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Philosophische Fakultät I, Institut für Bibliothekswissenschaft |
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030/2093-4493, -4230, -4236 030/2093-4335, -4206 konrad.umlauf@rz.hu-berlin.de |
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Gutenberg 1999
Chancen und Herausforderungen
des Umbruchs in der Medienlandschaft für Bibliotheken
Vortrag gehalten auf der Internationalen Bibliothekskonferenz
Öffentliche Bibliotheken in einem neuen Europa (3)
Ljubljana, 3.-5. Juni 1999
Veranstalter:
National- und Universitätsbibliothek
Ljubljana, Turjaka ulica 1
Institut Francais Charles Nodier
Ljubljana, Breg 12
Goethe-Institut Zagreb, Ulica Grada
Vukovara 64
Open Society Institute Ljubljana, Vegova ulica 8
Berlin: Institut für Bibliothekswissenschaft der
Humboldt-Universität zu Berlin 1999
(Berliner Handreichungen zur
Bibliothekswissenschaft. 72)
http://www.ib.hu-berlin.de/~kumlau/handreichungen/h72/
Die veränderten Rahmenbedingungen für Bibliotheken werden umrissen (Medienexpansion, Veränderungen in der Publikationskette, Finanzkrise der öffentlichen Haushalte, Veränderungen in der Arbeitswelt, z.B. Telearbeit und uneinheitliche Arbeitszeiten, Bedrohung der Bibliotheken durch restriktive Vorstöße der Europäischen Union beim Urheberrecht). Die Konsequenzen für die Bibliothek als Institution sind u.a. eine Entinstitutionalisierung des BID-Bereichs, die organisatorische Zusammenfassung von Bibliotheken mit anderen Dienstleistungsbereichen. er Informationszugang wird wichtiger als die Mediensammlung. An die Erschließung werden neue Anforderungen gestellt. Konsequenzen für Dienstleistungen im Bereich Medienvermittlung, Informationsvermittlung und für kulturelle und soziale Dienstleistungen werden aufgezeigt. Neue Differenzierungen, die an die Stelle der alten Differenzierungen zwischen Bibliothekstypen treten, werden aufgezeigt. Spezifische Leitbilder und Marketing gegenbüber dem Geldgeber werden wichtiger.
Wir sprechen auf dieser Konferenz in besonderem Maß über Anforderungen an moderne Bibliotheksgebäude. Zeitgemäße Bibliotheksgebäude sind keineswegs und vielleicht gar nicht mal in erster Linie Bücherspeicher. Vielmehr sind sie multimedial. Sie enthalten gewiß auch noch gedruckte Bücher, in aller Regel vor allem gedruckte Bücher, auch wenn sie ganz anders beschaffen sind und ganz anders hergestellt werden als vor 550 Jahren, als Gutenberg den Buchdruck erfand.
Aber Bibliotheken enthalten heute das ganze Medienspektrum: CD-ROMs und Inkunabeln, DVDs und Mikroformen, Cartridges für Videospiele und mittelalterliche Handschriften, Musiktonträger in den unterschiedlichsten Formaten, Zeitungen und Zeitschriften. Und hier wird bereits deutlich, daß die herkömmlichen Begriffe unscharf werden: Was ist eine Zeitung, was eine Zeitschrift? Bisher dachten wir dabei an bedrucktes Papier. Aber längst erscheinen mehr und mehr Zeitschriften als E-Journal, also parallel zur gedruckten Ausgabe oder nur noch elektronisch in Datennetzen.
Auch die Zeitung verändert ihre Publikationsform und damit ihre Rezeptionsmöglichkeiten. Traditionell stellt eine Redaktion eine Auswahl von Informationen zusammen und recherchiert selbst nach Informationen; diese Auswahl wird aufbereitet und dem Zeitungsleser jeden Morgen auf Papier angeboten. Die Bibliothek bekommt die neue Zeitungsausgabe geliefert und legt sie für ihre Benutzer in angenehmer Umgebung auf.
Die elektronische Zeitung im Internet sieht heute teilweise noch ganz ähnlich aus, nur daß man sie nicht auf Papier, sondern durchs Telefon geliefert bekommt - und dann meistens auf Papier ausdruckt, um sie zu lesen. Aber bereits heute gibt es andere Möglichkeiten: Intelligente Informationsagenten suchen nach Vorgaben des Users Informationen aus dem World Wide Web zusammen und präsentieren sie.
Die herkömmliche Zeitung gibt es dann nicht mehr. Jeder User erzeugt sich seine eigene Zeitung mit eigenem Profil und selbst definierter Auswahl der Information. Und was tut die Bibliothek? Sie könnte zum Beispiel ihre eigenen Informationsagenten ins Netz schicken und eine Reihe von Standardprofilen von Informationen aufgrund einer Gemeinwesenanalyse erzeugen lassen. In Ansätzen gibt es etwas in dieser Art schon, aber noch statisch.
Ich denke an die exzellenten Linksammlungen, die führende Bibliotheken ins WWW gestellt haben; an einigen Universitätsbibliotheken sollen, so hört man, die Fachreferenten der Universitätsbibliothek die fachlichen Netzressourcen besser kennen als die Professoren der jeweiligen Fachgebiete. Die Bibliothek hat gute Chancen, daß derartige Angebote genutzt werden, wenn es ihr gelingt, den Bedarf ihrer Nutzer zu treffen und es besser zu machen als die Nutzer es selber können.
Aber wenn die Bibliothek solche Angebote schafft - wieso sollen die Benutzer die Bibliotheken dann noch persönlich aufsuchen? Wird das physische Buchangebot weiterhin so attraktiv sein, daß man den Weg in Kauf nimmt, die Zeit und das Fahrgeld investiert? Oder wird die Bibliothek der Ort für die information poor, die zu Hause oder im Büro keinen Internet-PC haben? Kann das eine Perspektive sein? Bereits Anfang 1998 hatten in Deutschland 27 % der 14-39jährigen einen Zugang zum World Wide Web. Jedenfalls in dieser Altersgruppe dürfte damit der Internetzugang verbreiteter sein als der Bibliotheksausweis.
Ich möchte die Einführung an dieser Stelle abbrechen und sie mit der These zusammenfassen, daß der Umbruch in der Medienlandschaft die Rolle der Bibliothek als physischen Raum fundamental verändert.
2 Veränderte Rahmenbedingungen
Die Herausforderungen durch die neuen Medien sind nicht die einzige Herausforderung, vor der Bibliothekare und Bibliotheken 550 Jahre nach Gutenberg stehen. Viele Herausforderungen sind anderer Art, wirken aber auch auf die Medienwelt ein. Einige wichtige Veränderungen in den Rahmenbedingungen der Bibliotheken möchte ich ansprechen, nämlich
- die Medienexpansion
- die Veränderungen in der Publikationskette
- die Finanzkrise der öffentlichen Hände
- und Veränderungen in der Arbeitswelt und beim Lernen.
Bereits bei diesem Blick auf die Rahmenbedingungen möchte ich Auswirkungen auf Bibliotheken und bibliothekarische Aufgaben ansprechen.
Man nimmt an, daß in der Spätzeit des Humanismus, um 1500, ein Gelehrter im Laufe seines Lebens etwa 70 Bücher gelesen hat. Heute ist Mediennutzung vom Radiohören am Morgen über die Lektüre einer populären oder Fachzeitschrift am Tage bis zum Film am Abend allgegenwärtig geworden.
