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Lecture held at the Fachhochschule für Bibliothekswesen in Cologne in 1990

Informationsmanagement und die Schlamperei in der Wissenschaft.

Walther Umstätter

In den USA beschäftigte sich 1981 ein Ausschuß mit dem Thema "Betrug in der biomedizinischen Forschung". Zu dieser Zeit wurden wiederholte Versuche unternommen um Betrügereien aufzudecken und sie wurden mehrfach diskutiert. Fölsing schrieb ein Buch mit dem Thema "Der Mogelfaktor. Wissenschaftler und die Wahrheit" (1984), das man inzwischen nur noch in der Bibliothek bekommt, und damit wurde es entsprechend den Megatrends auch um dieses Thema wieder ruhiger. Viele der bei Fölsing erwähnten Fälle sind bekannt, aber vielen ist sicher auch zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt worden, denn sie sind nicht nur die vielbeschworene Spitze eines Eisbergs, sie sind vielmehr symptomatisch für ein fehlendes Knowledge Management.

In Wirklichkeit ging und geht es gar nicht so sehr um den echten Betrug in der Wissenschaft. Es geht vielmehr um das fehlende Management und um Schlampereien, und es geht um eine Problematik, die die Wissenschaft zu ersticken droht, weil sie uns Tagtäglich umgibt. Da ist einerseits der permanent wiederholte Unsinn in der Fachliteratur und noch mehr in den Massenmedien, in denen Information, Nachricht, Signal oder Wissen in einen Topf geworfen werden, als ob man noch nie etwas von Informationstheorie gehört hätte, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen. Daneben gibt es natürlich auch die Fachleute auf diesen Gebieten, die zwar die Theorie kennen, oder zumindest kennen sollten, sie aber nicht verstanden haben. So heißt es beispielsweise in einer Dissertation von 1987 (der Autor sei hier diskret verschwiegen) auf S.206 definitorisch: "Fachinformation ist Fachwissen, das der Mitarbeiter benötigt,...". Wenn der selbe Autor in der Schlußbemerkung schreibt :"Fachinformation stellt eine Dienstleistung dar, d.h. sie kann als Ware begriffen werden, die den Marktgesetzen unterliegt und die man bezahlen muß, um mit ihr Geld zu verdienen.", so wiederholt er zwar das was viele vor ihm variantenreich gesagt und geschrieben haben, es bleibt aber unwissenschaftlich im Sinne eines Nichtwissens. Denn erstens ist es nicht sinnvoll Waren und Dienstleistungen gleichzusetzen und zweitens kann man Information nicht unüberlegt mit gewöhnlichen Ware wie Tomaten oder Radios gleichsetzen. Information im eigentlichen Sinne ist monopolistisch. Sie gehört dem Urheber, auch wenn ihre vervielfältigten Informationsträger ihre redundante Verbreitung ermöglichen. Information mit der Dienstleistung zu verwechseln, die notwendig ist um sie aufzufinden, ist hochgradig unwissenschaftlich. Es ist so ähnlich als würde man in der Physikprüfung auf die Frage: "Was ist Beschleunigung?" die Antwort geben: "Die Beschleunigung ist eine Kraft" anstatt korrektermaßen die Beschleunigung als das Verhältnis von Kraft zu Masse anzusehen.

Es lohnt sich ohnehin über die Analogie von Information, Beschleunigung und enzymatischer Reaktion nachzudenken. Auch die früh aufgezeigte Analogie des Öltropfens, der zur Beseitigung von Reibung führt und damit Kräfte freisetzt, zur Katalyse, gehört hierher.

Wenn sich dagegen Vorstellungen breit machen, wie die, daß "Information Wissen in Aktion" sei, dürfte es immer schwieriger sein noch eine gemeinsame Sprache zu finden. Es gibt nur einen wissenschaftlich begründeten Begriff der Information, den der Informationstheorie. Alle anderen leichtfertig gebrauchten Verwendungen dieses Begriffs sind nicht nur unwissenschaftlich, sie sind auch irreführend, da sie meist nur eine Verwechslung mit Begriffen wie Nachricht, Noise, Redundanz, Denken, Wissen, etc. sind. Information ist bekanntlich der Teil einer Nachricht, der neu, d.h. informativ (ausreichend redundanzfrei) und vom Empfänger interpretierbar (also ausreichend rauschfrei) ist. Im Denken prüfen wir diese Information auf ihren Informationsgehalt und darauf, wieweit sie uns in unser Gedankengebäude hineinpaßt. Führt sie zu der Erkenntnis, daß ihr Informationsgehalt bereits vorhandene Informationen kausal erklärt oder sie sich aus diesen Informationen bestätigt, so sprechen wir von Wissen im eigentlichen Sinne.

