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10 Gebote und ein Vortrag
Ein Vortrag im BBK zu "Neuen Bibliotheken in Berlin und Brandenburg - Impressionen und Reflektionen" am 01. November 2005

beobachtet und protokolliert von Ben Kaden und Bastian Zeinert

(04. November 2005)

Da Berlin mit dem Foster-Bau wieder bibliotheksarchitektonisch im Gespräch und entsprechend auch in allen Feuilletons und Architekturjournalen vertreten ist, erschien es naheliegend, sich auf diesen Standortvorteil zu besinnen, und das Berliner Bibliothekswissenschaftliche Kolloquium im Wintersemester 2005/06 mit einem passenden Vortrag zu eröffnen.

Außergewöhnlich war diesmal die Kooperation mit dem Verein Deutscher Bibliothekare e.V. (VDB), was im Resultat bedeutete, dass sich eine seltene Ballung an Leistungsträgern aus der Bibliothekspraxis inklusive der Direktoren der Berliner Universitätsbibliotheken in der Saur-Bibliothek zusammenfand.

Ein Eklat schien bei dieser Konstellation schon unabhängig vom Vortragsthema vorprogrammiert, blieb aber entgegen der Erwartung weitgehend aus.

Dies ist etwas überraschend, da doch der Referent Prof. Dr. Ulrich Naumann selbst einer der hohen Herren ist und mit seinen Impressionen und Reflektionen zu neuen Bibliotheken in Berlin und Brandenburg durchaus so manches Mal in empfindliche Bereiche vorstieß.


Prof. Dr. Ulrich Naumann im BBK

Relativ früh wurde auch dem ahnungslosen Gast deutlich, dass hier eher der Bibliothekspraktiker am Werk ist, denn anstelle der sonst häufig thematisierten Ergebnisse des architektonischen Ausdruckswillens, die bei den darstellten Häusern „Volkswagen Universitätsbibliothek“, „The Berlin Brain“, „IKMZ Cottbus“ und dem Dudler-Entwurf für das Brüder-Grimm-Zentrums die mehr oder weniger im Zentrum der Aufmerksamkeitsmärkte stehen, ging es an diesem Abend doch primär um die Funktionalität eines Hauses und wie diese durch die Formgebung unterstützt wird bzw. werden sollte.

Der Standpunkt von Prof. Naumann ist dabei eindeutig: die Formgebung des Architekten muss die funktionalen Anforderungen der Bibliotheksnutzung unterstützen.

Da man zu dieser These auch bequem (und kontrovers) habilitieren könnte, was in den anderthalb Stunden BBK aber nicht wirklich machbar ist, griff der Referent auf die berühmte Volte der einschränkenden Zweitüberschrift „Impressionen und Reflektionen“ zurück, die mehr Argumentationsfläche für Vermutungen, Annahmen und persönliche Eindrücke zulässt.

Dieses und der gewohnt pointierte Vortragsstil von Prof. Naumann sorgten als positiver Nebeneffekt dafür, dass die Aufmerksamkeit seines Auditoriums nahezu über die gesamte Zeit auf auch für das BBK ungewohnt hohem Niveau war.
„Die gesamte Zeit“ bedeutet in diesem Fall mehr als die veranschlagten anderthalb Stunden, denn einerseits die Materialfülle und andererseits – ein weiterer geschickter Kunstgriff – die Gefahr unangenehmer Diskussionen machten eine ausgesprochen umfängliche Präsentation notwendig, wobei der Referent die Intention dieses Schachzugs unumwunden zugab.

Wer Prof. Naumann schon einmal zum Thema Bibliotheksbau erleben durfte, kennt den Namen seines Steckenpferdes: Harry Faulkner-Brown (www.faulknerbrowns.co.uk).

Dieser u.a an Bibliotheksbauten wie der Nottingham University Library (heute Hallward Library) aus dem Jahre 1973 oder auch der Stratford Library beteiligte Architekt und Propagandeur des Prinzips der Flexibilität hat einst die „10 Gebote“ des Bibliotheksbaus formuliert.

