| Lernen und gegenseitige Anerkennung
– eine Aufgabe für öffentliche Bibliotheken?
von Hans Elbeshausen (info)
Einleitung
| Lernzentrum - Dialog und Entwicklung
| Zone der nächsten
Entwicklung | Lerntheorien
| Praxisgemienschaften
- gemeinsames Lernen in der Bibliothek
| „Appreciative Inquiry“
– Methode des Lernens und der Anerkennung |
Wertschätzende und anerkennende
Erkundung – Anmerkungen zur Theorie
| Appreciative Inquiry
im Community Center Gellerup (CCG)
| AI und Lernen in der Bibliothek
| Lernen
und Anerkennung | Literatur
Einleitung
Der Gedanke, dass sich die öffentlichen Bibliotheken wieder
zu pädagogischen Einrichtungen entwickeln, mag befremdlich
sein. Geschichte und Selbstverständnis ihrer Mitarbeiter zeigen
deutlich, dass die Abgrenzung der Bibliotheken von Schule und normativer
Kulturpolitik ein schwieriger und langwieriger Prozess gewesen ist.
Nehmen wir Dänemark als Beispiel, so war bis
etwa 1920 der Volksbibliothekar üblicherweise auch Lehrer an
der örtlichen Volksschule. Pädagogische und bibliothekarische
Aufgaben ergänzten sich in der Regel gut (Skouvig 2006). Schwieriger
wurde es schon, sollte der Lesesaal als Unterrichtsraum genutzt
werden und das Fachpersonal Erwachsene in der Benutzung von Handbüchern
unterweisen. Man findet in einer dänischen Bibliotheksgeschichte
die enttäuschte Feststellung, dass einem Lesesaalsbibliothekar
schon Anfechtungen kommen können, wenn angesichts des vielfältigen
und geordneten Wissens in den Regalen der Lesesaal nicht als Studierkammer,
sondern als Lesestube für Zeitschriften und Zeitungen genutzt
wird. Die Benutzer folgten nicht unbedingt den kultur- oder bildungspolitischen
Ambitionen der Bibliotheken bzw. ihrer Leitung (Kirkegaard 1948).
Ähnlich verhielt es sich mit der Frage, ob Bibliotheken Unterhaltungsliteratur
anschaffen und ausleihen durften oder ob sie unbedingt den nationalen
Richtlinien zu folgen hätten. Diese wurden von der staatlichen
Bibliotheksinspektion festgelegt, und hier ließ man sich von
einem bürgerlichen Bildungsbegriff und utilitaristischen Nutzenkalkül
leiten. Doch auch in dieser Frage hat sich letztendlich der eigensinnige
Leser durchgesetzt (Ørum 2005).
Die Bibliotheken orientierten sich im Laufe der Zeit
an den Wünschen und Bedürfnissen der Benutzer und gaben
ihre pädagogischen Ambitionen und den starken Vermittlungsbegriff
auf. Konsequenterweise änderte man die Bibliotheksgesetzgebung.
Im Gesetz von 1964 konnte man daher lesen, dass die öffentlichen
Bibliotheken Bildung, Ausbildung und Kultur dadurch fördern,
dass sie Bücher und andere geeignete Materialien gratis zur
Verfügung stellen. Die Formulierung zur Verfügung
stellen signalisiert einen grundlegenden Wandel bezüglich
der Aufgaben und des Selbstverständnisses der öffentlichen
Bibliotheken. Die Bibliotheksbenutzer wurden nunmehr als mündige
und informationskompetente Bürger betrachtet. Es wurde Abschied
von der Vorstellung einer Mainstream-Kultur genommen; man stellte
sich auf die zunehmende Individualisierung, kulturelle Differenzierung
und Erlebnisorientierung ein. Lernen als aktive Vermittlung kulturpolitisch
vorgegebener Inhalte und Ideale passte nicht mehr in eine sich schnell
verändernde kulturpolitische Landschaft.
Die öffentlichen Bibliotheken Dänemarks
sehen sich seit 1964 lieber in der Rolle eines Begleiters und Wegweisers
in einer globalen Informationsgesellschaft denn als Wächter
eines nationalkulturellen Erbes. Mit dem Gesetz von 1964 war in
Dänemark die Entwicklung zum Modell der public library
weitgehend abgeschlossen. Die dänische Entwicklung zur public
library ist der deutschen nicht ganz unähnlich, obwohl
die kulturpolitischen Verwerfungen in Deutschland größer
und die Widerstände gegen eine Öffnung der Bibliotheken
nachhaltiger gewesen sind (Jochum 1993).
Interessanter- oder ironischerweise erlebt der starke
Vermittlungsbegriff seit etwa zehn Jahren eine Renaissance. Etwa
zeitgleich mit einer didaktischen Neuorientierung im Schul- und
Ausbildungssektor (Jacobsen 2000; Damlund & Rander, 2004) beginnen
sich auch Bibliotheken für Lernzentren, Lernwerkstätten
und offenen Lern- und Vermittlungsformen zu interessieren. Im Jahre
2002 wurde in Vollsmose, einem Vorort von Odense, das erste Lernzentrum
an einer öffentlichen Bibliothek eröffnet. Ein neues Bibliotheksmodell
entstand, das nachfolgend von anderen Bibliotheken übernommen
und weiterentwickelt worden ist.
Im Gegensatz zum Schulsektor sind offene Lern- und
Vermittlungsformen in den Bibliotheken nicht Teil eines bereits
vorgefundenen didaktischen Konzepts und eine Ergänzung zu traditionellen
Vermittlungsformen. Vielmehr geht das pädagogische Interesse
auf die Notwendigkeit zurück, stärker zwischen bibliothekarischen
und pädagogischen Funktionen unterscheiden zu müssen.
Der Zwang zur funktionellen Differenzierung lässt sich aus
zwei unterschiedlichen Tendenzen herleiten. Zum einen erfordern
stetig wachsende Informationsmengen und Globalisierung der Kommunikation
eine stärkere bibliothekarische Präsenz im Vermittlungsprozess.
Bibliotheken sind darum bemüht, die Informationskompetenz auch
ressourcenstarker Benutzergruppen durch lernbezogene Aktivitäten
zu verbessern – eine Aufgabe, die sich durchaus mit dem traditionellen
Selbstverständnis der Bibliotheken vereinbaren lässt.
Zum anderen zeigte sich - verursacht durch Globalisierung
und Diversifizierung von Lebenswelten, dass einige Benutzergruppen
mehr kulturelles und soziales Orientierungswissen benötigten
(Weisbjerg & Elbeshausen 2006). Die Vermittlung dieses Wissens
sprengte aber, so die Erfahrungen in den Ballungszentren der multikulturellen
Gesellschaft, den Rahmen des bibliothekarischen Informations- und
Vermittlungskonzeptes.