Wissen ist also kausal abgeleitete Information. So bedeutet Wissenschaft nach Max Planck (1948) die Frage nach dem Warum zu stellen. Er schreibt: "Ein Ereignis ist dann kausal bedingt, wenn es mit Sicherheit vorausgesagt werden kann." und weiter: "In keinem einzigen Falle ist es möglich, ein physikalisches Ereignis genau vorauszusagen." das ist das unausweichliche Dilemma, das sich wie folgt löst. "In dem Weltbild der Quantenphysik herrscht der Determinismus ebenso streng wie in dem der klassischen Physik, nur sind die benutzten Symbole andere, und es wird mit anderen Rechenvorschriften operiert."

Es gibt hinsichtlich der Kausalität so abenteuerliche Hypothesen, wie Rupert Sheldrakes "Morphische Resonanz", die eigentlich jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt. Hier wird aus der Tatsache, daß Kausalität ein nicht unproblematischer Begriff ist, der Schluß gezogen, daß man sich eigentlich gar nicht mehr darum zu kümmern brauchte, wie die Ereignisse voneinander abhängig sind. Das ist Unwissenschaftlichkeit par excellence. Mit dem Hinweis, daß die Wissenschaftstheorie nur die Kriterien Verständlichkeit, Beweisbarkeit und Falsifizierbarkeit erfordere, wird versucht, eine neue Pseudowissenschaftlichkeit zu kreieren. Gerade im Umfeld der Evolutionstheorie, auf die natürlich auch Sheldrake näher eingeht, ist es erstaunlich, mit wie viel abwegigen "Theorien" man sich beschäftigen muß.

Unter Wissen verstehen wir seit langem das Erkennen einer Wahrheit aus ihren Gründen. Während Information absichtlich falsch, fehlinterpretiert, unbegründet oder unlogisch sein kann, wird Information als Wissen erst im Kontext denkerischer Tätigkeit abgeprüft. So unterscheiden wir auch Wissensbanken von Informationsbanken obwohl dort aus pragmatischen Gründen meist nur eine Verknüpfung von Information erfolgt aber keine kausale Verkettung.

Der von Thomas S. Kuhn festgestellte Paradigmenwechsel in der Wissenschaft war eine typische Erscheinung des letzten Jahrhunderts. Es ist höchst fraglich, ob diese Vorstellung in unserer Zeit noch unverändert gilt. Natürlich gibt es auch heute noch Autoritäten mit veralteten Paradigmen. Aber wir beobachten eine zunehmende Demokratisierung der Wissenschaft, in der zunehmend echte Wissenschaft im Chaos der Meinungen verschwindet. In dem jeder größere Interessenverband, so manche politische Partei und natürlich auch die Konzerne die Wissenschaftler bezahlen, die die passenden Ergebnisse zutage fördern. Diese Art von pluralistisch demokratischer Wissenschaft ruiniert zunehmend das Ansehen echter Wissenschaft. So gibt es genügend Stimmen, die meinen es gäbe gar keine wertfreie objektiv nachprüfbare Wissenschaft mehr.

