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Prof. Umstätter, Prof. Arvydas
Pacevicius und Prof. Funk im Fachgespräch
Auch wenn wir etwas
verspätet sind...
Die Gäste:
Algirdas Budrevicius - ist Professor
an der Universität Vilnius. Da er schon im Mai
Gast am IB war, gibt es den gesonderten Bericht: Semognostik,
Wissen und Information - Algirdas Budrevicius zu Gast
am Institut für Bibliothekswissenschaft (04.
Juni 2004)
Irena Kriviene
- Sie ist stellvertretende Bibliotheksdirektorin der
Universitätsbibliothek der Universität Vilnius
und lehrt Bibliotheksmanagement an wissenschaftlichen
Bibliotheken am Bibliotekininkystes ir informacijos
mokslu institutas (Bibliotheks- und Informationswissenschaftliches
Institut) der Kommunikationswissen-
schaftlichen Fakultät.
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-->Vilniaus
universiteto biblioteka
Violeta Cerniauskaite
- Sie ist Assistance Professor an der Kommunikationswissen-
schaftlichen Fakultät. Ihre Lehr – und Forschungsschwerpunkte
sind Bibliotheks- und Buchgeschichte, Bibliographie
sowie der Bereich Sammlung/ Digitalisierung von alten
Drucken und Manuskripten.
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Arvydas Pacevicius
– Er ist Prodekan für Forschung an der Kommunikationswissen-
schaftlichen Fakultät.
Er promovierte über die Geschichte litauischer
Klosterbibliotheken, entsprechend liegen seine Schwerpunkte
in Forschung und Lehre überwiegend im historischen
Bereich.
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Teil 1: Irena Kriviene & Violeta Cerniauskaite
Nach einem ersten Treffen mit
dem geschäftsführenden Direktor des
IB Herr Prof. Dr. Umstätter und der SOKRATES-Koordinatorin
Frau Dr. Pannier sprach Frau Kriviene am Vormittag
des 29. Juni 2004 im Rahmen einer Lehrveranstaltung
im Grundstudium über die Rolle der wissenschaftlichen
Bibliotheken im Bibliothekssystems Litauens, sowie
über die Bestände und Forschungsaktivitäten
dieser Einrichtungen.
Dabei rückte sie die fünf wissenschaftlichen
Bibliotheken mit staatlicher Bedeutung in das
Zentrum ihres Vortrags:
- die Lietuvos Martyno Mazvydo nacionaline
biblioteka (Litauische Nationalbibliothek)
- die Lietuvos mokslu akademijos biblioteka
(Bibliothek der Akademie der Wissenschaften)
- die Vilniaus universiteto biblioteka
(Universitätsbibliothek Vilnius)
- die Lietuvos technikos biblioteka (Technische
Nationalbibliothek)
- die Lietuvos medicinos biblioteka (Medizinische
Nationalbibliothek).
Powerpoint zum Vortrag
In ihrem zweiten Vortrag am Institut
sprach Frau Kriviene über die Rolle der „Sondersammlungen
als Teil des kulturellen Erbes“.
Es fiel insgesamt auf, dass Bibliotheken in Litauen
- augenscheinlich stärker als z.B. in Deutschland
- die Rolle als "Bewahrer" und "Schlüssel"
zur kulturellen Identität angesehen werden.
Frau Kriviene gab eine ausführliche
Übersicht über die Bestandsstruktur
der großen wissenschaftlichen Bibliotheken
Litauens. So zeichnet sich die Litauische Nationalbibliothek
besonders durch ihre umfängliche Musikaliensammlung
aus, die Bibliothek der Akademie der Wissenschaften
durch einen sehr großen Altbestand der Periodika,
schließlich die Universitätsbibliothek
Vilnius durch die Sammlung von alter Lithuanistik,
Graphiken und Inkunabeln.
Größere Bestände von Handschriften
und alten Drucken sind in allen drei Bibliotheken
vorhanden, welche sich auch als Restaurierungs-
und Konservierungszentren verstehen.
Bislang wurde etwa ein Prozent des gesamten litauischen
Buchbestandes restauriert.
An den genannten Bibliotheken gibt es weiterhin
einige Digitalisierungsprojekte, wie zum Beispiel
die CD-ROM zu historischen Buchbeständen
der Universität Vilnius oder das Archiv der
digitalisierten Pergamente an der Akademie der
Wissenschaften.
Zuvor war schon in der Fachdiskussion, an der
leider nur zwei Studenten des IB teilnahmen, das
Thema der Digitalisierung angesprochen worden.
Laut Frau Dr. Cerniauskaite werden Digitalisierungsprojekte
wenig vom Staat gefördert und die Realisierung
geht meist auf Eigeninitiative der wissenschaftlichen
Einrichtungen zurück.
Überhaupt finanzieren sich die Hochschulen
in Litauen zum größten Teil selbst.
Die Folge ist, dass die Studierenden ihr Studium
zu rund 40% selbst tragen.
Deutlich wurde, dass das Lehr- und Forschungsprofil
des Bibliotheks- und Informationswissenschaftlichen
Instituts der Universität Vilnius weitaus
historischer ausgerichtet ist als das des IB.
Bemerkenswert ist dabei, dass in Seminaren in
großen Umfang mit originalen Manuskripten,
alten Drucken etc. gearbeitet wird.
Dazu passend gab Frau Cerniauskaite in ihrem Vortrag
„Recent developments in Lithanian rare books
and manuscripts library collections“ im
Rahmen des Proseminars „Buchgeschichte –
Typographische Medien“ einen Überblick
über die Arbeit mit Altbeständen in
Litauen.
