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4. Bedeutung der Arbeitsvorgänge für die Eingruppierung

Das Schaubild 1 zeigt in schematisch vereinfachter Form die Zuordnungskette vom Arbeitsvorgang zu den Tätigkeitsmerkmalen und weiter zur Vergütungsgruppe, die zusammen mit der Altersstufe das Grundgehalt festlegt. Es schließen sich in diesem Kapitel folgende Fragen an; diese Fragen richten sich hauptsächlich auf die im Schaubild 1 nicht wiedergegeben konkreten Inhalte der verwendeten Begriffe:  

  1. Wie ist der Begriff Arbeitsvorgang definiert?
  2. Welche Arbeitsvorgänge sind typisch für Öffentliche Bibliotheken? Welche Arbeitsvorgänge entsprechen welchen Tätigkeitsmerkmalen?
  3. Welche Tätigkeitsmerkmale entsprechen welchen Vergütungsgruppen?
  4. Wer nimmt auf welche Weise die Eingruppierung, also die Zuordnung eines Angestellten zu einer Vergütungsgruppe vor?
  5. Wie sieht der Zusammenhang zwischen Arbeitsvorgängen, Eingruppierung und Arbeitsplatzbeschreibung aus?

Diese Fragen werden in den folgenden Unterkapiteln behandelt.

4.1 Der Begriff Arbeitsvorgang

In diesem Kapitel werden

  1. der Begriff Arbeitsvorgang definiert,
  2. die Zusammensetzung von Arbeitsvorgängen aus auch unterschiedlichen Arbeitsleistungen erklärt.

4.1.1 Definition des Begriffs Arbeitsvorgang

Der Begriff Arbeitsvorgang ist in einer Protokollnotiz zu § 22 Absatz 2 BAT definiert:

Arbeitsvorgänge sind Arbeitsleistungen (einschließlich Zusammenhangsarbeiten), die, bezogen auf den Aufgabenkreis des Angestellten, zu einem bei natürlicher Betrachtung abgrenzbaren Arbeitsergebnis führen (z.B. unterschriftsreife Bearbeitung eines Aktenvorgangs, Erstellung eines EKG, Fertigung einer Bauzeichnung, Eintragung in das Grundbuch, Konstruktion einer Brücke oder eines Brückenteils, Bearbeitung eines Antrags auf Wohngeld, Festsetzung einer Leistung nach dem Bundessozialhilfegesetz).
Jeder einzelne Arbeitsvorgang ist als solcher zu bewerten und darf dabei hinsichtlich der Anforderungen zeitlich nicht aufgespalten werden.

Im Sinn der betriebswirtschaftlichen Aufgabenanalyse kann man die Aufgaben einer Organisation ausgehend von der Gesamtaufgabe der Organisation systematisch zergliedern. Die Gesamtaufgabe eines Bibliothekssystems (die man beispielsweise mit der bekannten Formulierung als Sammlung, Erschließung und Vermittlung von Medien und Information benennen könnte) kann man beispielsweise in einem ersten Schritt nach dem konventionellen Muster folgendermaßen zergliedern (Schaubild 4):

Schaubild 4: Aufgabenzergliederung

wpe10.jpg (21460 Byte)

Eine ebensolche Zergliederung kann man ausgehend von den Aufgaben eines Angestellten durchführen. Dies wird bei der Abfassung von Arbeitsplatzbeschreibungen getan. Das Vorgehen wird im einzelnen in Kapitel 7.5 behandelt.

Diese Zergliederung kann bis in nahezu beliebige Details geführt werden. Bei der Zugangsbearbeitung kann die Zergliederung etwa zu einer zeitlichen Abfolge der folgenden Arbeitsleistungen führen:

Eine derart extreme Zergliederung von Tätigkeiten kann für die Optimierung organisatorischer Abläufe sinnvoll sein. Mit Blick auf die Bewertung von Arbeitsvorgängen ist sie durch die oben zitierte Protokollnotiz verboten (Atomisierungsverbot, Aufspaltungsverbot). Der Grund ist: Bei der Bewertung von Arbeitsvorgängen kommt es maßgeblich darauf an, solche Arbeitsleistungen zu identifizieren, die gemeinsam das gewünschte Arbeitsergebnis zustande bringen. Zur Erzielung des richtigen Arbeitsergebnisses ist eine jeweils spezifische Qualifikation erforderlich. Es geht um die Bewertung der Anforderungen, die die Tätigkeit als auf die Erzielung des Arbeitsergebnisses gerichtete Betätigung an den Angestellten stellt.

Bei extremer Zergliederung der Arbeitsleistungen stellen zwar die einzelnen Verrichtungen als mechanisch ausgeführte Abfolge von Handgriffen geringere Anforderungen an den Angestellten, aber das Fehlen der für den Zusammenhang relevanten Qualifikation würde die Erreichung des abschließenden Arbeitszieles unsicher oder unmöglich machen.

Ausgangspunkt der Eingruppierung sind also Arbeitsvorgänge, die weder zu umfassend noch zu detailliert betrachtet werden dürfen, nämlich so bestimmt sein müssen, daß sie bei natürlicher Betrachtung einem abgrenzbaren Arbeitsergebnis entsprechen. Bei allen Abweichungen in der Aufbau- und Ablauforganisation von Bibliothek zu Bibliothek sind doch auf einer bestimmten Ebene der Zergliederung stets dieselben Arbeitsvorgänge zu erkennen, weil die zu erzielenden Arbeitsergebnisse sich von Bibliothek zu Bibliothek wiederholen (z.B. die überall zu treffende Auswahlentscheidung beim Bestandsaufbau in kleinen Bibliotheken, der überall bei direkter Teilnahme am passiven Leihverkehr vorzunehmende Nachweis von besitzenden Bibliotheken).

Sie ergeben sich

4.1.2 Arbeitsvorgänge und Arbeitsleistungen

Ein und derselbe Arbeitsvorgang kann wegen der organisatorischen Unterschiede von Bibliothek zu Bibliothek, wegen Unterschiede bei der eingesetzten Technik und der angewendeten Arbeitsmethoden innerhalb gewisser Grenzen durchaus verschiedene Arbeitsleistungen umfassen.

