Gemischtes
Doppel: Tenure und Reference
Zusammenfassung des Besuchs
von Richard E. Stern am IB (am 02. November 2004)
von Ben Kaden unter Mitarbeit
von Bastian Zeinert

Richard E. Stern im BBK: co-viewing at the writing pad
Seton Hall ist eine eher kleine
katholischem Universität in Orange County/New Jersey,
die, wenn es denn welche gäbe, als geographisch vor den
Toren New Yorks liegend bezeichnet werden könnte. (weitere
Fakten siehe Kasten unten)
Das, was die am Dienstag bei
der Diskussion bzw. im Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquium
Anwesenden von nun an mit Seton Hall verbinden werden, ist
das Bild eines enthusiastischen, aufgeschlossenen und ausgesprochen
innovativen Reference Librarians namens Richard E.
Stern, dessen fachlicher Fokus auf zwei Dinge gerichtet ist:
1. die Messbarkeit von „Scholarship“
(wobei die deutsche Übersetzung „Gelehrsamkeit“
eher unzureichende Assoziationen weckt.)
2. die Verbesserung des Ablaufs von Auskunfts- bzw. Reference-Dienstleistungen
in der Bibliothek.
1. Take a measure,
analyze it, what is the meaning of that – Messbarkeit
von Scholarship
„Scholarship“
spielt beim so genannten „Tenure Track“
eine wichtige Rolle.
Bei „Tenure“ denkt so mancher vielleicht an John
Kenneth Galbraiths Buch A Tenured Professor und wer
das Buch kennt, weiß auch, was sich hinter „tenure
track“ verbirgt. An amerikanischen Universitäten
ist „Tenure“ eine Art Beschäftigungsgarantie
für Hochschullehrer.
Nach einer Evaluation, die „Tenure-Track“ genannt
wird und auch als Form von Initiationsritus verstanden werden
kann, erhält der ausreichend positiv evaluierte Professor
eine lebenslange Anstellung an der Universität. Das Verfahren
lässt sich als Mittel zur Sicherung der „Freiheit
der Wissenschaft“ verstehen und soll willkürlichen
Entlassungen z.B. als Folge unpopulärer Erkenntnisse
vorbeugen.
In der Umsetzung ist es mit der aus vielerlei Berufspraxis
bekannten Probezeit zu vergleichen, nur das diese beim „tenure-track“
so um die 5 Jahre dauert und eine völlige Durchleuchtung
der sämtlicher Arbeit eines Hochschullehrers der Gewährung
des „tenure grants“ vorausgeht im Gegenzug aber
eine Lehrberechtigung auf Lebenszeit garantiert.
Ein Tenure-Aspirant muss
vom Departement vorgeschlagen werden, erfährt seine „Durchleuchtung“
durch ein „tenure review committee“ und
wird schließlich vom entsprechenden Hochschulpräsidenten
in den Kreis der „senior hires" aufgenommen.

T-Shirt aus der Heimat:
Representing Seton Hall |
Ein paar schnelle
Fakten zur Seton Hall University -
Die Seton Hall Universität wurde 1858, von Bischoff
James Roosevelt Bayley, gegründet. Das Universitätsgelände
befindet sich in der kleinen Stadt South Orange, New
Jersey. Diese liegt 14 Meilen entfernt von New York
City. In der Geschichte von Seton Hall spielt die katholische
Tradition eine große Rolle.
Dies zeigt sich auch in dem auf der Homepage proklamierten
Leitbild: „Seton Hall University is a major Catholic
university. In a diverse and collaborative environment
it focuses on academic and ethical development. Seton
Hall students are prepared to be leaders in their professional
and community lives in a global society and are challenged
by outstanding faculty, an evolving technologically
advanced setting and values-centered curricula.“
- An der Seton Hall Universität studieren ungefähr
4,800 undergraduate und 6,000 graduate Studenten.
- Der Campus umfasst eine Fläche von ~25 Ha, auf
der sich 35 Gebäude verteilen.
- Die Universität von Seton Hall beherbergt acht
Colleges:
„The College of Arts and Sciences, the W. Paul
Stillman School of Business, the College of Education
and Human Services, the College of Nursing, the Immaculate
Conception School of Theology, the School of Graduate
Medical Education, the School of Diplomacy and International
Relations, and University College. Seton Hall’s
School of Law is located in Newark.“
Um sich noch eingehender zu informieren
empfehlen wir die Homepage der Seton
Hall Universität.
Die Bibliotheken werden auf der folgenden Seite näher
beschrieben. Es ist auch möglich einen virtuellen
Rundgang durch die Bibliotheken zu machen.
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Richard E. Sterns Überlegungen setzen bei der „Durchleuchtung“
an. Dass man sich dabei nicht auf Montgomery Marvins Index
of Irrational Expectations (IRAT) – um Galbraiths
Buch noch einmal aufzugreifen - sondern auf wissenschaftlich
fundierte Maßzahlen verlassen kann, um eine annähernd
objektive Entscheidung treffen zu können, steht als Prämisse
hinter dem Forschungen seines Sabbaticals.
