liegt
u. a. sicher auch daran, dass Weblogs als seriöse Informationsquelle
in der Fachöffentlichkeit noch nicht in hohem Maße wahrgenommen
werden.[Fn2]
In den USA schon lange als selbstverständliches
Informations- und Arbeitsmittel sind bibliothekarische Weblogs im
deutschsprachigen Raum noch lange nicht so verbreitet. Das gilt
sowohl für Weblogs von BibliothekarInnen (oder Menschen aus
verwandten Berufen), als auch für institutionelle Weblogs,
also Bibliotheken, die z. B. ihre Neuigkeiten per Weblog annoncieren.
Den wohl aktuellsten internationalen Überblick
über bibliothekarische Weblogs findet man im LISwiki. Im September
2007 finden sich zwar 44 persönliche deutschsprachige bibliothekarische
Weblogs[Fn3],
aber immerhin 56 Weblogs[Fn4]
von persischen KollegInnen (die oft aber in englischer Sprache schreiben).
Im englischsprachigen Raum gab es schon einige
Bemühungen mit dem Ziel, nähere Informationen zur Biblioblogosphäre
zu sammeln und auszuwerten. So hat Meredith Farkas 2005 eine Umfrage
gestartet deren Ergebnisse sie auf ihrer Seite „Why we blog”[Fn5]
zusammengefasst hat. Es ging den KollegInnen damals schon primär
um “to share ideas with other/to communicate with colleagues,
friends, family”.
Die neueste Umfrage von Farkas fand im August
2007 statt und ist noch nicht komplett ausgewertet, teilgenommen
haben 839 KollegInnen weltweit[Fn6],
in den zwei Jahren seit der ersten Umfrage hat sich die Zahl der
TeilnehmerInnen deutlich erhöht (2005 waren es 165).
Ich bin zumeist etwas misstrauisch, wenn sich AutorInnen
mit dem Thema Weblogs befassen, ohne selbst praktische Erfahrungen
damit gemacht zu haben. Wenn man nur von der „Außenseitersicht“
an das Thema herangeht, kommt es manchmal zu überwiegend theoretischen
Erkenntnissen, die Faszination des Weblogschreibens (und -lesens)
erschließt sich aber erst nach den subjektiven Erfahrungen
damit.
Heidi Stieger hat – soweit ich weiß –
keine praktischen Erfahrungen mit dem Schreiben von/in Weblogs,
aber das tut der Qualität ihrer Arbeit keinerlei Abbruch. Sie
beschäftigt sich im ersten Teil mit dem Phänomen Weblog
allgemein, analysiert an einem Beispiel wie die verschiedenen Publikationsformen
(Mailingliste, Fachzeitschriften, Weblogs) ein bestimmtes Thema
(RFID) wann und in welcher Tiefe behandeln. Im letzten Teil versucht
sie einen Blick auf die Zukunft zu werfen, wobei sie die Ergebnisse
der Expertenbefragung miteinbezieht.
Das Kapitel „Phänomen Weblog” beschäftigt
sich mit den Grundlagen des Bloggens, der Geschichte dieses Phänomens
und erklärt einige Fachbegriffe, die zum Verständnis der
Technik wichtig sind (Permalink, Trackback, Blogroll etc.) Dieser
Teil ist informativ und anschaulich geschrieben. Jene, die mit der
Weblogszene nicht vertraut sind, finden hier nützliche Informationen
für den Einstieg in die Materie.
Sehr gut gefallen hat mir auch die Übersicht
über die deutschsprachigen bibliothekarischen Weblogs. Mit
Hilfe eines Kriterienkatalogs untersucht Heidi Stieger die zum Zeitpunkt
der Publikation aktiven Weblogs und stellt diese mit einem Screenshot
vor. Die Beschreibung erstreckt sich auf Autor/in, Absicht/Umfang,
Features, zeitliche Aspekte und endet mit einem Fazit zu dem jeweiligen
Weblog. Sie unterscheidet hier noch nach Weblogs von BibliothekarInnen
(also eher persönlich geprägt) und Weblogs von Institutionen,
wobei man das aber nicht so eindeutig trennen kann. So würde
ich medinfo eher in die erste Kategorie einordnen, obwohl das Weblog
inzwischen auch ein Publikationsorgan der AGMB (Arbeitsgemeinschaft
für medizinisches Bibliothekswesen) ist. In ihrer Zusammenfassung
stellt die Autorin noch einmal die Vielfalt der Nutzungsmöglichkeiten
von Weblogs dar.