Der Arbeitsvorgang Technische Einarbeitung neuer Medien kann beispielsweise die folgenden einzelnen Arbeitsleistungen umfassen:

Derselbe Arbeitsvorgang kann in einer anderen Bibliothek oder bei anderen Medienarten (hier einer CD) aus folgenden Arbeitsleistungen bestehen:

Es handelt sich indessen um denselben Arbeitsvorgang. Entscheidend ist, daß das zu erzielende Arbeitsergebnis jeweils dasselbe ist und daß dasselbe Tätigkeitsmerkmal zutrifft. In diesem Beispiel besteht das Arbeitsergebnis darin, daß die richtigen Teile der Medieneinheit (Außenseite der Einbanddecke bzw. die Silberscheibe) mit einer flächig selbstklebenden transparenten Schutzfolie in der richtigen Größe überzogen sind, ggf. unter Verwendung des ursprünglich losen Schutzumschlags.

Der Arbeitsvorgang erfüllt das Tätigkeitsmerkmal Schwierigere Tätigkeit, weil die ausführende Arbeitskraft ein sicheres Verständnis für den Zusammenhang zwischen Schutzumschlag und Buchtitel bzw. für die technische Beschaffenheit einer CD haben muß; sie muß auf diesem Hintergrund in der Lage sein zu entscheiden, welche Teile des Schutzumschlags verwendet werden und welche nicht, und sie muß erkennen, ob es sich um eine einseitig bespielte Audio-CD oder um eine zweiseitig beschriebene DVD handelt. Bei letzterer darf bekanntlich kein ganzflächiger Folienzuschnitt mit Loch aufgeklebt werden, sondern nur ein ringförmiger.

4.1.3 Zusammenfassung gleichartiger und gleichwertiger Tätigkeiten

Gleichartige und gleichwertige Tätigkeiten, die dasselbe Arbeitsergebnis zum Ziel haben, werden begrifflich zu einem Arbeitsvorgang zusammengefaßt. Diese tarifrechtlich bedeutsame Aussage soll an einem Beispiel verdeutlicht werden.

In der Bibliothek A ist ein Fachangestellter für Medien- und Informationsdienste u.a. mit der Aufgabe beschäftigt, Entscheidungen bei Reparaturfällen zu treffen (Selbst reparieren? Zum externen Buchbinder geben?) und ggf. eine Aussonderungsempfehlung zu geben. Die lebhafte Benutzung der Bibliothek erfordert, daß der Fachangestellte pro Woche rund 600 solcher Fälle prüft und Entscheidungen trifft, was einen nennenswerten Teil seiner Arbeitszeit füllt. Für die Eingruppierung des Fachangestellten ist dann nicht die Aussage entscheidend, daß an diesem Arbeitsplatz wöchentlich 600 Entscheidungen bei Reparaturfällen zu treffen sind, sondern daß der Arbeitsvorgang Reparaturentscheidung zu diesem Arbeitsplatz gehört und soundsoviel Prozent der gesamten Tätigkeit dieses Angestellten umfaßt.

An ein und demselben Arbeitsplatz können ein einziger Arbeitsvorgang oder mehrere Arbeitsvorgänge anfallen. Wenn der gerade erwähnte Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste keine anderen Aufgaben hat, als Entscheidungen bei Reparaturfällen zu treffen, dann bildet seine gesamte Tätigkeit einen einzigen Arbeitsvorgang.

4.1.4 Leitungstätigkeit als Arbeitsvorgang

Insbesondere bei Leitungsaufgaben kommt es häufig vor, daß die Leitungsaufgabe aus einem einzigen Arbeitsvorgang besteht. In etlichen Fällen erhebt die Vergütungsordnung den gesamten Aufgabenbereich für einen Angestellten in der Art einer Dienstpostenbeschreibung oder Funktionsbezeichnung zum selbständigen Tätigkeitsmerkmal. Arbeitsergebnis ist in diesen Fällen die Erfüllung der durch den Aufgabenbereich umschriebenen Aufgabe. Insoweit bilden alle Einzeltätigkeiten, die zu diesem Aufgabenbereich gehören, gemeinsam einen einzigen Arbeitsvorgang; dieser ist dann der einzige Arbeitsvorgang des betreffenden Dienstpostens, also der betreffenden Personalstelle. Relevant für den Bibliotheksbereich sind hier insbesondere folgende Tätigkeitsmerkmale; sie entsprechen jeweils einem einzigen Arbeitsvorgang, der in der Regel den gesamten Aufgabenbereich des Stelleninhabers ausfüllt:

BAT IVb: Angestellte mit abgeschlossener Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare) mit entsprechender Tätigkeit,

  1. denen mindestens ein Diplombibliothekar oder eine gleichwertige Fachkraft der Vergütungsgruppe Vb ständig unterstellt ist,
  2. als Leiter von öffentlichen Büchereien mit einem Buchbestand von mindestens 12 000 Bänden und durchschnittlich 48 000 Entleihungen im Jahr,
  3. als Leiter von Stadtteilbüchereien (Nebenstellen) mit einem Buchbestand von mindestens 15 000 Bänden und durchschnittlich 60 000 Entleihungen im Jahr,
  4. [hier nicht relevant],
  5. als Abteilungsleiter von Musikbüchereiabteilungen in öffentlichen Büchereien mit einem Bestand von mindestens 8 000 Bänden oder Tonträgern.

BAT IVa: Angestellte mit abgeschlossener Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare),

  1. als Leiter von öffentlichen Büchereien mit einem Buchbestand von mindestens 25 000 Bänden und durchschnittlich 100 000 Entleihungen im Jahr,
  2. [hier nicht relevant],
  3. als Abteilungsleiter von Musikbüchereiabteilungen in öffentlichen Büchereien mit einem Bestand von mindestens 16 000 Bänden oder Tonträgern.

4.1.5 Arbeitsziele und Arbeitsvorgänge

Ausgangspunkt für die Eingruppierung sind nach dem BAT Arbeitsvorgänge. Arbeitsvorgänge dürfen nicht mit Arbeitszielen verwechselt werden. Ein Arbeitsziel bezieht sich nicht nur wie der Arbeitsvorgang auf das sachliche Ergebnis der Tätigkeit (z.B. Leitung einer Bibliothek einer bestimmten Größenordnung, Bibliographische Erfassung nach einem komplexen Regelwerk mit oder ohne Sonderregeln für bestimmte Medienarten), sondern nennt darüber hinaus ein wertendes Merkmal oder mehrere wertende Merkmale, wodurch das einzelne Arbeitsergebnis in einen intentionalen Zusammenhang eingebunden wird. Das Arbeitsziel des Arbeitsvorgangs Bestandsaufbau... kann beispielsweise sein, einen Bestand hervorzubringen, der durch folgende wertende Merkmale gekennzeichnet:

  1. Schwerpunkt bei Medien für die Aus-, Fort- und Weiterbildung,
  2. Umsatzzahl mindestens 4 - 5,
  3. keine Medieneinheit im Bestand ist älter als 15 Jahre.