Das weitere Programm der beiden Besucherinnen
umfasste Führungen durch die Universitätsbibliotheken
in Mitte und Adlershof sowie die Vorstellung des
Fernstudiums und die Demonstration einer Videokonferenz.
(Matti Stöhr)
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Teil 2: Arvydas Pacevicius
Postinkunabeln als Schlüssel
zur Kulturgeschichte Litauens
Der fachliche Schwerpunkt von Arvydas Parcevius
liegt in der Bibliotheks- und Buchgeschichte vor
dem Hintergrund der Kultur bzw. der kulturellen
Entwicklung Litauens.
Einer seiner Vorträge beschäftigte sich
mit dem Thema der postincunabula. Unter
diesen werden Druckwerke verstanden, die zwischen
1501 und 1551 gedruckt wurden, wobei hinzugefüght
werden muss, dass der Begriff in Deutschland nicht
allzu exakt definiert ist. So schwanken die Angaben
des Zeitraums von 1501-1510
über 1501-1540
bis zu den von Herrn Pacevicius angebenen Daten(1).
Eine maßgebliche Besonderheit der Postinkunabeln
ist, dass bei diesen Merkmale von Druckwerken
und Manuskripten in Verbindung vorkommen.
Er bezog sich in seinen Ausführungen
jedoch weniger auf die buchhistorischen
Aspekte an sich als vielmehr auf die in
den Büchern aufzufindenden Spuren
und Rückschlüsse auf die kulturelle
Entwicklung des litauischen Volkes.
Die meisten dieser postincunabula
- von denen in der Universitätsbibliothek
Vilnius stolze 1409 Exemplare gesammelt
sind - stammen aus Beständen von
Klosterbibliotheken, derer es zahlreiche
in Litauen gab.
Anhand einiger Beispiele zeichnete Arvydas
Pacevicius den Weg von den Kosterbibliotheken
der Franziskaner, Jesuiten und Dominikaner
in die Universitäts-
bibliothek nach. So gab es zahlreiche
Schenkungen durch einen der Gründer
der Universität in Vilnius, den Bischof
Valerian Profasevic (2).
Zur Rekonstruktion der "Wege"
des Buches sind dabei besonders handschriftliche
Eintragungen und Anmerkungen wie Besitzmarken,
Spenden- marken, Randnotizen u.ä.
interessant.
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Arvydas Parcevius, vortragend. |
Auch gibt es "Beschwörungsformeln"
(incantation formula), die auf die durchaus besonderen
Lesegewohnheiten der Erscheinungs- und Hauptrezeptionszeit
verweisen: das Buch wurde im 16. Jahrhundert häufig
personifiziert, es fand ein sehr intensiver "Dialog"
zwischen Leser und Buch statt, zum Teil können
über solche Spuren Verbindungslinien von
Litauen zum Rest Europas nachvollzogen werden.
So lassen sich aus der Buchgeschichte durchaus
wertvolle Informationen zur allgemeinen Kommunikations-
und Kulturgeschichte gewinnen, die weit über
die formalen Kriterien hinausweisen. Entsprechend
(vergleichsweise) populär ist dieses Fach
in Litauen, dass jahrzehntelang seine kulturelle
Identität in hohem Maß anderen Gesetzmäßigkeiten
anpassen musste und nun seit der Unabhängigkeit
1991 diese zu rekonstruieren versucht.
Das der Lerneffekt nicht nur in Richtung Litauen
>> Deutschland sondern auch umgekehrt funktioniert,
konnte Arvydas Pacevicius am Abend erleben. Das
glückliche Zusammentreffen seines Aufenthalts
und des Sommer-/Hoffests am Institut führte
dazu, dass er der sozial am bislang am besten
integrierte Gast aus Litauen war. Feiern mit den
Studenten kennt man nach seiner Aussage - die
von unserer litauischen Gaststudentin Viktorija
bestätigt wurde - in einem solchen Rahmen
wohl nicht.
Die informelle, fast familiäre Art des Umgangs
von Studenten und Dozenten hat ihn sehr beeindruckt.
Weiterhin war er bei diesem - seinem ersten -
Besuch in Berlin vom öffentlichen Nahverkehr
hingerissen, ebenso vom kulturellen Angebot, dem
Pergamon-Museum und den Beständen der Staatsbibliothek
Haus I.
Wir freuen uns natürlich sehr, dass es Arvydas
Pacevicius so sehr gefallen hat und "befürchten"
ein wenig, dass sämtlichen zukünftigen
Austauschdozenten den Juli für ihren Aufenthalt
wählen werden, um zu erfahren, wie an der
Humboldt-Universität Dozenten und Studierende
gemeinsam feiern. Und vielleicht findet man im
nächsten Sommer Arvydas Pacevicius mit Studierenden,
Musik und Grill auf dem Campus in Vilnius, die
deutsche Erfahrung umsetzend. Das wäre ein
schöner Kulturexport.
(Ben Kaden)
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(1) Wer sich mit dem Problem der Inkunabelgrenze eingehender
beschäftigen mag, sei auf den Aufsatz von Frieder
Schanze "Inkunabeln oder Postinkunabeln? Zur Problematik
der 'Inkunabelgrenze' am Beispiel von 5 Druckern und
111 Einblattdrucken." hingewiesen. (in: Einblattdrucke
des 15. und frühen 16. Jahrhunderts. Probleme,
Perspektiven, Fallstudien. Hg. von Volker Honemann,
Sabine Griese, Falk Eisermann und Marcus Ostermann.
Tübingen 2000, S. 45-122.) zurück
(2) Ein knapper Überblick zur Geschichte der Universität
findet sich auf der Website der Universität: www.vu.lt/english/menu/welco/index.html
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