Humboldt-Universität zu Berlin

Philosophische Fakultät I, Institut für Bibliothekswissenschaft

Prof. Dr. Konrad Umlauf

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Öffentliche Bibliotheken
im Medienzeitalter

 

Festrede zum 475-jährigen Bestehen
der Stadtbibliothek Magdeburg

gehalten am 6. November 2000

Berlin: Institut für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin 2000
(Berliner Handreichungen zur Bibliothekswissenschaft. 85)
http://www.ib.hu-berlin.de/~kumlau/handreichungen/h85

Einladung und Festprogramm

Festrede


Sehr geehrter Herr Minister,

Herr Bürgermeister,

Herr Beigeordneter,

Herr Vorsitzender,

werte Kolleginnen und Kollegen der Stadtbibliothek,

meine Damen und Herren.

 

Die Stadtbibliothek Magdeburg kann auf eine 475-jährige Geschichte zurückblicken. Welche Zukunft hat sie im Zeitalter von Internet und Digitalisierung?

 

Lassen Sie mich mit einer Anekdote beginnen.

 

Als ich kürzlich am Schreibtisch saß, um einen Vortrag auszuarbeiten, fiel mir ein, dass ich den Vortrag mit der Abbildung einer Druckerwerkstatt, wie sie zu Gutenbergs Zeiten ausgesehen haben mag, illustrieren könnte. Ich wechselte von der Textverarbeitung ins Internet und hatte zu meiner eigenen Verblüffung nach weniger als drei Minuten den vielerorts abgedruckten Stich einer Buchdruckerwerkstatt von Jan van der Straet aus dem Jahre 1550 gefunden.

 

Als ich den Kupferstich auf dem Bildschirm sah, war es gleich eines jener überraschenden Wiedersehenserlebnisse, bei denen man plötzlich wieder ein Bild vor Augen hat, das man schon oft und oft gesehen hatte, aber nie hätte benennen können.

 

Links sitzen die Schriftsetzer an ihren Setzkästen, holen Letter für Letter heraus, fügen die Lettern Zeile für Zeile zusammen. Rechts hinten färbt ein Drucker den Druckstock mit Farbe ein, vorne rechts schwenkt ein Drucker den Bengel der Druckerpresse herum, um das Papierblatt gegen den Druckstock zu pressen. Zwischen den Druckerpressen hängen frisch bedruckte Papierblätter zum Trocknen auf einer Leine. Im Vordergrund legt ein Gehilfe die Blätter aufeinander.

 

Gutenbergs Erfindung revolutionierte die Welt und schuf drei neue Berufe: den Schriftsetzer, den Drucker und den Verleger.

 

Das ist Geschichte. 1884 erfand Ottmar Mergenthaler die Linotype-Setzmaschine, die das mühsame Zusammensetzen einzelner Buchstaben zu Zeilen überflüssig machte. 1904 erfand Ira W. Rubel die Offsetdruckmaschine, und seitdem ist der gute alte Buchdruck praktisch aus den Druckereien verschwunden, und die Berufe des Druckers und Schriftsetzers gibt es auch nicht mehr. Wer etwas mit Satz und Druck beruflich zu tun haben möchte, kann den Beruf Mediengestalter/in für Digital- und Printmedien lernen und sich auf eine der Fachrichtungen Mediendesign, Medientechnik oder Medienoperating spezialisieren.

 

Halten wir uns jenen Kupferstich von 1550 vor Augen und hören wir den Praxisbericht der 19-jährigen Laura, einer Auszubildenden im Beruf Mediengestalter/in für Digital- und Printmedien im 2. Ausbildungsjahr. Ich zitiere aus ihrer Homepage.

 

Routinetätigkeiten am Morgen: Erst mal schalte ich meinen Computer (einen PC!) und auch den einzigen Mac in unserer Satzabteilung ein. Außerdem fahre ich den Belichter hoch und muss jetzt erst mal mit meiner Kollegin die Entwicklermaschine säubern. Eine Kundin ruft an, sie möchte Daten per ISDN senden - schnell schalte ich das dafür vorgesehene Programm an. Und hole einige Minuten später die Daten ab: Es sind QuarkXpress für Windows Dateien, genauer gesagt A4 Datenblätter mit einer Vorder- und einer Rückseite, das Ganze ist 4farbig. Hierbei muss man nun die Farben überprüfen (ist alles 4farbig angelegt?), schauen ob alle Bilder und Schriften vorhanden sind und jeweils das Æ über dem Firmenlogo etwas weniger als einen Millimeter nach rechts verrutschen. Und schon kann man belichten!