Verbal können Arbeitsvorgänge und Arbeitsziele etwa durch Formulierungen wie den folgenden miteinander verknüpft werden:

Die ausdrückliche Benennung oder die konkrete Ausformung von Arbeitszielen sind nach dem BAT und ebenso nach dem BAT-O nicht Kriterium der Eingruppierung. Deshalb spielen Arbeitsziele in dieser Handreichung keine Rolle. Sie können jedoch zusätzlich zu der bloßen Benennung von Arbeitsvorgängen in der Arbeitsplatzbeschreibung angegeben werden. Die Alternative ist, die Arbeitsziele (die sehr stark von der aktuellen Bibliothekspolitik und den einem dynamischen Wandel unterliegenden Betriebszielen abhängen) in gesonderten Vereinbarungen zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter auszuweisen. In solchen Vereinbarungen können sowohl qualitative wie auch quantitative Ziele festgehalten werden. Eingruppierungsrelevant sind sie in keinem Fall.

(Zur arbeitsplatzbezogenen Formulierung von Zielen siehe:
Umlauf (1998h), Konrad: Führen durch Zielvereinbarung. Berlin: Institut für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin [Berliner Handreichungen zur Bibliothekswissenschaft und Bibliothekarausbildung. 49: Materialien zur Fortbildung. 3] = http://www.ib.hu-berlin.de/~kumlau/handreichungen/h49. Hier sind auch quantitative Standards für realistisch zu erwartende Arbeitsmengen genannt.)

4.1.6 Terminologie bei der Beschreibung von Arbeitsvorgängen

Die Terminologie, mit der Arbeitsvorgänge beschrieben werden können, ist nicht einheitlich. Bis heute hat sich kein verbindlicher terminologischer Standard im Bibliothekswesen herausgebildet. Hinzu kommt ein in der Praxis verbreiteter unscharfer Gebrauch der Fachsprache, z.B. die umgangssprachliche Verengung des Begriffs Internet auf die Bedeutung von World Wide Web. Dies soll das Schaubild 5 illustrieren.

Schaubild 5: Terminologie zur Beschreibung fachlicher Aufgaben in Bibliotheken

Fachbegriff Synonyme
Schlagwortvergabe Beschlagwortung
Verbale Sacherschließung
Verschlagwortung
Verbale Inhaltsdokumentation
Klassifizierung Klassifikation
Klassifizieren
Systematisieren
Systematisierung
Systematische Sacherschließung
Klassifikatorische Sacherschließung
digitale Medien elektronische Medien
AV-Medien audiovisuelle Medien
Lokaldaten Exemplardaten
bibliographische Erfassung Formalerschließung
Formalerfassung
Titelaufnahme
Titelaufnehmen
Formalkatalogisierung
Objektdokumentation
Medienkombination Medienpaket
Kombimedien
Mischmedien
bibliographische Daten Katalogisat
Titelaufnahme
Titeldatensatz
Formalangaben
Metadaten
Katalogzettel Katalogkarte
Mehrfachexemplar Doppelstück
Dublette
Medieneinheit Bestandseinheit
Bestandsaufbau Medienauswahl
Lektorat
Lektorierung
Marktsichtung
Auswahlentscheidung
(Bestandsaufbau schließt in jedem Fall den Bestandsabbau ein, d.h. die Abgangsentscheidung = Makulierungsentscheidung)
Makulierung Löschung von Bestandseinheiten
Ausscheidung
Aussonderung
Technische Abgangsbearbeitung
Bestandskonzept Bestandsprofil
Erwerbungsprofil
Erwerbungsrichtlinie
Bestandsrichtlinie
Bestandsevaluierung Bestandsanalyse
Nutzungsanalyse Nutzungskontrolle
Vorakzession Dubletten- oder Bestellkontrolle
Akzessionierung Akzession
Zugangsbearbeitung
Inventarisierung und Rechnungsbearbeitung
Formalauskunft Bibliographische Auskunft
Bestandsauskunft
Datennetz Internet, WWW und andere Datennetze
Netzpublikation Publikation in Datennetzen
Internet-Dokument
WWW-Publikation
WWW-Ressource
Internet-Quelle
Internet-Ressource
Evaluation Beurteilung
Mahnung Reklamation
Auskunft und Beratung Auskunftsdienst
Leserberatung
Auskunftserteilung
Fachauskunft
Medienreinigung Buchpflege
Medienverbuchung Medienausgabe
Medienrücknahme
Buchausgabe
Buchrücknahme
Ortsleihe
Thekendienst
Einstellarbeiten Ausheben
Rückordnen
Einstelldienst
Vormerkung Vorbestellung
Externer Leihverkehr auswärtiger Leihverkehr
Fernleihe
regionaler Leihverkehr
bunter Leihverkehr
deutscher Leihverkehr
aktiver Leihverkehr gebender Leihverkehr
passiver Leihverkehr nehmender Leihverkehr
Öffentlichkeitsarbeit Public Relations
Werbung
Programmarbeit Kulturarbeit
Informationsdidaktik Bibliotheksdidaktik
Präsenznutzung Vorortnutzung
Im-Haus-Nutzung

Nachteile der uneinheitlichen Terminologie können sein:

Freilich sind die Formulierungen in der Arbeitsplatzbeschreibung unerheblich. Auch auf eine zwar inhaltlich gleiche, aber wegen anderer Wortwahl oder Ausdrucksweise sprachlich anders dargestellte Angabe in der Arbeitsplatzbeschreibung kommt es nicht an. Entscheidend ist die Zuordnung der an dem betreffenden Arbeitsplatz auszuübenden Arbeitsvorgänge zu den Tätigkeitsmerkmalen der Vergütungsordnung. Indessen setzt diese Zuordnung eine begriffliche Klarheit über den Inhalt des Arbeitsvorgangs voraus. Im Zweifelsfall sollten die Inhalte im Sinn von Arbeitsleistungen im einzelnen in der Arbeitsplatzbeschreibung aufgeführt werden.

Es wird empfohlen, in der Arbeitsplatzbeschreibung die in maßgeblichen Lehrbüchern verwendete Terminologie zu verwenden, um im Fall von Unklarheiten oder Zweifeln den Partnern im für die Bewertung der Stelle zuständigen Amt anhand der Fachliteratur Schwierigkeit, Bedeutung, Vielseitigkeit, Verantwortung der Aufgabe und mithin die zutreffenden Eingruppierungsmerkmale darlegen zu können.