Echte Wissenschaft ist zunächst die Erkenntnis des sokratischen Anakoluts des "Ich weiß, daß ich nichts weiß." Sie produziert erfahrungsgemäß kein absolutes Wissen. Sie ist lediglich der Weg auf dem wir zur Einsicht schreiten. Auch hier vermitteln uns unzählige pseudowissenschaftliche Beiträge in Literatur, Rundfunk und Fernsehen fast täglich, was die Wissenschaft neuerdings wieder nachgewiesen hat. Für den Laien ist eine statistisch gesicherten Aussage mit einer Übergangswahrscheinlichkeit von 1% oder 5% keine Aussage. Er erwartet eine klare Position. Und natürlich kann man dem sog. Bürger oder dem in der Entscheidung stehenden Politiker nicht in Kürze oder so nebenher die Gefahr von Tschernobyl erklären. Und selbstverständlich war Tschernobyl für die Bundesrepublik überaus gefährlich, wenn es darum ging von den Russen Hintergrundsinformationen zu bekommen, aber vernachlässigbar gefährlich, wenn es darum ging die Bevölkerung zu beruhigen. Nach den Messungen der physikalischen Sektion der Universität München hatten wir 1955 weit unter 10000 Becquerel pro qm, 1963, nach den oberirdischen Kernwaffenversuchen in den 50er Jahren, 55000 Bq/qm und 1986, nach Tschernobyl, etwa 22000 Bq/qm. Wieweit wir uns aber Radioaktivität als genetische Belastung leisten können und wieweit wir sie als evolutionären Faktor brauchen ist eine sehr viel komplexere Frage.

Wir sehen also, daß die Suche nach Fakten im Chaos der Meinungen, Mißinformationen und Übertreibungen zunehmend zur Suche der Stecknadel im Heuhaufen wird.

Da werden Ergebnisse, die oft schon von der Fragestellung her falsch sind in Zeitschriften publiziert, die nichts anderes sind als das Sprachrohr bestimmter Persönlichkeiten und Gruppen. Und andererseits werden Beiträge abgelehnt, die nobelpreisträchtig sind. Es sei nur an die Entdeckung des Radioimmunoassays erinnert, die zuerst nicht publikationsfähig und später nobelpreisträchtig war. Die Ablehnung erschien später als Faksimile in Science.

Der umgekehrte Fall, der von Sir Cyril Burt, der bis 1963 Lehrstuhlinhaber des Instituts für Psychologie des University College in London war, ist nicht weniger spektakulär. Burt hatte unter mehr als 20 Pseudonymen u.a. "Margaret Howard" und "Joan Conway" im "British Journal of Statistical Psychology", deren Herausgeber er war, publiziert. Mit erfundenen Untersuchungen versuchte er zu untermauern, daß Intelligenz eine ererbte Eigenschaft sei. Dabei ging es um eineiige Zwillinge, die in unterschiedlicher Umgebung aufgewachsen waren. Ergebnis: 80% der Intelligenz sind ererbt. Leon Kamin, Psychologieprofessor in Princeton USA, war es dann, der statistisch Fehler nachwies und den Stein ins rollen brachte.

Statistische Fehler fand Ronald A. Fisher auch in den 20er Jahren, bei Johann Gregor Mendel. Seine Werte hatten eine zu geringe Variationsbreite, was nichts anderes bedeuten kann, als daß Mendel zunehmend das Fand, was er suchte. Er begann 1856 mit seinen Züchtungsexperimenten an Erbsen, an denen er sieben charakteristische Eigenschaften beobachtete: Wuchshöhe, Samenfarbe, Samenschalenfarbe, Samenform, Form der Hülsen, Farbe der Hülsen und die Blütenverteilung. 1865 erschienen seine "Experimente mit Pflanzenhybriden". im Gegensatz zu Cyril Burt hatte aber Mendel als echter Wissenschaftler Hunderte von Kreuzungsversuchen gemacht, bis er auf seine drei Mendelschen Regeln kam, die das Fundament zur Genetik legten.

Dagegen ist das Beispiel von Burt gerade deswegen besonders interessant, weil es zeigt, wie man in der Wissenschaft eine Methode wie den Intelligenztest zunächst so gestaltet, daß möglichst nur ererbte geistige Leistung gemessen, und jede Art erlernten Wissens ausgegrenzt wird. Danach gehen "Wissenschaftler" an die Arbeit, um mit solchen Tests nachzuweisen, daß diese gemessene Intelligenz nur zu 80% ererbt ist. In Wirklichkeit wiesen sie also lediglich nach, daß ihre Methode einen Fehler von 20% hat. Und dafür erfand Burt Personen, die er gar nicht erst testete. Zu erkennen war dieser Betrug schon deswegen kaum, weil die Fehlerrate größenordnungsmäßig durchaus stimmte und weil die Toleranz der Ergebnisse meist nicht unerheblich ist. Es soll damit gar nicht behauptet werden, daß Intelligenztests genetisch betrachtet uninteressant wären. Nur ihre Aussagen sind nicht selten abwegig - bis hin zu den daraus entstandenen Rassenproblemen.

