| WEITBLICK | Nr. 2 (1996) |
| DURCHBLICK |
AUS- UND FORTBILDUNG
Nachwuchsbedarf?
Verbleibstudie Jahrgang 1992 ÖB
Immer wieder wird über den Bedarf an bibliothekarischem Nachwuch spekuliert. In der Tat wäre es wünschenswert, Zahlen zu haben, die eine Aussage über den Nachwuchsbedarf erlauben.
Diese Zahlen gibt es.
Die Altersstruktur der Bibliothekare/innen an öffentlichen Bibliotheken sieht folgendermaßen aus:
Altersverteilung der Bibliothekare/innen an Öffentlichen Biblotheken
in Deutschland im Jahr 1994
Alter |
20-24 | 25-29 | 30-34 | 35-39 | 40-44 | 45-49 | 50-54 | 55-59 | 60-64 |
in % |
0,6 | 11,5 | 16,11 | 19,6 | 15,6 | 13,5 | 12,6 | 8,8 | 1,5 |
Anzahl |
31 | 603 | 845 | 1.028 | 819 | 708 | 661 | 462 | 79 |
kumul. % |
12,1 | 51,3 | 36,4 | ||||||
Leseprobe:
16,1 % der Bibliothekare/innen an öffentlichen Bibliotheken in Deutschland sind 30 bis 34 Jahre alt, das sind 845 Personen. 1,5 % der Bibliothekare/innen sind 60 bis 64 Jahre alt, das sind 79 Personen. Gut die Hälfte (51,3 %) der Bibliothekare/innen an öffentlichen Bibliotheken sind zwischen 30 und 45 Jahre alt.
Aus diesen Zahlen kann man den Bedarf an Nachwuchskräften errechnen.
Die 79 Personen, die 1994 60 bis 64 Jahre alt waren, werden im Jahrfünft
1995-1999 nach und nach 65 Jahre alt und scheiden damit aus dem Beruf aus.
Es ergibt sich folgender Nachwuchsbedarf:
Jahrfünft |
Anzahl im Jahrfünft |
Durchschnitt pro Jahr |
| 1995-1999 | 79 | 16 |
| 2000-2004 | 462 | 92 |
| 2005-2009 | 661 | 132 |
| 2010-2014 | 708 | 142 |
In den Jahren 1995 bis 1999 werden deutschlandweit also jedes Jahr 16 Diplom-Bibliothekare (ÖB) als Nachwuchskräfte gebraucht - falls diese Stellen nicht gestrichen werden.
Und damit sind wir bei einem der Faktoren, die auf den tatsächlichen
Bedarf Einfluß haben:
die tatsächliche Verweildauer der Beschäftigten im Beruf. Die Neigung zu lebenslanger Berufstätigkeit hat auch in dem überwiegend von Frauen ausgeübten Beruf Diplom-Bibliothekar an öffentlichen Bibliotheken enorm zugenommen. Während in früheren Jahrzehnten in einem Beruf, der zu 85 % von Frauen ausgeübt wird, ein nennenswerter Teil der Stelleninhaberinnen in den alten Bundesländern weit vor dem 65. Lebensjahr die Berufstätigkeit beendete oder unterbrach, ist dieser Faktor immer schwächer geworden. Die Neigung der Männer im Beruf, sich hauptberuflich Haushalt und Kindern zu widmen, hat parallel keineswegs zugenommen, so daß heute, wer eine Stelle ergattert hat, mehr oder minder lebenslänglich im Beruf bleibt. Im Unterschied zu anderen Berufen ist der Wechsel der Branche bei Bibliothekaren höchst selten.
die Neigung zur Teilzeitbeschäftigung. Je größer der Anteil der Teilzeitbeschäftigen, desto mehr Arbeitskräfte werden bei gleichem Arbeitsvolumen gebraucht. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten in dem Beruf liegt mit 18,7 % nur knapp über dem Durchschnitt aller Berufe (=16 %) und scheint nicht zu steigen. Die einzige, meines Erachtens wenig realistische Hoffnung besteht in Berlin darin, daß Teilzeitarbeit, wie sie gegenwärtig politisch propagiert wird, zunimmt. In Berlin werden weder die verbeamteten Bibliothekare dazu bereit sein, auch wenn dies durch veränderte Gesetzgebung möglich würde, noch die Angestellten, wie ich vermute.
die Altersstruktur der Beschäftigten. Die Altersschichtung in dem Beruf ist infolge der deutlichen Vermehrung der Arbeitsplätze in den 70er Jahren etwas jünger als bei den Erwerbstätigen insgesamt. Deshalb nimmt die oben rechnerisch dargelegte Zahl der benötigten Nachwuchskräfte in den Jahren nach 2000 deutlich zu.
die Zahl der Arbeitsplätze, die der öffentliche Dienst in den Bibliotheken bereitstellt. Dies hängt vor allem von der Finanzkraft der öffentlichen Haushalte ab. Hier ist mit einem weiteren Rückgang zu rechnen.
