Bibliotheken und Dokumentationseinrichtungen an Rhein und Ruhr

– Exkursionsbericht –

(Dieser Bericht ist ursprünglich veröffentlicht in der Zeitschrift Weitblick : Mitteilungsblatt
der Bibliotheken in Berlin und Brandenburg 5. 1999, H. 1/2, S. 28-31)

 

 

Eine Woche vor Beginn des Wintersemesters 1998/99 fuhr eine Gruppe von acht Studentinnen und Studenten unter Leitung von Prof. Plassmann nach Nordrhein-Westfalen, um fünf Tage lang Bibliotheken und Dokumentationseinrichtungen an Rhein und Ruhr zu besichtigen. Ziel war es, Einblick in die Tätigkeitsfelder und die aktuelle Situation von Bibliotheken und Dokumentationseinrichtungen verschiedenen Typs zu erhalten – diesmal in einem von Berlin weit entfernten Teil Deutschlands.

Die Exkursion begann in der Universitätsbibliothek Dortmund / Informationszentrum Technik und Patente. Von der Leiterin der Bibliothek erhielten wir zunächst allgemeine Informationen zu der im Jahre 1966 gegründeten, stark auf die technischen Fächer ausgerichteten UB Dortmund. Diese Bibliothek hat heute mehr als anderthalb Millionen Bände, eine Sammlung von DIN-Normen, VDI-Richtlinien und VDE-Vorschriften und beherbergt ein umfangreiches Patentinformationszentrum (PIZ). Daran schloss sich eine Führung durch die Räume der Bibliothek an. Schwerpunkt bildeten Informationen zum Einsatz der EDV. Die Bibliothek ist Mitentwickler des Zeitschriftenaufsatz-Lieferdienstes JASON und Supplier für die Datenbanken des DBI. Derzeit wird das Integrationssystem SIERRA (Erwerbung und Katalogisierung) eingeführt. Die Bibliothek ist Herausgeber der Broschüre „Digitale Bibliothek NRW" von ’97. Informationen zu dieser Broschüre finden sich auf der Homepage der Einrichtung.

Im Informationszentrum Technik und Patente wurde uns ein einführender Überblick zu Definition, Arten, Funktion und Verfahren der Anmeldung von Patenten sowie Aufgaben und Leistungen des Informationszentrums (Recherchen zum Stand der Technik in der Literatur und in deutschen und internationalen Online-Datenbanken, Informationen zu gewerblichen Schutzrechten, patentstatistische Analysen) gegeben. Ein Mitarbeiter erklärte uns anhand von Beispielen die internationale Patentklassifikation. Ihre einzelnen Hierarchiestufen sind sehr fein untergliedert (60.000 Klassen). Anschließend führte er uns durch das Magazin, in dem 6 Millionen Patentschriften archiviert werden. Wir haben uns neue und ältere Patentschriften angesehen. Die frühesten Patentschriften stammen aus dem 19. Jahrhundert, wie z.B. das Patent zu Lilienthals Flugmaschine. Zahlreiche Faksimiles schmücken die Räume des Informationszentrums. Bemerkenswert fanden wir die angewandte Technik der Juke-Box, die einen schnellen Zugriff auf eine Vielzahl von CD-ROMs ermöglicht. Zum Abschluss wurde uns eine Beispiel-Recherche in der Volltext-Datenbank PATOS vorgeführt.

Die nächste Station war die Fachhochschulbibliothek Bochum.

Die Bibliothek dient einer Hochschule, an der mehrere Ingenieurfächer und die Wirtschaftswissenschaft vertreten sind. Die Bibliothek ist mit der Fachhochschule im Jahre 1971 gegründet worden und verfügt heute über gut 100.000 Bände. Im Rahmen der fachlichen Ausrichtung auf die Ingenieurfächer sind die heutigen Schwerpunkte der Bibliothek Referenzdatenbanken, bei Grauer Literatur Volltextdatenbanken sowie die Lehrbuchsammlung.
Wichtige Tätigkeitsfelder sind mit Erfordernissen des Lehrplans koordinierte Schulungen und Beratungen in Anwendung der elektronischen Informationssysteme. Wichtiges Ziel ist die Heranführung der Studierenden und der Lehrkräfte an den Umgang mit Lern- und Simulationsprogrammen.