Wie dem nachfolgenden Zitat zu entnehmen ist, mussten Bibliothekare
nicht nur Wissen organisieren und Informationen vermitteln, sondern
ihren Benutzern oft auch erklären, worin die Relevanz der zur
Verfügung gestellten Informationen besteht und wie diese Informationen
praktisch umgesetzt werden können:
„Ich bin gezwungen, den Benutzern
persönliche Kompetenzen zu vermitteln. Wir müssen
ihnen Wissen vermitteln.“ …“Wissen muss durch
die Person weitergegeben werden, die dieses Wissen besitzt.
Man kann nicht an ein Internetportal ’Netzdoktor’
verweisen – es würde sonderbar wirken, die Frauen
aus Vollsmose [Frauen mit ethnischem Hintergrund; HE] auf ’Netzdoktor’
oder ähnliche Portale im Internet aufmerksam zu machen.“
(Interview mit Bibliotheksleiter und Leiter des Lernzentrums
Vollsmose 2006)
Die Fragestellung, die in dem Zitat sichtbar wird,
lässt sich sowohl informations- als auch lerntheoretisch abfassen.
Informationstheoretisch wäre danach zu fragen, wie Benutzergruppen,
die über begrenzte Fertigkeiten zur Rekontextualisierung von
Informationen (Pawley 2003) verfügen, beim Wissens- und Kulturtransfer
unterstützt werden können. Denn fehlt – aus welchen
Gründen auch immer – die Möglichkeit, Informationen
individuell zu bewerten, wird es schwer, diese in Wissen umformen
und praktisch anwenden zu können (Niggli 2005).
Lerntheoretisch könnte man mit Bezug auf die pädagogische
Hermeneutik hervorheben, dass im Zentrum einer Bildungsarbeit nicht
die Vermittlung von sog. Realwissen zu stehen hat, sondern es um
die Ausbildung hermeneutischer Fähigkeiten geht (Rittelmeyer
& Parmentier (2001). Mit hermeneutischen Fähigkeiten ist
der produktive Umgang mit der eigenen Lernbiographie, selbstreflexives
Verstehen sowie transformatives und emanzipatorisches Lernen gemeint.
Bibliothekare müssen, wollen sie sich dieser Aufgabe annehmen
und den Wissens- und Kulturtransfer fördern, ihre Zurückhaltung
gegenüber didaktisch begründetem und pädagogisch
abgewogenem Handeln aufgeben. Sie müssen die Lernvoraussetzungen
ihrer Benutzer kennen, Ziele der lernorientierten Praxis vorgeben,
Lernprogramme und Lernstrategien zielgerichtet einsetzen, über
Erfolgskontrollen nachdenken und für das Lernen im kulturellen
und politischen Umfeld der Bibliotheken werben.
Nachfolgend werde ich darlegen, wie öffentliche
Bibliotheken in Dänemark sich mit der Aufgabe, Lernaktivitäten
und Lernstrategien zu entwickeln und zu begründen auseinandergesetzt
und welche Erfahrungen sie dabei gemacht haben. Dabei konzentriere
ich mich auf die Frage, was unter einem Lernzentrum zu verstehen
ist und mit welchen Lerntheorien gearbeitet wurde. Abgeschlossen
wird dieser Artikel mit Überlegungen zum Zusammenhang von Lernen
und gegenseitiger Anerkennung.
Dem Artikel liegt eine Studie zugrunde, an der drei
öffentliche Bibliotheken bzw. ihre Lernzentren mitwirkten.
Die Studie wurde im Sommer 2005 begonnen und im Spätsommer
2006 beendet. Die Ergebnisse wurden in dem Bericht „Wissen
im Dialog – Empowerment in offenen und geschlossenen Lernräumen
an Bibliotheken“ zusammengefasst. (Berger & Elbeshausen
2007). Ziel der Untersuchung war es, die Lernaktivitäten, die
didaktischen Konzepte, den organisatorischen Rahmen und das Selbstverständnis
zu beschreiben sowie die Einbettung der Aktivitäten in das
soziale und kulturelle Umfeld der Bibliotheken zu analysieren.
An der Studie, die von der dänischen Bibliotheksagentur
gefördert wurde, nahmen die IT-Bibliothek Blågården
(Kopenhagen), das Community Center Gellerup (Århus) und das
Lernzentrum Vollsmose (Odense) teil. Die IT-Bibliothek Blågården
liegt in einem multikulturellen Stadtteil Kopenhagens. Der Ausländeranteil
beträgt ca. 25 %, die Arbeitslosenzahl liegt bei knapp 5 %.
Die beiden anderen Bibliotheken befinden sich in einem Gebiet mit
einem Ausländeranteil von etwa 70 % und einer Arbeitslosenzahl
von etwa 40 %. Die Studie ist eine ethnographische Erkundung der
unterschiedlichen Lernmilieus an Bibliotheken.
Lernzentrum – Dialog und Entwicklung
Die Einrichtung des ersten Lernzentrums war, wie bereits
angedeutet, vor allem als eine Ausweitung klassischer Bibliotheksfunktionen
gedacht. Die Einführung der Computer- und Kommunikationstechnologie
hatte großen Einfluss auf Lernbegriff und die Lernaktivitäten.
Die Informationssuche sollte durch die Technologie unterstützt
und der Zugriff auf zentrale Kataloge und Datenbanken erleichtert
werden. Zudem wurde Lernen als Kommunikation mit dem Computer und
als über die Technologie vermittelte individuelle Wissensaneignung
verstanden. Zu Beginn waren die Lernzentren hauptsächlich Informationszentralen,
nur selten Dialog- oder Wissenszentren. Man kann von einer formellen,
nicht aber von einer reellen Integration des Lernens in die öffentlichen
Bibliotheken sprechen.
Es zeigte sich schnell, dass ein solches Konzept nicht
den Bedürfnissen der Benutzer entsprach. Das Konzept war statisch.
Und so war es nicht weiter verwunderlich, dass der erhoffte Erfolg
ausblieb. Die Benutzer blieben aus, da weder ihre Motivation noch
ihre Lernaktivitäten nachhaltig gefördert wurden (Elbeshausen
2006, S. 60). Eine Änderung war notwendig. Diese bestand nicht
so sehr darin, die räumliche Ausstattung zu verbessern oder
technologisch aufzurüsten, sondern Lernraum, Technik, Vermittlung
und Lernen zu vernetzen. Angelpunkt des neuen Lern- und Vermittlungsansatzes
wurde das dialogische Prinzip, das im Folgenden anhand des Begriffs
Zone der nächsten Entwicklung skizziert wird.
