Japanischer Abend
Ein Bericht zum Empfang einer japanischen
Delegation im Institut am 31. August 2005
von Ben Kaden
Am 31. August gab es in der Saur-Bibliothek
des Instituts für Bibliotheks-
wissenschaft einen kleinen und sehr schönen Empfang
und damit verbunden einen interkulturellen Erfahrungsaustausch
mit deutschen und japanischen Gästen, wobei die Besucher
aus Japan natürlich den Anlass und ihre Erfahrungen
das Zentrum des Abends darstellten.
Angeführt wurde die dreiköpfige
Delegation aus Fernost, die sich auf einer von der japanischen
Regierung finanzierten Studienreise zur Erkundung des deutschen
Bibliothekswesens befindet, von Setsuko Kuwabara, der Leiterin
der Bibliothek des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin.
Die Organisation des Abends übernahm
Elisabeth Simon vom Förderkreis für
West- Ost Informationstransfer, die mit dem quasi "Altersvorsitzenden"
der Besuchergruppe, Eisuke Naito, schon seit den 1980er
Jahren in Verbindung steht und die vermutlich als die Koryphäe
der bibliothekarischen Austauschprogramme in Deutschland
gilt, beteiligt waren.
Von den weiteren deutschen Gäste hatte
auch Wolfgang Zick, der Direktor der TU-Bibliothek, schon
das Vergnügen im Rahmen eines solchen Austauschs Erfahrungen
in Japan zu sammeln.

Kein Grund zur Trauer: Das schwarze Kleid von Elisabeth
Simon war an dem fröhlichen
Abend nur eine Stilfrage.
Eisuke Naito ist Professor für Information
Management an der Toyo University im Department
of Media and Communication der Faculty of Sociology.
Der Gründer der Universität -
und ein Schüler des deutschen Philosophen Raphael von
Koeber - Enryo Inoue sorgte nach der Gründung des ersten
Instituts für Philosophie in Japan (Tetsugakukan),
welches den Vorläufer der Universität darstellt,
dafür dass 1888 eine erste Bibliothek eingerichtet
wurde.
Heute hat die Universität vier große Bibliotheken
(eine pro Campus), wobei der 21000 Bände umfassende
Urbestand des Gründers in der Hakusan Library
verwahrt wird.
Die Toyo University - die übrigens
nicht mit der berühmten orientalischen Sammlung Toyo
Bunko in Verbindung steht - hat in ihren acht Graduate
Schools acht Undergraduate Faculties mit ca.
29 000 Studenten.
Vor seiner Tätigkeit an der Toyo war
Eisuke Naito am National Institute of Informatics
(NII) beschäftigt, wo er - wie er in seiner Vorstellung
bemerkte - am japanischen Äquivalent zu OCLC mitarbeitete,
womit er sich vermutlich auf das NACSIS-CAT/ILL-Projekt
bezog.
In seinem Vortrag am Institut ging er -
was nahe liegt - auf das Problem der Verarbeitung von Schriftzeichen
in bibliographischen Angaben ein. Da sich dieses Problem
in China, Japan und Korea ganz ähnlich stellt, wird
hier eine Kooperation, z.B. beim Austausch von MARC-Datensätzen
zwischen den jeweiligen Nationalbibliotheken, angestrebt.
Sehr anschaulich beschrieb er eine 2001 durchgeführten
Workshop-Reihe zur "Authority Control among Chinese,
Korean and Japanese Scripts (CJK Authority)", in der
sich die Vertreter aller drei Nationen über das gemeinsame
Problem in der lingua franca Englisch verständigten.
Weiterhin gab er eine kurze Übersicht
zur Zusammenarbeit mit Microsoft bei dem Problem
der Einbindung von Schriftzeichen in internationale gültige
ISO- bzw. UNICODE-Standards. Abschließend wagte er
die Prognose, dass die japanischen Bibliotheken in etwa
5 Jahren auf AACR umgestellt sein werden.
 |
Drei Sprachen, ein Problem:
So sieht es aus, wenn China, Japan und Korea gemeinsam
Titeldaten erfassen.
|
Begleitet wurde Eisuke Naito von seinen
Kolleginnen Yukiko Sakai und Mika Koshizuka. Ein weiterer
Kollege - Atsuyuki Hara von der Graduate School of Library,
Information and Media Studies der University of
Tsukuba musste leider vorzeitig abreisen und konnte
daher seine Studie "The Trade of Electronic Books in
Japan: Its Quantitative Growth" nicht vorstellen. (Wir
werden aber versuchen, das Paper für eine der nächsten
Ausgaben von LIBREAS zu besorgen.)
Yukiko Sakai, ursprünglich
Reference Librarian, arbeitet in der Kitasato
Memorial Medical Library (Shinanimachi Center) der
Keio University, die die beste medizinische Fakultät
Japans haben soll. Sie stellte einige Studien zu den Zugangsmöglichkeiten
zu medizinischer Information für Mediziner und Patienten
vor. Der Komplex "Information for health" ist
ein zentrales Anliegen in der japanischen Gesellschaft.
Seit 1999 ist die sogenannte Evidence-Based Medicine
(EBM) fester Bestandteil der japanischen Gesundheitspolitik,
wobei die "Informationsumwelt" (information
environment) eine zunehmende Aufmerksamkeit findet.
Der Focus ihre Betrachtung
der Untersuchungen unter Medizinern (2000) und Patienten
bzw. der Öffentlichkeit (general public) lag
dabei auf der Frage, welche Handlungsmöglichkeiten
bzw. -notwendigkeiten sich für medizinische Bibliotheken
ergeben. Auffällig war u.a., dass die größeren
öffentlichen Bibliotheken trotz dem verstärkten
Engagement von Krankenhausbibliotheken nach wie vor das
Gros der öffentlichen Anfragen bedienen.

