Exkursion zu Bibliotheken und Dokumentationseinrichtungen an Rhein und Ruhr (2000)

– Exkursionsbericht –

 

 

Vom 13. November bis 17. November 2000 fand eine Exkursion nach Nordrhein-Westfalen statt. Eine kleine Gruppe, bestehend aus vier Studentinnen und dem Organisator und Leiter Prof. Plassmann, machte sich auf, um die Bibliotheks- und Dokumentationswelten von Dortmund, Bochum, Köln, Düsseldorf und Bonn zu erkunden. Hier das umfangreiche Programm:

Montag 13.11.
    1. Stadt und Landesbibliothek Dortmund
    2. Universitätsbibliothek Dortmund einschließlich Patentinformationszentrum (PIZ)

Dienstag 14.11.
    3. Fachhochschulbibliothek Bochum
    4. Speicherbibliothek Bochum des HBZ NW
    5. Bibliothek des Ruhrgebiets, Bochum

Mittwoch 15.11.
    6. Deutsche Zentralbibliothek für Medizin, Köln (ZBMed)
    7. Bibliothek und Dokumentation des Landtags NW, Düsseldorf

Donnerstag 16.11.
    8. Universitäts- und Landesbibliothek Bonn
    9. Deutsche Zentralbibliothek für Landbauwissenschaften, Bonn

Freitag 17.11.
    10.  Fachhochschule Köln, Fachbereich Bibliotheks- und Informationswesen
           und Zweigbibliothek Bibliotheks- und Informationswesen
    11.  Stadtbibliothek Köln, Zentralbibliothek
 
 

Dortmund
Stadt- und Landesbibliothek

 

Am Montag fuhren die Studentinnen mit dem ICE von Berlin aus nach Dortmund Hbf. und wurden dort von Prof. Plassmann am Bahnsteig abgeholt. Schon vom Ausgang des Bahnhofs sah man ein mit rotem Stein verkleidetes Gebäude mit langen schmalen Fenstern, vor dem ein beeindruckendes Glasrondell aufragt. Genau dieses Gebäude ist die Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, die trotz ihres (historisch bedingten) Doppelnamens keine landesbibliotheksspezifischen Aufgaben hat, vielmehr als normale Öffentliche Bibliothek bezeichnet werden kann. Wir wurden vom Leitenden Bibliotheksdirektor Ulrich Moeske persönlich empfangen. In einem einführenden Gespräch, dem die Besichtigung folgte, wurden uns einige Besonderheiten der Bibliothek erläutert. Das Gebäude ist von dem Schweizer Architekten Mario Botta entworfen und ausgeführt und im Mai 1999 eröffnet worden.

Man hat die Bibliothek aus der kommunalen Verwaltungsstruktur ausgegliedert, um sie nun als Eigenbetrieb der Stadt zu führen; der Bibliotheksdirektor fungiert somit als Geschäftsführer und nicht mehr als Dienststellenleiter. Alle Einnahmen, die außer der Grundfinanzierung durch die Stadt an die Bibliothek fließen, kann diese unmittelbar selbst nutzen und muss sie nicht an die Stadtkasse abführen. So vermietet die Bibliothek ihre Räume für Veranstaltungen, Tagungen, Ausstellungen, Lesungen und selbst für Hochzeitsfeiern, um auf diese Weise zusätzliche Einnahmen zu erzielen.

Wie schon erwähnt, ist das Bibliothekgebäude in zwei Komplexe geteilt, was sich in der Nutzung im Einzelnen wiederspiegelt. Im Glasrondell befinden sich die meisten für die Öffentlichkeit zugänglichen Räumlichkeiten. Dort stehen insbesondere die Freihandbestände; von der Rolltreppe aus, welche die Etagen verbindet, trifft man jeweils zuerst auf die Informationsstellen. Die schwarzen Regale im Glasrondell sind im Kreis angeordnet. An der Inneneinrichtung, die in erster Linie architektonischen Gesichtspunkten folgt, würde man aus bibliothekarischen Gründen gern einiges ändern, doch ist dies nur schwer möglich: Um etwas zu verändern, bedarf es immer der Zustimmung des Architekten – eine rechtliche Voraussetzung, über die Herr Moeske sich nicht gerade glücklich zeigt. Auf dem Verbindungsgang zwischen den zwei Komplexen befinden sich die PCs, die Zugang zum Internet bieten, deren Nutzung allerdings bezahlt werden muss. Der andere Gebäudekomplex dient vornehmlich der Verwaltung; allerdings sind dort auch die Artothek und die Plakatsammlung untergebracht. Weiterhin befindet sich das Institut für Zeitungsforschung in diesen Gebäudeteil. In zwei Untergeschosse, die mit modernen Kompaktregalsystemen ausgestattet sind, wird der Großteil der weniger genutzten Bestände aufbewahrt (Gesamtbestand der Bibliothek: 1,2 Mio. Medieneinheiten).