Die wissenschaftliche Literatur ist voll von Noise, von Fehlern und Widersprüchen. Solche Fehler gehen bis in die Schulbücher hinein. So findet man in unzähligen Lehrbüchern der Botanik das sog. Osmotische Zustandsdiagramm in variantenreicher widersprüchlicher Form. Bei näherer Betrachtung ist es völlig einsichtig, daß eine ständig unter Spannung stehende Zellwand unterhalb ihres Normalzustandes ein anderes Dehnungsverhalten zeigt als oberhalb. Setzt man Gewebe unter erhöhten osmotischen Zelldruck von innen, so folgt ihr Dehnungsverhalten in erster Näherung erwartungsgemäß dem Hook'schen Gesetz. Vergrößert man dagegen den osmotischen Druck von außen, so schrumpfen sie verständlicherweise wie ein überdehntes Band. Der Grund für die äußerst schlampige Behandlung eines doch recht fundamentalen Problems der Physiologie in der Lehre, liegt nicht zuletzt darin, daß die Messungen Pringsheims (1931), auf den die Bestimmung der Zelldehnung zurückgeht, recht ungenau waren. Danach wurde, wie man sieht, die Theorien den Lehrbüchern unterschiedlich tradiert, weil genaue Untersuchungen fehlten.

Jede Frage beinhaltet eine begrenzte Zahl an sinnvollen Antworten. Wenn alle Antworten in einem bestimmten Zusammenhang, in dem die Frage gestellt wird, unsinnig sind, ist die Frage falsch gestellt. Dieser Gefahr unterliegen nicht nur Journalisten oder Wissenschaftsjournalisten, auch die Wissenschaftler selbst arbeiten in unzähligen Fälle an falsch gestellten Fragen. So manche Frage nach der Intelligenz von Mensch oder Tier ist hier nur ein Beispiel von vielen.

Obwohl man allerorts von Informationsmanagement spricht sind unsere Kenntnisse zu diesem Thema heute noch recht mangelhaft. Da wäre zunächst zu unterscheiden zwischen der Erzeugung von Information, die eigentlich durch ein "Wissensmanagement" erfolgen sollte, und dem Verwalten von bereits vorhandener Information, das man als IRM "information ressource management" bezeichnet.

Wissensmanagement findet seine Wurzeln in der Wissenschaftswissenschaft der 60er Jahre, die einen erheblichen Einfluß auf die moderne Dokumentation hatte, weil sie darauf hinwies, daß nur über Dokumentation überflüssige Doppelarbeit verhindert werden kann, und weil sie die rasche Verfügbarkeit vorhandener Information als Basis für weiterführende Erkenntnisse ansah.

Hinsichtlich einer verbesserten curricularen Voraussetzung, einer Optimierung des Einsatzes wissenschaftlicher Kräfte, der besseren Verteilung von Forschungsgeldern, eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen Angewandter- und Grundlagenforschung, etc. lassen sich außer einer angeregten Diskussion nur wenig Fortschritte erkennen.

Im IRM werden ähnlich viele Behauptungen, Hypothesen oder Einschätzungen publiziert, aber relativ wenig Untersuchungen und Analysen darüber, welche Informationen wann, wo, in welcher Form vorhanden sein müssen, um eine optimale Versorgung zu gewährleisten. Kurz: Informationslogistik ist hier das Hauptthema, das wissenschaftlich untersucht werden muß. Was früher als Informationsflut bezeichnet wurde, taucht heute als leichtfertig ge- oder veräußerter Informationsmüll auf - als könnte es so etwas überhaupt geben. Es mag einen Datenmüll geben, aber Information, als das, was der Empfänger als informativ aufnimmt, kann wohl kaum Müll sein.

