Aus Bagdad
Juwan M. Hiyas, Leiterin
der Bibliothek der Irakischen Akademie der Wissenschaften,
zu Gast am Institut
von Ben Kaden
Es gab vermutlich in den
vergangenen drei Jahren keinen Tag, in den nicht irgendeine
Meldung oder ein Bericht aus dem Irak einen großen
Bereich der Politikseiten der Internationalen Presse eingenommen
hat. Auch Bibliotheken waren ab und an (besonders im April
2003) Gegenstand der Berichterstattung - so berichtete z.B.
die FAZ am 16.04. 2003 unter dem Titel „Der Bibliotheksbrand
von Bagdad“ über die Plünderungen und Brandschatzungen
in Museen und Bibliotheken Bagdads. Allerdings bleibt das
Thema angesichts der anderen Probleme im Nachkriegsirak
in der allgemeinen Berichterstattung eher am Rande.
Entsprechend den Ereignissen
im April 2003 findet sich in der 19. Auflage des Bibliotheksindex’
World Guide to Libraries beim Eintrag zur irakischen
Nationalbibliothek in Bagdad – die sich zu ihrem Nachteil
auch noch direkt gegenüber dem Verteidigungsministerium
befand - statt einem Hinweis auf die Bestandsgröße
der so ehrliche wie deprimierende Zusatz „Libr
stock subjected to looting during the war“.
Bei dem Eintrag zur Bibliothek der ebenfalls in Bagdad befindlichen
Irakischen Akademie der Wissenschaften (Iraqi Academy of
Science) findet sich dieser Zusatz nicht.

Juwan M. Hiyas und Prof. Walther Umstätter
Dass er jedoch unglücklicherweise
ebenfalls passend wäre, erläuterte Juwan M. Hiyas
, die Direktorin der Bibliothek, bei ihrem Besuch am 24.
Mai 2005 im Institut für Bibliothekswissenschaft. Neben
der Plünderung der Regale erweist sich die systematische
Zerstörung von Bibliothekskatalogen durch die Plünderer
für einen Neubeginn als zentrales Problem, lässt
sich so doch nicht einmal mehr nachvollziehen, welche Bestände
überhaupt vorhanden waren. Auch ging die Einrichtung
und technische Ausstattung zahlreicher Bibliotheken fast
völlig verloren, so dass die Situation für viele
Bibliotheken tatsächlich – auch zwei Jahre nach
den Vorkommnissen – einem Anfang bei Null entspricht.
Dies bezieht sich auch auf
die schon in der Zeit vor den Golfkriegen eher stiefmütterlich
behandelte und durch den Mangel an internationalen Kontakten
zurückgeworfenen Ausbildung von Bibliothekspersonal.
Entsprechend war das Ziel des Besuches von Juwan M. Hiyas
am Institut, neben einem allgemeinen Einblick in die Aktivitäten
des IBs in Forschung und Lehre einen Überblick über
die Ausbildungsmöglichkeiten im Bereich der Bibliothekswissenschaft
in Deutschland zu bekommen und Anregungen für die Neustrukturierung
der bibliothekarischen bzw. bibliothekswissenschaftlichen
Ausbildung im Irak zu sammeln.
Ausbildungseinrichtungen an sich sind vorhanden: Eine akademische
Ausbildung in Bibliothekswissenschaft ist momentan an Universitäten
in Bagdad und Mossul möglich, eine technische Bibliothekarsausbildung
erfolgt an mehreren Colleges.
Worum es vorrangig geht,
ist ein Anschluss an internationale Entwicklungen in diesem
Bereich.
Begleitet wurde Juwan M.
Hiyas von Bärbel Stark, der Irak-Beauftragten des Goethe-Instituts.
Unter ihrer Leitung fand im Dezember 2004 in Damaskus ein
Workshop für irakische Bibliothekare (mehr
hier) statt, bei dem Perspektiven für die
Entwicklung und den Wiederaufbau des irakischen Bibliothekswesens
erarbeitet wurden.
Dort wurden mehrere Projekte geplant u.a. eben auch eines
zur Entwicklung neuer Curricula für die Ausbildung
von Bibliothekaren und Informationsspezialisten, die in
deutscher-irakischer Kooperation verwirklicht werden.
An dieser Stelle kann und wird sich das IB aktiv einbringen.
Besonders die während der zurückliegenden zehn
Jahre im Fernstudium entwickelten Pläne und gesammelten
Praxiserfahrungen stellen eine für dieses Projekt sicherlich
sehr sinnvolle Basis dar.
Weitere Informationen zum Thema:
- Middle
East Librarians Association Committee on Iraqi Libraries
- ALA: Assistance
to Iraqi Libraries
- CILIP: Paper
on Iraq
- LoC: Report
on the National Library and the House of Manuscripts
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