Die Stadt und Landesbibliothek Dortmund ist eine moderne Bibliothek, an der sich zeigt, dass auch die Überlegungen zur finanziellen Selbstständigkeit von Bibliotheken durchaus ihre Berechtigung haben.
 

UB Dortmund

Unsere zweite Station an diesem Tag war die Universitätsbibliothek Dortmund mit dem Patentinformationszentrum (PIZ). Die Bibliothek befindet sich auf dem weitläufigen Campus der Universität, dessen zwei getrennte Komplexe mit einer Schwebebahn verbunden sind. Die Bibliothek aus den 60er Jahren macht einen etwas sanierungsbedürftigen Eindruck, die Einrichtung ist abgenutzt die Teppiche sind schmutzig. Auch ließ die Übersichtlichkeit für Erstbesucher etwas zu wünschen übrig. Teile der Bibliothek wurden gerade bei unserem Besuch asbestsaniert. Die Internetarbeitsplätze waren etwas versteckt untergebracht und sind von der Anzahl her unzureichend für die Studierenden. Die Bibliothek sammelt hauptsächlich technische Literatur auf den Bedarf der Studienfächer der Universität abgestimmt (Gesamtbestand z.Z. etwa  1,6 Mio. Bände – ohne die Bestände des PIZ).

Das PIZ ist im selben Gebäude untergebracht. Hier kann jeder Patent- und Gebrauchsmuster anmelden ???, Recherchen durchführen bzw. durchführen lassen, wofür die vom Deutschen Patentamt festgesetzten Gebühren erhoben werden. Seit einigen Jahren stehen CD-ROM-Wechsler für Dokumente im Volltext zur Verfügung, die über Workstations bedient werden; das umfangreiche Archiv beinhaltet ältere Patente in gedruckter Form, die nur noch wenig recherchiert werden. Besonders beeindruckend ist die Platzersparnis bei der Verwendung der Neuen Medien; so sind die Wechsler inklusive des dazu gehörendem Equipments in einem recht kleinen Raum untergebracht, während die gedruckten Patente und Normen ein umfangreiches Magazin anfüllen und somit extrem viel Lagerplatz beanspruchen. Die Patente teilen sich auf in Patente, Marken und Geschmacksmuster, was uns anhand einer Zahnpastatube anschauungsvoll erläutert wurde.

Nach der Besichtigung der Universitätsbibliothek fuhren wir (da es in Dortmund keine DJH gibt) nach Hagen zur Jugendherberge, um frisch und ausgeruht für die nächsten Bibliotheksbesichtigungen gewappnet zu sein.
 

Bochum
Speicherbibliothek Bochum des HBZ NW

Der ursprünglich geplante Besuch in der Fachhochschulbibliothek kam aus organisatorischen Gründen nicht zu Stande. So nutzte die Gruppe die gewonnene Zeit zu einem kurzen „Inkognito"-Besuch in der UB Bochum, von der aus die Speicherbibliothek bequem zu Fuß zu erreichen ist.

Am diesem Ziel angekommen, standen wir vor einem zweigeschossigen, schlecht erhaltenem Mehrzweckgebäude aus den sechziger Jahren, aus dem uns Baulärm entgegenschallte (ein Teil des Gebäudes wird für Zwecke der gegenüber liegenden Fachhochschule umgebaut). Irgendwo zwischen vielen Graffiti konnten wir auch ein Schild mit der Aufschrift „Bibliothek" und die Klingel entdecken. Die beiden Bibliotheksmitarbeiter, die zugleich den gesamten Personalbestand darstellen, hießen uns freundlich willkommen.

