3. Malte Dahrendorfs Forderungen zur Kinder- und Jugendbuchkritik

3.1 Dahrendorfs Auseinandersetzung mit der Kinder- und Jugendliteratur und ihrer Kritik

Malte Dahrendorfs Auseinandersetzung mit der Kinder- und Jugendliteratur und seine Forderungen zur Kinder- und Jugendliteraturkritik sind seit den ersten Beiträgen in den frühen 60er Jahren geprägt vom wissenschaftlichen Hintergrund des Autors.

Malte Dahrendorf, Erziehungs- und Literaturwissenschaftler, Psychologe, Lehrer und Professor für Didaktik und Methodik des Deutschunterrichts, betrachtet die Kinder- und Jugendliteratur immer auch unter einer didaktischen Perspektive. Im Zentrum seiner Theorie steht der Adressatenbezug. Für Dahrendorf ist es entscheidend, daß eine Buchbesprechung zum Ausdruck bringt, für wen ein Titel geeignet ist. Seit 1961 schreibt Malte Dahrendorf für die ehemalige Jugendschriften-Warte, deren Schriftleitung er 1972 übernommen hat. Von 1973-1993 erschien die Jugendschriften-Warte, nun herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft Literatur und Medien in der GEW, unter dem Titel 'Informationen Jugendliteratur und Medien', anschließend unter dem Titel 'Beiträge Jugendliteratur und Medien'. Die Veränderung des Titels war laut Dahrendorf notwendig, um deutlich zu machen, daß den Beiträgen ein erweiterter Literaturbegriff zugrunde liegt, d. h. Literatur jede Form indirekter Kommunikation ist, jedes dokumentierte, durch Aufzeichnung sprachlich fixierte Material. In diesem Sinne werden über das gedruckte Buch hinaus zur Literatur auch Spiele, Fernsehen, Comics, Tonträger und Materialien zur Vorschularbeit gerechnet. Dieser erweiterte Literaturbegriff zeigt sich ansatzweise auch in den ekz-Rezensionen. Auch hier werden neben Bilderbüchern, Gedichten, Fabeln, Märchen, Erzählungen, Romanen und Sachbüchern zum Beispiel CD-ROMs und Comics berücksichtigt, wenn auch nur in geringer Zahl. Bereits vor der Umbenennung der Zeitschrift lag dieser erweiterte Literaturbegriff den Beiträgen der Jugendschriftenwarte zugrunde und sollte durch die neue Namensgebung explizit zum Ausdruck gebracht werden. 30

In seinem Beitrag aus dem Jahre 1972 'Zur Situation der Jugendbuchkritik heute'31 problematisiert Dahrendorf Möglichkeiten und Grenzen der Buchkritik, speziell der Kinder- und Jugendbuchkritik. Schon hier vertritt er die Auffassung, die er auch in den folgenden Jahrzehnten beibehält, daß die Kinder- und Jugendbuchkritik eine Kritik für den Leser sein muß. In seinem Aufsatz 'Rückblick auf einen noch nicht überholten Kinderbuchtyp - Ansätze zu einer neuen Ästhetik der Kinderliteratur' aus dem Jahr 197332 setzt Dahrendorf einen politisch- soziologischen Schwerpunkt. Er hebt ab auf die gesellschaftliche Relevanz des Kinder- und Jugendbuches und seiner Kritik und stellt die These auf, daß eine nur literaturwissenschaftliche Beurteilung von Büchern zur Ausgrenzung möglicher Leser führt. Dahrendorf fordert, daß das bügerlich - mittelständische Buchpublikum nicht allein Adressat von Buchrezensionen sein darf und daß die Rezensenten und Rezensentinnen Bücher auf ihr gesellschaftliches Interesse hin analysieren müssen. Mit einem Hinweis auf eine Untersuchung der pädagogischen Hochschule Kiel aus dem Jahre 1971/72, in der rund 1000 Kinderbücher auf ihren gesellschaftlichen Gehalt hin untersucht wurden, und die ergab, daß auch in der Kinder- und Jugendbuchlandschaft der 70er Jahre das 'Heile Welt Buch' noch dominierend ist, unterstreicht Dahrendorf die Notwendigkeit einer Veränderung hin zur stärkeren Betrachtung des gesellschaftlichen Interesses im Kinder- und Jugendbuch. Er folgert, daß Literaturkritik sich bewußt sein muß, daß sie im Rahmen einer Wechselwirkung von Kritiker, Gesellschaft, Historizität und Rezipient stattfindet.

