Humboldt Universität zu Berlin Institut für Bibliothekswissenschaft
Institut - Aktuelles
Studium
Forschung
Studenten
Linklisten

Kleine Bibliotheken

Teil 1: Die Inselbibliothek

Insel Hiddensee

Einige persönliche Eindrücke vom Besuch der Bibliothek im Henni-Lehmann-Haus in Vitte/Hiddensee am 01. Juli 2004

von Maxi Kindling und Ben Kaden

(30. Juli 2004)



Mensch und Buch

Eine einsame Insel, Meeresrauschen, (im Prinzip) Sonne,.........was fehlt?
Natürlich ein gutes Buch. Eines in dem es sich, am Strand in der Sonne bratend, prima schmökern lässt. In Anbetracht eines solch müden Sommers wie dem in diesem Jahr empfiehlt es sich sogar eine große Menge an Lesematerial bereitzuhalten - wenn es draußen Bindfäden regnet, ist es Zeit sich in einen spannenden Krimi, die Gedichte Pablo Nerudas oder Thomas Bernhards Kalkwerk zu flüchten, dazu einen heißen Kakao zu schlürfen und eine Schälchen Rote Grütze zu genießen. Der Urlauber, der mit zu wenig Lesestoff bewaffnet Ferien auf der wunderschönen Ostseeinsel Hiddensee macht, entdeckt dort all das: den Kakao und die Rote Grütze in einem der zahlreichen kleinen Lokale und den Lesestoff in der Inselbibliothek.

Diese findet er im Henni-Lehmann-Haus in Vitte, dem Hauptort der Insel. Im Gegensatz zu den Lokalen, die von Mittag bis spät in die Nacht jeden Speisewunsch erfüllen, öffnet die Bibliothek ihre Türen für Besucher und Bewohner in den Sommermonaten wochentags leider nur von 16-18 Uhr.
In den Wintermonaten verkürzen sich die Öffnungszeiten montags bis freitags auf eine Stunde bzw. die Bibliothek bleibt vollständig geschlossen – in diesem Punkt teilt sie das Schicksal zahlreicher öffentlicher Bibliotheken in Deutschland.
Der Besucher muss den Tag also entsprechend planen, was angesichts der zahlreichen Ausflugsmöglichkeiten zu Meer, Heidelandschaft oder Vogelparadies manchmal nicht so ganz leicht gelingt.

Leseraum der Bibliothek

Gestern und Heute

Früher war ganz sicher nicht alles besser – die Bibliothekslandschaft auf der Ostseeinsel aber anscheinend schon:
Vor 1990 gab es in jedem der drei Orte Neuendorf, Vitte und Kloster eine Zweigstelle, heute befindet sich der gesamte ausleihbare Buchbestand der Insel im Erdgeschoss der kleinen Bibliothek der Gemeinde Vitte.
Als Ursachen für diesen massiven Einschnitt lassen sich erfahrungsgemäß ökonomische Zwänge wie auch eine Verlagerung der Prioritäten nach 1990 und damit einhergehend eine nachlassende Nachfrage bei den beiden potentiellen Nutzergruppen, Urlauber und Inselvolk, annehmen. Das die Entwicklung Hiddensee kein Einzel-, sondern – mindestens für Ostdeutschland – eher Regelfall ist, lässt sich auf der Webseite www.bibliothekssterben.de nachvollziehen, die geschlossene Bibliotheken in ganz Deutschland verzeichnet.
Die verlorenen Hiddenseer Zweigstellen sind nicht einmal verzeichnet und somit der „Dunkelziffer“ zuzurechnen.

Immerhin: eine Filiale gibt es noch. Und die ist wirklich schön. In dem Vitter Gebäude, bis 1937 das Sommerhaus der Künstlerfamilie Karl und Henni Lehmann, befand sich bis zum Einzug der Bibliothek im Jahr 1991 das Rathaus der Insel.
Mit Fertigstellung des Umbaus im Jahr 2000 wurde das Haus nach Henni Lehmann benannt: die Hiddenseer Malerin, Musikerin, Dichterin und Gründerin des Hiddenseer Künstlerinnenbundes im Jahre 1922 , arbeitete ihrerzeit ebenso engagiert künstlerisch wie für politische und soziale Belange der Insel.
Heute bietet das Henni-Lehmann-Haus Raum für Bibliothek, Ausstellungen und Veranstaltungen. Vor dem Umbau – gefördert durch das Land Mecklenburg-Vorpommern und die Kurverwaltung Hiddensee – zu einem solchen „Haus des Gastes“ befanden sich die Bücher im Obergeschoss des Gebäudes.