Zone der nächsten Entwicklung
Wygotskis Begriff Zone der nächsten Entwicklung
(Wygotski 1964, S. 236) bezeichnet recht genau, was mit den Lernzentren
an Bibliotheken bezweckt wurde. Zone der nächsten Entwicklung
ist der Abstand, der zwischen dem tatsächlichen Entwicklungsstand
eines Lernenden und dem potenziellen Entwicklungsniveau besteht.
Das potentielle Entwicklungsniveau wird sichtbar, wenn ein Lernender
Hilfe bei der Lösung eines Problems erhält und dadurch
Aufgaben zu lösen vermag, die er ohne Unterstützung nicht
oder nur unbefriedigend hätte lösen können. Die Hilfestellung
kann sowohl von Erwachsenen als auch Gleichaltrigen, die sich bereits
auf einem höheren Entwicklungsniveau befinden, kommen. Unterricht,
der sich am potenziellen Entwicklungsniveau des Lernenden orientiert,
muss hauptsächlich die dynamische Wissensaneignung fördern.
Das kognitive Niveau eines Lernenden kann Ausgangspunkt nicht aber
Ziel des entwicklungsorientierten Unterrichts sein. Für Wygotski
gilt, dass sich die Pädagogik nicht an der kindlichen Entwicklung
von gestern, sondern an der von morgen auszurichten habe (Wygotski
1964, S. 241).
Die Zone der nächsten Entwicklung wurde in den
dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts entwickelt und in
den siebziger und achtziger Jahren wiederentdeckt. Bei der Neuentdeckung
wird der Begriff aus seinem marxistischen Kontext herausgelöst
und auf komplexe und widersprüchliche Lernumgebungen bezogen.
Lernen und Entwicklung geschieht demnach in sozialen Situationen,
in denen selbstgesteuerte und problemlösende Lernaktivitäten
und die gelenkte Entdeckung von Wissen miteinander verknüpft
werden (Brown & Campione 1994). Unterstützungsmaßnahmen
in Form von Denkanstößen und Hilfestellungen durch den
Lehrer werden unter dem Begriff scaffolding zusammengefasst. So
haben sich z.B. Theorien des Fremdsprachen- oder Zweitsprachenerwerbs
mit der Frage beschäftigt, wie Lernende sich gegenseitig beim
Spracherwerb unterstützen können oder wie Lernumgebungen
strukturiert sein müssen, die ein gemeinsames scaffolding fördern
(Donato 1994).
An den Lernzentren hat man sich ähnliche Fragen
gestellt. Dabei waren die Bibliotheken hauptsächlich an der
Förderung von Selbstlernkompetenzen interessiert. Diese galten
als wichtige Voraussetzung von selbstgesteuertem Lernen. Dabei kann
man verschiedene Wege einschlagen. Ein Forschungsprojekt an der
Universität Giessen hat z. B. die Frage zu beantworten versucht,
wie Lernende individuell durch Lernangebote unterstützt werden
können, in denen materieller Inhalt und inhaltsbezogene metakognitive
Lernpraktiken verknüpft sind (Klingovsky 2006). Als Lösungen
werden multimediale Selbstlernstrukturen vorgeschlagen, die den
Prozess des selbstgesteuerten Lernens methodisch und didaktisch
abzusichern helfen. scaffolding durch Selbstlernarchitekturen bedeutet
mehr und anderes als Frustrationen und Risiken beim Lernen zu begrenzen,
den Lernenden zu motivieren oder die Komplexität einer Aufgabe
zu verringern. Es geht hauptsächlich darum, reflexive Momente
in die Lernpraktiken einzubauen und dem Lerngegenstand und Lernfähigkeiten
anzupassen. Durch Selbstlernarchitekturen würde das selbstgesteuerte
Lernen ein gutes Stück vorangebracht. In den Lernzentren hat
man dagegen soziale Kompetenzen und kreative Lernformen verknüpft,
um so aktive Wissensvermittlung und transformatives Lernen zu unterstützen.
Ausgangspunkt waren Überlegungen von Yrjö Engeström,
finnischer Professor für Pädagogik.
Engeström hat in einem bemerkenswerten Artikel
(Engeström 1996) kritisiert, dass der Begriff Zone des nächsten
Entwicklung allzu sehr auf rezeptive Lernformen und die Aneignung
existierenden Wissens verengt worden sei; produktive und kreative
Lernformen seien für die kognitive Entwicklung des Lernenden
von größerer Bedeutung als die Aufnahme von Informationen.
Außerdem müssten individualpsychologische Aspekte beim
Lernen mit den gesellschaftlichen verknüpft werden, wolle man
dem kulturhistorischen Ansatz Wygotskis gerecht werden. Engeström
unternimmt deshalb einen umfassenden Rekonstruktionsversuch. Zone
des nächsten Entwicklung wird dabei unmittelbar auf die gesellschaftliche
Dynamik, das heißt auf die Produktion neuer Wissens- und Praxisformen
bezogen. Der Abstand zwischen den Alltagshandlungen, in denen der
aktuelle Kenntnisstand der Menschen mit seinen Begrenzungen aufgehoben
ist, und die dynamischen Wissens– und Praxisformen seien durch
Unterrichtsaktivitäten zu überbrücken (Engeström
1996, S. 141). Engeström geht es also nicht um Unterricht schlechthin,
sondern um solche Aktivitäten, die die zukünftige Entwicklung
in sich aufnehmen. Der Begriff Zone der nächsten Entwicklung
umfasst somit zwei Aspekte: die Entfaltung einer an der Zukunft
orientierten Vermittlungstätigkeit und die Förderung neuer
Praxisformen. Individuelles und gesellschaftliches Lernen lässt
sich aus dieser Perspektive nicht voneinander trennen.
Die Lernzentren sind diesen Überlegungen gefolgt
und haben sich zu Orten entwickelt, an denen selbst gesteuerte Lernprozesse
das Ziel von Vermittlung und Unterricht ausmachen. Um dieses Ziel
zu erreichen, bieten Bibliotheken reflexive Lernpraktiken an und
fördern Selbstlernkompetenzen. Lernzentren sind im übertragenen
Sinn ein Möglichkeitsraum, in dem sich der Lernende im Dialog
mit anderen probeweise eine neue Sichtweise auf die Wirklichkeit
erarbeiten kann. Der Möglichkeitsraum lässt sich inhaltlich
mit folgendem Zitat beschreiben:
„No need is more fundamentally
human than our need to understand the meaning of our experience.
Free, full participation in critical and reflective discourse
may be interpreted as a basic human right. This concept suggests
an epistemological foundation for understanding such constructs
rationality, freedom, objectivity, adult development, democratic
participation, social responsibility, self-directedness, and
adult education.” (Mezirow 1990 S. 11)
Lerntheorien
Bei den folgenden Lerntheorien, die skizziert und
deren Anwendung in Bibliotheken erörtert werden, handelt es
sich um die Theorie des situierten Lernens in Praxisgemeinschaften
(Lave & Wenger 2003) und um eine Theorie, die aus der Organisationstheorie
stammt und in den letzten zwei Jahrzehnten unter der Bezeichnung
Appreciative Inquiry (Cooperider & Srivastva 1987)
viele Anhänger gefunden hat.