Bereits nach einer kurzen Einführung in die Aufgaben des Speichermagazins erklärte man uns, dass die Idee der Speicherbibliothek von den abgebenden Bibliotheken relativ schlecht angenommen wird. Es liegt vielleicht an der Mentalität eines Bibliothekars, dass er „seine" Bestände lieber unter dem Dach der eigenen Bibliothek hat, als sie in ein Speichermagazin zu geben. Sowohl die kritische Haltung der „Lieferbibliotheken" als auch Koordinationsprobleme in der Hochschulpolitik könnten als Gründe angeführt werden, dass es seit einigen Monaten ein Annahmestop gibt. Am übernächsten Tage war in der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn (die viel in Bochum eingelagert hat) zu erfahren, dass eine Arbeitsgruppe des Wissenschaftsministeriums in Düsseldorf ein neues Konzept für die Unterbringung selten genutzter Bestände erarbeitet.

Trotz dieser weniger erfreulichen Nachrichten erschienen uns die zwei Mitarbeiter sehr engagiert und das Arbeitsklima harmonisch. Mit Stolz berichtete einer der beiden Mitarbeiter, wie er anhand selbst entwickelter Software für bestimmte speichermagazinspezifische Probleme Lösungen gefunden hatte. Beim Rundgang in den Magazinen wurden uns die Erschwernisse während der Bautätigkeiten sehr deutlich. Im Zeitungsmagazin waren große Folien gespannt, die zwar einigermaßen den Staub abhielten, aber nicht den Lärm.

Zusammenfassend kann man sagen, dass trotz der Unsicherheit im Weiterbestehen der Einrichtung und der spürbar beeinträchtigenden Bauarbeiten die Mitarbeiter sehr einfallsreich sind und versuchen, so gut wie möglich ihre Aufgaben zu erfüllen.
 

Bibliothek des Ruhrgebiets

Die nächste Etappe war die 1998 gegründete „Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets" in Bochum. Das in der Innenstadt gelegene dreigeschossige Haus, in dem die neue Bibliothek untergebracht ist, war früher die Heimat der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie (die nach ihrer Fusion mit der IG Chemie nach Hannover gezogen ist). Durch die für die neue Nutzung erforderlichen Umbauten ist ein schönes und zweckmäßiges Gebäude entstanden. Das Innere des Hauses wird den ganzen Tag gut mit Tageslicht versorgt, da in den jetzigen Benutzungsräumen besonders große Fenster vorhanden waren und beim Umbau nicht verändert worden sind. Auch dank des hellen hölzernen Mobiliars wirkte die Bibliothek sehr freundlich und einladend.

Die nun zusammengeführten Bestände der Bergbau-Bücherei (früher in Essen), der Bibliothek des Instituts für soziale Bewegungen und der Bibliothek der ehemaligen Industriegewerkschaft Bergbau und Energie sind nicht zusammen aufgestellt, da es einerseits die räumlichen Gegebenheiten nicht ermöglichten und es auch der Bibliothek vorgeschrieben wurde. Im Ausleihbereich findet sich eine anschauliche „Geschichte der Kataloge" - vom Bandkatalog über den Kapselkatalog, Zettelkatalog bis hin zu dem heute zeitgemäßen Online-Katalog.

Eine Besonderheit der Bibliothek ist die Sammlung von Flugblättern und Broschüren der Arbeiterbewegung, welche aber durch ihre Beschaffenheit nicht leicht ordentlich zu archivieren und übersichtlich zu präsentieren sind.

Zu unserem Erstaunen wird immer noch mit den jeweiligen Softwaresystemen der einzelnen Vorgängerbibliotheken gearbeitet, was aber in nächster Zukunft geändert werden soll. Die Bibliothek soll an das HBZ angebunden und auf ALEPH umgestellt werden. Durch die Anbindung an das HBZ verspricht sich die Bibliothek eine weitere Verbreitung und eine Steigerung des Bekanntheitsgrades ihrer Bestände. Die dadurch zu erwartende bessere Benutzung könnte das zur Zeit bestehende Problem der Bibliothek des Ruhrgebiets, die geringen Nutzerzahlen, lösen.
 