Drei Faktoren spielen eine
Rolle: teaching, service und scholarship.
Ihn interessiert ganz grundlegend, inwieweit Scholarship
messbar ist und in welcher Weise man die Ergebnisse solcher
Quantifizierung wissenschaftlicher Aktivität in den tenure
review process einfließen lassen kann.
Das Problem wäre geringer, wenn die Beurteilung der Scholarship
durch Professoren, die auf dem gleichen Fachgebiet wie der
zu Beurteilende tätig sind, erfolgen würde.
Dies ist aber nur selten der Fall. In der Regel – so
Stern – erfolgt die Beurteilung durch den Forschungsbereich
eher fern stehende Evaluatoren. Daher ist es notwendig, Kriterien
zu formulieren, mit denen sich Scholarship auf einer
objektiveren bzw. abstrakteren Ebene beurteilen lässt.
Da Publikationen das Grundelement der Wissenschaft sind, bieten
sich natürlich Publikationen als Gegenstand einer Analyse
an. Tatsächlich geht es weitgehend um Kriterien, die
in Zusammenhang mit dem Publizieren stehen.
Allerdings bringt eine reine Auszählung der Menge an
publizierten Aufsätzen, Büchern und Fachbeiträgen
recht wenig Erkenntnis, wie wir aus der differenzierten Beschäftigung
mit bibliometrischen Verfahren in diversen Seminaren am IB
gut wissen.
Zum Beispiel sagen wissenschaftliche Fachaufsätze nicht
in allen scholary fields alles über das wissenschaftliche
Tätigsein aus. Besonders in den Humanities sieht
Stern dahingehende Abstufungen, wobei er besonders auf etwas
abzielt, was in den hiesigen Breiten eher als künstlerische
Produktion angesehen, nämlich Komposition von Musik,
Fotografie, die Produktion von Videos u.ä. .
Dieser wissenschaftliche Output lässt sich demnach nicht
allein über die Auswertung von Peer Reviewed Journals
beurteilen, wobei Review (bzw. Rezension) hier gleichzeitig
auf die Möglichkeit eines Ansatzes verweisen: da letztlich
jede wissenschaftliche Produktion (auch die in einer anderen
Form als in Text stattfindende) auf die Einbindung in den
wissenschaftlichen Diskurs hin konzipiert.
Insofern muss sich auch für multi-mediale Wissensprodukte
die Wahrnehmung innerhalb einer Scientific Community
abbilden lassen, sei es in Form von Zitaten oder in Form von
Rezensionen. Ähnliches gilt z.B. für die Textproduktion
auf Websites.
Nach wie vor sind aber die Publikationen in Zeitschriften
das häufigste Kriterium. Von besonderer Bedeutung ist
dabei der impact factor einer Zeitschrift. Insofern
ist für Stern die Frage „Where do you publish?“
für die Beurteilung von Scholarship relevant.
Eine weitere Frage betrifft das Verfahren bei Ko-Autorenschaften.
Wie lässt sich hier der Anteil des einzelnen Autoren
am Gesamttext beurteilen?
Was die Auswertung von Zitationsindices angeht, wurde deutlich
betont, dass sich ein viel zitiertes Paper nichts zwangsläufig
durch eine besonders hohe Qualität auszeichnen muss,
sondern häufig einfach zeigt, dass der Autor über
ein „hot topic“ schreibt und ganz vorn
an der „research front“ agiert.
Die Qualität eines Papers lässt sich nach Professor
Umstätter nur über eine verifizierenden „Re-Do“
(bzw. Reproof) des Erkenntnisprozess bestimmen
.
Ein in dem Wettbewerbsland schlechthin USA viel stärker
als in Deutschland ausgeprägtes Bedürfnis alles
zu vergleichen und mit einem Award o.ä. zu versorgen,
hilft auch bei der Bewertung von Scholarship. Richard E. Stern
nannte als Beispiel Auszeichnungen wie „Best Publication
of the Faculty in a Certain Year“ (abgesehen von üblichen
Spitzenauszeichnungen wie dem Nobel-Preis) als Maß bei
der Tenure-Evaluation.
In der Diskussion wurde außerdem die Frage zur Wertung
von Projektanträgen, die in Deutschland nach Professor
Umstätter auch gegenüber Publikationen eine große
Relevanz besitzen. Im Raum blieb hier die Frage, ob diese
als Publikation zu sehen sind. Es wurde der Hinweis gegeben,
dass Projekte bzw. Projektideen sich nicht selten später
in Publikationen verarbeitet finden.

Richard E. Stern und Walther Umstätter:
face 2 face Kommunikation
2. “A Librarian has to be sensitive” -
Co-Browsing at the Reference Desk
Es ist vielleicht ein
spezifisch deutsches Phänomen – jedenfalls haben
wir das in kleiner Studierendenrunde im Nachhinein festgestellt
– dass man hinter dem Titel eines Vortrag etwas ganz
anderes vermutet, als dieser konkret ausdrückt.