Praxisgemeinschaften – gemeinsames
Lernen in der Bibliothek
Am Lernzentrum Vollsmose haben die Bibliothekare
sich intensiv mit dem lerntheoretischen Ansatz von Lave und Wenger
(2003) auseinandergesetzt. Ausgangspunkt dieser Lerntheorie ist
die Annahme, dass Lernen authentisch zu sein habe und deshalb in
Situationen zu verankern sei, die lernintensiv sind.
„Wir konzentrieren uns hier auf
Lernen durch Teilnahme und darauf, dass die Lernenden in Praxisgemeinschaften
miteinander verbunden sind. Wissen und Kompetenzen werden nicht
etwa durch Nachahmung oder traditionellen Theorieunterricht
vermittelt. Wissen und Kompetenzen werden in der Teilnahme geformt.
Inhalt der Lernprozesse ist die Frage, wie jemand Mitglied der
Gemeinschaft wird, an der er/sie teilnimmt.“
(Selbstevaluationsbericht Vollsmose 2005)
Diese Aussage enthält zentrale Elemente der Lerntheorie
von Lave und Wenger, geht aber gleichzeitig auf die besonderen sozialen
und ethnischen Bedingungen in Vollsmose ein und gibt das Selbstverständnis
des Lernzentrums wieder: durch pädagogisches Engagement einen
Beitrag zur Integration vor allem jugendlicher Benutzer leisten
zu wollen.
Lernen wird als aktiver sozialer Prozess, nicht als
Nachahmung verstanden; außerdem soll es möglichst in
der Verantwortung der Lernenden verbleiben. Dass Lernen eine Tätigkeit
ist und nicht von der Situation abgelöst werden kann, in der
und an der gelernt wird, ist hauptsächlich von konstruktivistischen
Lerntheorien bzw. der Reformpädagogik betont worden. In der
englischsprachigen Literatur umfasst der Begriff situiertes
Lernen eine Reihe unterschiedlicher Ansätze, die von der
kognitiven Lehre (cognitive apprenticeship) überprozessorientierten
Aneignung (participatory appropriation) die gelenkte
Teilnahme und Entdeckung bis hin zur reichen.
Lave und Wenger haben mit ihren Arbeiten wesentlich
zur Verbreitung sozialverantwortlichen und situierten Lernens beigetragen.
Mit situiertem Lernen ist mehr gemeint als die Tatsache, dass Denken
und Handeln in einem bestimmbaren räumlichen und zeitlichen
Kontext stattfinden. Lernen, Wissen und persönliche Entwicklung
sind relationaler Art; die Bedeutung einer Situation liegt nicht
von Anfang an fest, sondern wird jeweils von den Akteuren ausgehandelt.
Situiertes Lernen bedeutete in Vollsmose hauptsächlich,
dass das Lernen selbst, d.h. sein Zweck und seine Form, zum Gegenstand
einer konfliktträchtigen Auseinandersetzung wurde. Viele Jugendliche
hatten schlechte Erfahrungen mit dem herkömmlichen Schul- und
Ausbildungssystem; zudem wies ihre Lernbiographie Brüche und
Abbrüche auf. Für sie war Lernen vor allem eine institutionell
verankerte und entfremdende Aktivität, die oft mit persönlichen
Niederlagen verbunden war. Das Lernzentrum Vollsmose musste von
diesen Erfahrungen ausgehen und ihr Lernkonzept an den Bedürfnissen
und Bedenken der Benutzer ausrichten. Deshalb wurden die Lernaktivitäten
nicht inhaltlich, sondern relational und prozessual begründet.
Die Jugendlichen sollten langfristig in Lernaktivitäten eingebunden
werden; zudem sollten verbindliche Prozessstrukturen aufgebaut werden.
Oftmals war es bereits ein Lernerfolg, wenn die Jugendlichen offen
ein Interesse an ihren eigenen Lernaktivitäten zeigten sowie
gemeinsam und kontinuierlich mit einem Wissensgebiet arbeiteten.
Praxisgemeinschaft und legitime periphere Teilnahme
– beide Begriffe bezeichnen einen Weg zur strukturierten Aneignung
von Wissen und Fertigkeiten sowie die gegenseitige Anerkennung und
Achtung der am Lernprozess teilnehmenden Personen. Die Praxisgemeinschaft
als Lerngemeinschaft besteht aus Personen, deren Zusammenarbeit
über das gemeinsame Interesse am Gegenstand vermittelt ist,
die Fertigkeiten und Wissensbestände aufbauen, die sich trotz
ihrer Verschiedenheit gegenseitig respektieren lernen und deren
Identität durch die Praxisgemeinschaft verändert wird
(Lave und Wenger 2003, S. 132). Wenger unterstreicht, dass Praxisgemeinschaften
nicht nur in formalisierten Lernumgebungen z. B. in Schule oder
Universität, sondern auch im Alltag zu finden sind.
Im Lernzentrum Vollsmose wird Praxisgemeinschaft
in dreifacher Hinsicht angewendet. Erstens ist sie die zentrale
soziale Lerneinheit. Nicht die vorab definierte Lerngruppe oder
der Einzelne, sondern die Gemeinschaft derer, die sich über
ein Thema oder Interessengebiet - auch ad hoc -zusammengefunden
haben, bilden die Gemeinschaft der Lernenden. Das Prinzip der Freiwilligkeit
wird als ausschlaggebend für Lernerfolg und Integration in
das Lernmilieu angesehen. Gemeinschaften können unterschiedlich
groß sein. Ein zugegebenermaßen besonderes Beispiel
ist die Kooperation eines 14-jährigen Jungen mit einem etwa
30 Jahre alten Mann; der 14-jährige bringt dem Älteren
das Lesen bei.
Lave und Wenger weisen darauf hin, dass die Teilnahme
an einer Praxisgemeinschaft ein Wert an sich ist. Es geht nicht
nur um Wissen, Kenntnisse und Fertigkeiten, sondern auch um die
Erfahrung über die aktive Teilnahme zu einem vollwertigen Mitglied
der Gemeinschaft zu werden. Aus den Interviews geht hervor, dass
das Erlebnis, Teil einer Gemeinschaft zu sein, oftmals genauso bedeutsam
ist, wie die konkrete Hilfe, die man dort erhält. „Es
war schlechtweg eine große Hilfe, Teil des Lernzentrums zu
sein.“ Für einige Benutzer ist es besonders wichtig,
dass dort immer jemand zu finden ist, mit dem man reden und sich
austauschen kann.