Es sei noch angemerkt, dass die Gruppe auf dem Weg zur FH-Bibliothek buchstäblich „im Vorübergehen" die Speicherbibliothek Bochum kennenlernte, richtig gesagt: von außen zu sehen bekam. Diese Einrichtung nimmt selten benutzte Bestände aus nordrhein-westfälischen Bibliotheken auf, um deren Platzmangel zu lindern.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen bei Familie Plassmann in deren Einfamilienhaus auf dem Universitätscampus ging es weiter in die Stadtbücherei Bochum, die in einem modernen Gebäude vom Anfang der achtziger Jahre und in sehr günstiger Lage mitten in der Stadt (gleich hinter dem Rathaus) untergebracht ist.

Dort erfuhren wir viel über die Situation einer Stadtbücherei nach der Umstellung von der fiskalischen auf die betriebswirtschaftliche Haushaltsführung. In einem Gespräch mit der Leiterin der Stadtbücherei über den Produktwirtschaftsplan der Einrichtung zeigten sich die Möglichkeiten stärkerer Selbstverantwortung, aber auch die Grenzen durch Konkurrenz-situation zu anderen öffentlichen Ressorts bei einer angespannten Haushaltslage.

Die Deutsche Zentralbibliothek für Medizin in Köln ist eine der vier Zentralen Fachbibliotheken für angewandte Wissenschaften in Deutschland. Mit gut 900.000 Bänden gehört sie zu den größten medizinischen Bibliotheken der Welt. Eine besondere Rolle spielt die Bereitstellung aktueller Fachzeitschriften (ca. 15.000, davon 8.000 laufende Abonnements). Mit fast 450.000 Fernleihwünschen im Jahr, von denen 95 % positiv erledigt werden, gehört die Bibliothek zu den leistungsfähigsten Fernleihbibliotheken; dass sie auch als Präsenzbibliothek der Kölner Medizinischen Fakultät stark genutzt wird, liegt auf der Hand und konnte von den Besuchern aus Berlin selbst beobachtet werden.

Ein großes Problem stellen – wie im gesamten wissenschaftlichen Bibliothekswesen überhaupt – die ständig steigenden Preise für Fachzeitschriften dar. Obwohl die Bibliothek Präsenzbibliothek ist und auch Monographien über Fernleihe zugänglich macht, besteht eine ihrer Hauptaufgaben im Versenden der Kopien von Zeitschriftenaufsätzen, heute auch per e-mail. Durch die hierbei erhobenen Gebühren erreicht die Bibliothek den für eine Einrichtung der öffentlichen Hand außergewöhnlich hohen Kostendeckungsgrad von 30 %. Die Bedeutung des Kopierdienstes und des Versands mit der Post nimmt immer mehr ab. Zum Einsatz kommen zunehmend neueste Scan-Technik und Übertragung per Telefax und über Online. Den Abschluss bildete eine Führung durch das neue Bibliotheksgebäude.

Hochschulbibliothekszentrum des Landes NW

Die ursprüngliche Aufgabe des HBZ, der Aufbau einer allgemeinen Verbunddatenbank für Hochschulbibliotheken in Nordrhein-Westfalen, hat sich im Laufe der Zeit zur Verbunddatenbank Nordrhein-Westfalen, der auch nicht-universitäre Bibliotheken angehören, erweitert. Ihre Aufgabe ist es, alle Datenbestände der Bibliotheken in NW (und des nördlichen Teils von Rheinland-Pfalz) in einem elektronischen Katalog (elektronischer Zentralkatalog) zu ordnen und zu verwalten. Die Eingabe erfolgt in den jeweiligen Bibliotheken, die Bearbeitung der Datensätze und Erstellung der Nachweise geschieht im HBZ. Die Zahl der elektronisch abrufbaren Nachweise beläuft sich mittlerweile auf über 7 Millionen Titel. Wie viele Einrichtungen im BID-Bereich steht auch das HBZ vor der Herausforderung, einen neuen Standort in der Informationslandschaft zu finden.