Nicht aus der hohlen Hand: Yukiko Sakai
hat ihre Untersuchung fest im Griff.
Yukiko Sakai spricht sich für
eine übergreifendes Netzwerk von Bibliotheken (cross
library network service) aus, nicht zuletzt um auch
den Medizinern, die keine direkte Anbindung an medizinische
Schulen bzw. Fakultäten oder Kliniken mit entsprechenden
Informationseinrichtungen besitzen, eine Versorgung mit
der notwendigen Literatur zu garantieren.
Diese Dienste sollen entsprechend auch der Öffentlichkeit
zur Verfügung stehen, um dem Anspruch an eine hohes
Niveau bei der Vermittlung von "Information for health"
abzusichern.
Ein ganz anderes Thema präsentierte
Mika Koshizuka vom Gakushuin Women's College, der
Universität für die Ausbildung der (weiblichen)
Mitglieder der königlichen Familie. Aktuell studieren
dort zwei Prinzessinnen, wobei Frau Koshizuka keine Namen
nannte, aber bemerkte, dass deren Anwesenheit zu einer hohen
Präsenz an Polizei auf dem Campus führt, was das
College zu einem sehr sicheren Ort macht.
Inwieweit die Erfahrungen der
beiden jungen Adligen in die Studie "Information Behavior
of College Students in Japan" eingeflossen sind, muss
ebenfalls im Dunkeln bleiben. Die Feststellung, dass eine
Veränderung der Medien auch eine Veränderung des
Nutzungsverhaltens nach sich zieht und daher eine Anpassung
der Vermittlung von Informationskompetenz (information
literacy) erforderlich macht, ist sicherlich nicht
ungewöhnlich, aber in ihren Konsequenzen sehr wichtig
und wird in der Praxis nicht immer zureichend berücksichtigt.
Interessant sind besonders die unterschiedlichen Formen,
in denen sich diese Veränderungen vollziehen.
So gibt es graduell doch Unterschiede bei der Durchsetzung
der mobile-phone-Kommunikation in Deutschland und
Japan. Mehr noch als (im Durchschnitt) in mitteleuropäischen
Breiten ist das Handy anscheinend für die Studierenden
in Japan zu einem Informations- und Basiskommunikationsmedium
avanciert ("They use their cell-phones for anything
but talking."). Interessant ist dabei das Funktionsspektrum,
welches die Geräte abdecken. So wird das Handy nach
den Resultaten der Untersuchungen weitaus häufiger
zum Versenden von E-Mails (wobei vermutlich SMS mit eingeschlossen
sind) benutzt als zum Telefonieren. Zwei Telefonaten pro
Person an einem Tag stehen 15-17 SMS gegenüber. Auch
Multimedia-Anwendungen sind in Zeiten der Kamerahandys (Video,
Bilder, Musik) recht beliebt. Die Internetnutzung bleibt
aufgrund der semioptimalen Usability der kleinen Displays
aber auch in Japan eher eine Randerscheinung. Da die meisten
japanischen Mobiltelefone eine Kana-Kanji-Konverter besitzen,
nutzen viele Studierende diese als Wörterbuch.

Schaut auf dieses Display: Mika Koshizuka
erklärt am konkreten Gegenstand, dass ihre Studenten
fast nicht mehr telefonieren.
Interessant ist, dass die Benutzung
mobiler Kommunikationsgeräte im Schnitt zu stärkeren
sozialen Kontakten bzw. Bindungen führt.
Die Mobiltechnologien hebeln die nach wie vor verhältnismäßig
strengen und formalisierten sozialen Regeln und Normen bei
der Kontaktaufnahme vis-a-vis weitgehend aus und erleichtern
somit das "Zueinanderfinden".
Generell lässt sich sagen, dass die Handytechnologie
die Pluralität der zugänglichen Informationsquellen
für die Untersuchungsgruppe zusätzlich vergrößert
hat, was einerseits - durch die sehr intensive Alltagsnutzung
- die technischen Basisfähigkeiten im Umgang mit der
Vielfalt an elektronischen Zugangsmöglichkeiten zu
Informationen verstärkt, andererseits aber auch zu
einem Gefühl der Überforderung bzw. einem information
overload und zu Problemen bei der Einschätzung
von Informationsqualität führt.

Den Moment in der Hand: Als Informationsspezialist
weiß Prof. Hobohm von der FH Potsdam natürlich
auch, dass ein Mobiltelefon zu mehr als nur zum Telefonieren
nützt (z.B. auch zum Fotografieren).
Nach den drei Präsentationen
gab es ein kleines Buffett und viel Platz für eine
synchrone face-to-face-Kommunikation, in der zusätzlich
deutlich wurde, dass Japan und Deutschland weder Welten
noch Probleme trennen, die letzteren sich aber aufgrund
der kulturspezifischen Bedingungen jeweils in etwas anderer
Gestalt offenbaren.
Klischee? Bestätigt!: Eisuke Naito sammelt Eindrücke,
jedoch im Gegensatz zu seinem
Potsdamer Kollegen noch klassisch mit der (digitalen) Kompaktkamera.
Der Erfahrungsaustausch kann
- so kurz er auch war - in jedem Fall als gelungen bezeichnet
werden und man nimmt aus dem Abend das beruhigende Gefühl
mit, dass es um die oft bemängelte "Internationalisierung"
des Instituts gar nicht so schlecht steht. Sehr schön
wäre es, die Frequenz solcher Veranstaltungen zu erhöhen
und ebenfalls sehr schön wäre es, wenn solche
Veranstaltungen bzw. auch das BBK an sich einen stärkeren
Zuspruch seitens der Studierenden des Instituts erfahren
würden.
nach
oben