Auch auf die Beschreibung von Arbeiten im KGSt-Gutachten [9] kann Bezug genommen werden, jedoch ist die Arbeitsbeschreibung hier weitgehend veraltet: Das zugrunde liegende Organisationsmodell ist veraltet, EDV nicht angemessen berücksichtigt, Arbeitsverfahren weitgehend überholt, so daß diese Arbeitsbeschreibung kaum noch auf heutige Arbeitsvorgänge zutrifft. Gleichwohl gibt es noch immer nicht wenige Arbeitsplatzbeschreibungen, die auf die Gliederungsziffern der Arbeitsbeschreibung im KGSt-Gutachten ausdrücklichen Bezug nehmen.

Für die Darstellung von Leitungsaufgaben in der Arbeitsplatzbeschreibung wird der in Kapitel 7.8 vorgestellte Standard empfohlen.

4.2 Arbeitsvorgänge und Tätigkeitsmerkmale

Dieses Kapitel definiert den Begriff Tätigkeitsmerkmal und behandelt den Zusammenhang zwischen Tätigkeitsmerkmalen und Arbeitsvorgängen.

Die Vergütungsordnungen des BAT enthalten Kataloge der Tätigkeitsmerkmale. Die Tätigkeitsmerkmale sind damit tarifrechtlich festgelegt und können auch nur durch Tarifverhandlungen verändert werden. Tätigkeitsmerkmale sind Anforderungsbeschreibungen für Arbeitsvorgänge, wie sie im vorangehenden Kapitel aufgrund der Bestimmungen des BAT definiert wurden. Mit den Tätigkeitsmerkmalen legt der BAT Anforderungen fest, die erfüllt sein müssen, damit die betreffende Tätigkeit ausgeübt werden kann. Die Tätigkeitsmerkmale werden im BAT zum entscheidenden Eingruppierungskriterium.

Der BAT legt zwar die Tätigkeitsmerkmale fest, nennt aber nicht die Arbeitsvorgänge, die jeweils einem Tätigkeitsmerkmal entsprechen. Dies kann der BAT deshalb nicht leisten, weil er dann eine unübersehbare Zahl von Arbeitsvorgängen aus allen Zweigen des öffentlichen Dienstes auflisten müßte. Zudem unterliegen die konkreten Arbeitsvorgänge einem gewissen Wandel im Zuge der technisch-organisatorischen Entwicklung oder entstehen mit der Schaffung neuer Berufsbilder.

Weil der BAT zwar Tätigkeitsmerkmale, aber keine Arbeitsvorgänge auflistet, wurde die Frage, welche Tätigkeitsmerkmale welchen Arbeitsvorgängen in kommunalen Öffentlichen Bibliotheken entsprechen, in der Vergangenheit immer wieder zum Streitfall zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Es fehlte also eine Darstellung der Arbeitsvorgänge in kommunalen Öffentlichen Bibliotheken mit Angabe des dazugehörigen Tätigkeitsmerkmals. Eine vom Verein der Bibliothekare und Assistenten e.V. (vba) und vom Deutschen Bibliotheksinstitut (DBI) ins Leben gerufene Expertengruppe, der der Verfasser angehört, legt 1999 eine Beschreibung der Arbeitsvorgänge in kommunalen Öffentlichen Bibliotheken mit Zuordnung des jeweils zutreffenden Tätigkeitsmerkmals vor [10].

Eine nur noch eingeschränkt aktuelle Darstellung der Arbeitsvorgänge in wissenschaftlichen Bibliotheken mit Angabe des jeweiligen Tätigkeitsmerkmals hat der Verein der Diplom-Bibliothekare an wissenschaftlichen Bibliotheken (VdDB) 1978 vorgelegt [11]. Diese Darstellung wird voraussichtlich ebenfalls 1999 in aktualisierter Fassung erscheinen.

4.3 Tätigkeitsmerkmale und Vergütungsgruppen

In diesem Kapitel geht es um folgende Fragen:

  1. Welche der zahlreichen Tätigkeitsmerkmale, die zu jeder Vergütungsgruppe genannt werden, gelten für die Angestellten in kommunalen Öffentlichen Bibliotheken?
  2. Wenn ein Tätigkeitsmerkmal mehrere Sachverhalte nennt, müssen dann alle Sachverhalte zugleich erfüllt sein oder sind die Sachverhalte als alternative Kriterien zu verstehen?
  3. Was ist der Unterschied zwischen tätigkeitsbezogenen und personenbezogenen Anforderungen?
  4. Wie sind die in einigen Tätigkeitsmerkmalen genannten Unterstellungsverhältnisse zu verstehen?
  5. Welche Konsequenzen für die Eingruppierung hat es, wenn Merkmale der auszuübenden Arbeitsvorgänge sich im Lauf der Zeit so verändert haben, daß nun ein höher- bzw. geringerwertiges Tätigkeitsmerkmal zutrifft?
  6. Was versteht man unter den bei den meisten Vergütungsgruppen ausgewiesenen Fallgruppen?

4.3.1 Allgemeine und spezielle (bibliotheksspezifische) Tätigkeitsmerkmale

Jeder der 15 Vergütungsgruppen, welche in der Vergütungsordnung VkA vorkommen, ist eine mehr oder minder große Zahl von Tätigkeitsmerkmalen zugeordnet. Nur ein Teil dieser Tätigkeitsmerkmale ist für kommunale Öffentliche Bibliotheken relevant. Beispielsweise sind der Vergütungsgruppe IVb u.a. folgende Tätigkeitsmerkmale zugeordnet:

Keiner dieser drei beispielhaft aufgeführten Tätigkeitsmerkmale der Vergütungsgruppe IVb ist auf Angestellte in kommunalen Öffentlichen Bibliotheken anzuwenden:

Angestellte mit abgeschlossener Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare) mit entsprechender Tätigkeit,

  1. denen mindestens ein Diplombibliothekar oder eine gleichwertige Fachkraft der Vergütungsgruppe Vb ständig unterstellt ist,
  2. als Leiter von öffentlichen Büchereien mit einem Buchbestand von mindestens 12 000 Bänden und durchschnittlich 48 000 Entleihungen im Jahr,
  3. als Leiter von Stadtteilbüchereien (Nebenstellen) mit einem Buchbestand von mindestens 15 000 Bänden und durchschnittlich 60 000 Entleihungen im Jahr,
  4. die für öffentliche Büchereien mit einem Buchbestand von mindestens 50 000 Bänden mit besonders schwierigen Fachaufgaben oder mit entsprechenden Tätigkeiten bei staatlichen Büchereistellen beschäftigt werden,
  5. als Abteilungsleiter von Musikbüchereiabteilungen in öffentlichen Büchereien mit einem Bestand von mindestens 8 000 Bänden oder Tonträgern.