Alle Medien, physische (Bücher, Tonträger, CD-ROMs, Videos) und flüchtige (Radio, Fernsehen, Online-Dienste, generell das Internet), expandieren, während die Bibliotheksetats stagnieren und zurückgehen. Die Bedeutung der traditionellen Bibliotheken im Gefüge der Mediendistribution geht gesamtgesellschaftlich zurück, wenn auch weiterhin bestimmte Bevölkerungsgruppen (vor allem Kinder, Schüler und Studenten, alle Personen in Bildungsinstitutionen, mit Forschung und Entwicklung befaßtes Personal) weiterhin auf spezielle Bibliotheksdienstleistungen angewiesen bleiben. Dies legt nahe, daß Bibliotheken ihre knappen Mittel auf diese Dienstleistungen konzentrieren.
2.2 Veränderungen in der Publikationskette
Die Autoren erstellen Ihre Werke heute meistens als Computerdatei. Diese wird elektronisch an einen Verlag geleitet, der vielleicht noch eine gewisse redaktionelle oder Layout-Bearbeitung vornimmt, und sie dann auf seinen Server stellt - oder auf Papier ausgibt, oder auf eine CD-ROM preßt, vervielfältigt und verkauft. Die Publikationskette ist bis zu dieser Papierfront digital.
Die Digitalisierung erlaubt aber weitere Veränderungen der Publikationskette: Wissenschaftler fragen nämlich zunehmend, wozu sie einen Verlag brauchen, wenn sie die Publizität ihrer Arbeitsergebnisse viel bequemer selbst herstellen können, indem sie ihre Veröffentlichungen auf den Server des Instituts legen. Was die Qualitätskontrolle und die aktive Verbreitung der Publikationen angeht, treten an die Stelle der Verlage in Teilbereichen die wissenschaftlichen Gesellschaften. In der Wissenschaft hat diese direkte Publikation eine lange Tradition: Schon immer haben Wissenschaftler ohne den Weg über einen Verlag Informationen ausgetauscht, indem sie zum Beispiel auf Kongressen Vorträge gehört und gehalten oder die berüchtigten Kongreßpapiere verteilt haben.
Und wo noch immer auf Papier publiziert wird, treten kommerzielle oder halbkommerzielle Dokumentlieferdienste in Konkurrenz zu den traditionellen Bibliotheksdienstleistungen. Deren Merkmal war, daß der Benutzer kommen und suchen muß. Merkmal der Dokumentlieferdienste ist, daß der Benutzer per E-Mail bestellt - oder er wird gemäß einem vereinbarten Profil kontinuierlich beliefert. Auch einige große Bibliotheken haben diese neue Rolle bereits angenommen.
In der Wissenschaft war es schon immer so, daß Autoren und Leser mehr oder minder dieselbe Gruppe waren. Es gibt keinen Wissenschaftler, der nur Veröffentlichungen anderer Autoren liest ohne selbst zu publizieren. Eher steigt die Wahrscheinlichkeit, daß Publikationen von Wissenschaftlern überhaupt nicht mehr gelesen werden.
Anders war die Lage auf den populären Medienmärkten. Hier publizierte eine überschaubare Gruppe von Autoren, Musikern, Filmemachern für ein Millionenpublikum. Die digitalen Speicher- und Vervielfältigungstechniken haben hier zur Folge, daß Vision des deutschen Dichters Bertolt Brecht wahr wird. Brecht forderte in den 20er Jahren, der Rundfunk solle von einem Distributions- zu einem Kommunikationsapparat werden. Heute hat mehr oder minder jedermann und jede Frau problemlos die Möglichkeit, im WWW zu publizieren. Die noch in der ersten Jahrhunderthälfte scharfe Grenze zwischen
- öffentlich - eine Zeitung, ein Buch -,
- privat (ein Brief, ein Tagebuch) und
- begrenzt öffentlich (z.B. ein Schulaufsatz)
verwischt. Hunderttausende von Internetfans stellen ihre Urlaubsfotos ins Netz, Hunderttausende von Schülern stellen ihre Referate ins Netz. Traditionell hat die Bibliothek Romane von guten Autoren verliehen, heute schreiben mehr oder minder seriöse Autoren kollektiv entstehende unendliche Hyperfiction. Sie ist ihrer Struktur nach teilweise gar nicht geeignet, in einem anderen Medium als im WWW veröffentlicht zu werden, weil sie Film- und Tonsequenzen enthält, oder der Text verändert sich von automatisch aufgrund eines Zufallsgenerators.
Der Sohn eines Bekannten von mir hat mir kürzlich stolz eine Musik-CD geschenkt, die er mit ein paar Freunden produziert hat - nicht bei einem der großen, auch nicht bei einem der kleinen Musikproduzenten, sondern auf dem CD-Brenner der Schule, nachdem sie die Aufnahmen auf Geräten der Schule selbst angefertigt hatten. Demnächst werden sie die Aufnahmen ins Netz stellen. Weder die Netzdokumente noch die Musik-CD kann irgendeine Bibliothek kaufen, und doch sind sie veröffentlicht. Die bisher auf den populären Medienmärkten scharf ausgeprägte Trennung zwischen Produzenten und Konsumenten weicht auf.
Aber auch wer Musik von Sibelius oder Sinatra sucht, wird im Netz fündig. Freilich handelt es sich zu einem erheblichen Teil um illegale Kopien, die illegal verbreitet werden. Deshalb können Bibliotheken daraus keinen Nutzen ziehen - aber die Nutzer der Bibliothek, die bisher Musiktonträger aus der Bibliothek entleihen.
2.3 Finanzkrise der öffentlichen Hände
Das Engagement der öffentlichen Hände für öffentliche Dienstleistungen läßt auf dem Hintergrund der Finanzkrise der öffentlichen Haushalte vieler Länder nach. Ein verändertes Verständnis öffentlicher Aufgaben ("schlanker Staat") spielt mit hinein. Die Kluft zwischen dem Publikationsaufkommen und der Kaufkraft der Bibliotheken wird größer.
Telearbeit findet, wenn auch sehr verhalten, Anwendung. Zeitarbeit (Leiharbeit) ist im Bibliothekswesen bisher sehr selten, wird aber auch hier verstärkt kommen.
An die Stelle lebenslanger Berufstätigkeit mit ganz ähnlichen Tätigkeiten treten zunehmend diskontinuierliche Berufsverläufe mit Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit, Wechsel der Betriebe und der Arbeitsinhalte, ja der Branche, und besonders bei den Berufsanfängern zunächst nur befristeten Arbeitsverträgen.
Diese gesamtgesellschaftlichen Trends sind im Bibliothekswesen infolge starrer Regelungen des öffentlichen Dienstes, wie sie in den meisten Ländern anzutreffen sind, allerdings schwächer ausgeprägt als in der privaten Wirtschaft.
Immer mehr Arbeitnehmer arbeiten nicht mehr zu den früher üblichen Arbeitszeiten von morgens bis am Nachmittag. Dienstleistungen, die weltweit angeboten werden, z.B. im Electronic Commerce, erfordern Arbeit rund um die Uhr. Der Druck zur optimalen Auslastung der immer teurer werdenden Produktionsanlagen erfordert möglichst lange Maschinenlaufzeiten. Die wachsende Freizeit in Verbindung mit wachsender Kaufkraft erzeugt den Bedarf nach Einkauf und Dienstleistungskonsum zu jeder Tages- und Nachtzeit. Den Konsumenten ist nicht zu vermitteln, daß sie zwar rund um die Uhr Bücher kaufen, aber nur zu begrenzten Zeiten Bücher leihen dürfen. Für die Bibliotheken bedeutet dies, daß sie eigentlich immer geöffnet sein müßten.