 

Zitat Ende.

 

Bücher werden heute mit modernerer Technik gedruckt als zu Gutenbergs Zeiten. Und vor allem werden weiterhin Bücher gedruckt - und gelesen.

 

Bücher werden ungebrochen gelesen. Das ist vielleicht das Überraschendste. Seit den ersten systematischen Untersuchungen über Lesen hält sich der Anteil derjenigen, die nie Bücher lesen, bei knapp einem Viertel der Bevölkerung. Und umgekehrt liegt der Anteil derjenigen, die regelmäßig viel lesen, seit langen Jahren ebenfalls bei einem knappen Viertel. In der DDR war der Anteil der Leseverweigerer etwas niedriger und der Anteil der ausgesprochenen Vielleser ebenfalls etwas niedriger. Also auch beim Lesen war man in der DDR alles in allem enger beieinander.

 

Die viel beschrieene Medienkonkurrenz knabbert an allen möglichen Freizeitbeschäftigungen, beispielsweise am Zeitungslesen oder am Fernsehen, nicht jedoch am Buchlesen. In den 50er und 60er Jahren hat das Fernsehen eine damals sehr verbreitete Freizeitbeschäftigung weitgehend beseitigt, nämlich Aus dem Fenster schauen. Dabei steht oder sitzt man im Trockenen und Sicheren und nimmt doch am Leben da draußen teil – wie beim Fernsehen.

 

Können wir uns also gelassen zurücklehnen und feststellen, dass das Bücherlesen nicht vergeht, dass hier alles beim Alten bleibt und also Maßnahmen der Leseförderung Geldverschwendung seien?

 

Nein.

 

Es reicht nämlich nicht, dass ein Viertel der Bevölkerung viel liest. Und hätten wir drei Viertel erreicht, es würde immer noch nicht genügen. Wir brauchen nicht nur die allgemein verbreitete Lesekompetenz, wir brauchen die allgemein verbreitete Medienkompetenz. Und Medienkompetenz kann sich nur auf der Basis bestehender Lesekompetenz entwickeln.

 

Seit 1978 wird Lesen nicht mehr isoliert erforscht, sondern meistens im Zusammenhang mit der Nutzung anderer Medien. Die zentralen Ergebnisse waren zunächst überraschend: Je mehr jemand liest, desto intensiver nutzt er auch andere Medien. Im Einzelnen wurden drei Zusammenhänge festgestellt:

 

Erstens: Buchnutzung korreliert positiv mit der Nutzung von Zeitschriften, Musiktonträgern und der Nutzung von Internet und E-Mail. Je intensiver jemand Bücher liest, desto stärker nutzt er auch Zeitschriften, Musiktonträger, Internet und E-Mail.

 

Zweitens: Buchnutzung korreliert negativ mit der Nutzung von Fernsehen und Videospielen. Je mehr Zeit jemand für Fernsehen und für Videospiele aufwendet, desto weniger Zeit verwendet er zum Bücherlesen. Man kann aber nicht sagen: desto weniger Zeit hat er für das Bücherlesen. Denn die Vielseher sind auch Wenighörer, versenden wenig E-Mails und gucken wenig ins Internet.

 

Drittens: Buchnutzung korreliert kaum mit der Nutzung von Zeitung, Radio und Video.

 

Heute gehen wir davon aus – pointiert formuliert -, dass Leser durch das Fernsehen klüger und Nichtleser durch das Fernsehen dümmer werden.

 

Weniger eine Wissenskluft, als vielmehr eine Kluft in der Kompetenz, viele Medien vielfältig zu nutzen und selbständig darüber zu entscheiden, welche Medien für welche Zwecke am besten geeignet sind, öffnet sich.

 

Halten wir uns die wirtschaftlich-technische Entwicklung vor Augen. Sie ist die Basis der gesellschaftlichen Entwicklung überhaupt.

 

Wir beobachten immer raschere Innovationszyklen. Von Gutenberg bis zur ersten Erfindung, die Gutenbergs Technik wesentlich verbesserte, der Zylinderdruckmaschine, brauchte es 352 Jahre. Die CD-ROM wurde 1984 erfunden. Ihre grundlegende Verbesserung, die DVD kam 15 Jahre später auf den Markt. Alle neun Monate kommt eine neue Generation von Computerchips auf den Markt, die doppelt so viel leistet wie ihre Vorgänger.