Henni-Lehmann-Haus

Bilder und Bücher

Wir selbst, etwas urlaubend aber immer in Gedanken natürlich bei der Bibliothekswissenschaft, wurden zwischen Strandspaziergang und Steilküstenwanderung von der kleinen Inselbibliothek angezogen und auch ein Gespräch mit der Bibliothekarin und Bibliotheksleiterin Frau Astrid Tensing war obligatorisch. Ursprünglich Buchhändlerin, betreut sie nun die Bibliothek als Einzelperson (also als klassische OPL) und wirkt so, wie man sich die ideale Bibliothekarin – fern aller Klischees – vorstellt.
Bei unserem Besuch hatte sie allerdings keine Bücher in den Händen, sondern Aquarelle – für den Abend stand die Vernissage zur Ausstellung "Inselimpressionen Hiddensee-Rügen-Juist“ des gebürtigen Juisters Gerhard Breeden auf der Agenda, die „Aquarelle und Meer“ der Ausstellung des Pirnaer Künstlers und Grafikers Rudolf Lipowski mussten entsprechend ab- und die neuen Bilder aufgehängt werden.
So mitten in den Vorbereitungen für die abendliche Veranstaltung überrascht vom Besuch aus dem eigenartigen Institut in Berlin, stand sie uns dennoch gern ausführlich Rede und Antwort und erzählte uns, dass Veranstaltungen wie Lesungen und Ausstellungen in den Räumen der Bibliothek regelmäßig stattfinden.
Dies beschert dem Bibliotheksgebäude einen weiteren Namen - „Haus des Geistes“ – ein Geist der Kontemplation, Entspannung, der Kunst, häufig einfach der Unterhaltung, für uns Urlauber ein sommerlicher Geist, der als ausgleichende Ergänzung zur „harnackschen Nationalökonomie des Geistes“ am Institut im hektischen Berlin zu dieser wundervoll stillen, freundlichen Inselwelt passt...

So ganz still war es in der Bibliothek aber nicht: Neben den „Umhängarbeiten“ zeigte während unseres kurzen Aufenthalts ein recht reger Besuchsverkehr an, dass durchaus ein hohes Nutzungsbedürfnis seitens der Urlauber und – namentlich in Gestalt der Inselfotografin Ilse Ebel – auch der Insulaner besteht.

Urlauber und Insulaner

In den Sommermonaten besuchen vorrangig Urlauber die Bibliothek, berichtet Astrid Tensing. Viele verbringen mehrere Wochen auf der Insel und leihen häufig Bücher für ihren langen Aufenthalt aus.
Von den Hiddenseern wird die Bibliothek leider insgesamt noch nicht umfassend angenommen.

Dies liegt vielleicht auch am Bestand der Bibliothek: Er umfasst überwiegend belletristische Literatur, sowie umfangreiche Bestände an Literatur über die Insel Hiddensee. Die vorwiegend „leichte Kost“ entspricht den Bedürfnissen der überwiegend inselexternen und auf Erholung und Entspannung orientierten Nutzer.
Es findet sich aber durchaus auch eine größere Zahl anspruchsvollerer Titel in den Regalen.

Urlauber können gegen die Vorlage ihrer Kurkarte (und gegen eine Kaution von 5 €) die Bücher für 4 Wochen kostenlos ausleihen. Die Ausleihe für die Einwohner der Insel ist ebenfalls kostenlos, sie bezahlen eine Jahresnutzungsgebühr von 10 €.

In den Regalen befinden sich zurzeit etwa 1800 bis 1900 Bände alphabetisch nach Autoren geordnet.


Astrid Tensing, Bibliothekarin der Insel-
bibliothek, hier beim Verpacken einiger Gemälde

Was kann man nun tun, um diese noch stärker als bisher in die Hände der Benutzer und die Benutzer ans Regal zu bringen?

In diesem Jahr gab es z.B. erstmals einen Bibliothekentag für die Inselschule, der zu einem deutlich gesteigerten Bewusstsein und Interesse der Schüler für die Bibliothek führte. Um diese Zielgruppe zu binden, wären sicher ein erweiterter Sachbuchbestand und Internetarbeitsplätze nützlich, um den Kindern und Jugendlichen einen „Lernraum“ zu bieten.

Weiterhin wären für einen größeren Zuspruch vor allem bei den Einheimischen laut Astrid Tensing andere bzw. erweiterte Öffnungszeiten und natürlich auch erweiterte Bestände wünschenswert, besonders auch in den kühleren Monaten des Jahres, in denen die Anzahl der Touristen auf der Insel deutlich abnimmt.

Die ganzjährig stattfindenden wechselnden Ausstellungen bilden bereits einen attraktiven Anlaufpunkt, was die Bedeutung der Bibliothek als kulturellen Erlebnisraum zusätzlich unterstreicht.

Möglichkeiten und Ideen diese Entwicklung auszubauen gibt es sehr viele.
Und mit Astrid Tensing, der man auf den ersten Blick anmerkt, dass diese Aufgabe für sie Berufung ist, gibt es eine Bibliothekarin, bei der die Bibliothek und ihre Entwicklung – genau wie die Aquarelle – in sehr guten Händen liegt.

Anschrift und Informationen:
Inselbibliothek Hiddensee
Henni-Lehmann-Haus
Wiesenweg 2
18565 Vitte
www.seebad-insel-hiddensee.de/Kunst/Bibliothek.html

 

nach oben