Bevor jedoch die Aufmerkamkeit des Auditoriums durch den Regelkreis der Gesetze des Bibliotheksbaus hindurchrotiert wurde, gab es einem kurzen einführenden Abstecher zur grundsätzlichen Beziehung von Form und Funktion.

Diese wurde eindrucksvoll anhand der vielfältigen Erscheinungsformen von Schuhwerk, angefangen von Ötzis Grasschuhen über allen Freunden der Militärparaden gut bekannten „Knobelbecher“ (=blank gewichste Schaftstiefel) hin zu den orthopädisch höchst interessante Fußformen hervorbringenden High End High Heels aus dem Hause Manolo Blahnik, demonstriert.

Die ideale Verbindung von Form und Funktion – zumindest wenn man die Unterstützung des bequemen, die Physis des Menschen also nicht missachtenden, Gehens als Funktion eines Schuhwerks ansieht – fand sich in den Alpenwanderschuhen aus grauer Vorzeit.

Entsprechend kumuliert der Zusammenhang in dem tradierten und dennoch offensichtlich nicht unbedingt jedem Architekten (und Schuster) allzu geläufigen Wort „form follows function“, wobei die umgekehrte Variante im Prinzip auch richtig sein kann, allerdings nicht immer zum Wohle des Menschen.

Im Gegensatz zu Schuhen, die neben der bewegungsunterstützenden Funktion auch eine disziplinierende oder erotisierende Wirkung übernehmen können, also funktional mehrdeutig sind, steht für Bibliotheken in der Regel nur eine Hauptfunktion:
die der Nutzbarmachung von Literatur. Ein Bibliotheksbau stellt dafür den physischen Rahmen dar und dieser kann ausgesprochen vielgestaltig sein.

So lässt sich als erste These aus dem Vortrag festhalten:

1. Es gibt keine spezifische Bibliotheksform, vielmehr finden sich Amöbe, Brain, Nürnberger Trichter und Parkhaus gleichermaßen.

Da „Nutzbarmachung“ ein relativer breiter Begriff ist, gilt es Eigenschaften dieses Prozesses zu separieren, wobei der Italiener Leopoldo della Santa in seiner 1816 veröffentlichen Programmschrift Della costruzione e del regolamento di una pubblica universale biblioteca eine Dreitteilung in Verwaltung- , Magazin- und Nutzungsbereich als idealtypische bauliche Entsprechung für die auftretenden Aspekte Sammlung und Erschließung, Speicherung und der Bereitstellung der Bibliotheksbestände für die Nutzung festschrieb.

Dies war lange Zeit maßgeblich, scheint aber im Zeitalter des digitalen (dematerialisierten) Informationsflusses etwas überholt. Nur noch wenige aktuelle Bibliotheksbauten eifern dem della Santaschen Ideal nach und zumindest der Drang, möglichst wenig im Magazin- und viel in Freihandaufstellung vorzuhalten, hat sich auf breiter Front durchgesetzt. Solche Bibliotheken nennt man offen. Passend dazu lautet die zweite These des Vortrags:

2. Es gibt immer weniger klassisch 3-geteilte Bibliotheken. Es werden öfter "offene Bibliotheken’ gebaut.

Zugänglichkeit zum Regal ist etwas sehr schönes, allerdings schon selbstverständlich und entsprechend entwickeln die Nutzer der Universitäten neue Bedürfnisse hinsichtlich der Medienrezeption und vor allem auch der kommunikativen Elemente des Lernprozesses, wobei die Entwicklung digitaler Medien und Kommunikationsmöglichkeiten diese Entwicklung maßgeblich fördert.

Die Arbeit in Bibliotheken wird zunehmend zum sozialen Akt, der Lernprozess wird in Kleingruppen gestaltet. Die Bibliothek erfährt eine Transformation fort von der passiven Medienbereitstellungsinstitution hin zu einem aktiven und aktivierenden Lernort. So steht als dritte These:

3. Der Trend geht immer mehr von Bibliotheksbauten mit genuinen (klassischen) Bibliotheksfunktionen weg und hin zu Multifunktionsbauten à la IKMZ oder auch „Learning Resource Centers“.