Arbeitszeitstrukturen ändern sich radikal. Früher gab es den Normalarbeitstag. Weiterbildung fand abends oder bei Freistellung vom Arbeitsplatz zu den Zeiten des Normalarbeitstages statt. Heute kann ein erheblicher Teil der Beschäftigten die Arbeitszeit frei wählen. Besonders gilt dies für Telearbeit. Andere Beschäftigte leisten Schichtarbeit zu wechselnden Zeiten. Neue Teilzeitarbeitsformen breiten sich langsam aus.
Lernformen, Lernmethoden und Lernorganisation wandeln und differenzieren sich. Noch vor wenigen Jahren hieß Lernen, in einer mehr oder minder schulklassenmäßigen Gruppe unterrichtet zu werden. Heute werden eine Vielzahl unterschiedlicher Formen eingesetzt, z.B.
- Fernunterricht in Kombination mit gelegentlichen Konsultationen,
- training on the job,
- interaktive Selbstlernprogramme,
- interaktive Hilfen, die auf der Basis knapper Einführungen fallweise benutzt werden (z.B. die ausgefeilten Hilfefunktionen in guter Standardsoftware),
- Abendunterricht,
- Tageskurse,
- Selbstlerngruppen ohne Lehrkraft.
Lernorte werden vielfältiger und vernetzter. Früher war der Lernort i.d.R. die Bildungsinstitution. Heute werden mehrere Lernorte kombiniert:
- Bildungsinstitution,
- Partnerinstitution, die z.B. über spezielle Hard- oder Software verfügt,
- eigener Betrieb,
- Fremdbetrieb,
- Exkursion,
- Wohnung.
Die zu vermittelnden Qualifikationen werden komplexer. Früher bedeutete berufliche Fortbildung meistens, daß zusätzliche oder neue Sachinhalte angeeignet werden. Heute wird der klassische Tätigkeitstyp "Umgang mit Sachen" mehr und mehr abgelöst von den Tätigkeitstypen "Umgang mit Symbolen" und "Umgang mit Menschen". Heute geht es deshalb meistens gleichzeitig um:
- Sachqualifizierung,
- soziale Qualifizierung,
- Handlungsqualifizierung,
- Methodenqualifizierung.
Diesem Wandel kommen die Verlage und Hersteller von Lernprogrammen mit einem schwer überschaubaren Angebot von Lernmedien entgegen - und die expandierenden privatwirtschaftlichen Anbieter von Fortbildung bieten eine in Umfang und Anzahl bis unfaßbare Menge an Fortbildungs- und Lernangeboten. Auch im Bereich öffentlich finanzierter Aus- und Fortbildung beobachten wir eine Tendenz, Bildung zu verkaufen.
Kommt in dieser Situation auf die Bibliothek die Aufgabe nicht nur der Beratung bei der Medienauswahl, sondern auch die Aufgabe der Lernberatung zu?
Die Europäische Union plant die Harmonisierung des Urheberrechts der Staaten der EU. Allerdings sind hier einige außerordentlich bibliotheksfeindliche rechtliche Regelungen vorgesehen. Sollten diese tatsächlich zum Zuge kommen und in nationales Recht umgesetzt werden, so wäre es den Bibliotheken in den Staaten der EU nicht mehr erlaubt, ihren Benutzern etwas anderes als bedrucktes Papier zur Verfügung zu stellen. Auf dieses komplizierte und weite Thema kann ich hier nicht tiefer eingehen. Hier sind die bibliothekarischen Verbände gefordert.
3. Konsequenzen für die Institution Bibliothek
3.1 Entinstitutionalisierung im BID-Sektor
Wir beobachten eine Entinstitutionalisierung des BID-Bereichs: Früher standen sich idealtypisch die große Staatsbibliothek mit riesigen Buchspeichern und die firmeninterne Informationsvermittlungsstelle mit Terminal, aber ohne Buch gegenüber.
Heute sind Datenbankanschlüsse in jeder großen Bibliothek vorhanden; und die Informationsvermittlungsstellen sind dank PC-Netzen und benutzerfreundlicher Softwareergonomie teils an die Arbeitsplätze der Nutzer gewandert, teils zu multiplen Dienstleistungskomponenten geworden (Informationsressourcenmanagement in Workflowsystemen, Erstellung von individuellen Mehrwertdiensten in der Informationslogistik).
Ähnlich engagieren sich Öffentliche Bibliotheken bei der Entwicklung von digitalen Bürgerinformationssystemen, holen die Verbraucherberatung in die Bibliotheksräume, geben Bücherkisten in Kindergärten und stellen Teilbestände in Jugendfreizeiteinrichtungen auf oder entwickeln Zweigbibliotheken zu Bürgertreffpunkten mit begleitendem Medienangebot.
3.2 Zusammenfassung der Bibliothek mit verwandten Dienstleistungsbereichen
Ferner beobachten wir häufiger eine organisatorische Zusammenfassung der Bibliothek mit verwandten Einrichtungen oder eine Verschmelzung mit dem Bereich, für den die ehemals organisatorisch abgegrenzte Bibliothek Dienstleistungen erbringt, beispielsweise eine Zusammenfassung
- mit der Informationsvermittlungsstelle der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines Unternehmens,
- dem Archiv (z.B. in Rundfunkanstalten, wo teilweise die organisatorische Trennung von betriebsinterner Fachbibliothek und Archiv nie praktiziert wurde),
- einer Lexikonredaktion (bei früheren Fachbibliotheken in Verlagen),
- dem kommunalen Kulturamt, der Volkshochschule, der Stadt- oder Kreisbildstelle, in mancher Kleinstadt mit dem Museum.
Diese organisatorische Zusammenfassung zielt darauf, die bibliothekarisch-dokumentarisch-archivalische Dienstleistung in unmittelbarer Zusammenarbeit mit den Nutzern dieser Dienstleistung zu erbringen. Der Bibliothekar, wenn man ihn dann noch so nennen will, arbeitet als spezialisierter Dienstleister in einem Team mit, das insgesamt eine andere Aufgabe als eine bibliothekarische Aufgabe hat, sei es die Abfassung von Lexika, das Kulturmanagement einer Mittelstadt oder die Produktion von Nachrichtensendungen.
Motive dafür hängen teils mit der Gewinnung wirtschaftlicher Vorteile, also mit Synergieffekten und Effizienzsteigerung zusammen, wenn neue Formen einer mehr netzartigen Arbeitsteilung angestrebt werden.
Vor allen Dingen erlaubt die Digitalisierung und Computerisierung die Verfügung unterschiedlichster Information auf derselben technischen Plattform, während wir vor der digitalen Revolution Bücher für die Speicherung von Text, Schallplatten für die Speicherung von Tönen und Streifen aus Polyesteracetat für die Speicherung von Filmen hatten.
3.3 Informationszugang statt Mediensammlung
Die auf vielen Servern verteilte Vorhaltung von Dokumenten bedeutet, daß der Zugang zur Information wichtiger wird als die Sammlung einer großen Zahl von Informationsträgern (Dokumentlieferdienste, Netzpublikationen, Informationssammlungen auf Servern).
An die Stelle der Pflege kontinuierlich aufgebauter Sammlungen vermittels Einzelfallentscheidungen bei der Medienauswahl treten allmählich die Formulierung von Erwerbungsprofilen als Grundlage für den Bezug von Fremdleistungen und die Erzeugung von informationellen Mehrwertdiensten für Zielgruppen und Einzelnutzer auf Basis erforderlichenfalls auch fallweise beschaffter Dokumente und Medien.
