| Editorial zur Ausgabe 10/11
Das doppelte Blättchen – so sollte
es sein. Herausgekommen ist eine Ausgabe einfachen Umfangs mit zwei
Themenschwerpunkten und einer ganzen Kiste „Verschiedenes“.
Das Gravitationszentrum Nummer 1 dieser Doppelausgabe
liegt im berühmten „2.0“, das von manchem bereits
too old verballhornt wird. Da Bibliotheken als seriöse
Einrichtungen Trends zwar reflektieren, aber niemals unkritisch
übernehmen sollten, kann uns der mögliche Trendgehalt
des Begriffes gleichgültig sein und das phonetische Spielchen
Library Too Old lässt sich ohnehin nicht ins Deutsche
übersetzen. Zudem klingt „Soziale Software“ dann
auch noch anders, zeitloser, als die Versionierung. Dies bedeutet
jedoch nicht, dass wir die Zeichen der Zeit gänzlich ignorieren
und deshalb arbeitet LIBREAS EINSNULL (nämlich 10) hier einige
Aspekte auf.
Vorneweg gräbt sich Ingo Caesar
in seinem Beitrag durch Vor- und Nachteile des Web 2.0 im Bibliotheksdienst
und spitzt seine Aussage auf den Vorrang für die Kernaufgaben
der Bibliothek zu.
Ihm folgt Hans-Christoph Hobohm,
der einen Schritt weiter geht und mit „Bibliothek(swissenschaft)
2.0“ ein schönes weites Feld aus Forschung und Lehre
umpflügt. Wer Ideen säht, wird Wissen ernten, wenn er
denn richtig vorgeht und dies schließt ein Bewusstsein dafür
ein, dass Bibliotheken mittlerweile u.a. auf – mitunter globalen
– Aufmerksamkeitsmärkten handeln.
Auf denselbigen, wenigstens den bibliothekarischen,
schon ganz gut etabliert ist das – fast möchte man in
Hinblick auf die außergewöhnliche Güte der Beiträge
sagen Biblioblogosphärenreservat – Libworld,
welches uns die Initiatoren Christian Hauschke,
Sarah Lohre und Nadine Ullmann
vorstellen. Mittlerweile sind es mehr als 20 Biblioblogstaaten –
gibt es überhaupt noch blogfreie da draußen? –
die in Libworld präsentiert wurden. So wie es aussieht, kann
man darauf hoffen, dass noch in etwa 160+ dazu kommen.
Und dann ist da noch Jin Tan, der
dem LIBREAS-Interviewteam gesteht, dass er ganz gern als Avatar
in Second Life arbeiten würde und ansonsten zeigt, dass diese
virtuelle Welt sein Metier ist.
Längst sind die, die in Blogs über etwas
schreiben, selbst Gegenstand derer geworden, die – nicht unbedingt
in Blogs – professionell über etwas schreiben. Kara Jesellas
Artikel „A Hipper Crowd of Shushers“ in der New York
Times, der immerhin in der Rubrik “Fashion & Style”
erschien, mag das vorerst prominenteste Beispiel sein. Aber man
kann sicher sein, dass andere folgen. Ist dies nun „Bibliotheksjournalismus“?
Das Gravitatonszentrum Nummer 2 unserer Doppelausgabe
verfolgt dieses konkrete Beispiel leider nicht weiter. Und auch
sonst scheint es – wenigstens in unserer Reichweite - keine
übermäßige Anziehungskraft zu haben. Jedenfalls
hätten wir uns mehr Rücklauf gewünscht.
Der Leitartikel zu diesem Thema hat es allerdings in sich: Rainer
Strzolka und Nicola Volckmann betrachten
beide Seiten des „Fabelwesens Bibliotheksjournalismus“:
einerseits den Bibliothekar, der sich nach Dienstschluss journalistisch
betätigt, – dank Web 2.0 kann er oder sie das auch in
Sekundenschnelle der ganzen Welt preisgeben – und andererseits
den Journalisten, der sich – Hurra! Die Bibliothek brennt!
– auf spektakuläre Ereignisse beziehen kann und das ach
so gelobte Kulturgutgebaren hervorheben. Dabei können Vertreter
beider Facetten durchaus noch etwas lernen – vielleicht sogar
voneinander.
Oder von Bastian Zeinert. In seinem Essay „Du
sollst ein robustes Gedächtnis haben“ betrachtet dieser,
was geschieht, wenn die taz ihr Archiv „eindampft“:
nichts weniger, als ein Gedächtnisverlust, der letztlich den
Qualitätsjournalismus gefährdet.
Leider muss man im Normalfall die Fehler erst machen,
um aus ihnen zu lernen. Entsprechend möchte man den Ausdruck
„Lernort Bibliothek“ auch manchmal derart übertragen
verwenden.
Hans Elbeshausen hat aber glücklicherweise
anderes im Sinn, wenn er Lernkonzepte als Thema aufgreift. Sein
Ausgangspunkt ist dabei eine jüngst durchgeführte Studie
zu Lernkonzepten in der Anwendung bei verschiedenen Alters- und
Statusgruppen in dänischen Bibliotheken, die nicht nur als
Lernzentren eine ganze Menge richtig zu machen scheinen. Perfekt
sind sie nicht, aber auf bemerkenswert hohem Niveau aktiv.
Ebenfalls ausgesprochen aktiv ist der seit drei Jahren
bestehende Verein „Medibus e.V.“, der sich um die informationelle
Versorgung blinder und hochgradig sehbehinderter verdient macht.
François van Menxel zeichnet in seinem Beitrag
Stand und Ziele des Medibus-Konzeptes nach.
Maxi Kindling und Boris Jacob
von der LIBREAS-Redaktion zeichnen den vielleicht eindrucksvollsten
Tag ihres Sommers 2007 nach. Zur IFLA-Konferenz nach Durban gefahren,
ließen sie es sich nehmen, einen direkten Blick in die Wirklichkeit
der Townships zu werfen und fuhren – mit einem lokalen Fahrer
und Führer – nach Umlazi, dessen Einwohnerzahl die von
Frankfurt am Main locker übersteigt, das aber in wahrscheinlich
jeder Beziehung ganz anders ist.
Abgerundet wird diese LIBREAS-Ausgabe von zwei Kongressberichten,
einer Handvoll Rezensionen und einer kleinen Fotoserie zu dem recht
selten beachteten Thema der Aussonderungsvermerke.
Die LIBREAS-Redaktion wünscht viel Freude
bei der Lektüre und freut sich natürlich ungemein über
Rückkopplung an libreas@treepolar.de!
Einen schönen Herbst 2007 wünschen
Ben Kaden, Maxi Kindling und Manuela Schulz
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