Wissenschaft lebt von der Terminologie. Nicht von der Spitzfindigkeit und auch nicht von den oft erwähnten Worthülsen, aber von klar definierten Begriffen. Diese Terminologie bedarf einer verbesserten internationalen Kontrolle, bei der sich die Bedeutung der Begriffe nicht aus Tautologien oder aus weltfremden Hypothesen ergeben, sondern aus wohlbegründeten Theorien. Es ist zu vermuten, daß gerade Wissensbanken und Innere Modelle hier Voraussetzungen schaffen können, um in Zukunft zumindest einige der vielen Fehler und Wiedersprüche aus der wissenschaftlichen Diskussion zu eliminieren.

Es ist bereits darauf hingewiesen worden, daß der Mangel an Wissen dazu verführt, ihn mit einem Körnchen Interpretationsfreiheit aufzufüllen. Insbesondere dann, wenn z.B. Geldgeber zu einer solchen Neigungsstruktur verleiten. Es sei nur auf den jahrelangen Hinweis einiger Mediziner verwiesen, die entweder behaupteten, das Rauchen Krebs erzeuge, oder die andere Partei, die dies vehement leugnete, da die hohe Wahrscheinlichkeit dieses Zusammenhangs noch keinen absoluten Beweis darstelle.

Neben dem allgemeinen Fehler schlichter Unkenntnis und den systematischen Fehlern wissenschaftlicher Ergebnisse, die aus den Geldquellen bestimmter Interessengruppen gespeist werden, darf ein dritter, sehr verwandter Fehler, der des Ehrgeizes, nicht unterschätzt werden.

Dazu gehörte sicher der von Charles Babbage erwähnte Chevalier d'Angos, der 1784 die Bahnparameter eines Kometen angegeben hat, den es gar nicht gab. Der deutsche Astronom Johann Franz Encke fand einen systematischen Fehler in den Angaben und so flog die unentdeckte Entdeckung auf. Ebenso erwähnt Babbage den Malteserritter Signor Gioeni der 1788 über eine neue Art von Beschalten Amöben, "Gioenia Sicula" in Neapel berichtete, wohl in der Hoffnung es würde niemand nachprüfen.

Der Physiker Emil Rupp behauptete schon nach 3 Monaten Einsteins Versuchsvorschlag zur Überprüfung der Theorie über die Dualität des Lichtes durchgeführt zu haben. 1935 schrieben seine Münchner Kollegen Walter Gerlach und Eduard Rüchardt in den "Annalen der Physik", daß Rupp's Belege und Fotografien zur Elektronenbeugung gefälscht seien. Rupp entschuldigte sich noch im selben Jahr mit einem psychiatrischen Gutachten in der "Zeitschrift für Physik".

Auch die 1903 entdeckten N-Strahlen von Prof. Rene-Prosper Blondlot in Nancy , die von Metallen ausgestrahlt wurden und an Quarzprismen zu brechen waren, dürften dem ehrgeizigen Blick einiger Forscher entsprungen sein, in Ermanglung wirklicher Entdeckungen. Bis 1904 sollen fast 100 Veröffentlichungen zu diesem Thema entstanden sein, zumeist in den "Comptes rendus". Erst der Engländer Wood Besuchte Blondlot und tauschte Sender und Prismen aus. Am 29.9.1904 erschien eine vernichtende Kritik in "Nature".

Weniger spektakulär war, zur gleichen Zeit, das Ende der Gurwitsch-Strahlen-Theorie, die die simultane Zellteilung in Geweben erklären sollte. Diese Theorie folgte eher der Feststellung Max Plancks, das Theorien im allgemeinen nicht widerlegt werden sondern aussterben. 1977 gab es ein neues Aufleuchten der Gurwitsch-Strahlen, als in Bild der Wissenschaft behauptet wurde, daß man mit Hilfe eines Szintillationszählers wirklich etwas Meßbares gefunden hätte. Die Dissertation, auf der die Veröffentlichung beruhte, läßt allerdings erkennen, daß außer einem leisen Rauschen bzw. dem Pendeln des Zeigers um den Nullpunkt nicht viel zu sehen war.

Die Polywasser-Episode hatte 1962 in Moskau begonnen. Prof. Boris Derjagin holte Fedjakin, der bei vorbehandeltem Wasser in Kapillaren Anomalien entdeckt hatte, nach Moskau. Ellis R. Lippincott und Robert Stromberg von der Univ. Maryland und vom National Bureau of Standards kamen am 27.6.1969 in Science zum Schluß, daß es sich um polymerisiertes Wasser handelt. Drei Jahre wurde publiziert, bis sich die Gegenstimmen durchsetzten. Möglicherweise soll es sich um Verunreinigungen handeln, die bei den großen Kräften der Kondensation entstehen.