Zweitens entscheiden Dialog und Interaktion zwischen
den Lernenden darüber, ob eine Gruppe zu einer Lerneinheit
wird oder über das Stadium einer Protolerngruppe nicht hinauskommt.
Bildet sich eine Praxisgemeinschaft, weil Jugendliche z.B. Interesse
an dem Thema professionelle Fußballerkarrieren haben, dann
hängt die weitere Entwicklung davon ab, ob die Mitglieder eine
gruppeninterne Hierarchie akzeptieren können, die sich aus
den Kompetenzen und dem Wissensstand der einzelnen Mitglieder ergibt.
Im Dialog muss geklärt werden, was gelernt und wie gelernt
werden soll und wer die Verantwortung für die Wissensvermittlung
übernimmt. Mittels Dialog und Interaktion fließen Erfahrung
und Wissen in die Lerngemeinschaft ein. Dialog und Interaktion verändern
die Beziehungen der Mitglieder ständig; es schält sich
eine interne Arbeitsteilung heraus, die gleichzeitig Gegenstand
der Reflexion und Veränderung ist. Schließlich werden
die Resultate des jeweiligen Lernprozesses in einem Zuwachs an dialogischer,
kognitiver und Interaktions-Kompetenz erkennbar. Die Mitarbeiter
des Lernzentrums Vollsmose überlassen es den Mitgliedern weitgehend
selbst, ihre Praxis- und Lerngemeinschaften zu organisieren. Selbstorganisiertes
und selbstgesteuertes Lernen ist so wesentlich, dass die Mitarbeiter
sich darauf beschränken, die Gruppe praktisch zu begleiten;
sie sorgen dafür, dass technische oder organisatorische Hindernisse
beseitigt werden, respektieren aber ihre Autonomie, auch indem sie
ihr keine Vorschriften machen, wie der Lernprozess zu gestalten
ist.
Drittens sind Praxisgemeinschaften soziale Einheiten,
in denen die Identität ihrer Mitglieder in strukturierter Weise
entwickelt wird. Das Strukturierungsprinzip wird von Lave und Wenger
auf den etwas umständlichen Begriff legitime periphere Teilnahme
(legitimate peripheral participation) gebracht. Damit ist zum einen
gemeint, dass – ähnlich wie bei der Meisterlehre –
Wissen nicht abstrakt vermittelt, sondern durch tätige Teilnahme
an Arbeitsaufgaben angeeignet wird. Zum anderen wird Identität
über Tätigkeit und Arbeit vermittelt. Die peripheren Tätigkeiten
sind – auf die Gesamtheit des Arbeitsprozesses bezogen –
notwendige Verrichtungen; zudem enthalten sie das Versprechen, die
Arbeit der Experten kennen zu lernen und später selber ausführen
zu dürfen.
Identität durch Teilnahme war ein zentrales Moment
bei der Arbeit mit Jugendlichen in Vollsmose. Teilnahme –
so die Annahme – fördert nicht nur die soziale Interaktion,
sondern stuft auch den Stellenwert sog. kultureller Identitätsmarker
herab. Demonstrative Ethnizität, Verwendung ethnischer Kollektivsymbole
oder die Benutzung hybrider Sprechformen, die das soziale Milieu
normalerweise prägen, spielten in den Praxisgemeinschaften
am Lernzentrum eine nebengeordnete Rolle. Jugendliche mit dänischem
und ausländischem Hintergrund arbeiteten gemeinsam an einem
Projekt, ohne dass Ethnizität diese Arbeit wesentlich beeinflusst
hat. Mit anderen Worten: Status, Rolle und Identität leiteten
sich aus der Einstellung zum gemeinsamen Projekt und nicht aus den
sonst gängigen Stereotypen ab. Das erfolgreiche Meistern der
Aufgaben schuf ein Selbstverständnis und ein Erfahrungsfundament,
die die Praxisgemeinschaften zu einem Ort sozialer und kultureller
Integration haben werden lassen. Themenzentriertes Arbeiten, Lernen
und Identitätsbildung ergänzten sich am Lernzentrum Vollsmose
zu einem praktikablen Lernkonzept, das den Bedürfnissen und
Erfahrungen der Lernenden entgegenkam.
Abschließend sind zwei Dinge anzumerken. Das
Konzept Praxisgemeinschaft hat sich, wie gesagt, als trag-
und funktionsfähig erwiesen. Doch haben die Mitarbeiter des
Lernzentrums dieses Konzept vor allem in der Arbeit mit Jugendlichen
zwischen 14 und 25 Jahren angewendet. Ob situiertes und selbstgesteuertes
Lernen auch in der Arbeit mit anderen Altersgruppen funktioniert,
müsste genauer untersucht werden; dabei wäre zu überprüfen,
ob ältere Benutzer mit Migrationshintergrund eine proaktive
oder reaktive Haltung zum Lernen und Unterricht haben. Der zweite
Punkt greift die Frage auf, ob selbst gesteuertes und entdeckendes
Lernen nicht auch dazu führen können, dass sich Lernende
ihr Wissen auf ineffektive Weise aneignen und es zu Missverständnissen
kommen könnte. Diese Frage wurde von Brown und Campione (1994)
aufgeworfen. Um mögliche Umwege oder Irrwege bei der Aneignung
neuen Wissens zu vermeiden, setzen sie auf gelenktes Entdecken (guided
discovery). Die Lernenden werden auf ihrer Entdeckungsreise nicht
allein gelassen, sondern erhalten Hilfe und Unterstützung von
Experten. Ob ein solcher Ansatz mit dem Selbstverständnis der
Mitarbeiter und der Lernenden am Lernzentrum Vollsmose vereinbar
ist, müsste ebenfalls genauer untersucht werden. Zusammenfassend
kann man sagen: im Lernzentrum Vollsmose hat man die sozialen Relationen
beim Lernen, nicht den Gegenstand des Lernens in den Vordergrund
gestellt; die Praxisgemeinschaft wurde zu einer Lernform für
Jugendliche entwickelt, die mit traditionellem Unterricht und Buchwissen
keine guten Erfahrungen machten, die aber davon ausgehen, dass Lernen
zur Erreichung eigener Ziele notwendig ist.
„Appreciative
Inquiry“ – Methode des Lernens und der Anerkennung
Wertschätzende und anerkennende
Erkundung – Anmerkungen zur Theorie
Appreciative Inquiry (AI)[Fn1]
wurde vor etwa 20 Jahren in den USA entwickelt und wird hauptsächlich
in privaten Unternehmen und öffentlichen Organisationen eingesetzt.
Ziel des Ansatzes ist es, mittels klarer methodischer Vorgaben und
einer begeisternden Sprache verschüttete bzw. unentdeckte innovative
Potentiale in Organisationen und bei ihren Mitarbeitern freizusetzen.
