IKMZ ReVisited
[von Boris Jacob im Juli 2005]
Das IKMZ hat für großes Medienecho
gesorgt. Natürlich haben sich auch Studierende des
nstitut für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität
zu Berlin haben durch Besichtigungen, in Vorträgen
und Diskussionen ausgiebig mit dem neuen Bibliotheksbau
beschäftigt. Im folgenden werden die Eindrücke
von einer Exkursion vom 07. Juli wiedergegeben.
Aufgeschlagen -> Vorwort
Cottbus hat eine neue Sehenswürdigkeit:
Das IKMZ der Brandenburgischen Technischen Universität
(BTU). Das Kürzel steht für Informations-, Kommunikations-
und Medienzentrum.
Die Institution wird nach dem Ergebnis einer Umfrage voraussichtlich
„Medienzentrum" oder "Amöbe" genannt
werden (in Anlehnung an Bibliotheken, die die Form eines
aufgeschlagenen Buches haben, aber durchaus auch liebevoll
„aufgeschlagenes Ei“). Herzog & de Meuron
zeichnen sich für den Bau verantwortlich, jenes Architekturbüro,
das zuletzt das Stadion in München und nun in Peking
ein weiteres errichtet hat und sich schon einmal beim Bau
einer Bibliothek in Eberswalde verwirklichen konnte. In
Cottbus waren sie erstmals auch für die Inneneinrichtung
der Bibliothek zuständig. Es heißt: „Ein
Architekt baut in seinem Leben nur eine Bibliothek“...
.Herzog & de Meuron haben nicht nur eine Bibliothek
gebaut, sondern der Stadt auch eine Attraktion gebracht.
Außenansicht : Attraktion
Cottbus kümmert sich um seine Studenten.
Alles andere wäre bei einer Stadt, deren Bewohner (über)altern
und deren Einwohnerzahl an der magischen Grenze zu 100.000
steht, auch unverständlich. Noch aber hat Cottbus den
Status einer Großstadt. Das Land investiert in seine
Universität: Neben dem Audimax ist das IKMZ der zweite
Neubau innerhalb der letzten Jahre. Dass nun dieses international
renommierte Architekturbüro mit dem Bau beauftragt
wurde, liegt nicht an ihren Erfahrungen im Konzipieren von
Bibliotheksgebäuden - sie sollten die Universität
und damit die Stadt attraktiver machen.
Es ist ihnen gelungen:
Die organisch anmutende, amöbe Form, die durch den
eine Grünfläche umrahmt wird, zieht jeden Blick
auf sich. Nähert man sich von der Stadt, erscheint
das Gebäude schmal und einladend - von der Universität
mutet es wie ein großer Fels an. Aus diesen beiden
Richtungen tritt man dem Gebäude entgegen und findet
sich im Eingangsbereich zum IKMZ wieder. Von diesem Treffpunkt
zwischen Universität und Stadt gelangt man auf der
einen Seite in die Cafeteria, von der man in einen Lesesaal
im Untergeschoss blickt, und auf der anderen Seite in das
Foyer. Das Medienzentrum sieht sich als Angelpunkt bzw.
Verbindungsstück zwischen Stadt und Universität
und bedient neben Studenten und Universitätsmitarbeitern
auch ausdrücklich „externe Interessenten“.
Die mit Buchstaben bedruckte Glasfassade erzeugt einen Zustand
zwischen Offen- und Geschlossenheit. Leider sind die Buchstaben
im Einzelnen dann nicht ohne Weiteres erkennbar, wenn man
auf ihre Existenz hingewiesen wird - Babylonisches Sprachgewirr
also. Bleibt zu hoffen, dass dieses im Inneren aufgelöst
wird.
Innenansicht : Destruktion
Mittelpunkt des großzügigen Foyers
ist der „Servicepoint“ - hier wieder das Prinzip
der Offenheit - in der Nähe der Ausleihtheke, dahinter
befinden sich die Schließfächer. Jetzt gleitet
der Blick weiter: Das Gebäude ist von unten bis oben
mit drei dicken Röhren durchzogen, die sich als Treppe,
Fahrstuhl und Serviceschacht entpuppen. Neben „Servicepoint“
und Röhren ist neben zahlreichen Elementen (Deckenleuchter,
Säulen etc.) auch der Grundriss in runden Formen gestaltet.
Die Elemente im Einzelnen sind vor allem
eines: bunt. Der Kautschukboden gliedert sich von West nach
Ost in Streifen der Farben Gelb, Grün, Magenta, Rot
und Blau - dazu fällt (nicht nur) mir nur noch „psychedelisch“
ein. Der vielfarbige, schon erhebliche Abnutzungserscheinungen
aufweisende Boden, der im Erdgeschoss als interessant heraussticht,
ist in den Regalbereichen der Obergeschosse leider nur noch
störend. „Farbe wird hier also nicht als Leitsystem
eingesetzt und dient auch nicht der Markierung von bestimmten
Sammlungsbereichen“ [Hubertus Adam in archithese 2/2005].