Und vielleicht am spektakulärsten erschien der 1974 von Dr. William Summerlin am Sloan-Kettering-Institut in New York unternommene Versuch unter Dr. Robert Good, die Mischung von embryonalen Zellen durchzuführen. Am 24.3.74 präsentierte Summerlin seinem mißtrauisch gewordenen Chef Good weiße Mäuse mit schwarzen Flecken. Wenige Stunden später entdeckte ein Tierpfleger, daß die Flecken von Filzschreibertinte stammten. Schon im Sommer 1973 stellte Summerlin Peter Medawar aus London ein Kaninchen mit transplantierten Hornhäuten vor, dem keine Transplantation anzusehen war.

Da war auch noch Ende 1974 der Fall mit dem "Transfer-Faktor" des Steven Rosenfeld an der Harvard University, für den sich seine Teamchefs David Dressler und Huntington Potter entschuldigten, weil sie eine mangelnde Kontrolle einräumten.

1976 glaubte der australische Professor Charles McCusker in der kosmischen Höhenstrahlung Quarks gefunden zu haben.

1977 flog der Schwindel von Robert Gullis aus England am MPI Martinsried auf, der u.a. gefunden hatte, daß zyklisches GMP durch Morphin gefördert wird. In Nature 265 S.764 24.2.77 wurden diese Ergebnisse widerrufen.

Prof. John Long von der Harvard University hatte über Hodgkinsche Zellkulturen publiziert, obwohl er die einfacher zu kultivierenden HeLa-Zellen benutze.

In besonders prägnanter Erinnerung ist mir auch der Fall des Prof. Hasko Paradies, der nach Vergleich mit seinem Dienstherren, der FU Berlin, 1983 um seine Entlassung bat, wofür der Fall nicht weiter verfolgt wurde. Paradies hatte 1974 den Lehrstuhl am Institut für Pflanzenphysiologie und Zellbiologie der FU Berlin erhalten. Von 1970 - 1980 publizierte er Röntgenstrukturanalysen von Transfer-RNS, die in Wirklichkeit aus Protein bestand. 1982 deckten Biochemiker aus USA und Schweden den Fehler auf. Ich hatte noch das Vergnügen seine Berufung mitzuerleben. Daß meine Stimme im damaligen Direktorium kein Gewicht hatte, war für mich als "Jungakademiker" klar und verständlich. Daß aber hier, wie an vielen Orten, die Verantwortung der Berufenden nicht ernst genug genommen wurde, liegt auf der Hand. Bei Stellenbesetzungen, ebenso wie bei Bewerbungen, gewinnt man wiederholt den Eindruck, daß sich die Auswahlkommissionen über ihre Verantwortung kaum Gedanken machen, da sie im Bewußtsein handeln, daß sie kaum zur Rechenschaft gezogen werden können.

Über die verheerenden Folgen solcher Gleichgültigkeit bin ich mir bei einem Besuch im April 1990 in der DDR klar geworden, wo die Parteizugehörigkeit bekanntlich wichtiger war als die Fachkenntnis. Eine Erscheinung, die man auch in anderen Ländern wohl nicht ganz vernachlässigen darf. Nur in der DDR ging es sogar soweit, daß, so versicherten uns dortige Kollegen, man eine leitende Funktion bekommen konnte, wenn man sich nur bereit erklärte, in die entsprechende Materie einzuarbeiten. Hier ist nicht die Rede von Ministerposten o.ä., bei denen man sich inzwischen daran gewöhnt hat, es ging um Posten bei denen fachliche Qualifikation wichtig ist.

Weniger spektakulär, aber deswegen nicht weniger bedenklich, erschien mir auch die Einstellung eines Assistenten, bei dem es so schön hieß :"Wir wollen ja nicht zählen, aber er hat die meisten Veröffentlichungen unter den Bewerbern." Später kursierte das Gerücht er hätte Unterlagen aus den vorher besuchten Instituten mitgehen lassen. Als ich eines Abends im Labor saß und dieser Assistent mich besuchte, um sich den Inhalt eines mitgebrachten Manuskripts erklären zu lassen (es ging um Osmolalität und Pflanzenzellen), erhielt ich auf meine abschließende Frage, woher der Text stamme, die Antwort, es sei ein Manuskript, daß er gerade abgeschlossen habe und zur Publikation einreichen wolle.