Beim Bestandsaufbau zur Nachfrageantizipation wird es in Zukunft um Profildefinitionen und Optimierung der Beschaffungswege und -quellen statt um Einzelfallentscheidungen und festgefügte Rollenverteilungen unter etablierten Lieferanten gehen (Beschaffungsmarketing).
Die Aufbereitung von in anderer Form bereits vorliegenden Publikationen für die digitale Vorhaltung zur Nutzung über Datennetze wird mehr und mehr eine Aufgabe von Bibliothekaren (Aufbau digitaler Bibliotheken mit einer Fülle von technischen und urheberrechtlichen Klippen, die das Bibliothekspersonal kenntnisreich umschiffen muß). So werden Bibliotheken Verlage - auch hier eine Vermischung früher getrennter Rollen.
Auf diesem Hintergrund wächst die Bedeutung der Kooperation und Abstimmung beim konventionellen Bestandsaufbau, aber auch bei Digitalisierungsprojekten und bei der Schaffung von Navigationsstrukturen in Datennetzen. Die Sicherung der kulturellen Überlieferung, die Bibliotheken bisher durch den Aufbau von physischen Sammlungen geleistet haben, wird in Zukunft um die Archivierung von Netzpublikationen durch Spiegelung auf bibliothekseigenen Servern ergänzt werden.
Die einzelne Bibliothek sieht sich dem Zwang zur Profilbildung ausgesetzt.
Und in der Folge erlangen kleine, spezialisierte, räumlich und in den Dienstleistungen sehr benutzernahe Bibliotheken eine wachsende Bedeutung. Insgesamt nimmt die Zahl der Bibliotheken rapide zu, aber es handelt sich um immer mehr kleine multifunktionale Dienstleistungszentren, während die klassischen, großen, universal ausgerichteten Bibliotheken im Gefüge der Bibliotheken für die Benutzer an Bedeutung verlieren. Sie gewinnen aber teilweise an Bedeutung als Datenlieferant für die kleinen Bibliotheken, so daß beide aufeinander angewiesen bleiben.
Die formale Erfassung und Inhaltserschließung (Objektdokumentation und Inhaltsdokumentation) werden wichtiger und bekommen neue Qualitäten.
Bei der Erfassung von digitalen Dokumenten im Netz kommen Aspekte wie der urheberrechtliche Status, die Quelle (die ursprüngliche Publikation), die zeitliche Gültigkeit des Dokuments und die Beziehung zu anderen Netzpublikationen hinzu. Beispielsweise sind Bibliothekare bisher fast nie auf die Idee verfallen, in ein Buch mit Gedichtinterpretationen die Signaturen der Gedichtausgaben einzutragen, aber bei Netzpublikationen besteht der Ehrgeiz, entsprechende Hyperlinks zu setzen, wenn die Autoren es nicht getan haben.
Bei der Bestandserschließung wird es mehr und mehr um Verzicht auf eigene Erschließung zugunsten mehrdimensionaler überörtlicher Nachweise mit Bestellkomponente gehen.
Die Recherche ist möglich
- anhand mehrerer Klassifikationen, die ihrerseits über Registerbegriffe zugänglich sind,
- anhand von Schlagwörtern bzw. Deskriptoreni, auf die wahlweise auch über klassifikatorische Merkmale zugegriffen werden kann,
- anhand von semantischen Netzen u.a.m. (Schaffung von strukturierten Landkarten des Wissens).
Bestellkomponente meint hier: Der Benutzer findet die gewünschten Nachweise in Datennetzen und bestellt über das Datennetz zur Lieferung an die Arbeits- oder Privatadresse über das Datennetz.
Die Abgrenzung, was zu einem bestimmten Dokument bzw. zu einer bestimmten Medieneinheit gehört, wird unscharf.
Ferner werden die Erfassungs- und Erschließungsgegenstände in sich zunehmend multimedial.
Nach wie vor bestehen Bibliotheksbestände hauptsächlich aus Texten, auf Papier gedruckt, auf CD-ROMs gespeichert. Der Anteil der Tonträger und Videos geht, abgesehen von Spezialsammlungen wie Musikbibliotheken und Mediotheken, selten über 10 % hinaus. Die US-amerikanische Library of Congress, die unter ihren 100 Millionen Bestandseinheiten noch 20 Millionen Bücher hat, ist eine Ausnahme. Unabhängig vom Anteil der audiovisuellen Medien handelt es sich immer noch darum, daß Textmedien einerseits und Ton- bzw. Filmdokumente andererseits gesammelt werden.
Die Multimediatechnologie, angewendet bei CD-ROMs bzw. DVDs und in Datennetzen, bringt eine neue Qualität der Verknüpfung von Text, Standbild, Bewegtbild (Video) und Ton. Dies erfordert neue Kategorien und Methoden der Erfassung und Erschließung, wenn die Dokumentbeschreibung (veraltet: das Katalogisat) eine Vorstellung von dem geben soll, was man mit dem ganzen Dokument bzw. dem ganzen Medium bekommt.
Die Navigation in Datennetzen und Evaluation von Netzpublikationen tritt an manchen Arbeitsplätzen an die Stelle von Bestandsaufbau und -erschließung, an anderen Arbeitsplätzen kommt beides als zusätzliche Aufgabe dazu.
4. Konsequenzen für die Dienstleistungen
Der physische Bestand der eigenen Bibliothek verliert aus den genannten Gründen an Bedeutung. Dabei spielt auch eine Rolle, daß die Kaufkraft der Bibliotheken immer mehr hinter der Medienproduktion und der Nachfrage in den Bibliotheken zurückbleibt, so daß die Bibliotheken immer weniger imstande sind, umfassende oder breit sortierte Sammlungen in Erwartung einer Nachfrage anzulegen.
Zunehmende Bedeutung erlangt dagegen die fallweise Beschaffung von Medien und Dokumenten in physischer und elektronischer Form bei auftretender aktueller Nachfrage. Die Bibliotheken müssen Beschaffungs- und Bearbeitungswege finden, bei denen auch in diesen Fällen die Wartezeiten für die Benutzer minimiert werden.
Eine Methode, mit dem Problem der wachsenden Bestände bei nicht mitwachsenden Gebäuden umzugehen, sind Speicherbibliotheken für selten genutzte Bestände. Die erste Speicherbibliothek wurde vor etwa 50 Jahren errichtet. Heute kann man daran denken, daß in die Speicherbibliothek hinein bedrucktes Papier wandert, und heraus kommt im Fall der Anforderung durch einen Benutzer eine Datei, also eine digitalisierte Version des gewünschten Buches.
Die Neupositionierung der Printmedien im Mediengefüge erzwingt die Umorientierung in den Bibliotheken. Die Bibliothek muß zu neuen Verbindungen zwischen verschiedenen Medienarten in Präsentation, Erschließung und Nutzungsmöglichkeiten kommen. Man kann hier beispielsweise an PCs mit Anschluß an das Internet ebenso wie an das lokale CD-ROM-Netz denken, umgeben von einem leicht nutzbaren konventionellen Bestand in bequemer Reichweite, dessen ältere Teile aber bereits digitalisiert im Netz verfügbar sind.