Köln
Die Deutsche Zentralbibliothek für Medizin – ein Kölner Dom des Wissens

Die Deutsche Zentralbibliothek für Medizin befindet sich seit eh und je auf dem Gelände des Klinkums der Universität zu Köln, seit einigen Jahren in einem Neubau. Auch von innen ist die thematische Ausrichtung unverkennbar – breite Flure, großzügige Türeingänge und offene Formen erinnern stets an ein Klinikgebäude, wobei diese Atmosphäre bei unserem Besuch keineswegs negative Eindrücke hinterließ, vielmehr das Motto der ZBMed suggerierte: Z wie zuverlässig, B wie bedarfsgerecht, M für Medizin, e wie effizient und d wie dynamisch. Der Neubau ist für den Personenverkehr durch einen verglasten, freischwebenden Durchgang mit dem alten Gebäude, den die Bibliothek weiterhin nutzt, verbunden. Die Bücher wiederum gelangen auch mühelos in jeden Teil der beiden Gebäude, und zwar durch ein „denkendes" Transportsystem, welches mit großzügigen Buchkörben arbeitet. Es verteilt diese Behälter so „schlau", dass an jedem Knotenpunkt mindestens ein freier Korb zum Vollpacken bereitsteht.

Die ZBMed ist in jeder Hinsicht beeindruckend. Da sie im Rahmen der Blauen Liste gemeinsam von Bund und Ländern finanziert wird (30:70), sind ihr natürlich auch die nötigen Spielräume gegeben, um ihre umfangreiche Arbeit leisten zu können: Der diesjährige Erwerbungsetat beläuft sich auf 5,6 Mio. DM. Aber die ZBMed nutzt die gute finanzielle Lage eben auch effizient aus. Allein von 15.000 internationalen Zeitschriftentiteln werden ca. 8.100 (!) laufend bezogen. Gerade der Zeitschriftenbestand spielt beim auswärtigen Leihverkehr eine enorme Rolle: 1999 wurden 481.000 Bestellungen von auswärts bearbeitet. Die Erfüllungsquote der Anfragen lag bei 92%. Hier ist die rasche Entwicklung der elektronischen Datenlieferung unübersehbar: 14 % der gewünschten Aufsätze wurden im letzten Jahr per e-mail im TIFF-Format mit SUBITO versandt. Auch die technischen Verfahren hierfür wurden im Haus verfeinert: Der bestellte Artikel wird gescannt und stellt eine eigene graphische Datei dar. Die zweite Datei besteht aus den weiteren nötigen Angaben wie e-mail-Adresse, bibliographische Angaben, Rechnung usw. Diese beiden Dateien werden zusammengeführt und dann verschickt. Besonders das manuelle Eintippen der oft komplizierten e-mail-Adressen ist zeitaufwendig und empfänglich für Tippfehler. Der Nutzer kann deshalb nun durch ein Barcode-Verfahren mit seiner Adresse gespeichert werden, so dass diese beim nächstmaligen Verschicken eines neuen bestellten Artikels automatisch angefügt wird. Aber auch der in der Theorie als äußerst praktisch angesehene Scan-Vorgang artet für das Personal zum mühseligen Unterfangen aus. Nicht jeder Artikel wird nämlich sofort oder gar fehlerfrei vom Scanner eingelesen. So wurden wir bei der Versandstelle Zeugen technischer Schwierigkeiten und fanden manches Sprichwort bestätigt: Theorie ist nicht gleich Praxis. Und Computer sind auch nur Menschen.

Die ZBMed zeichnet sich weiterhin durch eine große Menge an laufenden oder geplanten Projekten aus. Es sind so viele, dass einem Besucher bei erstmaliger Kenntnisnahme dieser Projekte der Kopf wuselt. Die meisten Projekte drehen sich natürlich um die Digitalisierung der medizinischen Information. Dabei arbeitet die Zentralbibliothek mit verschiedenen Hosts zusammen: mit Data-Star, (E)DBI, STN und Medline, besonders aber mit dem DIMDI (ebenfalls in Köln ansässig). Seit September ist z. B. eine hauseigene Datenbank freigeschaltet, die das Herz aller Nutzer, deren Muttersprache Deutsch ist, höher schlagen lässt: Über 600 deutschsprachige Zeitschriften der Medizin, die in der internationalen Datenbank Medline nicht berabeitet werden, sind nun im deutschen Volltext abrufbar.