Ebenso kannte ich einen Gastdozenten, der nachts durch die Räume des Instituts ging, um Versuchsobjekte seiner Kolleginnen und Kollegen zu fotografieren. Eine Doktorandin war nicht wenig erstaunt, als sie ein Foto in einer Veröffentlichung ihres Doktorvaters und seiner Assistentin fand, das sie für ihre eigene Dissertation angefertigt hatte.

Es gibt ein schönes Beispiel der Blühinduktion von Torenia asiatica. Hier hatte Hans Winkler 1903 zeigen können, daß man Blätter dieser Pflanze während der Blütezeit abschneiden und auf feuchten Sand legen kann, um direkt aus der Blattoberfläche Blüten treiben zu sehen. Ein "Spezialist" für Gewebekulturen hat diesen Versuch um 1970 auf synthetischem Nährmedium erfolglos wiederholt, indem er den Zeitpunkt der Blühinduktion nicht berücksichtigte. Diese Arbeit publizierte er mit dem äußerst mageren Ergebnis einer normalen Kallusbildung in einem Fachblatt, nur um eine Publikation mehr zu haben. Natürlich kämpfte sich dieser Gewebekultur-Spezialist von einem Zeitvertrag zum anderen, und darin steckte nicht nur Ehrgeiz, sondern auch Existenzangst.

Wettbewerb in der Wissenschaft ist eine fundamental wichtige Voraussetzung für einen ausreichend raschen geistigen Fortschritt. Wenn aber dabei nur noch Ergebnisse produziert werden und keine Überprüfungen stattfinden, verliert die Forschung ihren Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Es ist der eigentliche Sinn von Doktorarbeiten, neue Erkenntnisse zu schöpfen und der Sinn von Diplom- und Magisterarbeiten, diese Erkenntnisse nachzuprüfen.

Robert K. Merton hat 1942 in seinem Aufsatz "Wissenschaft und demokratische Sozialstruktur" auf ein wesentliches Element der Wissenschaft hingewiesen, als er schrieb: "die Tätigkeit der Wissenschaft unterliegt einer derart rigorosen Überwachung wie wohl kein anderer Handlungsbereich." Denn es ist gerade die Scientia, die nur das akzeptiert, was nachgewiesen und überprüfbar ist. Wenn aber Wissenschaftler aus Leistungsdruck heraus, permanent spektakuläre Erkenntnisse zu produzieren versuchen, weil ihre Forschungsaufträge sonst nicht verlängert werden, dann nimmt das Rauschen in der Scientia zu, und der Anteil des Wissens wird immer schwerer Erkennbar. In den 70er Jahren wurde die Forschung auf dem Schleudersitz immer salonfähiger, Politiker, wie Horst Ehmke propagierten sie im Fernsehen und die Folge war, daß der wissenschaftliche Nachwuchs publizierte oder unterging. Das Verhältnis von sechs Assistenzprofessorenstellen auf eine Professorenstelle wurde diskutiert, um modern evolutionistisch gedacht, eine hohe Qualität durch strenge Selektion zu erhalten.

Nur die Kriterien für die Selektion blieben weiter ungewiß. Ein Professor erzählte mir selbst, daß er seinen Ruf nicht nur der Tatsache zu verdanken hatte, genügend viele Publikationen zu haben, er war auch öfter zitiert worden als seine Mitbewerber. Der Fehler war nur, daß in unzureichender Kenntnis des Science Citation Index, aus Versehen eine namensgleiche Person mitgezählt wurde.

Ein anderer Professor berichtete, daß man ihm beantragte Forschungsgelder vorenthielt, weil sein Name nicht oft genug zitiert worden war. Die Tatsache, daß man damals im Science Citation Index zunächst nur den Erstautoren zitiert fand, muß der Auswahlkommission wohl entgangen sein. Gerade Professoren publizieren aber oft mit ihren Doktoranden zusammen, mit denen sie einen Großteil der wissenschaftlichen Leistungen erbringen. Hier stehen sie in den ersten Publikationen meist vorn und später, bei weiterer Qualifikation ihrer Schüler, weiter hinten.