Die vorgestellten Fachblogs dienen den unterschiedlichsten
Zwecken und haben teilweise mehrere Funktionen, so ein Ergebnis:
Sie dienen als Filter für Neuigkeiten aus dem Bibliothekswesen,
zur Informationsverwaltung, sind Publikationsorgan, Schwarzes Brett,
Nachrichtenbörse, Projektdokumentation, Archivierungssystem,
Arbeitsinstrument, Fachportal, Forum, Plattform für den lebendigen
Informationsaustausch, dokumentieren Aktivitäten, machen Positionen
deutlich und vermitteln diese nach außen.
Nach der Vorstellung der Weblogs vergleicht Stieger
die Besonderheiten der einzelnen Informationsdienste Forum, Newsgroup
und Mailingliste, die alle interaktive, asynchrone Kommunikationsmittel
sind, um danach die Fachzeitschriften mit Fachblogs zu vergleichen
und ihr Ergebnis übersichtlich in einer Matrix darzustellen.
Hinter der Analyse des Unterschieds der verschiedenen
Publikationsformen Weblog, Mailingliste und Fachzeitschrift verbirgt
sich eine ziemliche Fleißarbeit. Anhand eines Kriterienkatalogs
wird hier am Beispiel RFID untersucht, wann und in welcher Form
das Thema in den Informationsdiensten besprochen wurde. Verglichen
werden die Mailingliste INETBIB, die Fachzeitschrift BuB. Forum
für Bibliothek und Information und das Weblog netbib. Für
Kenner wenig überraschend ist das Ergebnis des Vergleichs,
das die Autorin in fünf Thesen zusammengefasst:
These 1: Fachblogs verweisen mehrheitlich auf Medienseiten,
andere Weblogs und Homepages und bringen so selten neue Inhalte,
da sie nicht als Primärquellen fungieren.
These 2: Fachblogs können über Fachzeitschriften
hinaus einen neuen Kontext herstellen, indem sie auf andere Quellen
verlinken, die auch gegensätzliche Meinungen und Diskussionen
unmittelbar miteinbeziehen können.
These 3: Mit Fachblogs ist ein sehr schnelles Publizieren
möglich. Sie können über aktuelle Informationen
diskutieren, bevor die Zeitschriften die Informationen aufgreifen.
These 4: Fachblogs ermöglichen viel Freiheit.
Themen können authentisch, subjektiv und kontrovers behandelt
werden.
These 5: Fachblogs, Foren und Fachzeitschriften
besetzen unterschiedliche Nischen und ergänzen einander.
Die Thesen werden anhand des Beispiels RFID in den
Publikationsmedien verifiziert, wobei auch nicht überrascht,
dass das Weblog bei der Behandlung des Themas zeitlich deutlich
vor Mailingliste und Zeitschriftenaufsatz liegt. Neben der Aktualität
ist bei Weblogeinträgen sehr häufig zu beobachten, dass
Diskussionen zu „heißen” Themen stattfinden, die
auf der Mailingliste INETBIB nicht zu finden sind. Auch kritische
Anmerkungen zu Produkten oder Dienstleistungen sind in der Fachliteratur
eher selten zu finden. Für mich eigentlich der wichtigste Vorteil
von Fachblogs: Die Authentizität, die subjektiven Texte der
SchreiberInnen und die Möglichkeit kontrovers zu diskutieren.
Die Expertenbefragung bildet den letzten Teil der
Arbeit, hier wurde u.a. gefragt, wie die Weblogautoren die Zukunftsaussichten
von (bibliothekarischen) Weblogs und die Bedeutung für die
berufliche Weiterbildung einschätzen. Obwohl leider nur zehn
von dreizehn angeschriebenen deutschsprachigen BloggerInnen auf
die (meist offenen) Fragen geantwortet haben, kann man von einem
repräsentativen Ergebnis zumindest für die deutschsprachige
bibliothekarische Fachweblogszene sprechen.
Das bibliothekarische Fachblog als Kommunikationsinstrument
fördert den lebendigen Informationsaustausch und die Zusammenarbeit
unter Bibliothekaren mit Hilfe der Kommentarfunktionen, Trackbacks
und Blogrolls. Es lassen sich Netzwerke zwischen Bibliothekare bilden
und Experten auf bestimmten Gebieten ausmachen. Für One-Person-Librarians,
die oft fachlich isoliert sind, eignen sich diese Funktionen besonders.
