3. Printmedien und die Öffentliche Bibliothek

In diesem Kapitel werden die Printmedien hinsichtlich ihrer grundsätzlichen Eigenschaften, ihrer Funktionen, ihres Verhältnisses zu den elektronischen Medien und hinsichtlich ihrer Rolle in der öffentlichen Bibliothek gekennzeichnet. Ferner erfolgt eine Beschreibung des Printmedienmarktes. Schließlich werden die grundlegenden Daten der Buchnutzung referiert.

3.1 Merkmale von Printmedien

Printmedien sind Druckmedien, das heißt ihre wesentlichen Merkmale sind der Papierträger der Information und damit verbunden die Nutzbarkeit ohne Geräte. Die physische Form ist recht verschieden, aber im wesentlichen doch durch die Eigenschaften des Trägermaterials Papier bestimmt:

 

Bei der Erscheinungsweise von Printmedien ist zu unterscheiden:

Die physische Form, die Art der Bindung, die Art und Stabilität der Einbanddecke bzw. des Umschlags, das Format und die Erscheinungsweise sind für Erwerbungsentscheidungen in Öffentlichen Bibliotheken relevant.

3.2 Der Printmedienmarkt

Printmedien, insbesondere Bücher gelten noch immer als das klassische Sammel- und Nutzungsgut in Öffentlichen Bibliotheken; ihr Anteil an den Entleihungen im Durchschnitt der deutschen Öffentlichen Bibliotheken beträgt rund 78 % (21). In einzelnen Bibliotheken, insbesondere in den Bibliotheken kleiner Kommunen und in den neuen Bundesländern, haben AV-Medien (Musiktonträger und Videokassetten) einen Anteil an den Entleihungen von durchaus rund 50 % (beispielsweise in Schotten/Hessen, in Weischlitz/Sachsen und in Luckenwalde/Brandenburg).

Freilich ist der Printmedien-Markt bedeutend titelreicher und differenzierter als die anderen Medienmärkte. Im deutschen Buchhandel sind rund 750.000 Buchtitel lieferbar (22), die Zahl der lieferbaren Musiktonträger (Single, LP, MC und CD) liegt bei 53.000 (23), die der im deutschen Handel lieferbaren Videokassetten-Titel bei 16.000 (24); die Zahl der im deutschen Handel lieferbaren Datafile-Disketten (Disketten, die nicht Programme, sondern informatorische Daten wie z.B. ein Wörterbuch, Adreßverzeichnisse, einen Fahrplan, Steuertabellen und -algorithmen oder technische Tabellen enthalten) beträgt über 3.500, jedoch mit wachsender Tendenz; international waren 1993 etwa 3.500-4.500 CD-Rom-Titel einschließlich Multimedia-Programmen lieferbar, 1997 etwa 12.000 Titel (25).

In Deutschland erschienen 1995 etwa 74.000 Buchtitel, darunter 53.000 neue Titel und 21.000 Neuauflagen (26), das waren erheblich mehr neue Buchtitel als neue Titel der anderen obengenannten Medienarten zusammengenommen. Für den Buchhandel produzieren in den deutschsprachigen Ländern knapp 13.000 Verlage oder andere verlegerisch tätige Einrichtungen wie z.B. Institute oder Behörden (27), davon ist die Produktion von wenig mehr als 3.200 Verlagen für die Öffentlichen Bibliotheken relevant (28). Von den jährlichen Neuerscheinungen sind für öffentliche Bibliotheken etwa 12.000 bis 15.000 Buchtitel und 3.000 bis 5.000 AV- und elektronische Titel geeignet.

 

Der Umsatz mit Büchern, Fach- und wissenschaftlichen Zeitschriften in Deutschland betrug 1995 16,5 Milliarden DM; davon entfielen 90 % auf Bücher (29). Wesentlich umfangreicher ist der Markt der Zeitungen und übrigen Zeitschriften; er hat ein Volumen von rund 42 Milliarden DM(30). Einige Vergleichswerte (Zahlen für 1992): Der Umsatz mit Geräten der Unterhaltungselektronik lag bei 24 Milliarden DM (31), der Umsatz mit Musiktonträgern bei 4,7 Milliarden DM (32); der PC-Software-Markt in Deutschland hatte ein Volumen von 970 Millionen DM (33). Für den Kauf bespielter Videokassetten gaben die Verbraucher in Deutschland 1996 1,05 Milliarden DM aus, für die Miete ("Leihe") bespielter Videokassetten in den kommerziellen Videotheken 780 Millionen DM(34). Der Otto-Versand erzielte einen Umsatz von 11,5  Milliarden  DM; 1996 gaben die Bundesbürger für Körperpflegemittel 15,8 Milliarden DM aus.