 

Die Berufe des Druckers und Schriftsetzers bestanden über 500 Jahre lang. 1998 wurden sie durch den Mediengestalter für Digital- und Printmedien abgelöst. Die ersten Auszubildenden in diesem neuen Beruf werden nächstes Jahr ihre Prüfungen ablegen. Man kann bezweifeln, ob es ihren Beruf noch gibt, wenn sie in Rente gehen, in welchem Alter dies auch geschehen mag.

 

Die Halbwertszeit des Wissens beträgt heute durchschnittlich sieben Jahre. Das heißt, nach sieben Jahren ist die Hälfte des vorhandenen Wissens veraltet. Deshalb braucht jede Bibliothek ununterbrochen Massen neuer Bücher, und der beliebte Hinweis, die alten seien ja noch nicht einmal alle abgelesen, führt ins Leere. Die Veralterung des Wissens geschieht auf einigen Fachgebieten sehr viel schneller (z.B. Informatik, Naturwissenschaften), auf anderen Gebieten nicht ganz so schnell, etwa in den Geisteswissenschaften, dafür ändern sich dort die intellektuellen Paradigmen umso rascher. Früher hatte man gute Chancen, seinen Beruf lebenslang auszuüben. Das gehört der Vergangenheit an.

 

Eine typische Berufskarriere besteht bereits heute darin, dass man nach Ausbildung oder Studium erst mal arbeitslos ist, dann befristete Jobs hat, dann in einem ganz anderen Beruf arbeitet, endlich eine zweite Ausbildung oder eine Umschulung durchläuft usw. Und wenn man vorübergehend mal eine berufliche Position hat, muss man sich mehr oder minder jedes Jahr in ein neues Software-System einarbeiten, eine neue Fremdsprache lernen oder zwar nicht den Arbeitgeber, aber den Beschäftigungsort um ein paar Hundert Kilometer wechseln. Zwischendrin tritt man immer wieder für eine mehr oder minder kurze Zeit aus dem Beruf heraus, sei es unfreiwillig wegen Arbeitslosigkeit, sei es freiwillig wegen der Familie oder wegen Partnerwechsels oder weil man ein halbes Jahr in der Einsamkeit eines Dorfes an den Hängen des Himalaja verbringen wollte (die Beispiele sind nicht erfunden!).

 

Die Berufsarbeit, die man vor kurzem noch selbst ausübte, wird automatisiert oder fällt einer veränderten Arbeitsteilung in der globalen Verteilung der Tätigkeiten zum Opfer.

 

Es wird immer unrealistischer, einen Beruf als lebenslange Qualifikation zu begreifen. Immer wichtiger wird es, lebenslang zu lernen.

 

Arbeit verlangt in Zukunft immer höhere Qualifikationen. Ein Drittel eines Altersjahrgangs in Deutschland wechselt von der Schule zur Hochschule, und das ist im internationalen Vergleich zu wenig.

 

Beides zusammen – rascher Wechsel und höhere Anforderungen – bedeutet, dass nur noch der eine Chance hat, der in der Lage ist, seine Kompetenzen selbst ständig weiter zu entwickeln, der nicht auf das nächste Umschulungsangebot wartet, sondern es in eigener Initiative vorwegnimmt.

 

Kompetenzentwicklung ist heute fast nur noch auf der Basis von Mediennutzung möglich.

 

Hier kommt die Bibliothek ins Spiel. Sie haben es natürlich erwartet, und doch muss ich Sie noch einen Augenblick warten lassen.

 

Ich habe vorhin gesagt, dass Gutenbergs Erfindung drei Berufe hervorbrachte: den Schriftsetzer, den Drucker und den Verleger. Drucker und Schriftsetzer sind im Beruf des Mediengestalters für Digitale und Printmedien aufgegangen. Und der Verleger?

 

Ich habe einleitend erwähnt, wie ich einem Vortrag den letzten Schliff gab, indem ich das Bildmotiv der Druckerwerkstatt aus den Weiten des Internets fischte. Um es nicht beim Vortrag zu lassen, sondern die weltweite Öffentlichkeit mit dem Vortrag zu beglücken, könnte ich ihn gleich selbst publizieren, indem ich ihn ins Internet stelle, als Text oder als gesprochenen Vortrag. Das kostet mich ungefähr sieben Mausklicks. Einen Verleger brauche ich dazu nicht.