Dass die Feststellung im Fazit der Arbeit den Tatsachen
entspricht, kann sicher jede/r, der oder die ein Weblog betreibt,
unterschreiben. Über die Kommentarfunktionen von Weblogs ergeben
sich oft „automatisch” Kontakte zu KollegInnen, die
sich mit ähnlichen Fragestellungen oder Problemen beschäftigen
und es geht etwas persönlicher zu als auf großen Mailinglisten.
Im Anhang finden sich noch der Kriterienkatalog für
die Klassizifizerung der Weblogs, die genauen Daten zum Fallbeispiel
RFID und die Fragen sowie die (anonymisierten) Antworten der Expertenbefragung.
Einzig die Darstellung der Tabellen beim Fallbeispiel,
die im DIN A4-Format schlicht nicht lesbar sind, hat mir gar nicht
gefallen.
Bemerkungen
Diese Besprechung ist eine gute Gelegenheit, einmal mit einem kleinen
Missverständnis aufzuräumen, dem auch Heidi Stieger unterlegen
ist: netbib fungiert nicht als eine Art Pressespiegel für das
Bibliothekswesen. Unsere Tagline (Untertitel) “Der kurioese
Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen”
veranlasst auch andere Leser zu der Annahme, wir würden nur
Zeitschriften bzw. Zeitungsartikel annoncieren. Die kommen bei uns
zwar auch vor, sind aber keineswegs das Hauptgeschäft, sondern
eher eine Art “Abfallprodukt”. Der Begriff Zeitungen
wurde früher als Synonym für Nachrichten benutzt. Die
Presseauswertung, falls man es so nennen mag, findet bei uns nur
nebenbei statt. Hauptaugenmerk sind Informationen zu Entwicklungen
in und von Bibliotheken, Archiven und anderen Informationsanbietern.
Literatur
Braun, Barbara; Braun, Volker (2007) Erfahrungsbericht
über den Einsatz eines Weblogs in der Bibliothek der Medizinischen
Fakultät Mannheim. In: GMS Medizin – Bibliothek –
Information 2007;7(1) www.egms.de/de/journals/mbi/2007-7/mbi000059.shtml
(geprüft am 30.9.2007)
Hartl, Margit; Bauer, Bruno (2007) „Ein
Weblog als Informations- und Kommunikationsinstrument an der Universitätsbibliothek
der Medizinischen Universität Wien: 1 Jahr UBMUW-INFO.”
In: GMS Medizin - Bibliothek - Information 2007; 7(1) www.egms.de/de/journals/mbi/2007-7/mbi000060.shtml
(geprüft am 30.9.2007)
Heller, Lambert (2007) „Authority 3.0,
oder: Ist Bloggen wissenschaftlich relevant?” netbib weblog,
http://log.netbib.de/archives/2007/09/05/authority-30-oder-ist-bloggen-wissenschaftlich-relevant/
(geprüft am 30.9.2007)
Hilger, Horst (2007) „BSZ - FachBlogs
für BibliothekarInnen.” http://www2.bsz-bw.de/cms/recherche/links/infedo/infedoBiblblogs.html
(geprüft am 30.9.2007)
Stieger, Heidi (2006) Fachblogs von und für
BibliothekarInnen – was nützen sie? Ein Blick auf den
deutschsprachigen Raum. arbido 4/2006, S.61-65 (geprüft am
30.9.2007)
Fußnoten
[Fn 1] www.bib-info.de/komm/opl/pub/oplcheck.html
(zurück)
[Fn
2] vgl. dazu auch den Text von Lambert
Heller Authority 3.0, oder: Ist Bloggen wissenschaftlich relevant?
(http://log.netbib.de/archives/2007/09/05/authority-30-oder-ist-bloggen-wissenschaftlich-relevant/)
(zurück)
[Fn
3] vgl.
http://liswiki.org/wiki/Weblogs_-_Non-English#Individual
(zurück)
[Fn
4] http://liswiki.org/wiki/Weblogs_-_Non-English#Persian_.28.D9.81.D8.A7.D8.B1.D8.B3.DB.8C.29
(zurück)
[Fn
5] http://meredith.wolfwater.com/wordpress/index.php/2005/09/12/survey-of-the-biblioblogosphere-why-we-blog/
(zurück)
[Fn
6]
http://meredith.wolfwater.com/wordpress/index.php/2007/09/04/2007-survey-of-the-biblioblogosphere-index-of-results/
(zurück)
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