Wir müssen uns aber auch vor Augen führen, daß wohl noch auf lange Jahre hin mehr auf Papier als elektronisch publiziert werden wird. Und längere Texte wird man auch weiterhin in Form eines gedruckten Buches lesen wollen und nicht am Bildschirm. Abzuwarten bleibt, wie sich die Nutzung der RocketBooks entwickelt; hierbei hat man ja eine Bildschirmdarstellung, die in Form, Format und Funktionalität dem gedruckten Buch entspricht.
Die Bedeutung der von Bibliothekaren oder Dokumentaren erbrachten Recherchedienstleistung, in jüngster Zeit noch als Qualitätsmerkmal des zum Cybonautiker mutierten Bibliothekars herausgestellt, geht zurück, weil die Systeme immer komfortabler und laienhaft benutzbar werden. Nur noch sehr konservative Datenbankanbieter verzichten auf graphische Oberflächen und bleiben bei der Datenbankabfrage vermittels Retrievalsprachen. Forschungen auf dem Gebiet der Wissensorganisation stellen neue, vor allem graphisch dargestellte Retrievalstrukturen bereit.
Heute stellen die Bibliotheken, besonders die Öffentlichen Bibliotheken, ihre Funktion zur Herstellung eines Zugangs zu Datennetzen für jedermann heraus. Dies dürfte von vorübergehender Bedeutung sein. Bald werden die Bibliotheken mit diesem Argument stark in die Nähe einer sozialen Dienstleistung für benachteiligte Bevölkerungskreise geraten.
Neben die Erschließung physischer Medien tritt für den Beruf des Bibliothekars, Archivars und Dokumentars die Erzeugung von Navigationshilfen in Datennetzen für entfernte Benutzer der bibliothekseigenen Website. Weder Suchmaschinen noch kommerziell erstellte Internetkataloge kommen zu überzeugenden Ergebnissen.
Die Bedeutung veredelter Dienstleistungen (Mehrwertdienste) nimmt zu, weil die einfacheren Dienstleistungen (Bestandsnachweise, Information Retrieval, Aufbau und Pflege von Sammlungen, Beratung bei der Benutzung von Sammlungen und Bestandsnachweisen, Medienverbuchung) immer stärker als Fremdleistung eingekauft oder automatisiert, mit Komfort versehen und der Selbstbedienung durch die Benutzer überantwortet werden.
Ebenso wie beim Bestandsaufbau entsteht ein Zwang zur Profilbildung bei der einzelnen Bibliothek.
4.3 Kulturelle und soziale Dienstleistungen
Denselben Zwang zur Kooperation wie beim Bestandsaufbau und bei der Bestandserschließung beobachten wir bei den kulturellen und sozialen Dienstleistungen.
Kooperationspartner sind hier bei den kommunalen Bibliotheken Einrichtungen der öffentlichen und kirchlichen Sozialarbeit, Buchhandlungen und Medienkaufhäuser, Einrichtungen der Erwachsenenbildung und der Fortbildung, Kulturveranstalter wie z.B. Kulturämter, Galerien, aber auch private Radio- und Fernsehsender; Kooperationspartner für Landes- und Staatsbibliotheken bei kulturellen Dienstleistungen könnten Museen, Theater- und Konzerthäuser oder große Sender sein. Noch selten ist beispielsweise anzutreffen, daß eine kommunale Bibliothek einem lokalen Privatsender sendefähige Medienrezensionen liefert und im Gegenzug den Hinweis "Der Tip aus der Stadtbibliothek" als Werbung verbucht.
Bei den kommunalen Bibliotheken wird eine verstärkte Einbindung in kulturelle Szenen und soziokulturelle Milieus und damit verstärkter Einsatz ehrenamtlicher Kräfte wohl deshalb eintreten, weil sich die Gesellschaft generell zunehmend in Subkulturen differenziert, deren Kommunikation untereinander schwächer wird zugunsten der Binnenkommunikation im selben sozialen Milieu, so daß Einrichtungen, die als zum anderen sozialen Milieu gehörig gelten, gemieden werden. Fragwürdig erscheint, ob kommunale Bibliotheken eine Szenen, Milieus und Ghettos übergreifende Integrationskraft entfalten können.
Aber Bibliotheken können ein Ort realer Begegnung in virtuellen Welten sein: Events werden dann wichtiger als Bestände.
Weniger für die Bürger, mehr durch die Bürger - das wäre die Folge der aufgezeigten Tendenzen in der Schnittmenge kultureller und sozialer Dienstleistungen einerseits und knapper werdender Finanzen bei flexibleren Organisationsformen andererseits.
So entstehen neue Differenzierungen: Ein Teil der Funktionen der früheren großen Universalbibliotheken wird an Speicherbibliotheken abgegeben, ein anderer Teil wandert direkt an den Arbeitsplatz der Endnutzer und wieder ein anderer Teil dieser Funktionen konzentriert sich in der dynamisch wachsenden Szene der One Person Libraries.
Vielleicht erleben wir bald die Auslagerung der Dienstleistung der telefonischen Auskunft, die jetzt meistens neben dem persönlichen Auskunftsdienst von denselben Fachkräften wahrgenommen wird, in bibliothekarische Call Centers. Bereits jetzt haben eine ganze Reihe von großen Bibliotheken die Auskunftsplätze für die telefonische Auskunft von den Auskunftsplätzen für die persönliche Auskunft getrennt, weil andernfalls mindestens einer der beiden Benutzergruppen zu kurz kommt.
Einige Bibliotheken werden sich zu sozialen Treffpunkten entwickeln, die nebenbei noch ein paar Medien anbieten, während andere Bibliotheken ganz auf den persönlichen Publikumsverkehr verzichten und nur noch Dienstleistungen über Telefon, E-Mail und im Internet anbieten. Wieder andere Bibliotheken verschmelzen mit Redaktionen, Archiven oder Informationsvermittlungsstellen zu multifunktionellen Serviceeinrichtungen.
Noch vor wenigen Jahren bedeutete die Planung eines Bibliotheksneubaus, daß man anhand der maßgeblichen Fachliteratur Standards und Funktionen abarbeitete: Soundsoviel Quadratmeter für 1.000 Bücher, eine Compactus-Anlage, eine funktionelle Verbuchungstheke, ein großer Lesesaal mit gut beleuchteten Plätzen und schalldämmenden Materialien, damit das Tastaturklappern der PCs und der Laptops nicht stört, ein Lesecafé, Veranstaltungsräume usw.
Heute bedeutet die Planung eines Bibliotheksneubaus vor allen Dingen, alle Möglichkeiten offen zu lassen. Konzepte flexiblen Bauens sind gefragt, keine in Beton gegossenen Bibliothekskonzepte, die bei raschen Änderungen der Bibliothekskonzeptionen auf dem Hintergrund rapider technischer und gesellschaftlicher Dynamik über Nacht disfunktional werden können oder aufwendige Umbauten erfordern.
6.1 Erfordernis spezifischer Leitbilder
Mehr und mehr Bibliotheken formulieren Zielkonzepte oder Leitbilder. In Deutschland hinkt hierbei die Entwicklung stark hinter den angloamerikanischen Ländern hinterher. Verbreiteter sind Aussagen über strategische Ziele, sei es eine angestrebte Zahl von Benutzern oder das Erfordernis eines Neubaus, wenn die Sammlung die Kapazitäten des vorhandenen Magazins ausschöpft.
Wenn kommunale Bibliotheken ihre Ziele angeben sollen, greifen sie meistens auf allgemeine Zielkataloge zurück, die aber ähnlich oder teilweise wortgleich auch von Bürgerinformationsämtern, von Behörden für Intergrationspolitik, von Volkshochschulen, Kulturämtern oder Buchhandlungen (die sich auch als moderne Mediendienstleister verstehen und ins Internet drängen) vorgetragen werden könnten.