Keiner glaubte im Vorfeld zu wissen, worum es beim Co-Browsing
am Reference Desk eigentlich gehen sollte. Dabei
lagt die Antwort natürlich amerikanisch-pragmatisch auf
der Hand:
Es ging genau um das, was der Titel versprach.
Vielleicht ist unsere unstete „Fantasie davor“
schlicht darauf zurückzuführen, dass „Reference“
in deutschen Bibliotheken (bislang) einen ganz anderen Stellenwert
einnimmt als in amerikanischen (und vielleicht auch skandinavischen).
In der Eingangsdiskussion wurde also zunächst einmal
geklärt, was „Reference Culture“
bedeutet.
In den USA hat sich der Trend, den Bibliothekar als Auskunftsstelle
für alle Arten von Information beginnend bei Fragen zur
Winterfütterung von Vögeln und endend bei den neuesten
Trends in der Zellbiologie zu nutzen, seit den 1950er und
1960er Jahren herausgezeichnet. Wer den schönen Film
Desk Set mit Katharine Hepburn und Spencer Tracy
gesehen hat, weiß in etwa was gemeint ist.
Seit den 1970er wird das Thema systematisch angegangen. Mittlerweile
zeugen zahlreiche umfängliche Monographien wie Richard
E. Bopps und Linda C. Smiths Reference and Information
Services: An Introduction oder William A Katzs Introduction
to Reference Work, davon, dass dieser Bereich mittlerweile
in allen Facetten integraler Bestandteil der Bibliothekars-
bzw. bibliothekswissenschaftlichen Ausbildung ist.
Hier wird das Leitbild des Leibnizschen Universalgelehrten
– wenn vielleicht auch nicht primär derart selbst
erkenntnisproduzierend – in der pragmatischen Variante
des Informationsspezialisten weiter gelebt. In der Wissenschaft
wird der Reference Librarian oft als Wissenschaftspartner
verstanden, im Alltag als lebendes Universallexikon.
Reference wird nach der Schilderung Richard E. Sterns
so nutzerorientiert wie nur möglich betrieben, insofern
wird auch mit allen Formen neuer Kommunikationsmedien experimentiert
– Stichwort „Digital Reference“, was man,
um das zur deutschen Ehrenrettung anzuführen z.B. auch
ansatzweise in der Deutschen Internetbibliothek (www.internetbibliothek.de)
verkörpert sieht.
Trotz aller denkbaren Möglichkeiten wie Telefon, e.mail
oder z.T. auch live chat eilen nach wie vor auch
ab und an Besucher an den Reference Desk, um sich
in klassischer Face-to-Face-Manier die gewünschte Information
zu bekommen.
Das Senario: Jemand tritt in einer Bibliothek an den Reference
Desk und äußert eine Frage. Der Bibliothekar
beginnt zu recherchieren, möchte aber diese Recherche
transparent und für den Nutzer nachvollziehbar –
vielleicht sogar mit einem Lerneffekt für den Nutzer
- durchführen.
An dieser Stelle setzt der so einfache (fast triviale) wie
geniale Ansatz von Richard E. Stern an: was tut man, wenn
man gemeinsam mit Nutzern, z.B. mit der Absicht Recherchekenntnisse
zu vermitteln, recherchieren möchte? Man gibt ihnen einen
Monitor. Weiterhin reicht man ihm Maus und Tastatur.
All das ist mit demselben Rechner
an dem auch der Monitor und die Bedienelemente für den
Auskunftsbibliothekar angeschlossen sind, verbunden. Den Monitor
dreht man entsprechend zum Nutzer, so das dieser an dem Bildschirm
vorbei weiterhin face-to-face mit dem Bibliothekar kommunizieren
kann.
Das ist alles und es mutet vielleicht ein wenig wie ein verbesserte
Variante der side-by-side-Recherche an, von der Professor
Umstätter aus seinen Onliner-Zeiten in den 1970er und
1980er Jahren berichten kann. Technisch mag man vielleicht
auch an netmeeting denken, wobei die Sternsche Variante
weitaus einfacher und völlig ohne zusätzliche Barriere
funktioniert. Tastatur und Maus des Benutzers lassen sich
vom Bibliothekar ab- und zuschalten, so dass auch reines „Co-Viewing“
möglich ist.
Der Vorteil des Systems ist der „aktivere Nutzer“,
der damit das Gefühl bekommt, selbst in den Rechercheprozess
eingreifen und diesen dadurch selbst lenken zu können:
„Cobrowsing takes longer than just telling but it’s
a better learning situation.” Kein Nutzer wird
dazu gezwungen, auch hier gilt das Postulat Ranganathans „Save
the time of the reader“.
Die Co-Browsing-Ausstattung eines Auskunftsplatzes ermöglicht
also drei Auskunftsvarianten: a) das Co-Browsing, b) das Co-Viewing,
c) das klassische „Just-Telling“. Und darum geht
es beim Service: sich unbedingt auf alle denkbaren Bedürfnisse
eines Nutzers einstellen und diese kompetent abzudecken.
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