 

In der Tat wandert ein Teil der wissenschaftlichen Publikation aus den Verlagsveröffentlichungen auf die Internet-Server der Institute. Aber ebenso wandert ein Teil der Verlagspublikationen ins Internet. Die Universitätsbibliotheken schließen sich zu Konsortien zusammen, um für ihre Nutzer kostengünstige Zugänge zu den Online-Zeitschriften kaufen zu können.

 

Auch im privaten und Freizeitbereich spielt das Internet eine wachsende Rolle.

 

Im Frühjahr 2.000 nutzen 28,6 % der Bevölkerung ab 14 Jahren in Deutschland das Internet. Das sind 18,3 Millionen Personen. Damit gibt es erstmals mehr Internet-Nutzer als eingeschriebene Nutzer in Öffentlichen Bibliotheken. Bis vor zwei Jahren waren die Online-Nutzer ganz überwiegend männlich, hatten mindestens Abitur und waren zwischen 20 und 39 Jahren alt. Das ist nicht mehr so. In den hinter uns liegenden zwei Jahren hat sich der Anteil der Frauen und der Anteil der Älteren unter den Internet-Nutzern dramatisch erhöht. Zwar sind weniger als 5 % der Über-60-Jährigen online, doch gerade in dieser Altersgruppe sind die Zuwächse am stärksten. Die Rentner hatten beim Internet nicht die Nase vorn, holen aber atemberaubend auf.

 

Und was bedeutet all das für die Bibliotheken?

 

Es bedeutet vor allem, dass neue und vielfältige Anforderungen an die Bibliotheken gestellt werden.

 

Zu fordern, dass die Bibliothek multimedial sein muss, bedeutet freilich in Magdeburg Eulen nach Athen tragen. Überhaupt muss ich Sie ein bisschen enttäuschen: Das Meiste von dem, was man sich für eine moderne Stadtbibliothek wünschen kann, gibt es schon in Magdeburg. Die Frage ist freilich, ob in ausreichender Menge. Und dabei denke ich weniger an die Schriften Otto von Guerickes, die hier zum historischen Bestand gehören. Aber 290 Zeitschriftentitel sind für die Zentralbibliothek einer Großstadt mit knapp einer Viertelmillion Einwohner zu wenig.

 

Ich habe vorhin erwähnt, dass die Halbwertszeit des Wissens sieben Jahre beträgt. Das heißt in der Anwendung auf Bibliotheken, dass die Hälfte des Bestandes nach sieben Jahren erneuert sein muss. Damit das gelingt, braucht die Stadtbibliothek Magdeburg jedes Jahr mehr als das Doppelte des aktuellen Erwerbungsetats. Unabhängig davon müssen wir betonen: Mit dem Bezug des ehemaligen Warenhauses hat die Stadtbibliothek Magdeburg einen günstigen Standort und eine zufriedenstellende Ausdehnung erhalten.

 

Zentrale Aufgaben einer modernen Bibliothek sind Leseförderung und Vermittlung von Medienkompetenz. Aber ist Leseförderung noch zeitgemäß, wenn sich immer häufiger am anderen Ende der Telefonstrecke ein Spracherkennungscomputer meldet, wenn Übersetzungsprogramme keine Idee mehr aus Sciencefiction-Filmen sind, sondern in jeder Buchhandlung zum Kauf angeboten werden, wenn ein Kopfhörer schon fast an jeden Laptop angeschlossen werden kann, damit wir hören können statt vom Bildschirm abzulesen? Wozu brauchen wir da noch Bibliotheken und bedrucktes Papier? Man bedenke die ökologischen Folgen der Papierherstellung!

 

Nicht wenige drehen den Spieß gerade um: Noch nie waren sie so wertvoll wie heute, und zwar für die Leseförderung.