Der Rahmen dieses Ansatzes sind die Organisation und ihre Mitarbeiter.
Interessenten (stakeholder) können, wenn notwendig,
in den Lern- und Veränderungsprozess einbezogen werden.
Ein erster umfassender Aufsatz zur Theorie des Appreciative
Inquiry wurde 1987 von Cooperrider und Srivastva vorgelegt,
die sich in Forschung und Lehre mit Organizational Behavior befassen.
Ihre Grundidee entnehmen sie dem Konstruktivismus, wo zwischen einer
Wirklichkeit erster und zweiter Ordnung unterschieden wird. Die
Wirklichkeit erster Ordnung umfasst die objektiven Eigenschaften
der vorgefundenen Realität, die Wirklichkeit zweiter Ordnung
dagegen Sinnzuschreibungen und Bedeutungssysteme. Cooperrider und
Svrivastva behaupten nun in Appreciative Inquiry in Organizational
Life (1987), dass die Organisationsforschung sich bislang nie
ernsthaft mit Normen, Ideologien, Werten und Paradigmen einer Organisation,
d.h. mit der Wirklichkeit zweiter Ordnung befasst habe. Vielmehr
habe ihr Bestreben darin bestanden, strukturelle Probleme dadurch
zu lösen, dass sie schrittweise einen Wandel in der Wirklichkeit
erster Ordnung herbeizuführen versuche.
Sie gehen – im Sinne der generativen Theorie
Kenneth Gergens (2000) – weiter davon aus, dass alle Muster
sozialen Handelns veränderbar seien und diese Veränderungen
durch neue Deutungsmuster herbeigeführt werden. Der Einfluss
positiver Sinnzuschreibungen und Imaginationen auf die Handlungsentwürfe
und die Handlungsweisen von Menschen sei so bedeutend, dass das
Verhältnis von Theorie und Praxis umgekehrt werden müsse.
Der Gebrauchswert einer Theorie sei vor allem daran zu messen, in
welchem Umfang sie neue Möglichkeiten für soziales Handeln
eröffne und ob es zu einem normativen Dialog darüber komme,
wie sich Organisationen neu organisieren können. Cooperrider
(1990) fasst die Theorie des AI in drei Prinzipien zusammen:
- Organisationen sind das Ergebnis eines positiven
Gedankens;
- bei wiederkehrenden Schwierigkeiten ist nicht
ein Mehr an Problemlösung, sondern ein Mehr an Wertschätzung
nötig;
- das Management habe daher vor allem solche
Aktivitäten und Entwürfe zu fördern, die zu
neuen und besseren Leitbildern für die Praxis führen.
Seine Prinzipien korrespondieren mit dem sog. 4-D
Zirkel, der als methodisches Werkzeug den organisatorischen Wandel
in die Wege leiten und strukturieren soll: Discovery (Entdeckung),
Dream (Traum), Design (Design) und Destiny (Schicksal) sind Schritte
auf dem Weg in eine bessere, d.h. produktivere und erfolgreichere
Zukunft (Cooperrider & Whitney 2005). Organisatorischer Wandel
wird als Veränderung bereits existierender und als Schaffung
wertschätzender Organisationen definiert. Ist der 4-D Zirkel
das methodische Werkzeug, das dem Veränderungsprozess eine
Form gibt, dann ist der ebenbürtige Dialog das Medium, in dem
sich der Wandel vollzieht. Es gilt, den inneren Dialog einer Organisation
zu erkunden und zu verstehen, um ihn entsprechend verändern
zu können. Lernen im Sinne von AI ist ein Akt des Reframing,
was bedeutet, dass die bisherige Praxis dadurch verändert wird,
dass gängige Deutungsmuster schrittweise durch neue ersetzt
werden. Dialog und Selbstreflexion führen dazu, dass bisheriges
Denken und Handeln in einem neuen Licht erscheint. Es werden kognitive
Grenzen überschritten. Weil der Dialogprozess offen für
alle ist, darf es keine thematischen Begrenzungen oder spezifische
Zielvorgaben geben. Nur der unbehinderte Dialog vermag kreative
Potentiale freizusetzen. AI macht sich das Paradox zu eigen, dass
ein Zustand sich wirklich verändert hat, wenn die Veränderung
als wirklich erlebt wird.
AI wurde nicht nur bei Veränderung von Unternehmen
verwandt. Die kanadische Expertin, Gervase Bushe hat gezeigt (1998),
wie AI bei der Teambildung oder Konfliktlösung in Arbeitsgruppen
eingesetzt wird. In Chicago wurde AI bei der Stadtteilentwicklung
und der Arbeit mit Großgruppen erfolgreich verwendet. Unter
dem Motto „understand what is, imagine what can be, create
what will be“ hat die Organisation “Imagine Chicago”
Menschen dabei geholfen, das Chicago der Zukunft zu entwerfen (Browne
& Jain 2002).
Appreciative Inquiry im Community
Center Gellerup (CCG)
Im CCG, das außer der Bibliothek auch
andere öffentliche Einrichtungen und private Initiativen umfasst,
hat man sich aktiv mit AI befasst. Zentrale methodische Instrumente
wurden verwendet, um ein Community Center-Konzept[Fn2]
zu adaptieren und den sozialen und kulturellen Bedingungen vor Ort
anzupassen. Außerdem haben die Bibliothekare in ihrer Arbeit
mit ethnischen Minoritätsgruppen die wertschätzende und
anerkennende Methode verwendet, um Bürgereinbindung und Bürgerbeteiligung
zu fördern. Nachfolgend werde ich mich nicht mit der lernenden
Organisation, sondern mit kulturellen und sozialen Lernprozessen
der Benutzergruppen und AI befassen.
Öffentliche Bibliotheken sind in Dänemark
kommunale Einrichtungen und daher den politischen Vorgaben auf Gemeindeebene
verpflichtet. Was das CCG und die Bibliothek in Gellerup anbetrifft,
ist die wertschätzende und anerkennende Methode direkt an ein
langfristiges Projekt zur Stadtteilerneuerung geknüpft, das
zur Hälfte vom EU-Strukturfond für regionale Entwicklung
finanziert wird. In Århus hat man sich Chicago zum Vorbild
genommen, auch weil es dort gelungen ist, mittels der wertschätzenden
und anerkennenden Methode die Nahgesellschaft zu revitalisieren.