Noch eine augenzwinkernde Bemerkung zur studentischen Benutzung: Die Kölner Medizinstudenten werden durch die Bibliothek ausschließlich zum konsequenten Arbeiten angehalten. Da der gesamte Bestand (Monographien und Zeitschriften voneinander getrennt) nach Numerus Currens aufgestellt ist, muss der Informationssuchende gezielt die Kataloge benutzen – Herumstöbern und ineffizientes Durch-die-Regalreihen-Schlendern wird auf diese Weise geschickt unterbunden. Auch die zahlreichen Internet-Plätze vermiesen dem vergnügungssüchtigen Studenten das Surfen durch nicht-medizinische www-Seiten: Unter Zuhilfenahme von Filtersoftware sind nämlich nur medizinisch relevante Seiten freigeschaltet. Das Verschicken von e-mails oder das Begucken von bunten Schmuddel-Seiten ist höchstens per Anmeldung mit der persönlichen Kennnummer des Bibliotheksausweises möglich.
 

Düsseldorf
Bibliothek des Landtags NW – eine runde Sache mit architektonischen Kanten

Der Landtag von Nordrhein-Westfalen und seine Bibliothek liegen direkt am malerischen Rheinufer, nicht fern der Düsseldorfer Altstadt. Die Anfänge der Bibliothek begannen nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem einzigen Bücherregal, in dem klassische Belletristik für die Abgeordneten zwecks Entspannung in den Abendstunden zur Ausleihe bereit stand. Heute gibt es das Referat II 4 (Bibliothek, Informationsdienste, Archiv), welches in erster Linie die parlamentarische und politische Arbeit der Abgeordneten und Fraktionen unterstützt. Des Weiteren werden Anfragen von Bürgern und Institutionen bearbeitet. Der Bereich, der als Bibliothek bezeichnet wird, sammelt Monographien und Zeitschriften zur parlamentarischen und politischen Diskussion, während der Archivbereich Parlamentspapiere enthält. Die Parlamentsmaterialien (ausgewählte Papiere des Bundes, der anderen Bundesländer und der EU, sonstiges amtliches Schriftgut und politisch relevante Materialien wie Broschüren und ähnliches) werden seit 1946 gesammelt, erschlossen und dokumentatorisch aufbereitet (vornehmlich auf optischen Fotoplatten). Hieraus ergibt sich der sog. Parlamentsspiegel, der im Rahmen eines Integrierten Informationssystems aller Länder das Parlamentarische Geschehen in ganz Europa dokumentiert. Seit 1989/90 werden ausgewählte Tageszeitungen ausgewertet und sind in einer Volltextdatenbank abrufbar. Auch die Retrokonversion schreitet voran: Die ab 1990 erschienene Literatur ist nur noch im Online-Katalog nachgewiesen.

Mit den elektronischen Möglichkeiten des Information-Retrieval tun sich Personal und Nutzer aber noch sehr schwer: Dem Personal fehlen vor allem EDV-geschulte Mitarbeiter. In der Vergangenheit wurden frei werdende Stellen von den Zuständigen auch gern mit MitarbeiterInnen des Hauses besetzt, die aus verschiedenen Gründen in ihrer alten Abteilung nicht mehr arbeiten konnten. Es gab sogar schon Vorfälle, so die Bibliotheksleiterin Frau Dransfeld, wo ungeschulte Küchenhilfen zur bibliothekarischen Arbeit verdonnert wurden. Diese Küchenhilfen mussten nun tagtäglich Zeitschriftenartikel ausschneiden. Aber auch seitens der Nutzer gibt es Schwierigkeiten. Besonders die älteren Abgeordneten zeigen sich nicht willig, die elektronischen Möglichkeiten zur Informationsrecherche zu nutzen. Dabei bietet das Referat II. 4 durchaus Schulungen für die selbständige Intra- und Internet-Bedienung an. Diese Seminare sind stets ausgebucht. Wegen Platz- und PC-Mangels können jedoch nur alle paar Wochen acht Teilnehmer den Kursen beiwohnen. Bei den Übungen kommen erschreckende Fakten zutage: Die Unkenntnis und Unerfahrenheit der Mitarbeiter im Parlamentsgebäude lässt sie noch nicht einmal eine selbständige einfache Recherche in einer der populären I-net-Suchmaschinen wie „Fireball" durchführen.