Für die Vergütungsgruppe Vc gilt folgende Besonderheit. Das Tätigkeitsmerkmal der Vergütungsgruppe Vc Fallgruppe 1a lautet:

Vc Fallgruppe 1a) Angestellte im Büro-, Buchhalterei- oder sonstigen Innendienst und im Außendienst, deren Tätigkeit gründliche und vielseitige Fachkenntnisse und mindestens zu einem Drittel selbständige Leistungen erfordert.

In der Fallgruppe 1b werden mindestens zur Hälfte selbständige Leistungen gefordert, sonst sind die Anforderungen identisch mit der Fallgruppe 1a. Ein fachspezifisches Tätigkeitsmerkmal fehlt also bei der Vergütungsgruppe Vc. Danach wäre die Eingruppierung von Mitarbeitern, die Fachaufgaben in Öffentlichen Bibliotheken wahrnehmen, in die Vergütungsgruppe Vc nicht möglich. Jedoch hat der Arbeitgeberkreis der BAT-Kommission ausdrücklich keine Bedenken dagegen erhoben, daß in der Vergütungsgruppe Vc folgendes Tätigkeitsmerkmal angewendet wird [13]:

a) Angestellte in Büchereien in Tätigkeiten, die gründliche und vielseitige Fachkenntnisse im Bibliotheksdienst und überwiegend selbständige Leistungen erfordern. (Die Klammersätze zur Vergütungsgruppe VIb Fallgruppe I gelten entsprechend.) [14]

Und jetzt muß man den Zusammenhang dieses Tätigkeitsmerkmals mit dem speziellen Tätigkeitsmerkmal der Vergütungsgruppe VIb sehen. Dieses lautet:

VIb: Angestellte in Büchereien in Tätigkeiten, die gründliche und vielseitige Fachkenntnisse im Bibliotheksdienst und in nicht unerheblichem Umfang selbständige Leistungen erfordern.

Dieser Umfang ist im Sinne von mindestens zu einem Fünftel zu verstehen.

Dies bedeutet, daß ein unter Bezug auf das spezielle Tätigkeitsmerkmal in VIb eingruppierter Angestellter bei einem Anwachsen des Umfangs der selbständigen Leistungen auf mehr als die Hälfte in die Vergütungsgruppe Vc einzugruppieren ist. (Zu beachten ist, daß das bei dem speziellen Tätigkeitsmerkmal Vc angebene Maß abweichend von den sonst in der Vergütungsordnung üblichen Maßangaben - mindestens zur Hälfte, mindestens zu einem Fünftel - lautet: überwiegend, also zu mehr als der Hälfte.)

Unproblematisch ist wieder die Eingruppierung von Mitarbeitern in Öffentlichen Bibliotheken, die überwiegend gar nicht mit bibliotheksspezifischen Tätigkeiten beschäftigt sind, sondern mit allgemeinen Verwaltungstätigkeiten (z.B. Sekretariat des Amtsleiters einer großen Bibliothek). Nicht überwiegend fachlich-bibliotheksspezifisch sind insbesondere die Leitung großer Bibliotheken bzw. Leitungstätigkeiten in großen Bibliotheken. Hierbei handelt es sich um allgemeine Managementaufgaben. Die höchste Vergütungsgruppe mit einem speziellen Tätigkeitsmerkmal in Bezug auf kommunale Öffentliche Bibliotheken ist die Vergütungsgruppe BAT IVa. Mitarbeiter in kommunalen Öffentlichen Bibliotheken werden dann in höhere Vergütungsgruppen eingruppiert, wenn sie überwiegend nicht mit bibliotheksspezifischen Arbeitsvorgängen befaßt sind, sondern mit entsprechend hochwertigen anderen Arbeitsvorgängen, insbesondere Managementaufgaben und Aufgaben, die ein abgeschlossenes wissenschaftliches Hochschulstudium erfordern.

Das folgende Schaubild 6 gibt einen Überblick über die allgemeinen Tätigkeitsmerkmale und die speziellen Tätigkeitsmerkmale (soweit bibliotheksbezogen). Bei den allgemeinen Tätigkeitsmerkmalen sind die Bewährungsaufstiege nicht berücksichtigt. Diese haben für Angestellte in kommunalen Bibliotheken fast keine Bedeutung; Einzelheiten zum Bewährungsaufstieg kommen in Kapitel 6.3. Die Vergütungsgruppen oberhalb II sind hier nicht dargestellt.