 

Printmedien gelangen über eine Vielzahl von Vertriebswegen an die Endverbraucher, zu denen auch die Bibliotheken gehören:

Die Vielzahl und die räumliche Dichte dieser Vertriebswege machen Angebote von Printmedien in unserer Gesellschaft omnipräsent, was gegenüber früheren Epochen - Printmedien sind ein über 500 Jahre altes Kulturgut - ein kulturgeschichtlich völlig neues Phänomen ist. Lediglich der Sortimentsbuchhandel, ganz vereinzelt auch Buchabteilungen in Warenhäusern und einige wenige spezialisierte Versandbuchhandlungen sind in der Lage, Titel, die sie nicht am Lager haben, aufgrund der Kundenbestellung zu beschaffen, ein auch im übrigen Fachhandel nicht selbstverständlicher Vorgang. Lediglich bei Medikamenten und im Autoersatzteilhandel gibt es ähnlich schnelle Bestell- und Beschaffungswege, doch enthalten diese beiden Märkte erheblich weniger verschiedene Artikel als der Buchmarkt. Der Buchhandel ist neben dem Sportartikel- und Büroartikelhandel der einzige Zweig des Facheinzelhandels, der Mitte der 90er Jahre noch expandiert, während alle anderen Zweige des Facheinzelhandels (Haushalt, Möbel, Unterhaltungselektronik, Bekleidung, Schuhe, Uhren und Schmuck) Umsatzrückgänge erfahren, nachdem der Nachhholbedarf in Ostdeutschland in der ersten Hälfte der 90er Jahre weitgehend gedeckt wurde. Unabhängig von allen digitalen Revolutionen ist der Appetit auf Printmedien unersättlich.

 

Öffentliche Bibliotheken beziehen Printmedien überwiegend im örtlichen Sortimentsbuchhandel bzw. im Fall der Noten im örtlichen Musikalienhandel, obwohl dieser Beschaffungsweg wegen der erforderlichen, personalintensiven Buchbearbeitung in der Bibliothek (Signaturschilder, Einbandfolie, Verbuchungsetikett und Buchsicherungsträger bzw. Verbuchungskarte und Verbuchungskartentasche) betriebswirtschaftlich die höchsten Folgekosten verursacht. Den geringeren Teil der Bücher, Karten und Pläne beschaffen öffentliche Bibliotheken in mehr oder minder bibliotheksgerecht bearbeiteter Form bei Bibliotheksfachfirmen (library suppliers), wodurch zwar wegen der Bearbeitungskosten geringfügig höhere Beschaffungskosten, aber erheblich niedrigere Personalkosten in der Bibliothek entstehen. Unter den Bibliotheksfachfirmen, die teilweise lediglich auf Bibliotheken spezialisierte Versandbuchhandlungen sind, teilweise ein mehr oder minder umfassendes Lieferprogramm für Bibliotheken einschließlich Möbeln und Bürobedarf bieten, ist die Einkaufszentrale für Bibliotheken GmbH, Reutlingen (ekz) die leistungsfähigste mit dem größten Marktanteil. Zeitschriften und Zeitungen werden teils über den örtlichen Buchhandel, teils über die Auslieferungen der Zeitschriften- und Zeitungsverlage bezogen. Auch ausländische Bücher und Zeitschriften erwerben öffentliche Bibliotheken fast ausnahmslos über deutsche Händler, wodurch sie den aufwendigen und beträchtliche Spezialkenntnisse erfordernden Import (Zollabwicklung, Einfuhrumsatz- bzw. Erwerbsteuer) nicht selber vornehmen müssen.

 

Der statistische Durchschnittshaushalt in Deutschland gibt monatlich ungefähr 29 DM für den Buchkauf aus (in Ostdeutschland etwa sechs DM weniger), das heißt, er kauft ungefähr ein Buch im Monat. Und der Durchschnittshaushalt leiht etwa zwei Bücher pro Monat aus der Öffentlichen Bibliothek aus (35). Freilich stehen hinter diesen Durchschnittswerten die Fakten, daß nur etwa die Hälfte der Bevölkerung Bücher kauft (36) und weniger als die Hälfte der Bevölkerung Öffentliche Bibliotheken benutzt (37), daß mit anderen Worten der Durchschnittshaushalt, der überhaupt Bücher kauft, rund 57 DM im Monat dafür aufwendet. Gleichwohl kann man nicht sagen, daß dem Buchhandel infolge der Buchleihe aus Öffentlichen Bibliotheken etwa die Hälfte des Umsatzes verloren ginge. Denn Buchkauf und Buchleihe sind nicht konkurrierende, sondern komplementäre Verhaltensweisen: Die Bevölkerungsgruppen, die regelmäßig Bücher kaufen, sind auch regelmäßige Bibliotheksbenutzer und umgekehrt; ebenso korrelieren Abstinenz von Buchkauf und Bibliotheksbenutzung (38).