 

Ist aber Leseförderung nicht in der Hauptsache eine Angelegenheit der Schule? Ohne Zweifel ist sie das. Man kann sich nicht vorstellen, wie eine ganze nachwachsende Generation ohne Schule lesen lernen sollte. Aber die Schule braucht zwei Partner für die Leseerziehung, ohne die es nicht geht, die Eltern und die Bibliothek. Die unsicheren Kantonisten bei dieser Partnerschaft sind, um es klar zu sagen, die Eltern. Die Schule kann die technische Lesefähigkeit vermitteln und entwickeln, sie kann Lesewettbewerbe veranstalten und Schüler über ihre Lektüren schreiben und erzählen lassen. Die Schule kann auf diese Weise die Schüler stolz darauf machen, wie gut sie lesen können. Aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt, wenn es darum geht, Schülern die Neigung zum lebenslangen Lesen, die Lust an der Literatur zu vermitteln. Manche Lehrer hören das nicht gern, aber es ist so. Wenn die Eltern nicht den Kindern, längst bevor sie in die Schule kamen, vorgelesen haben, wenn nicht die Kinder, längst bevor sie selber lesen lernten, den Umgang mit dem Buch als anheimelnden und zärtlichen Akt in den Armen der Eltern erlebt haben, wenn die Eltern es versäumen, sich für die Lektüre ihrer Kinder zu interessieren und sie zu loben, wenn sie lesen, ja dann kann die Schule auch nicht mehr viel ausrichten.

 

Indessen haben weder die Schule noch der Schulträger die Möglichkeit, abgesehen von gutem Zureden, nennenswerten Einfluss auf das Verhalten der Eltern zu nehmen. Wenn die Kinder jeden Abend erleben, dass sie mit den Eltern nur beim Fernsehen schmusen können, dann haben die Kinder ganz unabhängig von irgendeinem schulischen Einfluss eben gelernt, dass Fernsehen der schönste Teil des Tages ist. Und sie haben es nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen gelernt, und das verlernt man sein ganzes Leben lang nicht mehr.

 

Aber hier tritt die Bibliothek auf den Plan. Sie kann natürlich weder die Schule noch die richtige Leseerziehung daheim ersetzen, aber es ist durch die Leseforschung nachgewiesen, dass die Bibliothek die sehr ungleiche, ganz von den individuellen und schichtbedingten Verhaltensweisen der Eltern abhängige Leseförderung in der Familie ein ganzes Stück weit ausgleichen kann.

 

In diesem Sinn sind selbst Comics, jedenfalls wenn sie Texte enthalten, ein Element der Leseförderung. Kinder, die schon mehr und schwierigere Texte als die in Comics lesen können, verschlingen Comics so am Rande mit. Aber für nicht wenige Kinder sind Comics das ideale Brückenmedium, an dem sie ihre weniger entwickelten Lesefertigkeiten üben können. Manche Kinder kommen über Comics zur Lektüre längerer und schwierigerer Texte. Es gibt gute Argumente, weshalb eine Kinderbibliothek nur wenig oder gar keine Steuermittel in Comics investieren sollte. Aber mit der Leseförderung begründete Bedenken sind das genaue Gegenteil von dem, was der tatsächlichen Wirkung von Comics in Kinderhänden entspricht. Aber man könnte beispielsweise gut begründen, dass die Bibliothek ihre knappen Mittel lieber für solche Medien ausgibt, die einen noch besseren Beitrag zur Leseförderung und zur außerschulischen Bildung von Kindern leisten. Ich denke dabei insbesondere an Lernspiele für den Computer und an CD-ROMs mit hochwertigen Kinderprogrammen. Die sind allerdings nicht nur pädagogisch überlegen, sondern auch deutlich teurer, und dann muss das erforderliche Geld auch wirklich zur Verfügung stehen.

 

Und damit sind wir bei der Medienkompetenz.

 

Dazu gehören vor allem drei Fertigkeiten und Fähigkeiten:

 

Erstens die Fertigkeit in der Benutzung der Medientechnologie. Hier sind wir schon ziemlich weit, aber noch nicht weit genug. Ich frage mich bei unseren Erstsemestern mitunter, wie jemand das Abitur bestehen konnte, der nicht in der Lage ist, eine CD-ROM zu installieren. Knapp die Hälfte der 14- bis 19-Jährigen hat in der Schule, am Ausbildungsplatz oder daheim Zugang zum Internet. Über die Hälfte von Ihnen nur daheim, eine knappe Minderheit am Arbeits- oder Ausbildungsplatz oder in der Schule. Das ist skandalös wenig. Die Ankündigung des Kanzlers, dass alle Schulen und Bibliotheken mit einem Internet-Anschluss ausgestattet werden sollen, soweit noch nicht vorhanden, lässt freilich hoffen. Jetzt sind wir alle neugierig, ab wann die Gelder fließen und vor allem wohin.