Schaubild 6: Allgemeine und spezielle Tätigkeitsmerkmale
Allgemeines Tätigkeitsmerkmal II und höher abgeschlossene wissenschaftliche Hochschulbildung oder gleichwertige Fähigkeiten und Erfahrungen
Allgemeines Tätigkeitsmerkmal III Gründliche, umfassende Fachkenntnisse und selbständige Leistungen + besonders verantwortungsvolle Tätigkeit + besondere Schwierigkeit und Bedeutung + erhebliches Maß an Verantwortung
Allgemeines Tätigkeitsmerkmal IVa Gründliche, umfassende Fachkenntnisse und selbständige Leistungen + besonders verantwortungsvolle Tätigkeit + besondere Schwierigkeit und Bedeutung
Fachspezifisches Tätigkeitsmerkmal mit Bezug zu Öffentlichen Bibliotheken IVa Tätigkeit, die der abgeschlossenen Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare) entspricht, als Leitung von öffentlichen Büchereien mit mindestens 25.000 Medieneinheiten und 100.000 Entleihungen
Fachspezifisches Tätigkeitsmerkmal mit Bezug zu Öffentlichen Bibliotheken IVa Besonders hervorragende Fachkenntnisse voraussetzende Tätigkeit, die der abgeschlossenen Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare) entspricht, in öffentlichen Büchereien mit mindestens 70.000 Medieneinheiten
Fachspezifisches Tätigkeitsmerkmal mit Bezug zu Öffentlichen Bibliotheken IVa Tätigkeit, die der abgeschlossenen Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare) entspricht, als Abteilungsleitung von Musikbüchereiabteilungen in öffentlichen Büchereien mit mindestens 16.000 Medieneinheiten
Allgemeines Tätigkeitsmerkmal IVb Gründliche, umfassende Fachkenntnisse und selbständige Leistungen + besonders verantwortungsvolle Tätigkeit
Fachspezifisches Tätigkeitsmerkmal mit Bezug zu Öffentlichen Bibliotheken IVb Tätigkeit, die der abgeschlossenen Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare) entspricht, als Vorgesetztenfunktion gegenüber mindestens einem Diplombibliothekars oder einer gleichwertigen Fachkraft der Vergütungsgruppe Vb
Fachspezifisches Tätigkeitsmerkmal mit Bezug zu Öffentlichen Bibliotheken IVb Tätigkeit, die der abgeschlossenen Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare) entspricht, als Leitung von öffentlichen Büchereien mit mindestens 12.000 Medieneinheiten und 48.000 Entleihungen
Fachspezifisches Tätigkeitsmerkmal mit Bezug zu Öffentlichen Bibliotheken IVb Tätigkeit, die der abgeschlossenen Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare) entspricht, als Leitung von Stadttteilbüchereien mit mindestens 15.000 Medieneinheiten und 60.000 Entleihungen
Fachspezifisches Tätigkeitsmerkmal mit Bezug zu Öffentlichen Bibliotheken IVb Besonders schwierige Fachaufgaben, die der abgeschlossenen Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare) entsprechen, in öffentlichen Büchereien mit mindestens 50.000 Medieneinheiten
Fachspezifisches Tätigkeitsmerkmal mit Bezug zu Öffentlichen Bibliotheken IVb Tätigkeit, die der abgeschlossenen Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare) entspricht, als Abteilungsleitung von Musikbüchereiabteilungen in öffentlichen Büchereien mit mindestens 8.000 Medieneinheiten
Allgemeines Tätigkeitsmerkmal Vb Gründliche, umfassende Fachkenntnisse und selbständige Leistungen
Fachspezifisches Tätigkeitsmerkmal mit Bezug zu Öffentlichen Bibliotheken Vb Tätigkeit, die der abgeschlossenen Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare) entspricht, oder gleichwertige Tätigkeiten und Erfahrungen
Allgemeines Tätigkeitsmerkmal Vc gründliche und vielseitige Fachkenntnisse und mindestens zu einem Drittel selbständige Leistungen
Allgemeines Tätigkeitsmerkmal VIb gründliche und vielseitige Fachkenntnisse und mindestens zu einem Fünftel selbständige Leistungen
Fachspezifisches Tätigkeitsmerkmal mit Bezug zu Öffentlichen Bibliotheken VIb gründliche und vielseitige Fachkenntnisse im Bibliotheksdienst und in nicht unerheblichem Umfang selbständige Leistungen (das sind 20 %)
Allgemeines Tätigkeitsmerkmal VII gründliche Fachkenntnisse
Fachspezifisches Tätigkeitsmerkmal mit Bezug zu Öffentlichen Bibliotheken VII gründliche Fachkenntnisse im Bibliotheksdienst
Allgemeines Tätigkeitsmerkmal VIII schwierigere Tätigkeit
Fachspezifisches Tätigkeitsmerkmal mit Bezug zu Öffentlichen Bibliotheken VIII schwierigere Tätigkeit in Büchereien
Allgemeines Tätigkeitsmerkmal IX/IXa einfachere Tätigkeit. Nach zweijähriger Bewährung erfolgt Aufstieg nach IXa
Fachspezifisches Tätigkeitsmerkmal mit Bezug zu Öffentlichen Bibliotheken IX/IXa einfachere Tätigkeit in Büchereien. Nach zweijähriger Bewährung erfolgt Aufstieg nach IXa
Allgemeines Tätigkeitsmerkmal X vorwiegend mechanische Tätigkeit
Fachspezifisches Tätigkeitsmerkmal mit Bezug zu Öffentlichen Bibliotheken X vorwiegend mechanische Tätigkeit in Büchereien

Es wird deutlich, daß die allgemeinen und speziellen Tätigkeitsmerkmale der Vergütungsgruppen unterhalb Vb nahezu gleichlautend formuliert sind, während in den Vergütungsgruppen Vb bis IVa die speziellen Tätigkeitsmerkmale vor allem auf zwei Anforderungen abheben: Erstens auf die Ausbildung zum Diplombibliothekar (bzw. bei der Vergütungsgruppe Vb auch: gleichwertige Tätigkeiten und Erfahrungen) und zweitens auf weitere Anforderungen, die oft mit der Bestandsgröße zusammenhängen.

4.3.2 Mehrere Anforderungen in einem Tätigkeitsmerkmal

Viele Tätigkeitsmerkmale nennen mehrere Anforderungen. So enthält die eben zitierte Beschreibung der Vergütungsgruppe IVb folgende Anforderungen:

Die Frage stellt sich, ob diese Anforderungen kumulativ oder alternativ erfüllt werden müssen, und darüber hinaus, welche dieser Anforderungen mit welchen kumulieren müssen bzw. mit welchen Anforderungen alternieren können. Der Wortlaut des BAT gibt keine Klarheit über das, was wirklich gemeint ist, zumal dieselben Formulierungen (z.B. die Wörter und sowie oder, ferner durch Absatzwechsel oder durch Gliederungsziffern oder -buchstaben markierte Aufzählungen) unterschiedlich zu verstehen sind. Teils herrscht jedoch Konsens unter den Tarifpartnern, teils haben Arbeitsgerichtsurteile eine verbindliche Auffassung zustande gebracht. An dieser Stelle müssen die folgenden Ausführungen genügen, zumal die möglicherweise strittigen Fälle damit abgedeckt sind.

Tätigkeitsmerkmale mit einer Aufzählung - a), b), c) usw. - wie oben für die Vergütungsgruppe IVb zitiert kommen sehr ähnlich auch bei der Vergütungsgruppe IVa und in derselben Struktur, aber mit gänzlich anderen Inhalten auch in weiteren Vergütungsgruppen vor. Sie sind so zu verstehen, daß der Angestellte

Das Tätigkeitsmerkmal für die Vergütungsgruppe VIb in kommunalen Öffentlichen Bibliotheken lautet:

Angestellte in Büchereien in Tätigkeiten, die gründliche und vielseitige Fachkenntnisse im Bibliotheksdienst und in nicht unerheblichem Umfang selbständige Leistungen erfordern.

Bei einer derartig strukturierten Formulierung - und - müssen alle genannten Anforderungen erfüllt sein (der Arbeitsvorgang bzw. der Arbeitsplatz muß gründliche Fachkenntnisse erfordern, darüber hinaus vielseitige Fachkenntnisse und außerdem zugleich selbständige Leistungen in nicht unerheblichem Umfang).

Wieder andere Aufzählungen in Tätigkeitsmerkmalen sind als Alternativen zu verstehen:

Angestellte mit schwierigerer Tätigkeit in Büchereien, Archiven, Museen und anderen wissenschaftlichen Anstalten.