3.3 Funktionen von Printmedien

Printmedien grundsätzlich höher zu bewerten als andere, insbesondere elektronische Medien, ginge an den Funktionen der Medien wie auch am tatsächlichen Nutzerverhalten vorbei. Die meisten Mediennutzer benutzen viele verschiedene Medienarten, insbesondere Buchleser sind zugleich intensive Nutzer auch anderer Medien (39). Printmedien und Nonprint-Medien haben insgesamt ganz ähnliche Funktionen; ihre Leistungsfähigkeit für jeweils einzelne Medienfunktionen ist jedoch verschieden und hängt auch von Nutzungsgewohnheiten ab.

Die Funktionen für den Mediennutzer umfassen:

Die verschiedenen Funktionen werden hervorgebracht durch den Inhalt, durch die Darstellungsform des Inhalts, durch die Erscheinungsweise und teilweise auch durch die physische Form.

Das Image des Buches, das Image von Zeitungen und Zeitschriften besteht im Vergleich zu anderen Medien in folgenden Punkten (47).

Bücher

Freilich ordnet die Bevölkerung Büchern nur in geringem Maß solche Werte zu, die allgemein besonders geschätzt werden. So verspricht man sich in nur geringem Umfang etwas Positives von Büchern, wenn es darum geht, gesund zu leben, persönlich unabhängig, aktiv und unbeschwert zu sein; auch zu den Werten Solidarität und soziale Gerechtigkeit können Bücher nach Auffassung der meisten Zeitgenossen nicht viel beitragen. Dagegen sind Bücher in den Augen der meisten Menschen gut, um sich weiterzubilden, um persönlich voranzukommen und um mitreden zu können (48).

Zeitungen

Zeitschriften

3.4 Printmedien und elektronische Medien

Die besonderen Merkmale – Vorteile wie Grenzen – von Printmedien gegenüber anderen Medien folgen allesamt aus ihrer physischen Form.

 

Printmedien werden auch in naher Zukunft nicht vom Markt oder aus der Nutzung verschwinden(51), wenn auch der Marktanteil der elektronischen Medien bis Ende der 90er Jahren auf 20 bis 25 % des Buchmarktumsatzes steigen soll(52). 1994 betrug ihr Anteil weniger als 1 % (53), allerdings mit einer Verdoppelung des Volumens jedes zweite Jahr. Freilich wird die Funktionsdifferenzierung bei Printmedien und elektronischen Medien voranschreiten (54). So wird erwartet, daß insbesondere die Funktionen punktuelle Kurzinformation (Lexika, Reiseführer, Wörterbücher u.a.m) und Lernen sowie Unterhaltungsfunktionen an elektronische Medien abgegeben werden, während das Buch weiterhin Träger komplexer Textinformation bleibt(55). Die Datennetze werden weder die traditionellen Printmedien noch die elektronischen Medien verdrängen, sondern diese ergänzen(56), wo es um hochaktuelle Information, besonders in Verbindung mit Antworten des Verbrauchers geht, beispielsweise Flugverbindungen mit Buchung. Die folgende Tabelle zeigt den erwarteten Anteil elektronischer Produkte (hauptsächlich CD-ROMs) im Jahr 2000. Allerdings werden die noch vor wenigen Jahren erwartungsvollen Prognosen neuerdings nach unten korrigiert(57).

Anteil elektronischer Medien am europäischen Buchmarkt im Jahr 2000(58)

Sparte

Umsatz in Millionen DM

Anteil elektron. Produkte

Unterhaltung

11

1-10 %

Kinder

7

15-25 %

Bildung

6

10-20 %

Nachschlagewerke

7

15-25 %

Wissenschaft/Technik

4,5

20-30 %

Recht

2

15-25 %

 Zukünftig wird es darauf ankommen, die spezifischen Funktionen des Buches im Gefüge der Medien hervorzuheben und es nicht als Alternative, sondern als Komplement im Medienverbund zu behandeln(59). Besonders was die Publikation in Datennetzen angeht, bedarf es neuer Inhalte und Formen der Kooperation von Staat, Bibliotheken, Verlagen und Verbrauchern; Fragen der allgemeinen Zugänglichkeit, des Urheberschutzes, der Vergütung für die Nutzung, der Archivierung, der reibungslosen Kommunikation sowie der Ordnung und Erschließung sind zu klären(60).

3.5 Buchnutzung

Für etwa die Hälfte der Bevölkerung über 14 Jahre ist der Griff zum Buch mehrmals in der Woche eine Selbstverständlichkeit; 75 % sind überhaupt Buchnutzer; 82 % lesen regelmäßig eine Tageszeitung; Jugendliche und junge Erwachsene lesen häufiger Bücher als Ältere(61). Interesse an Büchern wie auch der Zeitaufwand fürs Bücher- und Zeitungslesen sind in den neuen und den alten Bundesländern ziemlich gleich ausgeprägt(62), doch in den neuen Bundesländern nicht so stark bildungsabhängig wie in den alten Bundesländern, auch verwenden die Bürger in Ostdeutschland deutlich mehr Zeit auf das Lesen von Zeitschriften als die Bürger in den alten Bundesländern(63).

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