Ubiquitäres
Know-How
Die Vorstellung des Lehr- und Forschungsprogramms
von Professor Peter Schirmbacher am 25. Januar 2005 im Studentischen
Kolloquium am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft
(SKIB)
notiert von Ben Kaden
und Manuela Schulz
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(5 Seiten, 95 kB)
Es ist viel passiert während der
letzten Jahre am IB und der Frühlingswind, der seit einigen
Monaten das auf den ersten Blick vielleicht etwas gealtert
wirkende Cremer/Wollfensteinsche Gebäude in der Dorotheenstraße
durchweht, hat am 25. Januar wieder an Stärke zugelegt.
Bevor zum Herbst die Eckprofessur besetzt
wird, erweitert sich das Spektrum der am Institut stattfindenden
Lehre und Forschung schon – sozusagen vorbereitend –
zum Sommersemester 2006. Die Ursache hierfür liegt in
der Berufung von Professor Dr. Peter Schirmbacher für
den Bereich Informationsmanagement.
Dies klingt zunächst einmal thematisch unspektakulär,
wer aber das dahinter verborgene Themenspektrum vor Augen
hat und dieses z.B. mit dem Henzlerschen Standardwerk zur
Information und Dokumentation von 1992 vergleicht, sieht,
dass sich an dieser Stelle in den vergangenen 10-15 Jahren
ganz fundamentale Verschiebungen (Stichwort: Elektronisches
Publizieren, Open Access) vollzogen haben. Da davon auszugehen
ist, dass sich die angestoßenen Trends in den nächsten
Jahren ähnlich intensiv fortsetzen, wird man am Ende
froh sein, einen solch allgemeinen und damit auch in gewisser
Weise alterungsbeständigeren Überbegriff gewählt
zu haben.
Die Grundidee ist jedenfalls universell und
im Prinzip ein Urelement der menschlichen Kommunikation: die
des Sammelns, Erschließens, Ordnens und Verfügbarmachen
bzw. Verfügbarhalten von Informationen als Repräsentationen
eben dieser Kommunikationsprozesse sowie natürlich die
Organisation der dafür notwendigen Vorgänge. Daher
steht das Informationsmanagement genuin in enger Verbindung
zur Bibliothekswissenschaft, auch wenn definitorisch streng
genommen – ausgehend z.B. vom Information Resources
Management (IRM) in Folge des Paperwork Reduction Act –
eher technische Aspekte im Zentrum stehen.
Da Professor Schirmbacher parallel zu seiner
Professur am Institut als Leiter des Computer- und Medienservice
(CMS) der Humboldt-Universität tätig ist, werden
in seinen Lehrveranstaltungen und Forschungsprojekten sicherlich
diese technisch-anwendungsbezogenen Gesichtspunkte eine größere
Rolle als die terminologisch-historische Reflexion spielen.
Entsprechend war ein Ziel des SKIBs vom 25.
Januar auch die Relativierung mancher grundsätzlicher
Bedenken, die bei dem einen oder anderen eher geisteswissenschaftlich
ausgerichteten Studierenden des Instituts u.U. vorlagen.
Diese Form von Rückkopplungsbedarf bzw. eine Diskussion
mit den potentiellen studentischen Nutznießern des erweiterten
Studienangebotes am Institut, war ein grundlegendes Anliegen
von Professor Schirmbacher und entsprechend Auslöser
der Diskussionsrunde, die durchaus als gut gelungen und fruchtbar
einzuschätzen ist.
Deutlich wurde dies nicht zuletzt an der Begeisterung und
exzellenten Stimmung der Studierenden bei der geselligen Runde
im Anschluss im üblichen Lokal in der Universitätsstraße,
wo die ohnehin recht lockere Gesprächsatmosphäre
noch ein wenig informeller wurde.
Wer ist nun dieser Professor Schirmbacher,
der seit 1. Januar zum Institut gehört und wie stellt
sich sein Programm dar?