Bei der Stadtteilerneuerung in Århus wurde nach
einer Organisationsstruktur gesucht, durch die sich dieses Vorhaben
deutlich von anderen kommunalen Initiativen der Stadt abgrenzen
ließ. Mit Hilfe der wertschätzenden und anerkennenden
Methode entwickelten Bürger und Mitarbeiter der Stadtverwaltung
neue Interaktions- und Kommunikationsformen. Vor allem sollte der
Abstand zwischen Bürger und Verwaltung verringert und die soziale
und kulturelle Integration aller Bevölkerungsgruppen beschleunigt
werden. AI hat sich dabei bewährt, positiv auf alle Beteiligten
eingewirkt, konstruktive Energien freigesetzt und das Interesse
der Bürger an ihrem Stadtteil erhöht – so die Leiterin
des Projektes (Mikkelsen 2006). Mit Wertschätzung ist die Achtung
des Einzelnen als Menschen und mit Anerkennung der Respekt vor seinen
Fertigkeiten, Möglichkeiten und Begrenzungen gemeint.
Ähnlich enthusiastisch äußert sich
die Leiterin des Community Centers über die Vorzüge von
AI. Im Abschlussbericht des internationalen Projektes Libraries
as Gateways to the Integration of Immigrants in the EU (Multicultural
Center Prague 2006) wird in dem Beitrag aus Gellerup hervorgehoben,
dass der Interaktion mit den Benutzern eine wertschätzende
Gesinnung und Dialogform zugrunde gelegt wird und dass solche Angebote
und Aktivitäten, die ein Erfolg gewesen sind, weiter verbessert
werden und mit Träumen, Wünschen und Gegenentwürfen
zur real existierenden Wirklichkeit gearbeitet wird. Das folgende
Zitat spiegelt sehr gut den Sprachduktus sowie den Geist der wertschätzenden
und anerkennenden Methode und die Stimmung am CCG wider:
„Libraries are well placed to act
as lever in creating hopes and in making dreams come true. But
in order to do so, libraries must change continuously to remain
relevant for children as well as for adults.” (Hedelund
2006)
Die permanente Ausbildung und Entwicklung der Mitarbeiter
und die lernende Organisation sind eine wesentliche Voraussetzung
– so die Annahme – dafür, dass Gegenentwürfe
zu einer düsteren Wirklichkeit erarbeitet und realisiert werden
können. Die lokale Bibliothek wird zu einer institutionalisierten
Utopie und phantastischen Institution erklärt, die anderen
lokalen Einrichtungen und ethnischen Gruppen neue Wege bei der Integration
in die dänische Gesellschaft aufzeigt. Es bleibt abzuwarten,
ob Bibliotheken immer ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden
können.
AI und Lernen in der Bibliothek
Die Frage, ob Appreciative Inquiry (AI) ein
brauchbarer Lernansatz ist, kann nicht einfach beantwortet werden,
unter anderem weil Lernaktivitäten in Bibliotheken sehr unterschiedlich
aussehen können. Selbstinitiiertes Lernen, traditionelle Unterrichtsformen,
individuelle Beratungsgespräche und handlungsorientiertes Lernen
in Stadtteilprojekten sind verschiedene Lernformen – nicht
zu jeder dieser Lernformen passt AI gleich gut. Grundsätzlich
kann man jedoch feststellen, dass die Vermittlung von Wissen durch
eine wertschätzende und anerkennende Einstellung gefördert
wird. Das bejahende Menschenbild und der Optimismus wirken sich
positiv auf Lernen und Entwicklung in der Nahgesellschaft aus.
Schwieriger ist es schon sich vorzustellen, ob und
wie AI sich auf Lernen in Bibliotheken übertragen lässt.
Im Gegensatz zu privaten oder öffentlichen Unternehmen sind
Bibliotheken offene soziale und multifunktionale Räume. Bei
Organisationen kann man zwei Dinge voraussetzen, die beim Publikumsverkehr
in Bibliotheken fehlen. Zum einen kann in Unternehmen von einem
Grundbestand an gemeinsamen Erfahrungen, einem mehr oder weniger
klaren Organisationsziel und von einer gewissen Identifikation der
Mitarbeiter mit der Organisation ausgegangen werden. Zum anderen
verpflichten sich die Teilnehmer am Ende einer jeden wertschätzenden
Untersuchung, neue Zielsetzungen, Werte und Normen gemeinsam zu
realisieren, auch um den Erfolg der Organisation zu sichern.
Beide Voraussetzungen sind in Situationen offenen
Lernens nicht zwangsläufig gegeben. In Bibliotheken ist der
Erfahrungshintergrund der Benutzer bzw. Lernenden in der Regel sehr
unterschiedlich – besonders wenn man sich nicht auf bestimmte
Zielgruppen beschränkt. Eine gegenseitige Verpflichtung kann
bestenfalls auf einer freiwilligen Übereinkunft beruhen. Man
kann eine Bibliothek benutzen, ohne deren Ziele und Werte zu teilen.
Auch teilen Lernende und Bibliothekare kein gemeinsames Schicksal
(destiny) wie in einem Unternehmen. Beides erschwert die Anwendung
von AI; es sind zusätzliche pädagogische und inkludierende
Maßnahmen erforderlich, um Lernen kompetent und erfolgreich
zu begleiten. Eine pädagogisch abgesicherte Methodik fehlt
aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch. Der Lernansatz beschränkt
sich im Wesentlichen darauf, durch den anerkennenden Dialog beim
Lernenden ein Streben nach mehr Lernen freizusetzen (Elmholdt 2006).
Wie Selbstlernkompetenzen systematisch aufgebaut werden können
kann nicht zufriedenstellend beantwortet werden.
Überdies wird beim AI vom Idealtypus der Gemeinschaft
ausgegangen; nicht die Koexistenz widersprüchlicher Interessen,
sondern die Verbindung durch Symbole und Werte prägt diese
Sozialform und ist der Ausgangspunkt für eine wertschätzende
Anerkennung. Ungleiche Verteilung von symbolischer und reeller Macht,
Interessengegensätze und verschiedene Zielvorstellungen spielen
aufgrund der sozialintegrativen Ausrichtung von AI eine untergeordnete
Rolle. Das Dialogprinzip setzt Offenheit und Gleichwertigkeit voraus.
Stadtteilarbeit, besonderes in sozialen und kulturellen Ghettos,
kann das Vorhandensein von Interessengegensätzen nicht ausschließen.
Lernen bedeutet auch, eine in sich widersprüchliche Wirklichkeit
verändern zu wollen und zu können und Formen gegenseitiger
Anerkennung respektieren und akzeptieren zu können. Vor diesem
Hintergrund ist es interessant, dass das CCG die wertschätzende
Untersuchung um die von Honneth (Honneth 1993; Fraser & Honneth
2003) entwickelten Begriffe gegenseitige Anerkennung und Verteilungsgerechtigkeit
erweitert (Nielsen 2007).