Universitätsbibliotheken beziehen sich auf die in den Hochschulgesetzen genannten Funktionen für Lehre, Forschung und Studium sowie für die Region, können damit aber schwerlich ihr ganzes Leistungsspektrum wie etwa die Sondersammelgebiete (bei Fächern, die womöglich an der eigenen Universität gar nicht mit einem Lehrstuhl vertreten sind) begründen.
Zukünftig wird der Unterhaltsträger immer nachdrücklicher die Bindung aller Aktivitäten seiner Infrastruktureinrichtung Bibliothek an seine konkreten Organisationsziele statt an allgemeine bibliothekarische Deklarationen einfordern und ein Leitbild der Bibliothek erwarten, das gerade eine Konkretisierung seines eigenen Leitbildes darstellt.
6.2 Marketing gegenüber dem Geldgeber
In diesem Sinn wird Marketing gegenüber dem Geldgeber wichtiger als gegenüber den Nutzern - an denen die meisten Bibliotheken keinen Mangel haben, während ihnen zugleich die Mittel abgehen, den Bedarf ihrer Nutzer auf gutem Niveau zu decken.
1. Einleitung und These
Wieso sollen die Benutzer die Bibliotheken noch persönlich aufsuchen?
2 Veränderte Rahmenbedingungen
2.1 Medienexpansion
- Mediennutzung ist allgegenwärtig
- Bibliotheksetats stagnieren im Verhältnis zur Publikation
2.2 Veränderungen in der Publikationskette
- Wissenschaftler publizieren ohne Verlag im Internet
- Dokumentlieferdienste liefern unabhängig von Bibliotheken
- Die populären Medienmärkte wandeln sich von Distributions- zu einem Kommunikationsapparaten
- Die Grenze zwischen öffentlich (Zeitung) und privat (Brief) verwischt
2.3 Finanzkrise der öffentlichen Hände
- Kluft zwischen dem Publikationsaufkommen und der Kaufkraft der Bibliotheken
2.4 Arbeitswelt und Lernen
- Telearbeit
- Zeitarbeit (Leiharbeit)
- Diskontinuierliche Berufsverläufe
- Flexible Arbeitszeiten
- Teilzeitarbeitsformen
- Lernformen, Lernmethoden und Lernorganisation:
- Fernunterricht,
- training on the job,
- interaktive Selbstlernprogramme,
- interaktive Hilfen,
- Abendunterricht,
- Tageskurse,
- Selbstlerngruppen ohne Lehrkraft
- Lernorte:
- Bildungsinstitution,
- Partnerinstitution, die z.B. über spezielle Hard- oder Software verfügt,
- eigener Betrieb,
- Fremdbetrieb,
- Exkursion,
- Wohnung
- Qualifikationen:
- Sachqualifizierung,
- soziale Qualifizierung,
- Handlungsqualifizierung,
- Methodenqualifizierung
- Lernberatung
2.5 Urheberrecht
3. Konsequenzen für die Institution Bibliothek
3.1 Entinstitutionalisierung im BID-Sektor
- Datenbankanschlüsse in jeder großen Bibliothek
- Informationsvermittlungsstellen sind an die Arbeitsplätze der Nutzer oder zu multiplen Dienstleistungskomponenten geworden
- Öffentliche Bibliotheken
- Digitale Bürgerinformationssystemen
- Verbraucherberatung in der Bibliothek
- Zweigbibliotheken als Bürgertreffpunkte
3.2 Zusammenfassung der Bibliothek mit verwandten Dienstleistungsbereichen
- mit der Informationsvermittlungsstelle der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines Unternehmens
- mit dem Archiv
- mit einer Lexikonredaktion
- mit dem kommunalen Kulturamt
- mit der Volkshochschule
- mit dem Museum
- unterschiedlichste Information auf derselben technischen Plattform
3.3 Informationszugang statt Mediensammlung
- Zugang wichtiger als Sammlung
- statt Einzelfallentscheidungen: Formulierung von Erwerbungsprofilen
- Beschaffungsmarketing
- Aufbau digitaler Bibliotheken
- Archivierung von Netzpublikationen
- Zwang zur Profilbildung
- Wachsende Bedeutung der kleinen, spezialisierten, benutzernahen Bibliotheken
3.4 Erschließung
- der urheberrechtliche Status
- Beziehung zu anderen Netzpublikationen
- mehrdimensionale überörtliche Nachweise mit Bestellkomponente
- Erfassungs- und Erschließungsgegenstände in sich multimedial
- Navigation in Datennetzen und Evaluation von Netzpublikationen
4. Konsequenzen für die Dienstleistungen
4.1 Medienvermittlung
- Der physische Bestand der eigenen Bibliothek verliert an Bedeutung
- Fallweise Beschaffung von Medien und Dokumenten
- Speicherbibliotheken
- Neue Verbindungen zwischen verschiedenen Medienarten in Präsentation, Erschließung und Nutzung
- Längere Texte auch weiterhin in Form eines gedruckten Buches
4.2 Informationsvermittlung
- Recherchedienstleistung geht zurück
- Navigationshilfen in Datennetzen für entfernte Benutzer
- Mehrwertdienste
- Zwang zur Profilbildung
4.3 Kulturelle und soziale Dienstleistungen
- Zwang zur Kooperation:
- Sozialarbeit
- Buchhandlungen und Medienkaufhäuser
- Erwachsenenbildung und Fortbildung
- Kulturveranstalter
- Museen
- Theater- und Konzerthäuser
- Hörfunk- und Fernsehsender
- Einbindung in kulturelle Szenen und soziokulturelle Milieus
- Ort realer Begegnung in virtuellen Welten
5 Neue Differenzierungen
- Ein Teil der Funktionen der früheren großen Universalbibliotheken
- wird an Speicherbibliotheken abgegeben
- ein anderer Teil wandert direkt an den Arbeitsplatz der Endnutzer
- wieder ein anderer Teil konzentriert in One Person Libraries
- Call Centers
- Soziale Treffpunkten
- Dienstleistungen über Telefon, E-Mail und im Internet
- Konzepte flexiblen Bauens - keine in Beton gegossenen Bibliothekskonzepte
6 Ziele und Leitbilder
6.1 Erfordernis spezifischer Leitbilder
- Bindung aller Aktivitäten der Bibliothek an die Organisationsziele des Unterhaltsträgers
6.2 Marketing gegenüber dem Geldgeber
| ÖFFENTLICHE BIBLIOTHEKEN IN EINEM NEUEN EUROPA (3) Internationale Bibliothekskonferenz, Ljubljana, 3.-5. Juni 1999 "Die öffentlichen Bibliotheken im Kontext wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels Auswirkungen auf die Bibliotheksplanung für das nächste Jahrtausend" Experten sind sich einig: die moderne Gesellschaft befindet sich inmitten einer dritten technischen Revolution, die in Form neuer Informations- und Kommunikationstechnologien alle Bereiche, vor allem Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, aber auch den sozialen und kommunikativen Lebensbereich des Menschen erfaßt. Wer in dieser Gesellschaft bestehen und sich weiterentwickeln möchte, muß neue Ideen haben, und die hergebrachten Verhaltens- und Arbeitsweisen mit den neuen Technologien umgestalten. Besonders die öffentlichen Bibliotheken müssen in dieser Zeit des Umbruchs ihre Planung aufs Neue überdenken. Wo nötig, müssen sie ihre Rolle neu definieren, aber auch ihre bestehenden Kompetenzen stärker betonen. Denn öffentliche Bibliotheken verwirklichen, mehr als jede andere Institution, den freien Zugang zu Informationen und sie geben dem individuellen Anspruch auf die Möglichkeit zur Fortbildung auf Lebenszeit eine wichtige Grundlage. Darüber hinaus nehmen öffentliche Bibliotheken aber auch wichtige kultur- und gesellschaftspolitische Aufgaben wahr, sie entsprechen dem kreativen Freizeit- und