An der Jugendbuchkritik bis in die 70er Jahre, vertreten z. B. durch Bamberger, Meier, Pfeffer und Krüger kritisiert Dahrendorf, daß sie die Literatur als Kommunikation mißachte und ästhetische, psychologische und pädagogische Kriterien trenne. Dahrendorf moniert, daß diese Kinder- und Jugendliteraturkritik von einem Bildungsgehalt ausgehe, der von den Rezensenten und Rezensentinnen nicht angezweifelt werde. Die literaturwissenschaftliche Methode der werkimmanenten Interpretation, die dabei zur Anwendung komme, fördere eine einseitige Bewertung des Textes. In Dahrendorfs Theorie der Kinder- und Jugendliteraturkritik spielt der Begriff der Kommunikation eine wesentliche Rolle. Da auch der Leser unerläßlicher Teil im Kommunikationsmodell ist, muß er in der Buchbesprechung berücksichtigt werden. Kritik hat nicht die Aufgabe, vorzubewerten, sondern zu vermitteln. Der Buchrezensent muß sich bewußt sein, daß er als Erwachsener für den potentiellen Leser eine pädagogische Entscheidung trifft.

In Auseinandersetzung mit den Kriterien der Kinder- und Jugendliteraturkritik von Meier33 betont Dahrendorf, daß der Adressat eines Textes und damit der Leserbezug nicht gesondert von der Analyse des Textes an sich in die Buchkritik einbezogen werden kann, da er bereits auf die "Formung des Textes" 34 durch den Autor eingewirkt hat. Dahrendorf fordert die Ablösung der sukzessiven Betrachtung von Text, Leseranspruch und Wirkung durch eine synthetische. Entsprechend ist sein Kriterienkatalog nicht mehr vertikal, sondern horizontal gegliedert. Die Kriterien der Phasengemäßheit und Kindertümlichkeit beurteilt Dahrendorf kritisch, indem er anführt, daß die traditionelle Lesephasentheorie Bühlers und Lipperts eine idealtypische Entwicklung voraussetze und sich damit nur auf einen idealisierten Leser anwenden ließe. Außerdem seien in den Kriterien der Phasengemäßheit und Kindertümlichkeit die Aspekte der politisch- sozialen Wirklichkeit, in der das Kind lebt, nicht berücksichtigt, womit die Gefahr verbunden sei, daß als Unterhaltung gekennzeichnete Aufforderung zu Anpassung und Unterwerfung kritiklos hingenommen würde.

Die Überprüfung der Normengerechtigkeit von Texten beurteilt Dahrendorf als "Identifikation mit einem Interesse an der Erhaltung der bestehenden Gesellschaft". Er formuliert, daß "eine von der klassischen Ästhetik abhängige Jugendbuchproduktion und -kritik (...) die Entstehung von Büchern, die unsere Welt als "heil" darstellen, die sich mit der sozialen Praxis möglichst wenig einlassen und eine bestimmte Form der Rezeption konditionieren (...)" 35 fördert. Auf der Basis eines erweiterten Literaturbegriffs befürwortet Dahrendorf, daß Schul- und Freizeitlektüre nicht länger getrennt wird. In diesem Zusammenhang betont er den Aspekt der Lesemotivation. Für den Deutschunterricht fordert er zum Beispiel die Berücksichtigung auch reiner Unterhaltungsliteratur, um die vorhandene Lesemotivation von Kindern zu nutzen. Diese Forderung kann auch auf den Bibliotheksbereich angewandt werden. Überträgt man Dahrendorfs auf Schule ausgerichtete Forderung auf die Bibliothek, so müßte ein adressatenbezogener Bestand möglichst vielfältige Formen von Kinder- und Jugendliteratur berücksichtigen.