Da die Katalogisate inzwischen auch von Agenturen und Verlagen bereitgestellt und vermarktet werden können, die ebenso wie der Karlsruher Virtuelle Katalog und das Projekt Subito III eine erhebliche Konkurrenz darstellen, ist es notwendig, neue Tätigkeitsfelder als Alternativen oder Ergänzung zu erarbeiten. Weitere Möglichkeiten erhofft man sich durch den neuen Verbund OLIVER. Eine Chance besteht in der Lieferung von zusätzlichen Daten zu Beständen aus lokalen Einrichtungen. Diese können z.B. Angaben über den Status der Medieneinheit (Verleihbarkeit etc.) enthalten.

Nächste Station: Fachhochschule Köln, Fachbereich Bibliotheks- und Informationswesen

Am Anfang stand eine Führung durch die Bibliothek der Fachhochschule, Bereichsbibliothek Bibliotheks- und Informationswesen, mit ca. 55.000 Bänden eine der größten Fachbibliotheken dieses speziellen Gebiets. Thema des anschließenden Gesprächs mit dem Prodekan Prof. Gödert war die Umstrukturierung der Stundenpläne und die neuen Studiengänge Bibliothekswesen und Informationswirtschaft. Um den aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt zu entsprechen, findet eine Verlagerung des Schwerpunkts der Ausbildung von der Dokumentarausbildung auf den Bereich Information statt (Themen sind u.a.: Informationswissenschaft, Informations- und Dokumentationstechnik, Informationsmarketing). Dafür wurde der Stundenplan für den Studiengang Bibliothekswesen ebenfalls entsprechend neu strukturiert.

Bibliothek des Landtags NW in Düsseldorf

Der Landtag Nordrhein-Westfalen verfügt über ein architektonisch bemerkenswert gestaltetes Gebäude, das die Lage unmittelbar am Rhein einbezieht und nutzt. Wir wurden über die Aufgaben und Funktionen einer Landtagsbibliothek informiert, die von zahlreichen Sonderdiensten wie z. B. der laufenden Presseinformation für die Abgeordneten geprägt ist. Dem schloss sich eine Führung an, bei der uns besonders die Gepflegtheit und die gute Ausstattung des Lesesaals auffielen, aber auch manches andere wie z.B. die ausgedehnte Kompakt-Anlage.

Letzte Station: Stadtbibliothek Köln

Sie ist eine gut ausgestattete moderne Dienstleistungseinrichtung mit z.Z. gut 1,1 Mio. Medieneinheiten. Sie umfasst außer der Zentralbibliothek 13 Zweigbibliotheken und vier Fahrbibliotheken sowie eine Blindenhörbibliothek. Die Einrichtung finanziert sich auch durch Eigeneinnahmen, z.B. durch ein großes Angebot an Rechercheleistungen sowie Sponsoring. Alle Fachetagen sind mit CD-ROM-Arbeitsplätzen ausgestattet. Der Bestand an CD-ROM umfasst ca. 1.000 Stück (u.a. aktuelle juristische Datenbanken z.B. die NJW-Leitsatzkartei, Firmeninformationen z.B. MARKUS-Profile von über 700.000 deutschen und österreichischen Firmen). Die Bibliothek ist ebenfalls Standort der Germania Judaica (Kölner Bibliothek zur Geschichte des Deutschen Judentums e.V.); mit einem Bestand von 40.000 Bänden handelt es sich um die größte Sammlung auf diesem Gebiet in der Bundesrepublik.

Durch die Exkursion lernten wir die Arbeit moderner Bibliotheks- und Dokumentations-einrichtungen in Nordrhein-Westfalen kennen. Wir erfuhren viel über den sich vollziehenden Wandel im BID-Bereich. Durch die Eindrücke und Erfahrungen der Exkursion veranschau-lichte sich uns das aktuelle Tätigkeitsspektrum in Bibliotheken und Dokumenmtationsstellen und ergänzte so das Studium an der Humboldt-Universität.

        Claudia Ebert
        Karsten Reinhardt