Von diesen drei Grundthesen erfolgte nun ein Parforceritt durch die Welt der Faulkner-Brownschen Ideale, wobei sich diese eigentlich nur in Ausnahmefällen umfassend verwirklicht finden lassen. Dabei scheinen sie doch so simpel zu sein:

1. flexibel (flexible) mit einem Grundriss, einer Struktur und mit Diensten, die sich leicht aufeinander abstimmen lassen,

2. kompakt (compact) zur Erleichterung des Verkehrs (der Bewegung) von Lesern, Personal und Büchern,

3. zugänglich (accessible) von außen in das Gebäude und vom Eingang zu allen Einrichtungen im Hause, mit Hilfe eines leicht verständlichen Plans, der nur ein Mindestmaß an ergänzenden Hinweisen nötig macht.

4. erweiterungsfähig (extendible) um spätere Vergrößerungen bei minimalen Abbrucharbeiten zu ermöglichen,

5. veränderbar (varied) um in der Anordnung und Einrichtung für die Unterbringung von Büchern und für die Leserdienste weitgehende Freizügigkeit möglich zu machen,

6. gut organisiert (organised) um quasi zwangsläufig den guten Kontakt zwischen Büchern und Lesern zu bewirken,

7. bequem (comfortable) um eine wirkungsvolle (effiziente) Benutzung zu fördern,

8. konstant gegenüber Umwelteinflüssen (constant in environment) zur Erhaltung (Schutz) des Bibliotheksmaterials,

9. sicher (secure) um das Verhalten der Benutzer und das evtl. Abhandenkommen von Büchern zu kontrollieren,

10. wirtschaftlich (economic) um sie mit geringstem finanziellen und personellen Aufwand zu bauen und zu unterhalten,


Theoretisch hat der Bibliotheksplaner hiermit eine Leitlinie zur Hand, die einleuchtet und aufgrund ihrer Simplizität leicht umzusetzen sein sollte. In der Praxis sieht dies aber dann doch oft anders aus. So ist der Zugang zu Bibliothek manchmal etwas versteckt (Cottbus) oder von der „Kunst am Bau“ verdeckt (TU, Die Deutsche Bibliothek), durch die räumliche Gestaltung nicht unbedingt eindeutig (British Library) oder nur mit größten Mühen und Insiderwissen zu erreichen (BnF).

Beispiele für eine gute Lösung sind für Professor Naumann der Scharoun-Bau der Staatsbibliothek, sowie die Zentralbibliothek Naturwissenschaften der Humboldt-Universität.

Unter dem Gesichtspunkt der Erweiterungsfähigkeit ist das Cottbusser Gebäude von Herzog & de Meuron ein Vorzeigenegativbeispiel, wobei hier immerhin theoretisch noch städtische Freiräume in Gebäudenähe vorzufinden sind. Der Entwurf der Architekten ist jedoch bei aller Transparenz als in sich geschlossen zu sehen.

Das Gebäude des „Berlin Brain“ ist als Parallelbeispiel dagegen so in seine Umgebung eingebunden, dass sinnvolle Erweiterung kaum möglich scheint. Auch hier ist der Entwurf eher auf Geschlossenheit hin ausgelegt.

Auch beim Bauplatz des Brüder-Grimm Zentrums der Humboldt-Universität bleibt wenig Spielraum für mögliche Expansionen.

Die Flexibilität schließlich wird bei der Gestaltung innerhalb eines Bibliotheks-gebäudes von einer baulich festgelegten Verteilung von unterschiedlichen Nutzungsbereichen eingeschränkt.

So ist z.B. im „Berlin Brain“ die Anordnung der Nutzerarbeitsplätze in einer Form gegeben, die im Prinzip keine Variation zulässt. Auch in diesem Bereich sammelt die Bibliothek der TU durch ihre Containerform und einer durchgängigen Deckentraglast auch für schwere Buchbestände Pluspunkte.