Das Interesse an einer verstärkten Zusammenarbeit
des CMS (bis 2001 „Rechenzentrum“) mit dem Institut
für Bibliothekswissenschaft bestand für Professor
Schirmbacher schon längere Zeit und zwar aus der schlichten
Überlegung heraus, dass es grundsätzlich Überschneidungen
zwischen Bibliothekswissenschaft und dem Informationsmanagement
gibt, deren Potential unbedingt aktiviert werden sollte.
Dabei besteht Kooperationspotential nicht
nur auf der fachlichen, sondern auch auf der personellen Ebene.
Entsprechend möchte das CMS den Kontakt mit den Studierenden
besonders mit der Einbeziehung in die zahlreichen laufenden
Projekte nutzen und die Forschung z.B. im Zusammenhang mit
der Themenvergabe für Abschlussarbeiten transparenter
gestalten und näher an den Bereich der Lehre heranrücken.
Das Studium der Organisation der Informationsverarbeitung
an der Humboldt-Universität zu Berlin absolvierte der
Diplomwirtschaftler in den Jahren 1970-1974. Im Anschluss
war Peter Schirmbacher Mitarbeiter am Rechenzentrum der HU
sowie in der Akademie der Wissenschaften (DDR). Unter anderem
organisierte er dort die DV-Unterstützung der Verwaltung.
Innerhalb der nun seit 16 Jahre langen Tätigkeit als
Leiter des CMS kann er auf zahlreiche Kooperationen und Projekte
zurückblicken. Der Name „CMS – Computer-
und Medienservice“ übrigens, den das ehemalige
Rechenzentrum seit 4 Jahren trägt, impliziert die Überzeugung,
dass das bloße „Rechnen“ (im Sinne des Computing)
nicht dem gegenwärtigen Verständnis einer solchen
Einrichtung entspricht. Vielmehr soll das CMS an der HU als
umfassende Serviceeinrichtung für Lehre und Forschung
wahrgenommen werden. Die am Multimedia Lehr- und Lernzentrum
im CMS arbeitende Initiative e-Kokon – e-Kompetenz im
Kontext, das das Lernmanagementsystem LMS Moodle, den Objektmanager
mneme in einer Brückenfunktion für Forschung und
Lehre vereinigt, sowie der edoc-Server, der Dokumenten- und
Publikationsserver, sind nur einige der die Lehre und wissenschaftliche
Publikation an der HU unterstützende Instrumente bzw.
Portale.
Neben der Tätigkeit im CMS und am hiesigen
Institut vertritt Peter Schirmbacher verschiedenste Ämter,
so ist er z. B. Mitglied im ZKI (Zentren für Kommunikation
und Informationsverarbeitung in Forschung und Lehre e.V.),
Sprecher des Vorstandes der Deutschen Initiative für
Netzwerkinformation (DINI)
, in dem Bibliotheken, Rechenzentren und Medienzentren von
wissenschaftlichen Einrichtungen (etwa 100 Institutionen)
Mitglieder sind. Außerdem ist er im DFG – Ausschuss
für Informationsmanagement und im Beirat für DissOnline
der Deutschen Bibliothek. Einen umfassenden Überblick
über Ämter und Mitgliedschaften sowie zu den nationalen
und internationalen Projekten gibt diese Webseite : www.schirmbacher.de
Das Forschungsprofil der Professur
für Informationsmanagement setzt auf drei, miteinander
verwobene Schwerpunkte: Elektronisches Publizieren, die Digitale
Bibliothek und eLearning sowie Informationsmanagement und
e-Science.
1. Elektronisches Publizieren
Hier ist der Aufbau eines Kompetenzzentrums
für Elektronisches Publizieren geplant. Die verstärkte
Auseinandersetzung mit der Open-Access-Bewegung (http://edoc.hu-berlin.de/browsing/cms-journal/)
soll auch hier voran gebracht und Weiterentwicklungen realisiert
werden. Die in dem Zusammenhang angesiedelten Projekte sollen
Studierende des IB einbeziehen.