Im Parlament läuft also längst nicht alles rund – abgesehen von der Architektur. Vom gläsernen Fahrstuhl bis zum Plenarsaal und seiner Ausstattung dominieren runde Formen. Der Architekt symbolisiert damit natürlich die Idee des Runden Tisches. Nur der Bibliothek verweigerte er das angedachte demokratische Mitspracherecht. Bei der Diskussion um Umbauten in der Bibliothek, welche mit dem Archiv eine räumliche Einheit bildet, warf er die Vorschläge des Bibliothekspersonals barsch zurück: „Ich habe hier ein Parlament gebaut und keine Bibliothek!" Hübsch anzusehen ist sie ja, seine Konstruktion – aber unzweckmäßig. Vom darüber liegenden Flur kann man durch riesige Glaswände direkt auf den Lesesaal blicken und somit den Nutzern in ihre Papiere oder auf den Bildschirm blicken. Der Lesesaal selbst ist natürlich kreisrund und sein Boden aus Holz. Dieses Holz ist nicht nur hellfarbig, sondern auch hellhörig: Es knarrt bei jedem Schritt. Genau in der Mitte des Lesesaals befindet sich ein aufgemalter Kreis. Stellt man sich darauf, sieht man – obwohl man sich dem dahinter liegenden  Bestand zuwendet – nur die Rückseiten der Regale, aber kein Buch. Da dies anscheinend ein sehr kreatives Moment darstellt, darf das Personal die auf diesen Punkt sternenförmig ausgerichteten Regale nicht verschieben. Würde der Architekt die Erlaubnis dazu endlich erteilen, könnten die Regale weiter in den Lesebereich und einige Arbeitsplätze an ihre Stelle geschoben werden. So hätte der Nutzer akustisch mehr Ruhe und müsste nicht ständig darum bangen, dass man von der Glasscheibe Einblick in seine Arbeit hätte. So arbeiten die Parlamentarier kaum in der Bibliothek, sondern lieber im eigenen Büro. Der Lesesaal bleibt weiterhin ungenutzt – aber wenigstens rund.
 

Bonn im Umbruch 1:
Erweiterung der ULB

Unser donnerstäglicher Exkursionsteil begann mit einer Besichtigung der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn in der Adenauerallee. Hier wurden wir von Frau Dr Renate Vogt, der Leiterin der Bibliothek, über die Geschichte der UB und speziell über die gerade laufenden Baumaßnahmen im Bibliotheksgebäude unterrichtet. Der Bestand der ULB beläuft sich z. Z. auf 2,2 Mio. Bände. Das Gebäude ist 1960 von der heutigen ULB bezogen worden; jetzt sind aufgrund der verschärften Brandschutzbestimmungen und zur Verbesserung der Nutzung durch Behinderte umfängliche Bauarbeiten nötig. Wir erfuhren, dass der Wissenschaftsrat nach zweimaliger Vertagung nun endlich eine Erweiterung des Magazins empfohlen hat, deren die ULB in der Tat dringend bedarf. Zwar verfügt die Bibliothek über zwei Ausweichmagazine, die jedoch für diesen Zweck wenig geeignet sind. Ein weiterer Teil des magazinierten Bestandes befindet sich in der Speicherbibliothek Bochum, die wir zwei Tage zuvor schon kennen gelernt hatten. Frau Vogt sprach mit uns auch darüber, dass die in den 80er Jahren entstandene Idee einer Speicherbibliothek für NW heute neu überdacht werden muss. Als ein neues Konzept stellte sie uns die sogenannte verteilte Archivierung von Monographien in Nordrhein-Westfalen vor.

Das Magazin der ULB ist ein einziger großer Baukörper, der das zum Rhein hin abfallenden Gelände nutzt und in vier Etagen geteilt ist. Er war ursprünglich als geschlossenes Magazin konzipiert. Heute ist allerdings der obere Bereich Freihandmagazin und den Benutzern zugänglich. Die Bibliothek wurde nach dem dreigeteilten Konzept von Magazin (Fundament), Benutzung (Zentrum) und Verwaltung (Dach/Brücke) geteilt. Da die Bibliothek auch regionale Pflichtexemplarrecht für das Rheinland hat, befindet sich etwa eine halbe Million Pflichtbücher im Bestand der ULB. Nach dem Gespräch führte uns Herr Stauder durch das Haus: durch den Lesesaal (mit Blick auf den vorbeiströmenden Rhein), den Zeitschriftenraum und die Magazine; schließlich durften wir noch einige Rara sehen, die in der obersten Etage in einem besonders gesicherten Magazin aufbewahrt werden.
 