 

Zweitens gehört zur Medienkompetenz die Fähigkeit, Medien so zu nutzen, dass man aus ihnen klüger wird. Es geht also um Suchstrategien, insbesondere um Suchstrategien im Internet. Haben Sie schon mal eine Kurzbiografie Napoleons im Internet gesucht? Man glaubt gar nicht, wie viele Hotels und Cognac-Marken und Zigarrensorten – hat Napoleon überhaupt geraucht? – sich nach Napoleon nennen! Und wie soll man in diesem Heuhaufen die Stecknadel Napoleonbiografie finden?

 

In der Tat bemängeln zwei Drittel der Internetnutzer, wie aufwändig und zeitraubend die Informationssuche im Internet ist. Weitere Kritikpunkte, die sehr häufig genannt werden, sind der langsame Seitenaufbau, unübersichtliche Seiten, störende Werbung und veraltete Links. Frustrationsfördernd wirkt sich aus, dass die Nutzer sich häufig selbst nicht in der Lage sehen, die Validität der gefundenen Informationen einzuschätzen. Paradoxerweise verfügen wir über immer mehr Information und wissen doch zugleich immer weniger. Was die verbesserungsfähige Übersichtlichkeit angeht, kann ich allerdings die Seiten der Stadtbibliothek Magdeburg nicht besonders lebhaft aus der berechtigten Kritik ausnehmen.

 

Drittens gehört zur Medienkompetenz die Fähigkeit zur souveränen Wahl des richtigen Mediums für den richtigen Zweck zur richtigen Zeit, also die Kompetenz zur selbständigen Orientierung in der Medienwelt und zur sinnvollen Verknüpfung der verschiedenen Medien miteinander.

 

Wenn wir all das auf Bibliotheken beziehen, kommt heraus:

 

Wir brauchen in den Bibliotheken nicht nur Internet-Surfplätze. Ein im Stehen oder Sitzen zu bedienender Netz-PC ohne Drucker und ohne oder mit sehr begrenzten Flächen zur Ablage von Büchern und Materialien ist zu wenig, weil er zur intelligenten Verwendung kaum geeignet ist. Wir brauchen – und zwar massenweise - Multimedia-Arbeitsplätze mit vernetztem PC, Drucker und ausreichendem Platz für Bücher und Arbeitsmaterialien in unmittelbarer Nähe zu körperlichen Medien. Jeder, der sich heute ernsthaft weiterbilden will, der sich gründlich informieren möchte, ist auf einen Medienmix, zu dem immer auch Printmedien gehören, angewiesen. Dieser Medienmix muss nicht nur möglich sein, sondern durch Größe, Ausstattung und Lage der vernetzten PC-Plätze, durch Beleuchtung und Bestuhlung gefördert werden. Wir brauchen öffentlich zugängliche vernetzte PC-Plätze, deren Nutzung einerseits raumorganisatorisch bequem möglich ist, die andererseits in ein räumlich verfügbares intelligentes und effizientes Informationsnetz aus gedruckten Nachschlagewerken, Auskunftspersonal und CD-ROM-Medien eingebunden ist. Die gebetsmühlenartig wiederholte Parole, dass im Internet-Zeitalter räumliche Entfernungen keine Rolle mehr spielen und alles zu jeder Zeit an jedem Ort verfügbar ist, vernebelt die Hälfte der Wahrheit.

 

Verknüpfen wir dieses Ergebnis mit den vorhin gemachten Aussagen über lebenslanges Lernen. Die Parole des lebenslangen Lernens ist ja schon einigermaßen alt. Sehen wir uns aktuelle Bedingungen und Erfordernisse des Lernens außerhalb der Schule genauer an.

 

Zu den Rahmenbedingungen gehört, dass sich Arbeitszeitstrukturen radikal ändern. Früher gab es den Normalarbeitstag. Weiterbildung fand abends oder bei Freistellung vom Arbeitsplatz zu den Zeiten des Normalarbeitstages statt. Heute kann ein größer werdender Teil der Beschäftigten die Arbeitszeit frei wählen. Besonders gilt dies für Telearbeit. Andere Beschäftigte leisten Schichtarbeit zu wechselnden Zeiten. Dienstleistungsgesellschaft heißt eben auch: Dienstleistungen müssen dann erbracht werden, wenn die Kunden sie in Anspruch nehmen wollen.