Zum Aspekt der Bequemlichkeit gab es zur lernen, dass der optimale Lärmpegel für konzentriertes geistiges Arbeiten bei ca. 50-60 Dezibel liegt, die Arbeitsplatzbeleuchtung möglichst anpassbar, sowohl in der Leuchtrichtung wie auch in der Leuchtkraft, sein sollte, die Raumhöhe einen nicht vernachlässigbaren Einfluss auf das Wohlbefinden hat und all dies natürlich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der diversen Nutzergruppen (Bachelor-Studierende, Master-Studierende, Promovenden und postgradual wissenschaftlich Arbeitende) angepasst werden muss. Der simple Faulkner-Brownsche Ansatz entpuppt sich bei näherer Differenzierung quasi für jeden bibliotheksplanenden Architekten als Teufel, der im Detail steckt.

Ein nettes Detail, welches Prof. Naumann mit einstreute, ist die Beobachtung, dass Studienanfänger nicht selten mit einer zwischen Ehrfurcht und Bibliotheksangst schwankenden Stimmung und daher mit häufig demütig gesenktem Haupt durch die Bibliothek streifen und es sich entsprechend anbietet, die Orientierungselemente bodennah anzubringen. Ein Hinweispfeil an der Decke wird u.U. gar nicht wahrgenommen, das Wort "Ausgang" auf den Boden gemalt in diesem Fall aber mit großer Freude rezipiert.

Obwohl der Refernt schon einleitend darauf hinwies, dass er auf eine erregte Diskussion nicht gerade brennt, ließen sich einige Zuhörer die Chance zum Nachfragen nicht nehmen.

Professor Umstätter sprach z.B. gleich den (nicht nur von ihm) beobachteten Trend zur Nutzung von Bibliotheksräumlichkeiten für Gruppenarbeiten an, also die ab und an als “vom Arbeitsort zum Lernort” bezeichnete Entwicklung.
Professor Naumann offenbarte sich erst als unentschieden, später aber deutlich wahrnehmbar als eher ablehnend gegenüber dieser nicht selten als Chance für die Bibliotheken gelabelten Mehrwertfunktion.

Sein Argument zielt dahin, dass es sich bei dieser Nutzungsform, bei der die Medien eher sekundär gesehen werden, um eine neue Funktionalität handelt, die nichts mit den genuinen Aufgaben einer Bibliothek zu tun hat. Die Arbeitsflächen für das Lernen im Team müssten seiner Meinung nach von der Universität selbst geschaffen und nicht einfach in den Aufgabenbereich der Bibliotheken gelagert werden.

Dem Einwand, dass er von einen zu engen Bibliotheksbegriff ausgehe, begegnete der Referent mit dem Hinweis, dass für ihn der Bibliotheksdirektor der Bibliotheksnutzer im Zentrum sieht. Die Studierenden sind entsprechend für ihn vorrangig im Hinblick auf die Literaturversorgung von Bedeutung, das gesamte Lern- und Studienleben kann und soll eine Bibliothek nicht gestalten.

Milan Bulaty, Direktor der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität, wies schließlich auf das seiner Meinung nach große Defizit des Vortrags hin: die Ausklammerung des „Ästhetischen“ .

Mit einem Seitenhieb auf die Hochschulneubauten der 1960er und 1970er Jahre, vorzugsweise in Nordrhein-Westfalen, die zwar hochfunktional aber aus der ästhetischen Warte mit nur sehr eingeschränkten Qualitäten ausgestattet seien, unterstrich er seine Auffassung, die den Aspekt des Ästhetischen mindestens gleichberechtigt mit dem des Funktionalen sieht.

Die Replik des Referenten griff auf das Argument zurück, dass es gerade in der Ästhetik einen Pluralismus der Auffassungen und keine allgemeinverbindlichen Ansichten gäbe.

Es wäre natürlich aufregend gewesen, eine philosophische Diskussion zum Geschmacksurteil ausufern zu sehen, aber angesichts des fortgeschrittenen Abends und der Tatsache, dass ohnehin schon überzogen wurde, blieb dieser Aspekt unbefriedigenderweise nur angeschnitten stehen, ein bisschen wie das anlässlich der inoffiziellen Begrüßung von PD Dr. Hildrun Kretschmer als neue Mitarbeiterin am Institut aufgetafelte Büfett, welches als Ausklang des BBK-Abends gedacht war, zu dem sich leider – trotz expliziter Einladung – kaum einer der institutsexternen Besucher verirrte.

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