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Letzte Änderung: 20.1.2000

Klassifikationen sind Verständigungssysteme (soll hier heißen: Kommunikationssysteme) zwischen Bibliothekaren und Benutzern. Man könnte sagen: Bibliothekare haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Bücher und Köpfe aufeinandertreffen, machen aber das hohle Geräusch, das bei diesem Zusammentreffen mitunter entsteht, zu selten zu ihrem Problem.

1 Erstellung der ASB 1999

Die Initiative zur Beseitigung eines solchen Problems ging vom vba, damals noch VBB, aus: Die ASB (Allgemeine Systematik für öffentliche Bibliotheken[1]) sollte modernisiert werden. Sie stammt im Wesentlichen aus 1956 und wurde 1977 und 1981 sehr sparsam überarbeitet. 

Bis zum bitteren Ende aber war Schlesien bei Deutschland (Cfp 4), harrte die Negerfrage (Gkl 5) vergeblich ihrer Lösung, unterfiel die Verhaltensforschung der Entwicklungspsychologie (Tierpsychologie Mbl 1), geisterte die Versehrten-, Krüppel- und Schwachsinnigenfürsorge (Ggm 7) durch Gesellschaft, Staat und Politik. Die Geschichte Mexikos (Epl 3) gehörte zu Nordamerika, die Geschichte des Films (Sek 4) war hierarchisch als Untergruppe der Einführungen (Sek) angeordnet.

Anläufe zu einer grundlegenden Erneuerung hatte es schon in den 80er Jahren gegeben, teils indem sich einige Kollegen im Umkreis der BuB-Redaktion während ihrer Freizeit abquälten, teils auf Ebene der Fachstellen in Bayern; sie fanden aber keinen Niederschlag in einer veröffentlichten Überarbeitung. Im Ergebnis gab es die ASB eigentlich nicht mehr, sondern eine unübersehbare Fülle von bibliotheksindividuellen Varianten. Insofern ist das Schaubild über die Verteilung von Klassifikationen (ASB, KAB, SSD, SfB, sonstige) an deutschen Öffentlichen Bibliotheken euphemistisch. Die KAB wird ausschließlich in den neuen, die anderen Klassifikationen ausschließlich in den alten Bundesländern angewendet. Es handelt sich um etwa 700 ASB-Anwender. 

Auf den ID-Zetteln standen bisher ASB-Gruppen als unverbindliche Angebote (bei der Sachgruppe G im Durchschnitt 2,6 ASB-Gruppen, bei H 1,8 und bei M 2,4, was bei einer Klassifikation für Freihandbibliotheken - anders als bei Klassifikationen für Katalogerschließung – verheerend ist). Damit ist jetzt Schluss! Die neue ASB ist da:

Allgemeine Systematik für Öffentliche Bibliotheken (ASB) : 
Ausg. 1999 / Deutsche Bibliotheksinstitut.
[Bearb. vom Arbeitsbereich Sacherschließung ÖB
des Deutschen Bibliotheksinstituts 
unter Mitw. der Arbeitsgruppe "ASB-Überarbeitung".
Gesamtred.: Kathrin Lehmann.
Mitarb.: Dagmar Weber-Tamschick, Ingo Nöther.] - 
Berlin: Dt. Bibliotheksinst. 1999.
ISBN 3-87068-616-2

Seit Januar 2000 wird sie ohne jedes Y2K-Problem auf den ID-Zetteln transportiert, seit März auch in BA. Die ekz hat mehrfach auf die Einführung der neuen ASB zum 1.1.2000 hingewiesen: Seit Beginn des Jahres werden auf den Lektoratsdiensten ausschließlich Notationen nach der ASB 1999 angegeben, keine alten ASB-Notationen mehr. Die Fachstellen bieten Fortbildungsveranstaltungen an, auf denen nicht nur die neue ASB, sondern auch das Vorgehen bei der Umstellung behandelt wird.

vba und DBI schlossen 1993 über die Modernisierung einen Vertrag. Die Hauptlast der Arbeit lag in den Händen der DBI-Mitarbeiterin Kathrin Lehmann. Eine Arbeitsgruppe[2] aus Vertretern des vba, der Fachstellen und der ekz sowie weiteren Praktikern lieferte Entwürfe für die neue ASB, diskutierte die eigenen und die Entwürfe des DBI. Mehrere Dutzend Bibliotheken[3] waren beratend beteiligt, indem sie Gliederungsentwürfe kommentierten und teilweise am eigenen Bestand ausprobierten.

2 Merkmale der ASB 1999

Und damit wird auch deutlich, weshalb die Überarbeitung so lange dauerte. Die ASB 1999 ist wahrscheinlich diejenige Bibliotheksklassifikation, die vor ihrer ersten Anwendung gründlicher als jede andere empirisch getestet wurde. Es gibt praktisch keine Gliederungslösung, die nicht probeweise von einigen Praktikern angewendet und von vielen Praktikern kommentiert und erörtert wurde.  Die ASB 1999 ist konsequent aus den Anforderungen der zu klassifizierenden Bestände, der Neuerscheinungen und der Nutzer heraus entwickelt worden – dabei immer auch mit Blick auf zukünftige Erfordernisse und erkennbare Entwicklungstendenzen. Ausgangspunkt waren nicht eine Wissenschaftssystematik, sondern einerseits die alte ASB, andererseits die zu klassifizierenden Medien und die spezifischen Nutzeranforderungen. In diesem Sinn folgte die Überarbeitung folgenden Grundsätzen[4]:

Wkm 2 Personenkraftwagen
            Wkm 21 Einzelne Firmen, Marken und Modelle (alphabetisch)

Zur Philosophie der neuen ASB gehört, dass Nebensystemorte (Nebenstellen im systematischen Katalog) äußerst sparsam zu vergeben sind. Bei der alten ASB hatte man dagegen den Eindruck, dass jede von einem Neuzugang nur irgendwie am Rande berührte Systemstelle eine zusätzliche Notation für diesen Neuzugang und mithin einen zusätzlichen Katalognachweis abgeben sollte. Dies entspricht nicht der Funktion der ASB, die für die Regalerschließung gedacht ist. In unvermeidlichen Fällen sollte man lieber zwei Exemplare kaufen und sowohl hier wie dort eines im Regal anbieten. Zwar entfällt bei OPACs das Argument, Nebensystemorte seien wegen der Katalogpflege zu arbeitsaufwändig. Aber die OPAC-Recherche anhand von Notationen - manche OPACs erlauben sie ohnehin nicht – ist äußerst unattraktiv. Selbst dort, wo sie möglich ist, wird sie kaum genutzt[6]. Attraktiv ist dagegen die kombinierte Stichwort- und Schlagwortsuche. Die ASB ist für eine extensive Vergabe von Nebensystemorten, wie es etwa in der Dezimalklassifikation (DK) erwünscht ist, aus zwei Gründen nicht geeignet: Erstens ist sie nicht differenziert genug, so dass viele Nebensystemorte entnervend hohe Treffermengen produzieren würden; zweitens entspricht der Inhalt der Systemstellen mehr komplexen Themen als einzelnen Begriffen (ein Unterschied, der in der Klassifikationstheorie ausführlich erörtert wurde[5]), womit das, was andernfalls Nebensystemorte leisten sollen, bereits in die Klassifikation aufgenommen wurde.