Diese Aufzählung (in Büchereien, Archiven, Museen und anderen wissenschaftlichen Anstalten) ist so zu verstehen, daß der Angestellte die schwierigere Tätigkeit entweder in einer Bücherei oder in einem Archiv oder in einem Museum oder in einer anderen wissenschaftlichen Anstalt ausführt. Für die Eingruppierung nach BAT VIII ist es also nicht erforderlich, daß der Angestellte die schwierigere Tätigkeit sowohl in einer Bücherei wie auch in einem Archiv usw. (vielleicht an wechselnden Wochentagen) ausübt.

Dieselbe Struktur einer Alternative liegt vor bei dem oben zitierten Tätigkeitsmerkmal der Vergütungsgruppe IVb, und zwar hier als Unteraspekt der oben bereits angesprochenen kumulativen Struktur:

Angestellte mit abgeschlossener Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare) mit entsprechender Tätigkeit,
...
d) die für öffentliche Büchereien mit einem Buchbestand von mindestens 50 000 Bänden mit besonders schwierigen Fachaufgaben oder mit entsprechenden Tätigkeiten bei staatlichen Büchereistellen beschäftigt werden,
...

Dieses Tätigkeitsmerkmal bezieht sich mithin auf die Tätigkeit von zwei Personengruppen bzw. auf zwei Gruppen von Arbeitsvorgängen:

  1. auf Diplombibliothekare an öffentlichen Bibliotheken mit einem Bestand von mindestens 50.000 Medieneinheiten, wenn sie besonders schwierige diplombibliothekarische Fachaufgaben wahrnehmen,
  2. auf Diplombibliothekare an staatlichen Büchereistellen, wenn sie solche besonders schwierigen diplombibliothekarischen Fachaufgaben wahrnehmen, deren Schwierigkeit der Besonderheit diplombibliothekarischer Aufgaben in Bibliotheken mit mindestens 50.000 Medieneinheiten Bestand entspricht. Offensichtlich wurde diese Formulierung gewählt, weil ein quantitatives Kriterium entsprechend den Bandzahlen bei den Fachstellen nicht angewendet werden sollte

4.3.3 Tätigkeitsbezogene Anforderungen und individuelle Leistung

Die meisten Tätigkeitsmerkmale nennen tätigkeitsbezogene Anforderungen. Es handelt sich um Anforderungen, die die zu erledigende Aufgabe an den Angestellten, der die Aufgabe erledigt, stellt (objektives Merkmal). Die individuelle Leistung wird im BAT ausdrücklich nicht berücksichtigt. Nach dem BAT ist es für die Eingruppierung nicht relevant, ob der Angestellte seine Aufgaben

erledigt. Bei den tätigkeitsbezogenen Anforderungen kommt es ausschließlich auf Merkmale an, die den Aufgaben selbst innewohnen, nicht auf die Art und Weise, wie der Angestellte damit umgeht. Damit bietet der Tarifvertrag denkbar schlechte Voraussetzungen für die erfolgreiche Einführung von modernen Managementmethoden. Andererseits haben auf das tatsächliche Arbeitsverhalten eine Fülle von Faktoren, keineswegs nur die Eingruppierung, einen Einfluß.

Ein Beispiel für tätigkeitsbezogene Anforderungen ist das Tätigkeitsmerkmal der Vergütungsgruppe VIII, das bereits oben im Zusammenhang mit der Technischen Einarbeitung von Medien genannt wurde:

VIII: Angestellte mit schwierigerer Tätigkeit in Büchereien, Archiven, Museen und anderen wissenschaftlichen Anstalten.

Entscheidend ist, daß schwierigere Tätigkeit als Eigenschaft der Anforderung, die die Aufgabe an den Angestellten stellt, zu verstehen ist, nicht als Anstrengung des Angestellten. Bei letzterer Interpretation könnte ein und dieselbe Aufgabe von einem Mitarbeiter als leicht, von einem anderen als schwieriger aufgefaßt werden. Die individuelle Leistung ist für die Eingruppierung unerheblich.

Beispiele für weitere tätigkeitsbezogene Anforderungen sind: 

4.3.4 Unterstellungsverhältnis als Anforderung

Mehrfach nennt die Vergütungsordnung VkA solche Tätigkeitsmerkmale, die ein Unterstellungsverhältnis beschreiben, zum Beispiel bei der Vergütungsgruppe IVb, die bereits oben zitiert wurde:

IVb) Angestellte mit abgeschlossener Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare) mit entsprechender Tätigkeit,
a) denen mindestens ein Diplombibliothekar oder eine gleichwertige Fachkraft der Vergütungsgruppe Vb ständig unterstellt ist,
b)
[hier nicht relevant]
c) ...

Sind Unterstellungsverhältnisse als Tätigkeitsmerkmal genannt, kommt es auf drei Sachverhalte an:

Unerheblich ist bei Unterstellungsverhältnisses als Tätigkeitsmerkmal:

Unterstellte Teilzeitbeschäftigte zählen entsprechend dem Verhältnis der mit ihnen im Arbeitsvertrag vereinbarten Arbeitszeit zur regelmäßigen Arbeitszeit eines Vollbeschäftigten.

4.3.5 Hineinwachsen in eine höherwertige Tätigkeit

In der Praxis weit verbreitet ist, daß ein Angestellter in eine höherwertige Aufgabe hineinwächst, ohne daß der Arbeitgeber ihm die höherwertige Tätigkeit ausdrücklich übertragen hat. Sehr deutlich wird dies bei Betrachtung der Vergütungsgruppen IVb und IVa, zu deren Anforderungen bestimmte Bestandsgrößen und Ausleihzahlen gehören. Bestandsgrößen und Ausleihzahlen können sich aber im Lauf der Zeit ändern.

IVb: Angestellte mit abgeschlossener Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare) mit entsprechender Tätigkeit,

  1. denen mindestens ein Diplombibliothekar oder eine gleichwertige Fachkraft der Vergütungsgruppe Vb ständig unterstellt ist,
  2. als Leiter von öffentlichen Büchereien mit einem Buchbestand von mindestens 12 000 Bänden und durchschnittlich 48 000 Entleihungen im Jahr,
  3. als Leiter von Stadtteilbüchereien (Nebenstellen) mit einem Buchbestand von mindestens 15 000 Bänden und durchschnittlich 60 000 Entleihungen im Jahr,
  4. die für öffentliche Büchereien mit einem Buchbestand von mindestens 50 000 Bänden mit besonders schwierigen Fachaufgaben oder mit entsprechenden Tätigkeiten bei staatlichen Büchereistellen beschäftigt werden,
  5. als Abteilungsleiter von Musikbüchereiabteilungen in öffentlichen Büchereien mit einem Bestand von mindestens 8 000 Bänden oder Tonträgern