Wenn man in diesem Kontext Dahrendorfs Vorgabe, daß Kinder- und Jugenbuchkritik besonders auch die vermutliche Wirkung auf den Leser einbeziehen soll, heranzieht und weiter Dahrendorfs weltanschauliche Position berücksichtigt, so ergibt sich eine Unvereinbarkeit. Dahrendorf betont einerseits das Recht des kindlichen Lesers darauf, sich auch durch Lektüre trivialer, d. h. stereotyper, zur Anpassung erziehender Kinder-und Jugendbücher subjektive Befriedigungserlebnisse zu verschaffen. Andererseits ist ihm die Erziehung zu Kritikfähigkeit und Selbstbestimmung wesentliches Anliegen. Der Widerspruch zwischen beiden Forderungen kann nach Dahrendorf aufgelöst werden, wenn den Lesern trivialer Kinder- und Jugendbücher authentische Alternativtexte vermittelt werden. 36 Dies läßt sich möglicherweise in der Schule umsetzen. Für die bibliothekarische Buchbesprechung kann dies nur bedeuten, daß sie die Trivialität eines Titels transparent machen muß, nicht um den Titel auszugrenzen, sondern um den Bibliothekar zu befähigen, interessierte Leser und Vermittler kritisch zu beraten. An dieser Stelle kann grundsätzlich gefragt werden, ob die von Dahrendorf betonten Aspekte der Textfunktion und des Leserbezugs auch als Elemente der bibliothekarischen Buchkritik geeignet sind. Die Beantwortung dieser Frage hängt eng mit einer Definition der Aufgaben des Bibliothekars zusammen. Je nachdem, in welchem Ausmaß man dem Bibliothekar auch eine pädagogische Aufgabe zuschreibt, kann diese Frage anders beantwortet werden. Daß Bibliothekare auch mit Schulen zusammenarbeiten (Bereich Leseförderung), Lesungen organisieren, Wettbewerbe veranstalten, Themenvitrinen und Ausstellungen zeigen, deutet auf eine pädagische Ausrichtung hin. Festzuhalten ist dennoch, daß für den auswählenden Bibliothekar auch die Nachfrage, die zu erwartende Ausleihfrequenz, ein entscheidendes Kriterium für die Aufnahme eines Titels in den Bestand ist.

3.2 Dahrendorfs Kriterienschemata zur Kinder- und Jugendliteraturkritik

Dahrendorf entwickelt aus seinen oben dargestellten kritisch-theoretischen Überlegungen verschiedene Kriterienschemata für die Kinder- und Jugendbuchkritik.37 Bereits sein 1972 vorgelegtes Schema zur Beurteilung von Kinder- und Jugendbüchern zeigt die oben erwähnte horizontale Ausrichtung. Der Text wird unter den Kriterien Textqualität, Leserbezug, Funktionen, vermutliche Wirkungen, Interessen des Autors, didaktische Konsequenzen, zu vermittelnde Methoden, synthetisch auf den Leser hin betrachtet. 38

Dahrendorfs 1980 formuliertes Schema einer Buchkritik39 basiert auf diesem Modell und richtet sich ausdrücklich auch an die bibliothekarische Buchbesprechung. Als in einer Buchkritik beachtenswerte Aspekte nennt das Schema Adressat und Zweck der Kritik, äußere formale Gegebenheiten, Inhalt/Thema/Stoff, Sprache/Stil/Erzählweise, Bauformen, Form/Art, Wertschicht, psychologische und pädagogische Leserfunktion und die Gesamtbeurteilung.

Dieses Schema muß im Zusammenhang mit Dahrendorfs Darstellung der Leseentwicklung40 gesehen werden, da die für die Buchkritik vorgesehenen Aspekte der Wahrnehmbarkeit, Erreichbarkeit und Verständlichkeit nur auf der Grundlage der Kenntnis der Leseentwicklung des Kindes mit Inhalt gefüllt werden können. Dahrendorfs Schema für die Buchkritik setzt den in verschiedenen Bereichen kompetenten Kritiker voraus. Auch wenn Dahrendorf einräumt, daß sein Schema idealtypisch ist und kaum vollständig auf einen Titel angewandt werden kann, muß der Kritiker doch über Methoden der Textanalyse und Kenntnisse auf den Gebieten der Entwicklungspsychologie und Soziologie verfügen. Das Schema für die Buchkritik zeichnet sich aus durch die Vielzahl der berücksichtigten Aspekte, die sämtlich auf den Leserbezug ausgerichtet sind. Inhalt, Thema, Stoff, Stil und Bauformen werden nicht im Sinne einer immanenten Analyse betrachtet, sondern stets in Bezug gesetzt zur intendierten Lesergruppe, bzw. der Wirkung auf den Leser. Erforderliches Vorwissen des Lesers wird ebenso thematisiert wie die Eignung des Titels, das Kind in seiner moralischen Entwicklung zu unterstützen.