Darüber hinaus gibt es weitere Aspekte, bei denen sich
die Frage stellt, inwieweit die Funktionalität oder
allein die expressive Ausdruckskraft der Architekten treibende
Kraft bei der Gestaltung gewesen sein könnte.
Kommen wir also zum Leidigen: Der Platzmangel zwischen den
Regalen und die niedrigen, schwarzen, streckmetallverkleideten
Decken, sowie der in vielen Bereichen rote Fußboden
tun das Ihrige dazu, sich beengt, desorientiert und unwillkommen
zu fühlen (positiv ausgedrückt lädt es zum
schnellen Regalbrowsing ein). In den mit Streckmetallverkleidungen
ummantelten Einzelarbeitsplätzen, sogenannte Carrels,
fühlt man sich wie in einem Käfig. Immerhin mit
guter Aussicht auf einen der zwei bis drei Geschosse umfassenden
Lesesaal.
Diese sind Herzog & de Meuron dann auch gut gelungen.
Schlichtes Farbdesign und viel Raum stellen eine Antithese
zum Freihandbereich dar. Die Arbeitstische, Stühle
und Lampen bestechen allerdings eher durch ihr Design als
durch ihre Funktionalität.
Trotzdem, der moderne, minimalistische Charakter
der Lesesäle hat mich beeindruckt.
Nachwort -> Zugeschlagen
Was haben Herzog & de Meuron intendiert?
„Konzeptionell zeigt der Cottbuser Bau in seiner Bildlichkeit
eine prozessuale Architektur und repräsentiert damit
den heutigen, im Fluss befindlichen Umgang mit der Organisation
des Wissens“. [Hubertus Adam in archithese 2/2005]
Aus architektonischer Sicht stimme ich zu. Leider wurden
dabei diejenigen vergessen, die dort täglich den Umgang
mit Wissen üben. Da der sich schon im Fluss befindet,
sollte man ihnen vielleicht im Inneren mehr Konsistenz bieten.
Das durch die Fassade symbolisierte babylonische Sprachgewirr
wurde im Inneren nicht aufgelöst. Die Architekten haben
die Attraktion einer Bibliothek, die früher in ihrem
Bestand lag, auf ihr Äußeres Übertragen.
Es bleibt die Frage, warum die immer wieder aufgestellte
Forderung nach einer engeren Zusammenarbeit zwischen Architekten
und Bibliothekaren hier scheinbar keine Beachtung gefunden
hat.
In & Out
In alten Zeiten hätte man „das
IKMZ“, „das Medienzentrum“, „das
Gebäude“ noch Universitätsbibliothek genannt.
Und beim Niederschreiben meiner Eindrücke tippten meine
Finger immer wieder die Abfolge Bibliot... bis mein Verstand
dazwischentrat und das alte Wort "Bibliothek"
durch „das IKMZ“, „das Medienzentrum“
„das Gebäude“ ersetzte.
Verstehen Sie mich nicht falsch, Innovation wird gebraucht
und wo soll sie herkommen, wenn nicht aus den Universitäten,
denen Bibliothek, Multimediazentrum und Rechenzentrum als
Dienstleister unterstehen?
Wenn nun diese drei wichtigen Bereiche wie beim IKMZ mit
der Absicht interdisziplinärer Zusammenarbeit und Dienstleistung
im 5.Obergeschoss zusammengelegt werden, ist das eine sehr
gute Idee.
Ich wünsche den Mitarbeitern vom IKMZ dafür viel
Erfolg und hoffe, dass die Fachwelt in Zukunft dahingehend
von ihnen Gutes zu hören bekommt.
Warum aber eine Institution in einem Gebäude,
deren materielles Besitztum zum großen Teil aus Büchern
besteht, alles andere als „Bibliothek“ heißen
muss, bleibt mir ein Rätsel. Na ja, Bücher sind
halt auch nur Medien, und der Begriff ist zur Zeit ziemlich
„In“.
Weitere Eindrücke sind nachzulesen in:
architektur.aktuell (303/2005, S.54), archithese (2/2005,
S.68), Bibliothek Forschung und Praxis (1-2/2003, S.69),
werk, bauen + wohnen (4/2005, S.4) und in der Broschüre
„IKMZ Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum
der BTU Cottbus (2005).
Eine Bildergalerie
gibt es in der LIBREAS-Ausgabe 2/2005
Das IKMZ im Internet: www.ikmz.tu-cottbus.de
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