Unterhaltungsbedarf, sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Förderung des Lesens in ihrer Rolle als Informations- und Kommunikationszentren der lokalen Gemeinschaft. Die neuen Ansprüche der Bibliotheksbenutzer sowie der Einsatz der neuen Technologie verändern zunehmend auch die Anforderungen an die Raumplanung und Einrichtung der Bibliotheken. Es genügt nicht, wenn in den Bibliotheken nur die fachlichen bibliothekarischen Gesichtspunkte verwirklicht werden; jede Bibliothek muß sich auch in der Einrichtung und ihrer Raumordnung der Öffentlichkeit auf einem Niveau präsentieren, das bei anderen öffentlichen Einrichtungen für das Heute und das Morgen seine Gültigkeit haben wird. Sogar der Vergleich mit Bankgebäuden ist nicht auszuschließen. Nur mit einer gepflegten Erscheinung wird die Bibliothek von der Öffentlichkeit als ein ernstzunehmender Faktor bei politischen Entscheidungen wahrgenommen werden. Das gewählte Thema der Konferenz ist von großer Bedeutung für alle europäischen öffentlichen Bibliotheken besonders für slowenische Bibliotheken und die Bibliotheken aus Ost- und Mitteleuropa. Zwar ist der Entwicklungsstand der einzelnen Länder sehr unterschiedlich, der Umgestaltungsprozeß der Bibliotheksarbeit und die Anforderungen an die räumlichen Voraussetzungen wird aber von allen Bibliothekaren lebhaft und zumTeil kontrovers diskutiert. Die Konferenz wird einen wichtigen Beitrag zum fachlichen Meinungsaustausch liefern. Sie wird die Möglichkeit bieten, gelungene Lösungen kennenzulernen, und die Planungsprozesse im Kreise von Fachleuten über nationale Grenzen hinweg zu überprüfen. PROGRAMM 3. Juni 1999, Konferenzsaal am Trg republike 3 9:00-9:30 Uhr Eröffnung: Begrüßungsansprachen 9:30-11:00 Uhr I. Rundtischgespräch: Die Aufgabe der Öffentlichen Bibliotheken in Zeiten des Umbruchs Vilenka Jakac-Bizjak (Programmdirektorin der National- und Universitätsbibliothek, Ljubljana): Nationale Kulturpolitik und die Entwicklung des Bibliotheksnetzes in Slowenien. . Wolfram Henning (Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen, FH Stuttgart): Kulturpolitik und Kulturmanagement im Spannungsfeld zwischen Rezession und Erlebnisgesellschaft. Patrick Bazin (Direktor der Stadtbibliothek, Lyon): Die öffentliche Bibliothek im Kontext wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen. PAUSE 11:00-11:30 Uhr 11:30-13:00 Uhr II. Rundtischgespräch: Die Bibliothek: Verschiedenheit und Akzentsetzung Jean-Marie Compte (Direktor der Stadtbibliothek Poitiers): Die Mediathek Francois-Mitterand in Poitiers : ein Beispiel für eine Stadtbibliothek mit regionalen Aufgaben Horst Neißer (Direktor der StadtBibliothek Köln): Informationsdienst in Bibliotheken Herausforderungen durch einen veränderten Informationsbedarf und verändertes Informationsverhalten. Silva Novljan (Fachberaterin der National- und Universitätsbibliothek Ljubljana): Leben ohne Grenzen unter dem Obdach der Bibliothek? PAUSE 13:00-15:00 Uhr 15:00-16:30 Uhr III. Rundtischgespräch: Die Informationsgesellschaft eine Herausforderung für Bibliotheken Alain Massuard (Verantwortlich für die französischen Informations- und Dokumentationszentren in Italien): Bibliotheken als Instrumente der Informationsgesellschaft. Horst Heidtmann (Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen, FH Stuttgart): Kinder- und Jugendliteratur multimedial und interaktiv. 19:00 Empfang: Auf Einladung des Institut Francais Charles Nodier in Ljubljana und des Goethe-Instituts Zagreb 4. Juni 1999, Konferenzsaal amTrg republike 3 9:30-11:00 Uhr IV. Rundtischgespräch: Die Gestaltung der Bibliotheksräume ist nie abgeschlossen Horst Neißer (Direktor der StadtBibliothek Köln): Konzeption und Präsentation neuer Medienangebote für Benutzer in öffentlichen Bibliotheken. Dominique Arot (Generalsekretär des Conseil supérieur des bibliothèques): Öffentliche Bibliothek und Raum Rajko Slokar (Direktor der France-Bevk-Bibliothek Nova Gorica) : Einklang von Form und Inhalt - Erfahrungen beim Neubau der Bibliothek Nova Gorica. . PAUSE 11:00-11:30 Uhr 11:30-13:00 Uhr V. Rundtischgespräch: Die Wahrnehmung einer Bibliothek wird von den Bedürfnissen des Benutzers bestimmt Philippe Charrier (Projektleiter beim Bau der Stadtbibliothek Marseille): Untersuchung des Bedarf von Bauten für Öffentlichen Bibliotheken. Wolfram Henning (Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen, FH Stuttgart): Raumplanung und Einrichtung von Bibliotheken. Silva Crnugelj (Direktorin der Öffentlichen Bibliothek Siska) und Igor Skulj (Architekt, Ljubljana): Bauplanung und Bibliotheksnetze PAUSE 13:00-15:00 Uhr 15:00-17:00 Uhr VI. Rundtischgespräch: Bibliotheksprogramm und Raumplanung Kurt Dollmann (Architekt, Stuttgart): Gestaltung des Bibliotheksbauprogramms in der Architektur. Philippe Charrier (Projektleiter beim Bau der Stadtbibliothek Marseille): Ein Baukonzept zur Bibliotheksarchitektur Konrad Umlauf (Institut für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität, Berlin): Der Umbruch in der Medienlandschaft als Herausforderung für die Bibliotheken. 5. Juni 1999 National- und Universitätsbibliothek Ljubljana 9:30-11:30 Uhr Vorstellung der Unternehmen, die Programme für die Einrichtung von Bibliotheken und Fahrbibliotheken anbieten Ausstellung: Bau und Einrichtung von Bibliotheken 11:00-17/18:00 Uhr Besichtigung einiger Bibliotheken außerhalb Ljubljanas 12:00 Uhr Empfang in der Bibliothek Medvode Konferenzsprachen: -Deutsch, Französisch, Slowenisch in Simultanübersetzung Veranstalter -National- und Universitätsbibliothek Ljubljana, Turjaka ulica 1 -Institut Francais Charles Nodier Ljubljana, Breg 12 -Goethe-Institut Zagreb, Ulica Grada Vukovara 64 -Open Society Institute Ljubljana, Vegova ulica 8 Teilnehmer der Konferenz: BibliothekarInnen aus Ost- und Mitteleuropa, ArchitektInnen, VertreterInnen aus dem politischen und kulturellen Leben |
Bericht
über die Konferenz
von
Prof. Wolfram Henning,
Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen, Stuttgart,
und
Prof. Dr. Konrad Umlauf
Öffentliche Bibliotheken in einem neuen Europa
Unter diesem Motto tagten vom 3. bis 5. Juni dieses Jahres über 150 Bibliothekare aus Slowenien, Österreich, Frankreich, Deutschland und sieben weiteren mittel- und osteuropäischen Ländern in Ljubljana. Die Hauptstadt Sloweniens mit ihrem malerischen Stadtbild, das von der Renaissance über das Barock bis zum Jugendstil geprägt wurde, in dem antike Ruinen neben sterilen Fassaden aus der sozialistischen Ära stehen, war der Rahmen für Vorträge, die sich um die Frage drehten: Welche Auswirkungen haben der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel und der Umbruch in der Medienlandschaft auf die Bibliotheken?