IVa: Angestellte mit abgeschlossener Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare),

  1. als Leiter von öffentlichen Büchereien mit einem Buchbestand von mindestens 25 000 Bänden und durchschnittlich 100 000 Entleihungen im Jahr,
  2. die für öffentliche Büchereien mit einem Buchbestand von mindestens 70 000 Bänden als Berater auf schwierigen Fachgebieten, deren Tätigkeit besonders hervorragende Fachkenntnisse voraussetzt, beschäftigt werden,
  3. als Abteilungsleiter von Musikbüchereiabteilungen in öffentlichen Büchereien mit einem Bestand von mindestens 16 000 Bänden oder Tonträgern

Beispiele dazu:

Das Hineinwachsen in eine höherwertige Tätigkeit ist in § 23 BAT (inhaltsgleich § 23 BAT-O) geregelt. Dort heißt es sinngemäß: Hat der Angestellte die höherwertige Tätigkeit ununterbrochen sechs Monate lang ausgeübt, ist er mit Beginn des darauffolgenden Kalendermonats in der höheren Vergütungsgruppe eingruppiert. Für die zurückliegenden sechs Kalendermonate erhält der Angestellte eine Zulage in Höhe der Differenz zwischen der früheren Vergütung und der Vergütung der höheren Vergütungsgruppe. Voraussetzung ist, daß

Dasselbe gilt, wenn das Hineinwachsen in eine höherwertige Tätigkeit dadurch zustande gekommen ist, daß sich die Zeitanteile der Arbeitsvorgänge (vgl. dazu Kapitel 4.4.8) verändert haben.

4.3.6 Personenbezogene Anforderungen

Neben den tätigkeitsbezogenen Merkmalen gibt es solche Tätigkeitsmerkmale, die zwar auch nicht auf die individuelle Leistung abstellen, aber doch auf sogenannnte subjektive Merkmale. Dies sind in der Person des Angestellten liegende Voraussetzungen. Gemeint sind dabei aber keineswegs Merkmale, die die Persönlichkeit, das Arbeitsverhalten, die Leistungsbereitschaft des Angestellten auszeichnen wie etwa Fleiß, Einsatzfreude, Engagement, Initiativkraft, Entschlußfreude. Sondern gemeint sind damit ausschließlich solche Qualifikationen, die durch Erfüllung einer Ausbildungsvoraussetzung oder durch einen einmaligen Nachweis einer Fertigkeit nachgewiesen ist. Beispielsweise ist eines der Tätigkeitsmerkmale, die die Vergütungsgruppe Vb umfaßt:

Vb) Angestellte mit abgeschlossener Fachausbildung für den bibliothekarischen Dienst an öffentlichen Büchereien (Diplombibliothekare) mit entsprechender Tätigkeit sowie Angestellte, die auf Grund gleichwertiger Fähigkeiten und ihrer Erfahrungen entsprechende Tätigkeiten ausüben.

Für die Eingruppierung muß der Angestellte hier also zwei Kriterien erfüllen: Er muß

Man kann bei dem Halbsatz sowie Angestellte, die auf Grund gleichwertiger Fähigkeiten und ihrer Erfahrungen entsprechende Tätigkeiten ausüben an solche Angestellte denken, die 

Zu beachten ist dabei, daß der Halbsatz sowie Angestellte, die auf Grund gleichwertiger Fähigkeiten und ihrer Erfahrungen entsprechende Tätigkeiten ausüben bei einigen Tätigkeitsmerkmalen, die sonst dieselben subjektiven Merkmale beinhalten, fehlt. Zum Beispiel kommt dieser Halbsatz bei den oben zitierten Tätigkeitsmerkmalen der Vergütungsgruppen IVb und IVa nicht vor.

Die oben angesprochenen Fälle (Studium durchlaufen, aber nicht durch Prüfung abgeschlossen; verwandter Studiengang, aber nicht an einer Fachhochschule, sondern an der Universität; Assistent an Bibliotheken, der in höherwertige Aufgaben hineingewachsen ist) sind also bei den Vergütungsgruppen IVb und IVa nicht möglich, eben weil das Tätigkeitsmerkmal nicht den Halbsatz mit den gleichwertigen Fähigkeiten und Erfahrungen enthält. 

4.3.7 Fallgruppen - Definition

Bei den meisten Vergütungsgruppen sind die dazugehörigen allgemeinen Tätigkeitsmerkmale mit Ordnungsnummern (1a, 1b usw.) versehen. Jedes Tätigkeitsmerkmal mit einer solchen Ordnungsnummer ist eine Fallgruppe. Die Funktion der Fallgruppen besteht darin, daß

Beispielsweise umfaßt die Vergütungsgruppe III zwei Tätigkeitsmerkmale, nämlich die Fallgruppen 1a und 1b:

III Fallgruppe 1a) Angestellte im Büro-, Buchhalterei-, sonstigen Innendienst und im Außendienst, deren Tätigkeit sich durch das Maß der damit verbundenen Verantwortung erheblich aus der Vergütungsgruppe IVa Fallgruppe 1b heraushebt.

III Fallgruppe 1b) Angestellte im Büro-, Buchhalterei-, sonstigen Innendienst und im Außendienst, deren Tätigkeit sich durch das Maß der damit verbundenen Verantwortung erheblich aus der Vergütungsgruppe IVb Fallgruppe 1a heraushebt,

nach vierjähriger Bewährung in Vergütungsgruppe IVa Fallgruppe 1b.

Die beiden Fallgruppen der Vergütungsgruppe III nehmen ihrerseits Bezug auf die jeweils genannten Fallgruppen der Vergütungsgruppen IVa bzw. IVb. Und auch diese Fallgruppen der Vergütungsgruppen IVa bzw. IVb enthalten die Aussage, daß ihr Tätigkeitsmerkmal darin besteht, daß die entsprechend zu bewertende Tätigkeit sich aus den Tätigkeitsmerkmalen bestimmter Fallgruppen niedriger bewerteter Vergütungsgruppen durch bestimmte Merkmale heraushebt. Es entsteht also eine komplizierte Hierarchie, bei der sich Tätigkeitsmerkmale dadurch aus in der Hierachie darunter liegenden Tätigkeitsmerkmalen herausheben, daß sie mit mehr Verantwortung oder mit besonderer Schwierigkeit und Bedeutung verbunden sind. Diese Hierarchie wurde im Schaubild 2 wiedergegeben.

Die Fallgruppen werden im Kapitel 6 im Zusammenhang mit dem Zeit- und Bewährungsaufstieg ausführlicher behandelt.