 

Lernformen, Lernmethoden und Lernorganisation wandeln und differenzieren sich. Noch vor wenigen Jahren hieß Lernen meistens, in einer mehr oder minder schulklassenmäßigen Gruppe unterrichtet zu werden. Heute werden eine Vielzahl unterschiedlicher Formen eingesetzt, z.B. der altbewährte Abendunterricht oder Tageskurse, weiterhin Fernunterricht in Kombination mit gelegentlichen Konsultationen – auf diesem Gebiet hat man ja in der DDR langjährige und vielfältige Erfahrungen gemacht, die es nun zu nutzen gilt; dieser methodische Schatz ist bei weitem noch nicht gehoben – oder es werden interaktive Selbstlernprogramme genutzt. Die meisten sind allerdings noch nicht voll überzeugend.

 

Immer wichtiger wird auch training on the job; man wurstelt sich also in ein neues Aufgabengebiet hinein, das man bereits ausübt, während man zugleich noch mehr oder minder systematische Unterweisungen bekommt. Von herausragender Bedeutung sind interaktive Hilfen, die auf der Basis knapper Einführungen fallweise benutzt werden. Beispielsweise ist es Zeitverschwendung, einen Kurs zu belegen, um ein neues Computerprogramm zu lernen. Die meisten Features braucht man sehr selten, und wenn man eine spezielle Funktion das erste Mal ein halbes Jahr nach dem Kurs braucht, hat man längst vergessen, wie das ging. Also kein Kurs, sondern sehr knappe Einführungen in die Grundfunktionen, und für alles Weitere sind exzellente interaktive Hilfestellungen der Software gefordert.

 

Ziemlich neu sind Selbstlerngruppen ohne Lehrkraft. Wo sollen die sich treffen? Das führt zu einem weiteren Aspekt der Veränderung des Lernens.

 

Lernorte werden vielfältiger und vernetzter. Früher war der Lernort in der Regel die Bildungsinstitution. Immer häufiger werden mehrere Lernorte kombiniert: die Bildungsinstitution, ein Partnerinstitution, die z.B. über spezielle Hard- oder Software verfügt, der eigene Betrieb, ein Fremdbetrieb. Oder Exkursionen – nicht originell, aber nun gewinnen sie einen neuen Platz in einem vielfältigen Ensemble. Oder die Wohnung, auch nicht originell – oder die Bibliothek.

 

Dann muss dort außer Medien und Räumen, Möbeln und Technik auch Beratung durch kompetentes Personal vorhanden sein. Die Bibliothek wird zum multimedialen Lernzentrum. Ist das aber nicht Aufgabe der Erwachsenenbildungseinrichtungen, der Volkshochschulen?

 

Die Frage muss ich mit einem klaren und deutlichen Jein beantworten.

 

Denn während einerseits Bibliotheken noch weitgehend dem Ideal des Medienhauses mit ein paar Internet-PCs verhaftet sind, sind die Volkshochschulen noch weitgehend auf die traditionellen Lehr- und Lernformen ausgerichtet, bei denen ein Dozent und die Kursteilnehmer zu festgelegten Zeiten in einem bestimmten Raum zusammentreffen.

 

Beide Partner müssen umlernen.

 

Die Bibliothek sollte um Gruppenarbeitsräume erweitert werden. Ihre multimedialen Selbstlernplätze mit Internetanschluss, CD-ROM-Laufwerk sowie Büroanwendungssoftware, umgeben von Buchregalen sollten außerhalb der Öffnungszeiten der Bibliothek von VHS-Kursen genutzt werden können. Während der Bibliotheksöffnungsstunden kann man diese multimedialen Selbstlernplätze individuell kursunabhängig nutzen. An ein bis zwei Terminen pro Woche steht unabhängig von Kursangeboten ein pädagogischer Mitarbeiter für spezielle Fragen und individuelle Beratung zur Verfügung.

 

Die Berufe des Schriftsetzers und des Druckers gibt es nicht mehr. An ihre Stelle ist der Beruf des Mediengestalters getreten. Vielleicht gibt es auch bald die Berufe des Bibliothekars und des Erwachsenenpädagogen nicht mehr. Und stattdessen haben wir den Beruf des Medien- und Lernberaters. Vielleicht hat dieses Berufsbild eine Halbwertszeit von sogar sieben Jahren.