Ein Problem, das Dahrendorf herausstellt, sind festgelegte Alterszuordnungen, da einerseits die Individualität des Lesers, andererseits die sich ändernden Umweltgegebenheiten berücksichtigt werden müssen. Konrad Umlauf stellt in seinem Werk 'Moderne Buchkunde'41 Dahrendorfs Theorie, daß standardisierte Zuordnungen von Lesealter, Stoffen und Erzählweisen als überholt gelten, zusammenfassend dar und führt als Gründe an, daß "die kognitive und emotionale Entwicklung von Kindern (...) heute in Folge der reizintensiveren und abwechslungsreicheren Umwelt schneller vonstatten [geht] als in früheren Jahrzehnten, so daß zum Beispiel heute 10jährige Kinder sehen, lesen, verstehen und ausdrücken können, was vor 20 Jahren für 12jährige angemessen war."

Schulbibliothekarinnen, die im Rahmen der vorliegenden Arbeit zu den ekz-Rezensionen befragt wurden, äußerten im Unterschied zu dieser Darstellung die Vermutung, daß die Lesefähigkeit und -motivation der Kinder heute rückläufig ist und standardisierte Altersangaben nicht zu einer Unter- sondern zu einer Überforderung der Leser führen. Hinsichtlich der psychologisch-pädagogischen Hauptgesichtspunkte, die die Buchkritik berücksichtigen sollte, merkt Dahrendorf an, daß besonders die Verfasser von Kinder- und Jugendbuchbesprechungen die Adressatengruppe kennen sollten. Die Rezensenten und Rezensentinnen sollten wissen, was Kinder lesen, welche Themen, Illustrationen, welcher Erzählumfang oder welche Druckart auf Kinder und Jugendliche leseanregend oder hemmend wirkt. Auf der Grundlage der These, daß von allen Kinder- und Jugendbüchern, da sie Wirklichkeitsbilder vermitteln, weltbildformende Impulse ausgehen, entwickelt Dahrendorf ein Schema von Darstellungstypen. Ziel ist es, Anregungen für die Benennung des im besprochenen Titel gezeigten Umgangs mit Wirklichkeit zu geben. Inhaltlich zielt das Schema darauf, traditionalistische, rollenfixierte Handlungsmuster und Figurenzeichnungen transparent zu machen. Dahrendorfs vereinfachtes Besprechungsmodell berücksichtigt die formalen Vorgaben, die die bibliothekarische Buchkritik beachten muß.42

Dahrendorf empfiehlt auch für Besprechungen "auf engem Raum" die Einbeziehung des Lesers und des Wirkungsaspekts. Er reduziert sein vereinfachtes Besprechungsmodell auf die Aspekte Vorstellung des Textes, Problematik, Funktion, Leserbezug, Vermittlungsprobleme, Gesamtwertung und ggf. Didaktik. Hierbei merkt er kritisch an, daß die Schwäche einer solchen Kurzbesprechung darin liegt, daß lediglich Behauptungen aufgestellt werden können, die nicht begründet werden. Vom Rezensenten/Rezensentin verlangt gerade eine solche Kurzbesprechung ein hohes Maß an Kompetenz, da sein Urteil vom Leser der Kritik meist unüberprüft übernommen werden muß. Eine Überprüfung wäre nur möglich, wenn der Leser der Kritik den Primärtext heranziehen würde, was natürlich aus Zeitgründen im beruflichen Alltag nicht möglich ist. Gerade in den hier angesprochenen Kurzrezensionen, zu denen die ekz-Rezensionen zu zählen sind, wird von den Rezensenten und Rezensentinnen verlangt, in wenigen Zeilen die wesentlichen Aspekte eines Titels aufzuzeigen.

In seiner didaktisch orientierten Darstellung 'Vom Umgang mit Kinder- und Jugendliteratur'43 formuliert Dahrendorf seine Kriterien im Hinblick auf die Adressatengruppe Pädagogen als Leseanreiz, Anforderung, Anknüpfung und neue Erfahrung Lernen. Diese Aspekte gewichtet er gleich. Unter der Themenstellung der vorliegenden Arbeit soll dieses didaktisch orientierte Werk Dahrendorfs jedoch nicht weiter ausgewertet werden.