Bonn im Umbruch 2:
Einsparung der Deutschen Zentralbibliothek für Landbauwissenschaften

Der Deutschen Zentralbibliothek für Landbauwissenschaften in Bonn war der zweite Teil des Tages vorbehalten. Die Bibliothek ist in einem großen und hellen, transparenten Zentralbau auf dem Gelände der naturwissenschaftlichen Institute im Stadtteil Poppelsdorf untergebracht. 1983 fertig gestellt, ist das Gebäude schon wenig später durch einen Brand nachhaltig beschädigt worden. An den Folgen hatte man noch lange Zeit zu kurieren; dem fremden Besucher fällt davon jedoch nichts mehr auf.

Frau Bibliotheksdirektorin Jutta Heller kümmerte sich auf sehr sympathische Weise persönlich um die Besucher. Der ausführlichen Führung durch das Haus ging auch hier ein Gespräch voraus, das sich hauptsächlich um die vom Wissenschaftsrat empfohlene Beendigung der zentralen Funktion der Bibliothek drehte. Wir hörten von der intensiven Nutzung der ZBL im Leihverkehr durch Kunden aus aller Welt (Afrika, Südamerika, Osteuropa). Frau Heller erklärte uns, dass dem gegenüber die Bedeutung der Bibliothek im eigenen Land, auch an der Universität Bonn selbst, oft genug unterschätzt wird. Ihr Bestand ist tatsächlich sehr beeindruckend. Zur Zeit hält sie noch 4.500 Zeitschriften, doch die durch die Stellungnahme des WR unausweichlich gewordenen Abbestellungen laufen bereits. Das engagierte Personal der Bibliothek hat den Wissenschaftsrat leider nicht umstimmen können, und so wird die ZBL bis zum Jahre 2004 den aus der Bund-Länder-Finanzierung gespeisten Etat von 100% in Schritten bis auf 0% herunterschrauben müssen. Bleiben werden nur die der Universität Bonn zur Verfügung stehenden Landesmittel zur Erfüllung der örtlichen Aufgaben.

Personal und Bestände sollen geteilt werden. Alle Literatur zu Gesundheit, Ernährung und Umwelt soll der ZBMed in Köln zugeschlagen werden, wobei die Bestände im Haus verbleiben sollen. Der andere Teil soll jedoch abgewickelt werden. Es war uns nach dem Besuch in der ZBL unverständlich, wie der Wissenschaftsrat ein Votum zur Schließung einer Bibliothek von dieser Bedeutung abgeben kann. Während der Besichtigung gefielen uns besonders die gut besuchten Gruppenarbeitsräume; überhaupt machte die Bibliothek einen guten Eindruck auf uns, was den Bestand und seine Präsentation, die Benutzung und das Personal betrifft.
 

Köln
Fachhochschule Köln, Fachbereich Bibliotheks- und Informationswesen
und Zweigbibliothek Bibliotheks- und Informationswesen

Im Auftrag des Dekans, der durch eine in der Fachhochschule stattfindende Tagung verhindert war, erläuterte Prof. Stock die im Fachbereich Bibliotheks- und Informationswesen laufenden bzw. geplanten Studiengänge. Hierbei ging er auch auf die bisherigen Studiengänge ein und machte auf diese Weise deutlich, wie tiefgreifend der Wandel ist, dem der Fachbereich in den letzten Jahren sich selbst unterzogen hat.

Während am Fachbereich und seinen Vorgängereinrichtungen jahrzehntelang die beiden grundständigen Diplom-Studiengänge Öffentliches Bibliothekswesen (ÖB) und – als Beamtenausbildung organisiert – Gehobener Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken und Dokumentationseinrichtungen (GWBD) bestanden, aus denen der Nachwuchs an Diplom-Bibliothekaren (FH) für Öffentliche und für Wissenschaftliche Bibliotheken vor allem in Nordrhein-Westfalen hervorging, gibt es heute nur noch einen einzigen Studiengang Bibliothekswesen, danben aber den neuen Studiengang Information Management, der in mehrere Facetten aufgegliedert ist und den Studenten die Wahl verschiedener aktueller Schwerpunkte ermöglicht.