Andererseits finden Absolventen der Fachrichtung Diplom-Bibliothekar an öffentlichen Bibliotheken in leicht zunehmendem Maß Beschäftigungen bei anderen Stellen als bei öffentlichen Bibliotheken, beispielsweise bei Rundfunk-, Presse- oder Fernseharchiven, in Spezialbibliotheken der Firmen, in Informationsvermittlungsstellen u.va.m. Von den Absolventen/innen des Berliner Instituts für Bibliothekswissenschaft im Diplom-Studiengang haben nur außerordentlich wenige Stellen in öffentlichen Bibliotheken gefunden, weit mehr in wissenschaftlichen Bibliotheken.
Die letzte bundesweite Verbleibstudie stammt aus dem Jahr 1993. Sie fand ohne Beteiligung des Berliner Instituts statt. Sie fragte, wo und wie ein halbes Jahr nach der Diplom-Prüfung die ÖB-Absolventen des Jahres 1992 beschäftigt waren. Das Ergebnis sieht folgendermaßen aus:
Lesebeispiel:
Von 100 Absolventen der Studienrichtung Diplom-Bibliothekar an öffentlichen Bibliotheken des Diplom-Jahrgangs 1992 waren ein halbes Jahr nach der Prüfung 76 berufstätig, davon 58 in Bibliotheken, von diesen Beschäftigten waren 32 in öffentlichen Bibliotheken angestellt, und von diesen 32 hatten 16 eine unbefristete Stelle.
Im Vergleich zu anderen Studienrichtungen ist das ein ausgezeichnetes Ergebnis. Beispielsweise kommen auf eine freie Stelle für Maschinenbauer zehn Bewerber/innen mit einem frischen Diplom in der Tasche Die Verbleibstudie 1995 ist noch nicht vollständig ausgewertet; in Berlin war der Rücklauf der Fragebögen außerordentlich dürftig; die wenigen Zahlen, die wir haben, sehen folgendermaßen aus.
Danach sind die Öbler erfolgreicher als die Wbler, wenn es darum geht, überhaupt einen Job zu kriegen.
Daß die Berliner Absolventen/innen sich schwerer tun, liegt an ihrer mangelnden Mobilität. Wer in Bonn oder in Stuttgart das Diplom ablegt, weiß nicht nur, daß er als Absolvent auf Fachhochschul-Niveau auf einen bundesweiten, ansatzweise bereits europaweiten Arbeitsmarkt tritt, sondern diese tun es auch. Die Berliner Absolventen sind lieber in Berlin arbeitslos oderjobben in Kneipen oder nehmen ein nicht minder brotloses Zweit-, Dritt- oder Viertstudium auf, als daß sie sich auf Stellen in Vechta, Deggendorf oder Neudietendorf bewerben, wo immer das liegt. So attraktiv ist die deutsche Hauptstadt!
Die Orientierung der bibliothekarischen Ausbildung in Berlin allein oder auch nur vor allem auf den Nachwuchsbedarf in Berlin wäre verheerend. Das bibliothekarische Studium in Berlin muß sich auf Deutschland und Europa, nicht nur auf die Berliner Provinz orientieren.
Gleichwohl wäre unter arbeitsmarktpolitischen Gesichtspunkten die Einstellung der Diplom-Studiengänge in Berlin, wie die Humboldt-Universität sie im vorigen Jahr beschlossen hat, nur zu begrüßen. Die Berliner Bibliotheken, die öffentlichen wie die wissenschaftlichen, könnten ihren Bedarf leicht auf dem bundesweiten Arbeitsmarkt decken. Aber unter arbeitsmarktpolitischen Gesichtspunkten sollte man auch die Studiengänge evangelische Theologie (im Unterschied zu katholischer Theologie), Ethnologie, Vergleichende Literaturwissenschaft, Geologie, Maschinenbau, Jura, Medizin usw. einstellen, jedenfalls an fast allen Universitäten. Eine FH-Ausbildung oder ein Universitätsstudium rechtfertigt sich nicht durch den Arbeitsmarkt. Bisher haben sich alle Arbeitsmarktprognosen binnen einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren, also binnen dem Abstand zwischen Studienbeginn und -ende als falsch erwiesen, übrigens auch in der DDR und den anderen Planwirtschaftsstaaten. Nach verschiedenen Schätzungen waren 15 bis 30 % der Arbeitskräfte in der DDR für einen anderen als den ausgeübten Beruf qualifiziert, insbesondere zu hoch qualifiziert für die ausgeübte Berufstätigkeit.
Aus den oben genannten Zahlen wie aus Zahlen überhaupt kann man keine realistischen Schlüsse ziehen über den Bedarf an Nachwuchskräften. Vielmehr kommt es darauf an, das Studium so zu verändern, daß der einseitige Bezug zur Institution Bibliothek gegenüber dem Bezug zu Informationslogistik und Medienverbreitung in Wirtschaft und Gesellschaft in den Hintergrund
Konrad Umlauf