3.3 Dahrendorfs Position in der Diskussion um die Literarisierung der Kinder- und Jugendliteratur in den 80er und 90er Jahren

Vor dem Hintergrund der Diskussion um die Literarisierung der Kinder- und Jugendliteratur in den 80er und 90er Jahren, an der Hans-Heino Ewers maßgeblich beteiligt ist, vertritt Dahrendorf die Auffassung, daß Kinderliteratur auch dem Literaturerwerb diene und daher gemessen an der sogenannten Erwachsenenliteratur auch defizitär sein darf. Dahrendorf meint damit, daß Kinderliteratur und zum Teil auch die Jugendliteratur die Nähe zur Oralität des traditionellen Erzählens bewahrt und sich einer einheitlichen Perspektive, die das Dargestellte als wirklich Geschehenes transportiert, bedient. 44 In seinem Aufsatz 'Die neue Kinder- und Jugendliteratur, literaturwissenschaftliche Interpretation und Neuansätze der Didaktik'45 schaltet sich Malte Dahrendorf in die Diskussion um die Frage nach dem Verhältnis von Erwachsenenliteratur und Jugendliteratur und besonders dem Verhältnis von Jugendliteratur zur sogenannten literarischen Moderne ein.

Positiv konstatiert Dahrendorf, daß sich in den 80er, 90er Jahren die Tendenz herausgebildet habe, Kinder- und Jugendliteratur ebenso wissenschaftlich fundiert und ernsthaft zu kritisieren wie die Erwachsenenliteratur. Dabei stellt er heraus, daß die Frage nach dem Leser, die seit den 70er Jahren verstärkt die Kriterienkataloge für Buchbesprechungen prägt, wieder etwas in den Hintergrund zu geraten droht. Dahrendorf konstatiert in den 90er Jahren eine Bewegung weg von der Pädagogik im Kinderbuch, und er empfiehlt eine neue Definition und Bewertung des Begriffs der Pädagogik im Zusammenhang mit der Kinderliteratur.

In Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der Volkacher Tagung von 1994, in deren Zentrum die Modernitätsfrage stand, nimmt Dahrendorf zu Ewerts These von der Literarisierung der modernen Kinder- und Jugendliteratur Stellung. Ewerts vertritt die Auffassung, daß sich die moderne Kinderliteratur der 90er Jahre dem modernen Erzählen angenähert habe, ohne dabei den Adressatenbezug verloren zu haben. Die Einfachheit als positives Kriterium der modernen Kinderliteratur, das gewollt Defizitäre im Sinne der Berücksichtigung der lesemotivierenden Funktion von Kinderliteratur, schreibt Ewers nur der didaktisch intendierten lesefördernden Einstiegsliteratur zu.

Dahrendorf ist der Ansicht, daß Ewers Auffassung zu pauschal ist und seine Bestandsaufnahme nur einen geringen Teil der modernen Kinderliteratur trifft. Auch im Hinblick auf die Jugendliteratur vertritt Ewers die These von der Literarisierung und einer Verwischung der Grenzen zwischen Jugendbelletristik und Erwachsenenbelletristik. Dahrendorf kritisiert an dieser Beschreibung die versteckte Intention, im Sinne des Instituts für Jugendbuchforschung 46 Literaturpolitik zu betreiben.

Dahrendorf bezeichnet Ewers Position als extrem und kritisiert, daß die Einengung von Kinder- und Jugendliteratur auf qualitativ hohe Literatur nur einen Teil der Adressatengruppe berücksichtigt. Ewers bereits 1988 geäußerte Kritik, daß Dahrendorf als Didaktiker das Phänomen der Literarisierung der Kinder- und Jugendliteratur leugne, kann auf Dahrendorfs Position aus dem Jahre 1997 nicht mehr bezogen werden. Dahrendorf würdigt durchaus positiv die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Kinder- und Jugendliteratur und sieht auch die Tendenz der Annäherung der Kinder- und Jugendliteratur an die literarische Moderne. Allerdings ist dieser Aspekt für Dahrendorf nur ein Teilbereich für notwendige Kinder - und Jugendliteraturforschung und -kritik. Basierend auf seinem erweiterten Literaturbegriff und unter Berücksichtigung des Adressatenbezugs fordert Dahrendorf eine kritische Beschäftigung mit der Kinder- und Jugendliteratur im Hinblick auf alle Bereiche dieser Literatur, d. h. auch im Hinblick auf Abenteuerliteratur, Kriminal- und Detektivliteratur und triviale Kinder- und Jugendliteratur.

Während Dahrendorf in den Mittelpunkt seiner Betrachtung immer den Adressaten stellt, die Wirkung von Literatur auf den Leser, ihre lesemotivierende und emanzipatorische Qualität, betrachtet Ewers Kinder- und Jugendliteratur aus einem Blickwinkel auf das Werk. Inwiefern sich die oben dargestellten Positionen in der praktischen Vermittlungsarbeit auswirken, soll in ausführlichen Rezensionsanalysen in einem folgenden Kapitel untersucht werden.

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