Auch die jetzigen Studentenzahlen sagen viel über den Wandel am Fachbereich, der durch die Änderungen im gesamten Bibliotheks- und Informationswesen notwendig geworden ist: Waren früher normalerweise mehr als 100 Studierende im Studiengang ÖB und mehr als 50 Studierende im Studiengang GWBD eingeschrieben, die nach dem Examen durchweg Arbeitsplätze an den entsprechenden Bibliotheken der öffentlichen Hand fanden, gibt es in dem einzigen Bibliotheksstudiengang heute nur noch etwa 50 Studierende – die Anzahl ist mithin auf ein Drittel geschrumpft. Die Schrumpfung entspricht der allgemeinen Reduktion von Stellen im öffentlichen Dienst und der speziellen Reduktion im Bibliothekswesen. – In dem Studiengang Information Management hingegen sind zur Zeit etwa 100 Studierende eingeschrieben (Tendenz steigend); diese finden, so wurde versichert, ohne Schwierigkeiten ihre späteren Arbeitsplätze in der freien Wirtschaft.

Der vier Monate umfassende theoretische Teil der Beamtenausbildung zum Mittleren Bibliotheksdienst, der bisher auf Grund eines besonderen staatlichen Auftrags von der Fachhochschule wahrgenommen wurde, aber eigentlich nie an eine Hochschule gehörte, ist ausgegliedert worden. Das Gleiche wird demnächst mit der in Köln traditionsreichen Ausbildung zum Höheren Bibliotheksdienst geschehen.

Die Zweigbibliothek Bibliotheks- und Informationswesen beeindruckte durch ihre umfangreichen Bestände zu dem eigentlich kleinen Fachgebiet. Sie ist übersichtlich und in großer Nähe zu den Vorlesungsräumen und Professorenzimmern des Fachbereichs aufgestellt, wird aber wegen Platzmangels demnächst in ein anderes Gebäude der Fachhochschule in der Kölner Südstadt (in nicht allzu großer Entfernung) verlagert. Die im Keller aufbewahrten Nachlässe einiger bedeutender Persönlichkeiten des deutschen Bibliothekswesens (Maria Steinhoff, Werner Krieg u.a.) harren der Bearbeitung und Erschließung und gaben Anlass zu vielen Reminiszenzen aus der deutschen Bibliotheksgeschichte des 20. Jahrhunderts.
 

Stadtbibliothek Köln (Zentralbibliothek)

Einen guten Abschluss der an vielen Eindrücken überreichen Exkursion bildete der Besuch in der Zentralbibliothek der Stadtbibliothek Köln am Neumarkt, mitten in der Stadt. Mit über einer Million Medieneinheiten eine der größten kommunalen Öffentlichen Bibliotheken Deutschlands, steht die Einrichtung auch in der Nutzung der modernen Informationstechnologie und der Bibliothekstechnik ganz vorn. Neben den reichhaltigen und in mehreren Etagen präsent aufgestellten Bücherbeständen stehen enorme Mengen elektronischer Medien aller Art zur Verfügung. Zahlreiche Anschlüsse in der Bibliothek geben Zugang zum Internet, die Ausleihe wie auch die Rückgabe der Bücher sind voll automatisiert. Einen besonders guten Eindruck machte die im Sousterrain untergebrachte Kinderbibliothek, die ebenfalls durch die Informationstechnoloige eine früher nicht geahnte Bereicherung erfahren hat.

Eine gut ausgebaute Bücherei für Blinde, die im Hause untergebracht ist, gibt dieser benachteiligten Bevölkerungsgruppe manche Chancen zur Teilnahme am geistigen Leben wie auch zur Abwechslung und Unterhaltung. Die Hörbücher (Kassetten) und die Bücher in Braille-Schrift erfreuen sich offensichtlich großer Beliebtheit.

Die GERMANIA JUDAICA – Bibliothek zur Geschichte des Judentums in Deutschland, von einem eingetragenen Verein aufgebaut und gefördert, ist heute ein integraler Bestandteil der Stadtbibliothek Köln und eine der besten Quellen für das wichtige Kapitel deutscher Geschichte.
 

Anne Krüger, Silke Seelhoff, Anne Simank, Dagmar Veckenstedt
und Engelbert Plassmann