Darin spiegelt sich auch der latente Streit um das Geistige Eigentum. So entsinne ich mich einer spontanen Äußerung eines Professors, der in einem Seminar von seinem Doktoranden über eine erstaunliche Beobachtung erfuhr, die sich allerdings als unzutreffend erwies. Verblüfft waren die Teilnehmer allerdings über seine Feststellung, daß er sich im gegebenen Falle sofort ein Patent besorgt hätte. Wohlgemerkt der Professor, nicht der Doktorand.

In die gleiche Problematik fällt der Fall des Irakers Elias A.K. Alsabti, der seit 1977 an verschiedenen medizinischen Forschungsinstituten in den USA gearbeitet und publiziert hatte. In 3 Jahren 60 Veröffentlichungen, die schon einmal unter anderem Namen erschienen waren sind eine erwähnenswerte Leistung. Er publizierte mit pseudonymen Koautoren in so unbekannten Zeitschriften, daß es zunächst nicht auffiel. Eine Datenbankrecherche brachte dann allerdings die Plagiate ans Licht. Unter anderem hatte Alsabti Artikel, die zur Begutachtung für einen inzwischen verstorbenen Professor gedacht waren, mit seinem Namen und Pseudonymen versehen und an eine japanische Zeitschrift geschickt. Davor hatte Alsabti im Irak einen Krebstest entwickelt, der nach dem Präsidenten Al-Bakr benannt war und sich als nicht besonders Aussagekräftig entpuppte.

Auf noch mehr Publikationen brachte es der Mediziner John Robert Darsee an der Harvard University. Er hat in 2 Jahren 100 Veröffentlichungen herausgebracht.

Besonders gefährdet sind beim geistigen Diebstahl die Herausgeber von Zeitschriften. Helena Wachslicht-Rodbard schickte eine Arbeit über den Effekt von Insulin bei magersüchtigen Frauen an eine Zeitschrift. Diese Arbeit ging an Prof. Philip Felig der Yale University, der sie seinem Assistenzprofessor Vijay Soman zur Ablehnung gab. Stattdessen kam nach kurzer Zeit von diesen Beiden Autoren eine Veröffentlichung zur Begutachtung bei Dr. Jesse Roth an, der sie seiner Mitarbeiterin Rodbard gab, die ihre eigene abgelehnte Arbeit darin wiedererkannte. Nach zwei Jahren Streit fand ein externer Gutachter, daß Soman zur fraglichen Zeit keine magersüchtigen Frauen als Patientinnen hatte.

Daß dieser Fall nicht singulär ist, ist klar. So entsinne ich mich einer Begebenheit, bei der ein Assistent von seinem Doktorvater eine Arbeit mit dem unmißverständlichen Hinweis in die Hand gedrückt bekam, sie zu verreißen. Der Autor war Herausgeber einer Zeitschrift in England, und hatte gerade einen Aufsatz des Doktorvaters abgelehnt. Der Doktorand drückte sich vor dem Verriß mit der Ausrede mangelnder Spezialkenntnisse. Die auf dem Gebiet tätige Spezialistin des Instituts ging noch einen Schritt weiter und gab die Arbeit mit dem Hinweis zurück, es sei nichts daran auszusetzen. Es gehört sicher Mut zu dieser Aussage, wenn man seinen Doktortitel noch nicht hat.

Es kann nicht das Ziel der Wissenschaft sein sich von Interessengruppen reglementieren zu lassen oder sich widersprechende Parteien gegenseitig unterdrücken zu lassen. Vielmehr muß Wissenschaft wieder auf ihren Ursprung zurückgeführt werden. Sie muß ohne jeden Vorbehalt um Objektivität kämpfen und sie muß nachprüfbar sein.

Der Humboldt'sche Gedanke einer unabhängigen Wissenschaft war nicht nur im Kommunismus unverstanden, er ist heute durch die finanzielle Abhängigkeit und die sogenannte Evaluierung allgemein und hochgradig gefährdet.


Last update: 1. March 1997 © by Walther Umstaetter