2. Digitale Bibliothek / eLearning
Schwerpunkt ist die Beschäftigung
mit eLearning-Konzepten wie DoD, e-Kokon oder dem europäischen
Projekt COVCELL (Cohort- Oriented Virtual Campus for Effective
Language Learning). HyperImage soll auch hier weiterentwickelt
werden, das gänzlich neue, innovative Wege zur durchgängig
kollaborativen Zusammenstellung, Bearbeitung, Publikation,
Archivierung und Nachnutzung von Bildcorpora erschließt
und zum Ziel hat, die Arbeit an, in und mit bildorientierten
Netzwerken zu fördern.
3. e-Science / Informationsmanagement
Das beim Elektronischen Publizieren immer
bedeutender werdende Identitätsmanagement, zu dem z.B.
elektronische Signaturen gehören, soll Gegenstand der
Forschung sein. Wissensmanagement als Methode der Wissensgenerierung
gerade für Informationseinrichtungen aller Art, stellt
eine weitere Herausforderung für diesen Forschungskomplex
dar.
Die Mitarbeit im Zentrum für „Ubiquitäre
Information“ , bei dem über zwanzig interdiziplinäre
Professuren konzeptuell, konstruktiv und analytisch Systeme
erforschen, wie die neue Dynamik von Daten, Diensten und
Prozessen für komplexe Anwendungen nutz- und handhabbar
gemacht werden kann, ist ein weiteres wichtiges Forschungsfeld,
das sicher auf den Umgang der Bibliotheken mit Informationen
großen Einfluss haben wird. Interessant sind dabei
die gesellschaftlichen, juristischen und ökonomischen
Implikationen für mobiles Handeln und Leben.
Die bestehende Arbeitsgruppe für den
edoc-Server, eine Kooperation aus Mitarbeitern des CMS und
der Universitätsbibliothek der HU, soll um studentisches
Personal erweitert werden, das bevorzugt am Institut gesucht
wird.
In der Lehre werden sich
die genannten Interessen- und Forschungsschwerpunkte deutlich
niederschlagen, wobei in den Seminaren eine tatsächliche
Anbindung der Studierenden an die Forschung erfolgen soll.
Im Sommersemester 2006 wird es einerseits
eine – nicht allzu sehr in die rechentechnischen/informatikspezifischen
Details hineingreifende, wie Professor Schirmbacher auf Nachfrage
versicherte – Vorlesung zum „Elektronischen Publizieren“
geben.
Als sehr spannend stellt sich das Projekt
zum Thema „Open Access an der Humboldt-Universität“
dar. Hinter diesem steht die seit 2005 existierende Open-Access-Initiative
am CMS, in deren Rahmen gezielt Wissenschaftler der Humboldt-Universität
für das Elektronische Publizieren motiviert und beim
Elektronischen Publizieren begleitet werden sollen. Diese
„Akquise“ und Begleitung soll im Rahmen des Projektseminars
von Studierenden des Instituts übernommen werden. Neben
dem Kontakt zu den Wissenschaftlern werden hier am praktischen
Beispiel grundlegende Aspekte des Elektronischen Publizierens,
besonders vor dem Hintergrund der Open-Access-Bewegung, vermittelt.
Für das Wintersemester 2006/2007 werden
eine Vorlesung zum „Informationsmanagement“ und
ein Hauptseminar „Medienneutrales Publizieren mit XML“
für die stärker technisch orientierten Studierenden
am Institut angeboten.
Neben Professor Schirmbacher treten drei weitere
Mitarbeiter des CMS in diesen Veranstaltungen aktiv in Erscheinung,
u.a. die bereits am Institut als Lehrbeauftragte tätigen
Susanne Dobratz und Matthias Schulz.
Zwei kleine Wermutstropfen bleiben am Ende
im Rückblick auf diese ansonsten rundum gelungene Veranstaltung:
Der erste ist, dass sich leider nur zwei Studierende aus dem
Bachelorprogramm eingefunden hatten, wo doch diese Gruppe
von dem Zuwachs längerfristig vermutlich am intensivsten
profitieren wird und der zweite, ganz persönliche, dass
sich für den Großteil der Anwesenden die Studienzeit
demnächst gen Ende neigt und sie daher ein wenig wehmütig
auf die spannenden Dinge, die hier ihr Kommen ankündigen,
an denen sie jedoch vermutlich nicht mehr teilhaben werden,
blicken.
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