Veranstalter waren die slowenische National- und Universitätsbibliothek, das Institut Français Charles Nodier und das Open Society Institute, alle in Ljubljana, sowie das Goethe-Institut Zagreb.
Für die slowenischen Gastgeber gab die Tagung naheliegenderweise Gelegenheit, den dynamischen Aufbau ihres Bibliothekswesens einem internationalen Publikum zu zeigen; die Eindrücke vermittelt in Referaten von Vilenka Jakac-Bizjak und Silva Novljan (National- und Universitätsbibliothek Ljubljana), Rajko Slokar (Öffentliche Bibliothek Nova Gorica) sowie Silva Crnugelj (Öffentliche Bibliothek ika) reichten von ästhetisch anspruchsvollen Öffentlichen Bibliotheken über den landesweiten OPAC-Verbund (http://www.izum.si/cobiss/), in dem auch die Altbestandsdaten ab 1771 eingescannt sind, bis zum Einsatz eines Bücherbusses mit EDV-Verbuchung, OPAC des gesamten Bibliotheksnetzes, Innentoilette, Klimaanlage und Kitchenette. Wie überall, gibt es auch in Slowenien Beispiele für Modernisierungslösungen mit sehr begrenzten Mitteln. Die Anwendung der Dezimalklassifikation (genauer: UDK) auch in den Öffentlichen Bibliotheken wird als unproblematisch angesehen. Bemerkenswert ist die politische und Managementleistung der slowenischen Kollegen/innen, die mit zielstrebigem Ehrgeiz 22 % der Einwohner des Landes als eingeschriebene Benutzer gewonnen haben.
Die Vorträge von Dominique Arot (Conseil supérieur des bibliothèques, Frankreich), Patrick Bazin (Stadtbibliothek Lyon), Philippe Charrier (Stadtbibliothek Marseilles) Jean-Marie Compte (Stadtbibliothek Poitiers), Frank Dollmann (Freier Architekt, Stuttgart) und Wolfram Henning (FH Stuttgart) beleuchteten Aspekte der Raumplanung und beschrieben Anforderungen an aktuelle Bibliotheksneubauten:
Jeder Benutzer müsse sich in der Bibliothek als Bürger wiederfinden; die Bibliothek dürfe kein anonymes Dienstleistungszentrum sein. Besonders für bildungsferne Schichten müsse die Bibliothek räumliche Voraussetzungen als sozialer Treffpunkt bieten. In LaRochelle, in Paris und in Marseille gingen vom Neubau der Bibliothek Impulse zur Strukturverbesserung ganzer Stadtviertel bis hin zu neuen Gewerbeansiedlungen und steigenden Immobilienpreisen aus. In Marseille ist der Bibliotheksneubau Teil einer Gesamtkonzeption des Umbaus der Stadt, deren Funktion als frühere Hafenstadt ohne Beziehung zum Hinterland sich im grundstürzenden Umbruch befindet. Kaum eine andere Einrichtung als die Bibliothek ist so stark prädestiniert, das Erfordernis öffentlicher Räume als Bürgertreffpunkt, als Ort lebendiger Kommunikation mit Leben zu füllen. Immer stärkere Bedeutung erlangen individuelle Architekturlösungen, die auf geschichtliche Voraussetzungen und Symbolwerte, auf lokale Bedarfe und spezifische Stadtentwicklungsstrategien antworten statt nur bibliothekarische Normen in Beton und Glas umzusetzen.
Horst Heidtmann (FH Stuttgart), Alain Massuard (Vertretung für Informations- und Dokumentationszentren in Italien, Rom) und Konrad Umlauf (Humboldt-Universität Berlin) skizzierten Veränderungen im Mediennutzungsverhalten, überhaupt den Umbruch in der Medienlandschaft und umrissen die Konsequenzen für Bibliotheken und Bibliothekare:
Einige Bibliotheken entwickeln sich zu Orten realer Begegnungen in virtuellen Welten, während andere Bibliotheken vielleicht bald auf Publikumsverkehr verzichten und ihre Dienstleistungen nur über Telefon, Internet und E-Mail anbieten. Wieder andere Bibliotheken verschmelzen mit der Volkshochschule, mit einem Archiv oder einer Redaktion zu einer multifunktionellen Serviceeinrichtung. Öffentliche Bibliotheken müssen Anleitung bei der Nutzung von Medientechnik sowie Unterstützung bei der Aneignung von Medienkompetenz und der selbständigen Auswahl von Informationen bieten. An die Stelle der Verwaltung von physischen Beständen tritt das Management von Informationsströmen; die Abgrenzung zwischen Bibliothekar, Dokumentar und Archivar verschwindet.
Horst Neißer zeigte am praktischen Beispiel der Stadtbibliothek Köln die Umsetzung dieser Trends: Geplante Umstellung der Selbstverbuchung auf das Radiofrequenzverfahren, bei dem der Benutzer mit den Medien in der Tasche nur noch die Schranke durchschreiten muß, ohne etwas besonderes zu tun, und schon ist die Verbuchung automatisch vorgenommen; Multimediastationen mit kompetenter Beratung in der Bibliothek und Modems zum Ausleihen mit zehn Internet-Freistunden, die die Bibliothek sich von einem Provider sponsorn läßt. Intelligente und sehr teure Lernsoftware, mit der man sprechen kann, läßt die Bibliothek sich vom Hersteller schenken: Dieser erzielt einen verkaufsfördernden Effekt und die Bibliothek erreicht ein neues Level der Vermittlung von Medienkompetenz. Die Medienbibliothek im KOMED in Köln ist eine Öffentliche Spezialbibliothek mit medientechnologischem Profil; u.a. stehen Workstations mit Hochleistungscannern und Farbdruckern sowie ein Kinostudio für die Nutzer bereit. Geplant ist ein öffentlich nutzbares Videokonferenzstudio; ein Netz solcher Einrichtungen soll bald, wenn die Kölner Partner finden, woran sie nicht zweifeln, Europa überziehen.
Für die deutsche Seite organisierte Elisabeth Macan (Goethe-Institut Budapest) ebenso diplomatisch wie zielstrebig die Konferenz zwei Vorgänger fanden 1997 und 1998 in Budapest und Prag statt -, an derem letzten Tag Brane Cop (Deutscher Lesesaal Ljubljana) eine Exkursion mit Bus zu ausgewählten Bibliotheken des Landes führte und sich dabei als Meister der Improvisation jedem beliebigen Extrawunsch der Teilnehmer gewachsen zeigte. Wer bisher glaubte, daß Slowenien ein weißer Fleck auf der bibliothekarischen Landkarte sei, wurde eines besseren belehrt.
Letzte Änderung: 7.6.1999