Bei AI ist normalerweise die Organisation das Subjekt
des Lernens und der Veränderung. Das CCG hat es aber mit Personen
und Gruppen zu tun, die oftmals über unzureichende Kenntnisse
der dänischen Kultur verfügen. Folgt man dem Grundgedanken
des AI und definiert Lernen als Intervention in und Reframing
von bislang gültigen Wirklichkeitsannahmen, so sind, wie Mezirow
(1990) gezeigt hat, Lernprozesse aufwendig und langwierig. Lebensgeschichtliche
Erfahrungen und kognitive Strukturen sind Teil des Veränderungs-
und Lernprozesses. Es stellt sich die Frage, welche Lernangebote
die öffentlichen Bibliotheken diesen Gruppen machen können,
um den Prozess des Reframing unterstützen und begleiten
zu können.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die wertschätzende
und anerkennende Untersuchung im CCG sehr anerkannt ist, was sicher
mit der optimistischen Grundhaltung und dem enthusiastischen Sprachduktus
der Methode zusammenhängt. Zudem harmoniert die Idee der dänischen
Volksbibliothek (folkebibliotek) sehr gut mit den sozialintegrativen
Intentionen dieses Lernansatzes. Lernen als Reframing von
bewährten Wirklichkeitsauffassungen verlangt aber ein langfristiges
Engagement und eine Vereinbarung über die Unterrichtsziele,
eine Kenntnis der Lernbiographie und der Lernvoraussetzungen und
den bewussten Einsatz von Methoden, um die vereinbarten Ziele zu
erreichen. Ob sich diese Vorgaben allein mittels der wertschätzenden
und anerkennenden Untersuchung erreichen lassen, müsste genauer
untersucht werden.
Lernen und Anerkennung
An einigen dänischen Bibliotheken hat sich in
den letzten zehn Jahren eine eigenständige Lernkultur entwickelt,
die zum einen von bibliothekarischer Vermittlungsethik und zum anderen
von pädagogischen Prinzipien des Lernens geprägt wurde.
Ein Ausgleich bzw. Kompromiss von gegensätzlichen Einstellungen
und Erwartungen zum Lernen musste gefunden werden, denn Lernen in
Bibliotheken sollte – so der professionelle Anspruch der Bibliothekare
– den Lernenden selbst überlassen bleiben. Sich für
Lernen, Vermittlung und Unterricht zu interessieren, sollte nicht
dazu führen, dass man Gefallen am Erziehen findet. Bibliotheken
bzw. ihre Lernzentren sollten Orte des freien Lernens bleiben.
Doch eigensinnige Benutzer hatten etwas Anderes im
Sinn. Besonders in den ethnischen Ballungsgebieten reichte die bibliothekarische
Vermittlungsethik nicht aus, um die Lernbedürfnisse einer großen
Benutzergruppe und deren Bedarf an kulturellem Orientierungswissen
hinreichend zu befriedigen. Vermittlung und Lernen, aber auch Erziehung
wurden in Situationen von unterschiedlicher pädagogischer Intensität
miteinander verbunden. Bibliothekare praktizierten Erziehung und
Lernen, ohne dies eigentlich zu wollen. Zumindest wurde nicht offen
darüber gesprochen. Lernen sollte sich weiterhin ereignen und
gewissermaßen eigenverantwortlich und selbst gesteuert stattfinden
– und das, obwohl alle Beteiligten wussten, dass die Selbstlernkompetenzen
im sozialen Umfeld der Bibliotheken aus verschiedenen Gründen
kaum vorhanden waren.
Die drei Bibliotheken, die an der Studie über
Lernen und Empowerment in multikulturellen Nahgesellschaften teilnahmen,
haben zwei unterschiedliche Lernkonzepte entwickelt. Im ersten Fall
sollte Jugendlichen dabei geholfen werden, soziale Verantwortung
und Lernlust wiederzuentdecken. Es zeigte sich, dass die Bibliothek
als Ort des Lernens von einer Zielgruppe anerkannt wurde, die der
traditionellen Beschulung eher skeptisch gegenüberstand. Das
Konzept des situierten Lernens und der Praxisgemeinschaft
half den Bibliothekaren und den Lernenden, dem Lernen einen neuen
Sinn zu geben und Lernprozesse selbstverantwortlich zu organisieren.
Im zweiten Fall wollte die Bibliothek, gemeinsam mit anderen kulturellen
und sozialen Einrichtungen, zum selbstentwickelnden Lernen anregen.
Der soziale Kontext der Lerninitiative war der Stadtteil; ihr Ziel
war die Einbeziehung aller Mitbürger in die sozialen und kulturellen
Systeme der Gesellschaft; ihr Mittel war das wertschätzende
und anerkennende Gespräch, durch das Fähigkeiten entdeckt
und Kompetenzen gefördert werden sollten. Man bediente sich
dem Appreciative Inquiry, einer Theorie, die für lernende
Organisationen entwickelt wurde und die sich von einer Änderung
des Sprachspiels positive Auswirkungen auf strukturelle Gefüge
einer sozialen Einheit erhofft.
Die Lernzentren an den Bibliotheken haben, so
viel lässt sich sagen, dazu beigetragen, dass die soziale Wertschätzung
des Einzelnen und der ethnischen Gruppe gestiegen ist. Die Bibliotheken
haben, wenn auch in bescheidenem Umfang, daran mitgewirkt, dass
gesellschaftliche Anerkennungs- und Kompetenzsysteme akzeptiert
werden; sie haben zudem die Selbstwertschätzung durch soziales
Lernen gefördert. Was den öffentlichen Bibliotheken in
Dänemark fehlt, ist ein tragfähiges Lernkonzept für
offene Lernräume, das sowohl Eigeninitiative fördert als
auch Kontinuität sichert.
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Fußnoten
[Fn 1] Für die Bezeichnung
Appreciative Inquiry (AI) gibt es keine feste deutsche Übersetzung.
Häufig findet man Ausdrücke wie wertschätzende Erkundung
oder wertschätzende Erkundung und Entwicklung oder wertschätzende
Befragung. Im Dänischen hat sich – und das ist nicht
unerheblich bei der Bewertung dieses Ansatzes – neben Wertschätzung
auch der Begriff Anerkennung durchgesetzt. Man spricht von wertschätzender
und anerkennender Untersuchung, Methode oder Dialog. (zurück)
[Fn
2] Der Community Center Begriff
stammt aus den USA. Durch die bessere Verankerung örtlicher
Einrichtungen sollte das soziale Kapital auf der Gemeindeebene gestärkt
werden und die soziale und kulturelle Integration verbessert werden.
Das Center in Gellerup nimmt multifunktionelle Aufgaben wahr und
ist je nach Bedarf: Jobcenter, Gesundheitscenter, Hausaufgabenhilfe,
Informationscenter und klassische Bibliothek. Die Benutzung hängt
im Wesentlichen davon ab, ob das Konzept lokal verankert werden
konnte. Eine Auswertung des neuen Ansatzes wurde von Andersen &
Frandsen (2007) vorgenommen. (zurück)
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